Sigismund Forster

Part 9

Chapter 93,660 wordsPublic domain

„Und das sagst Du mir nicht!“ rief Friedrich; „aber nun erzähle! wie sieht sie aus, wie geht’s ihr, wie lebt sie? hat sie wirklich einen alten kränklichen Mann? Tosca Beiron mußt Du wissen, Gustchen -- wandte er sich an seine Frau -- war in Bonn meine Göttin, und Sigismunds erste Liebe, Fräulein Agathe“ -- sagte er zu dieser.

„Ich kann mir keine Person vorstellen,“ entgegnete Auguste, „die auf Euch Beide einen gleich tiefen Eindruck machen könnte.“

„Das war er auch mit nichten!“ sagte Friedrich; „ich behielt immer den Kopf oben; aber Sigismund war weg -- rein weg. Sigismund bei einundzwanzig Jahren, als Student zu Bonn, Fräulein Agathe, war nicht der ernsthafte Regierungsrath zu Magdeburg, der Ihnen jetzt zur Seite sitzt, und ich war damals auch ein ganz Andrer.“

„Ich glaube gar, Du seufzest,“ rief Auguste. „Wenn ich mit Dir zufrieden bin, so wie Du jetzt bist, so seh’ ich nicht ein, was Du zu seufzen hast.“

„Es ist eine ganz schlechte Gewohnheit,“ sagte Sigismund, „bei der Erinnerung an die Jugendzeit zu seufzen. Wir sollten lieber lachen, daß wir ihre Freuden gehabt haben, und daß ihre Thorheiten hinter uns liegen.“

„Aber Sigismund -- wer ist Tosca Beiron?“ fragte Agathe.

„Erlauben Sie mir Ihre Frage zu beantworten!“ nahm Friedrich schnell und neckend das Wort; „den armen Sigismund dürfte es verlegen machen.“

„O!“ rief Sigismund, „es wäre übel mit mir bestellt, wenn ich um jedes Frauenzimmer verlegen werden sollte, das mir gefallen hat.“

„Gefallen hat!“ rief Friedrich lachend; „das nennt er gefallen hat! Fräulein Agathe, die Zeiten sind längst vorüber, und ein Student hat ein andres Herz als ein Mann, aber glauben Sie mir: Ihr Sigismund war dermaßen ernsthaft verliebt in Tosca Beiron, wie zu seiner Zeit von den sechshundert Studenten zu Bonn nicht ein einziger verliebt war.“

„Das gefällt mir von meinem Bruder!“ sagte Auguste.

„Würd’ es Dir auch von Deinem Mann gefallen?“ fragte Friedrich.

„Gewiß!“ entgegnete sie, „lieber tüchtig, als matt verliebt sein.“

„Gustel! so spricht eine alte Ehefrau aus der temperirten Zone des ehelichen Lebens heraus,“ sagte ihr Mann. „Eine Braut wird immer wünschen, daß ihr Herzliebster wo möglich gar nicht -- oder doch nur so matt wie möglich verliebt gewesen sei, bis er ihr gegenüber in Flammen steht. Gelt, Fräulein Agathe?“

„O Himmel, Sigismund! wer ist Tosca Beiron?“ sagte Agathe und faltete bittend ihre Hände gegen ihn zusammen. Es war ihr unmöglich auf Friedrichs Scherze einzugehen. Sie konnte das sonst, zuweilen, wenn sie grade recht fröhlicher Laune war. Die gehört dazu, um solchen Neckereien zu begegnen, welche manche Menschen die Gewohnheit haben gegen ein Brautpaar, und vorzugsweise gegen die Braut zu richten. Eine gräßliche Gewohnheit! ganz genügend, wenn man glücklich ist, einem die neckenden Leute -- und wenn mans nicht ist, einem den Bräutigam unerträglich zu machen.

„Sie ist die Frau des General Beiron,“ antwortete Sigismund, „lebt diesen Winter in Berlin, und ich habe unsre durch zwölf Jahre unterbrochene Bekanntschaft wieder angeknüpft, weil wir in demselben Hause wohnen, und weil ich ihr -- oder eigentlich ihrem Mann -- eine kleine Gefälligkeit erzeigen durfte.“ -- Er erzählte darauf den Wechsel seiner Wohnung, und Agathe hörte ihm mit gespannter Theilnahme zu.

„Und ist sie denn noch schön?“ fragte Auguste.

