Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 3
Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.
Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.
In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~, ~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.
Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den =Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit verzichten.
Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.
Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf ist folgender.
Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig Regimenter kostete.
Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644. Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne, die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen, darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug, wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8. December 1645.
Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen (Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den gefallenen General.
In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand »der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647 mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14. September schon gekündigt wurde.
Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen« sind der General der Reiterei Johann de Werth und der Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.
Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre, Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert, darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt, die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.
Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.
Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel, genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.
Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen, dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener, auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.
Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische, französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten, faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den 17. September 1668.
Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner »Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige Handlung sich auswirkt.
Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen Angaben stimmt.
Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem ehrbaren Wandel bekehrt hatte.
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Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig gehalten werden.
In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke (in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister erblicken läßt.