Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 1

Chapter 12,871 wordsPublic domain

Deutsche Dichter

des

siebzehnten Jahrhunderts.

=Mit Einleitungen und Anmerkungen.=

Herausgegeben

von

Karl Goedeke und Julius Tittmann.

Zehnter Band.

Grimmelshausen's Simplicianische Schriften.

=Erster Theil.=

Leipzig: F. A. Brockhaus. 1877.

Simplicianische Schriften.

Von

Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen.

Herausgegeben

von

Julius Tittmann.

Erster Theil.

Trutz Simplex. -- Der seltzame Springinsfeld.

Anhang: Der erste Bärnhäuter. -- Gaukel-Tasche.

Leipzig: F. A. Brockhaus. 1877.

Inhalt

Die Simplicianischen Schriften. I. v

Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug der merkwürdigsten Sachen eines jeden Capitels dieser lust- und lehrreichen Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courage. 5 Das erste Capitel. 9 Das zweite Capitel. 12 Das dritte Capitel. 16 Das vierte Capitel. 20 Das fünfte Capitel. 23 Das sechste Capitel. 28 Das siebente Capitel. 32 Das achte Capitel. 35 Das neunte Capitel. 38 Das zehnte Capitel. 42 Das elfte Capitel. 46 Das zwölfte Capitel. 49 Das dreizehnte Capitel. 53 Das vierzehnte Capitel. 57 Das fünfzehnte Capitel. 62 Das sechzehnte Capitel. 67 Das siebzehnte Capitel. 71 Das achtzehnte Capitel. 76 Das neunzehnte Capitel. 81 Das zwanzigste Capitel. 87 Das einundzwanzigste Capitel. 89 Das zweiundzwanzigste Capitel. 93 Das dreiundzwanzigste Capitel. 98 Das vierundzwanzigste Capitel. 102 Das fünfundzwanzigste Capitel. 105 Das sechsundzwanzigste Capitel. 108 Das siebenundzwanzigste Capitel. 112 Das achtundzwanzigste Capitel. 115 Zugab des Autors. 119 Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins. 120 Der seltzame Springinsfeld. 121 Das erste Capitel. 127 Das zweite Capitel. 130 Das dritte Capitel. 135 Das vierte Capitel. 140 Das fünfte Capitel. 144 Das sechste Capitel. 149 Das siebente Capitel. 155 Das achte Capitel. 162 Das neunte Capitel. 166 Das zehnte Capitel. 172 Das elfte Capitel. 175 Das zwölfte Capitel. 181 Das dreizehnte Capitel. 186 Das vierzehnte Capitel. 191 Das fünfzehnte Capitel. 195 Das sechzehnte Capitel. 198 Das siebzehnte Capitel. 203 Das achtzehnte Capitel. 206 Das neunzehnte Capitel. 210 Das zwanzigste Capitel. 213 Das einundzwanzigste Capitel. 216 Das zweiundzwanzigste Capitel. 219 Das dreiundzwanzigste Capitel. 223 Das vierundzwanzigste Capitel. 227 Das fünfundzwanzigste Capitel. 231 Das sechsundzwanzigste Capitel. 234 Das siebenundzwanzigste Capitel. 240 Anhang. 243 Des ersten Bärnhäuters Bildnus. 246 Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter. 247 Der Autor an den Käufer und sonst jedermann. 256 An die Umstehenden. 257 Die Geizigen und... 260 ...Mauschals betreffend. 261 Die Possenreißer und... 262 ...Schalksnarren betreffend. 263 Die Soldaten und... 264 ...Kriegsgurgeln betreffend. 265 Die Weinschläuch und... 266 ...Bierbrüder betreffend. 267 Die Courtisanen und... 268 ...Jungfernknechte betreffend. 269 Die Gaukler, Spitzbuben... 270 ...und Spieler betreffend. 271 Des Autoris poetische Erinnerung an den Leser. 272

Die Simplicianischen Schriften.

I.

Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.

Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen möchten.

Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen »Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke unmittelbar an.

Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.

Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, =die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.

Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.

Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in nachstehender Weise vermittelt.

Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~ als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer Thaten.

Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen, die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof. Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der Liebe für immer verleidete.

Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen Lebens daran zu knüpfen.

Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige, ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder, deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte, wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist. Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die »Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin abstamme.

Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des »Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte, und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.

Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, »Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden. Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.

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Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will.