Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 2
Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen; in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe schnellt.
Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten. Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.
In der für die höhern Stände zunächst berechneten Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch, der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die »Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«, die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde, schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen, die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden, die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte, indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.
Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~« mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.
Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.
Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=, und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.
Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen läßt.
Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung »Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige Seligkeit hätte bringen können.
Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.
Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge »fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.
Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's (S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.
Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus Mähren zu danken hatten.
Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.
Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den »Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.
Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die Elbe bis nach Jütland gedrängt.
Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.
Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.
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