Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 6
Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen, daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre, der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen, allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen, unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar ordenlich von mir vernehmen solt.
FUSSNOTEN:
[21] =Rakonitz=, Städtchen in Böhmen, Regierungsbezirk Prag.
[22] =Alphonsus=, Alfons X., König von Leon und Castilien, reg. 1252 bis 1282, genannt der Weise. Er war Gelehrter, Philosoph, Astronom. Von ihm sind die Alfonsinischen Tafeln. Alfons V. von Aragonien, gest. 1458, wie H. Kurz glaubt, ist nicht gemeint.
[23] =Iylau=, Iglau, Mähren, Regierungsbezirk Brünn.
[24] =Trebitz=, =Trebitsch=, =Trzebicza=, Flecken, Fähren, Kreis Iglau.
[25] =mundirte=, montirte, ausrüstete.
[26] =schnellen=, in die Höhe, wieder zu stehen kommen.
[27] =Filz=, Schelte, Strafrede.
[28] =verzwicken=, zweideutig ausdrücken.
[29] =wagen=, Gefahr laufen.
[30] =Zeiger=, =Zieger=, Käse.
Das vierte Capitel.
Courage wird darum eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf wieder zu einer Wittib werden muste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile lediger Weise getrieben hatte.
Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und versahe ihm beides die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs. Ich quälte ihn oft, daß er dermalen eins[31] sein Versprechen halten und mich zur Kirchen führen solte; aber er hatte allzeit eine Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange Bank schieben konte. Niemalen konte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann ich eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben meine Jungfrauschaft wie des Jephthae Tochter[32] beweinte, welchen Verlust ich doch nicht dreier Heller werth schätzte. Ja ich war froh, daß mir solche als ein schwerer unträglicher Last entnommen war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch brachte ich mit meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, daß er mir zu Wien ein toll[33] Kleid machen ließe auf die neue Mode, wie es damalen das adeliche Frauenzimmer in Italia trug, so daß mir nichts anders manglete als die Copulation, und daß man mich einmal Frau Rittmeisterin nennete, wormit er mir eine große Hoffnung machte und mich willig behielte. Ich dorfte aber drum dasselbig Kleid nicht tragen, noch mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor seine Gespons ausgeben. Und was mich zum allermeisten verdrosse, war diß, daß er mich nicht mehr Janco, auch nicht Libuschka, sondern Courage nante. Denselben Namen ähmten andere nach, ohne daß sie dessen Ursprung wusten, sondern vermeinten, mein Herr hieße mich dessentwegen also, weil ich mit einer sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste Feindsgefahren zu gehen pflegte. Und also muste ich schlucken, was schwer zu verdauen war. Darum, o ihr lieben Mägdchen, die ihr noch euer Ehr und Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und lasset euch solche so liederlich nicht hinrauben, dann mit derselbigen gehet zugleich euere Freiheit in Duckas[34] und ihr gerathet in ein solche Marter und Sclaverei, die schwerer zu erdulden ist als der Tod selbsten. Ich habs erfahren und kan wol ein Liedlein darvon singen. Der Verlust meines Kränzleins thät mir zwar nicht wehe, dann ich hab niemal kein Schloß darum zu kaufen begehrt; aber dieses gieng mir zu Herzen, daß ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben muste, wolte ich nicht in Sorgen leben, daß mein Rittmeister aus der Schul schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen möchte. Auch ihr Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei umgehet, sehet euch vor, daß ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit von denen empfahet, die ihr zu billicher Rach beweget, wie man ein Exempel zu Paris hat, allwo ein Cavalier, nachdem er eine Dame betrogen und sich folgends an ein andere verheuraten wolte, wiederum zum Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend zerstümmelt und zum Fenster hinaus auf die offene Straß geworfen wurde. Ich muß von mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung gemacht hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, daß ich ihm einmal unversehens in einer Occasion ein Kugel geschenkt hätte.
Indessen marschierten wir unter des Buquoy Commando in Ungarn und nahmen zum ersten Preßburg ein, allwo wir auch unsere meiste Bagage und beste Sachen hinterlegeten, weil sich mein Rittmeister versahe, wir würden mit dem Bethlen Gabor eine Feldschlacht wagen müssen. Von dannen giengen wir nach S. Georgi[35], Possing, Moder und andere Ort, welche erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden. Tyrnau, Altenburg und fast die ganze Insul[36] nahmen wir ein, und vor Neusoll[37] kriegten wir einige Stöße, allwo nicht allein mein Rittmeister tödtlich verwundet, sondern auch unser General, der Graf Buquoy, selbsten niedergemacht wurde, welcher Tod dann verursachte, daß wir anfiengen zu fliehen, und nicht aufhöreten, biß wir nach Preßburg kamen. Daselbst pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzem Fleiß, aber die Wundärzte prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet war. Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewegt, daß er sich mit Gott versöhnet, dann unser Regimentscaplan war ein solcher eiferiger Seelensorger, daß er ihm keine Ruhe ließ, biß er beichtet und communicirte. Nach solchem wurde er beides durch seinen Beichtvatter und sein eigen Gewissen angespornt und getrieben, daß er mich mit ihme im Bette copuliren ließe, welches nicht seinem Leib, sondern seiner Seelen zum besten angesehen war. Und solches gieng desto ehender, weil ich ihn überredet, daß ich mich von ihm schwanger befände. So verkehrt nun gehets in der Welt her; andere nehmen Weiber, mit ihnen ehelich zu leben; dieser aber ehelichte mich, weil er wuste, daß er solte sterben. Aus diesem Verlauf musten die Leute nun glauben, daß ich ihn nicht als ein getreuer Diener, sondern als seine Matreß bedient und sein Unglück beweinet hatte. Das Kleid kam mir wol zu der Hochzeitceremonien zu Paß, welches er mir hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang tragen, sondern muste ein schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen mich zur Wittib machte. Und damals gieng mirs allerdings wie jenem Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer Befreundten, der ihr das Leid klagte[38], zur Antwort gab: Was einer zum liebsten hat, führt einem der Teufel zum ersten hin.
