Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 5

Chapter 53,626 wordsPublic domain

Ja -- werdet ihr sagen, ihr Herren -- wer solte wol gemeint haben, daß sich die alte Schell[4] einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn Gottes zu entrinnen? Aber was wolt darvor sein? Sie muß wol, dann das Gumpen[5] ihrer Jugend hat sich geendigt, ihr Muthwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr beschwertes und geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das verdrossene Alter hat sich bei ihr eingestellt, welches ihre vorige überhäufte Thorheiten länger zu treiben sich schämet und die begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel und Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, daß der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck abzunöthigen, vermittelst dessen sie unumgänglich in ein andere Welt verreisen und von allem ihrem hiesigen Thun und Lassen genaue Rechenschaft geben muß. Darum beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt ihren alten Esel von überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, ob sie vielleicht sich um so viel erleichtern möchte, daß sie Hoffnung schöpfen könte, noch endlich die himmlische Barmherzigkeit zu erlangen.

Ja, ihr liebe Herren, das werdet ihr sagen. Andere aber werden gedenken: Solte sich die Courage wol einbilden dörfen, ihre alte zusammen gerumpelte Haut, die sie in der Jugend mit französischer Grindsalb, folgends mit allerhand italian- und spanischer Schminke und endlich mit egyptischer Läussalben und vielem Gänsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine andere Farbe anzunehmen gezwungen, widerum weiß zu machen? Solte sie wol vermeinen, sie werde die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn austilgen und sie wiederum in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen, wann sie dergestalt ihre Bubenstück und begangene Laster berichtsweis daher erzählet, von ihrem Herzen zu räumen? Solte wol diese alte Vettel jetzt, da sie alle beide Füße bereits im Grab hat, wann sie anders würdig ist, eines Grabs theilhaftig zu werden, diese Alte -- werdet ihr sagen --, die sich ihr Lebtag in allerhand Schand und Lastern umgewälzt und mit mehrern Missethaten als Jahren, mit mehrern Hurenstücken als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit mehrern Todsünden als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen, die, deren[6], so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn kommen, sich unterstehen, sich mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie wol, anjetzo noch zurecht zu kommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen anfähet mehr höllische Pein und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Wollüste genossen und empfunden? Ja, wann diese unnütze abgelebte Last der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht auch in andern allerhand Erzlastern herum gewälzt, ja gar in der Bosheit allertiefsten Abgrund begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wol ein wenig Hoffnung zu fassen die Gnad haben können.

Ja, ihr Herren, das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser meiner Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt. Und wann ich solches erfahre, so werde ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder gar zu Stücken lachen.

Warum das, Courage? Warum wirst du also lachen?

Darum, daß ihr vermeinet, ein altes Weib, die des Lebens so lange Zeit wol gewohnet und die ihr einbildet, die Seele seie ihr gleichsam angewachsen, gedenke an das Sterben, eine solche, wie ihr wisset daß ich bin und mein Lebtag gewesen, gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf, wie mir die Pfaffen zusprechen, der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den Himmel. Ich bekenne unverhohlen, daß ich mich auf solche Hinreis, wie mich die Pfaffen überreden wollen, nicht zu rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben nach verhindert, völlig zu resignirn entschließen können, als worzu ich ein Stück zu wenig, hingegen aber etlicher, vornehmlich aber zweier zu viel habe. Das, so mir manglet, ist die Reu, und was mir manglen solte, ist der Geiz und der Neid. Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie mir gesagt wird, mit Verlust der Seligkeit zusammen geraspelt, so sehr haßte, als ich meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte als mein Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch folgen. Ich weiß die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden Weibsbilds und bestätige mit meinem Exempel, daß alte Hund schwerlich bändig zu machen. Die ~Cholera~[7] hat sich mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kan die Gall nicht herausnehmen, solche, wie der Metzger einen Säu-Magen, umzukehren und auszuputzen. Wie wolte ich dann dem Zorn widerstehen mögen? Wer wil mir die überhäufte ~Phlegmam~[8] evacuirn und mich also von der Trägheit curiren? Wer benimmt mir die melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? Wer wird mich überreden können, die Ducaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung weiß, daß sie aus Nöthen erretten und der einzige Trost meines Alters sein können? Damal, damal, ihr Herrn Geistliche, wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu weisen, den ich euerm Rath nach jetzt erst antreten sol, als ich noch in der Blüt meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich damals die gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der übrigen dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu widerstehen. Darum gehet hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch nicht, wie der Courage, mit andern Bildnissen befleckt, und lehret, ermahnet, bittet, ja beschweret[9] sie, daß sie es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme Courage gethan!

Aber höre, Courage, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren, warum wilst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller Welt deine Laster offenbarn?

Das thue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt nicht an ihm rächen kan; dann nachdem dieser schlimme Vocativus mich im Saurbrunnen geschwängert (scilicet[10]) und hernach durch einen spöttlichen Possen von sich geschafft, gehet er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand vermittelst seiner schönen Lebensbeschreibung vor aller Welt aus. Aber ich wil ihm jetzunder hingegen erzählen, mit was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen gehabt, damit er wisse, wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, daß er von unserer Histori allerdings still geschwiegen hätte; woraus aber die ganze ehrbare Welt abzunehmen, daß gemeiniglich Gaul als Gurr[11], Hurn und Buben eins Gelichters und keins um ein Haar besser als das ander sei.

Gleich und gleich gesellt sich gern, sprach der Teufel zum Kohler; und die Sünden und Sünder werden wiederum gemeiniglich durch Sünden und Sünder abgestraft.

FUSSNOTEN:

[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«.

[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen.

[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen.

[7] =~Cholera~=, Galle.

[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen.

[9] =beschweret=, beschwöret.

Das zweite Capitel.

Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.

Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter; ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren, welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.

Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«

Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!

Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.

»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan euch das ander auch wieder wachsen.«

Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.

Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß: wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein Teutscher Flachs in finden.«

»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«

»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn aus der Küheweid[19] bringe.«

»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne, die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«

Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte, daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten. Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wolte.

Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20] wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte, muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte, daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst nicht mitgebracht.

FUSSNOTEN:

[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben will!

[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch gebräuchlich.

[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen, Prachiner Kreis.

[13] Vgl. die Einleitung.

[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer.

[15] =Dauben=, Einbildungen.

[16] =schmecken=, riechen, merken.

[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.

[18] =Kuder=, Werch, Heede.

[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.

[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags.

Das dritte Capitel.

Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister um den Namen Courage.

Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten. Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon seine Besoldung hat.

Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich, der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war, von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe preißmachen.

Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte, mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten, daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war, und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste, das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet. Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen getraute.

Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben, und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen, unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte, wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus.

Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam, sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum, daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines Mannsmenschen Hände kommen sein.«

Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.

»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer hergebrachten Ehr beschützen.«

Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst gewesen.