Ich ließe ihn seinem Stand gemäß prächtig genug begraben, dann er mir nicht allein schöne Pferd, Gewehr und Kleider, sondern auch ein schön Stück Geld hinterlassen, und um alle diese Begebenheit ließe ich mir von dem Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der Hoffnung, dardurch von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen. Ich konte aber auf fleißiges Nachforschen nichts anders erfahren, als daß er zwar gut edel[39] von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, daß er sich elend behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder zugericht hätten. Ich verlore aber zu Preßburg nicht allein diesen meinen Liebsten, sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Bethlen Gabor belägert. Dieweil aber zehen Compagnien Reuter und zwei Regiment zu Fuß aus Mähren durch ein Strategema die Stadt entsetzet, Bethlen an der Eroberung verzweifelt und die Belägerung aufgehoben, habe ich mich mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden, Dienern und ganzer Bagage nach Wien begeben, um von dannen wiederum in Böhmen zu kommen, zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. Ich kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich vor Ehr und Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so viel Pferd und Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und ehrlich gewonnen.
FUSSNOTEN:
[31] =dermalen eins=, dermaleinst.
[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11 in ihrer Weise auf!
[33] =toll=, auffallend.
[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche gehen.
[35] =Georgi=, Szt. György.
[36] =die Insul=, Schütt.
[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der Neitra 1626; vgl. die Einleitung.
[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein Beileid bezeigte.
[39] =gut edel=, von gutem Adel.
Das fünfte Capitel.
Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40] zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant, welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen. Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.
Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den »Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen machte, das ließe sie nicht unterwegen.
Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig, welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt, und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte, daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte, wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador, welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte, ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:
Ein jeder Tag bricht dir was ab Von deiner Schönheit biß ins Grab.
Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können, sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte, seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.
FUSSNOTEN:
[40] =genau=, sparsam.
[41] =Daus-Es=, =Daus-As=, 2 und 1 im Kartenspiel = durchtriebenes Weib.
[42] =Hofbursch=, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.
[43] =sich enthalten=, sich aufhalten.
[44] =aufsetzen=, frisieren und coiffieren.
[45] =Amadis=, vgl. die Einleitung.
[46] =dörfen=, wagen.
[47] =Anwurf=, erster Angriff.
[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso verliebt waren.
[49] =columbinen=, ~colombin~, ~couleur gorge de pigeon~, taubenhalsfarbig
[50] =malzern=, malzen, figürlich Ausbeute machen.
[51] =Reise=, Dienst.
Das sechste Capitel.
Courage kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und freiete einen Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.
Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners zu treiben; aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine Eltern zu erkundigen, triebe mich, auf Bragoditz zu reisen, welches ich als in einem befriedeten[52] Land sicher zu thun getraute. Aber potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort vor mir liegen sahe, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst jederman gethan hatte, vor kaiserisch und gutfreund ansahe, weil sie mit rothen Scharpen oder Feldzeichen mundirt waren. Diese packten mich an und wanderten mit mir und meinem Calesch dem Böhmerwald zu, als wann sie der Teufel selbst gejagt hätte. Ich schrei[53] zwar, als wann ich an einer Folter gehangen wäre, aber sie machten mich bald schweigen. Um Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die einzig vorm Wald lag, allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umzugehen, wie zu geschehen pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war, aber es wurde ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras; dann indem sie ihre viehische Begierden sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreißig Dragonern eine Convoy nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen und, weil sie durch falsche Feldzeichen ihren Herren verläugnet, alle mit einander niedergemacht. Das Meinige hatten die Mansfeldische noch nicht gepartet[54], und demnach ich kaiserlichen Paß hatte und noch nicht 24 Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, daß er mich und das Meinige vor keine rechtmäßige Beuten halten und behalten könte. Er muste es selbst bekennen, aber gleichwol, sagte er, wäre ich ihm um meiner Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, wann er einen solchen Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus Händen zu lassen gedächte; seie ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie mein Paß auswiese, so seie er ein verwittibter Hauptmann; wann mein Will darbei wäre, so würde die Beut bald getheilt sein; wo nicht, so werde er mich gleichwol mitnehmen und hernach erst mit einem jedwedern disputirn, ob die Beute rechtmäßig sei oder nicht. Hiermit ließe er genugsam scheinen, daß er allbereit den Narrn an mir gefressen, und damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vortheil wolte er mir lassen, daß ich erwählen möchte, ob er die Beute unter seine ganze Bursch[55] theilen solte, oder ob ich vermittelst der Ehe samt dem Meinigen allein sein verbleiben wolte, auf welchen Fall er seine bei sich habende Leute schon bereden wolte, daß ich mit dem Meinigen keine rechtmäßige Beute, sonder ihme allein durch die Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die Wahl bei mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie wolten mich in meine Gewahrsam passieren lassen. Und damit fienge ich an zu weinen, als wann mirs gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den alten Reimen:
Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, Aber es geht ihn nicht von Herzen, Sie pflegen sich nur so zu stellen; Sie können weinen, wann sie wöllen.