„O wunderschön!“ entgegnete Sigismund; „es ist vielleicht zu viel Licht in dem Antlitz; die Augen, die Farben, die Zähne, die Lippen, das Haar -- Alles ist Glanz, nirgends Schatten! aber es ist der Glanz des Diamants. Und so ist auch ihr Wesen, ihr Blick, ihr Lächeln, ihre Stimme -- nichts Dunkles in der ganzen Erscheinung.“

„So war sie schon damals!“ rief Friedrich; „ganz genau so! mirakulös, daß sie sich so gut conservirt hat! die Blondinen verblühen meistens mit fünfundzwanzig Jahren, und sie muß wol dreißig sein.“

„Ah, sie ist schon dreißig Jahr alt?“ rief Agathe mit einem freudigen Seufzer.

„Ich schmeichle mir,“ sagte Auguste, „daß ich mit meinen dreißig Jahren nicht blos gut conservirt aussehe, was beiläufig eine ganz unerträgliche Redeweise ist, lieber Friedrich, sondern sehr bezaubernd.“

„Es ist eine alte Erfahrung,“ sprach Sigismund lächelnd, „daß die Bezauberung völlig unabhängig von Jugend und Schönheit sein kann. Cleopatra war eine kleine magre schwarze Frau; Prinzessin Eboli hatte nur ein Auge; Diane de Poitiers hätte bequem die Mutter ihres königlichen Geliebten sein können. Die Bezauberung fängt eben da an, wo die gewöhnlichen Mittel um zu gefallen aufhören.“

„Das ist recht trostreich für uns!“ rief Auguste.

„Ach nein!“ sagte Agathe; -- „man müßte denn das Bewußtsein eines Zaubermittels in sich tragen.“

„Ich weiß etwas,“ sagte Friedrich, „worauf solch’ ein Zauber sich wesentlich stützt. Aber Ihr werdet mich Alle dermaßen anschreien, daß ich es Euch nicht zum Besten gebe.“

„O ich errathe schon, was das ist!“ entgegnete Auguste; „Geist, Güte, Grazie -- dies Kleeblatt, welches Ihr uns immer in vollen Sträußen anwünschet, und an welchem Ihr doch häufig so gleichgültig vorüberstreift.“

„Sehr natürlich!“ erwiderte Friedrich neckend. „Geist? -- unbequem! Güte? -- langweilig! Grazie? -- überflüssig! am Heerd und in der Kinderstube total überflüssig! -- Nein, Gustel, das war schlecht gerathen! denk Dir was Andres aus!“

„Ich verstehe gar nicht zu rathen,“ sprach Agathe bittend; „sein Sie gut! sagen Sie mir das Mittel.“

„Gut denn! ich werd’ es sagen! Paßt auf und glaubt mir,“ sprach Friedrich. „Die Gesundheit ist’s.“

„Das nenn’ ich wie ein Arzt gesprochen!“ rief Auguste.

„Wie ein Menschenkenner, liebes Kind,“ entgegnete ihr Mann gelassen, „was freilich synonym mit Arzt ist. Ich sage Euch: ohne Gesundheit, ohne die Frische, die Kräftigkeit, die Unverwüstlichkeit der leiblichen Organisation ist gar keine Verzauberung möglich. Ja, die schöne Eboli hatte nur ein Auge! ja, die schöne Diana war vierzig Jahr alt! und geweint, und gesorgt, und sich gegrämt haben Beide gewiß in reichlichem Maß -- denn umsonst ist Niemand bezaubernd! das merkt Euch, und man muß dafür zahlen mit Schmerzen und Thränen! -- aber was schadet das? die schönste Gabe des Himmels, eine unzerstörbare Gesundheit, machte, daß sie durch Sorgen, Unruh und Aengste nicht häßlich wurden. Eine Frau kann ein halbes Jahr in Thränen zerschmelzen, und es wird ihrer Schönheit bei Weitem weniger Eintrag thun, als wenn sie drei Tage den Magenkrampf hat. Gesund muß sie sein! in einem welken und gebrechlichen Körper ist der Seele schlecht zu Muth, hat sie nicht ihre Fähigkeiten, ihre Gaben rund und klar und frisch beisammen! weder die leiblichen noch die geistigen Grazien können hervortreten. Der Geist ist ohne Spannkraft, ohne Energie; in lahmen, mürrischen oder sentimentalen Launen schleicht er dahin -- matt wie der Puls, der das Blut nur nothdürftig durch die Adern treibt, so daß das Auge nicht stralen, die Wange nicht glühen kann. Wenn ich von einer ungewöhnlich schönen und liebenswürdigen Frau höre, so schreib’ ich flugs sieben Achtel ihrer Herrlichkeit ihrer guten Gesundheit zu, und freue mich einen Beruf gewählt zu haben, der dies Fundament aller Vortrefflichkeit im Menschengeschlecht herzustellen oder zu begründen strebt. Gewiß hat Tosca Beiron eine wundervolle Gesundheit.“

Sigismund lachte hell auf, klopfte seinen Schwager auf die Achsel und sagte zu seiner Schwester:

„Straf’ ihn Lügen, liebe Auguste, weil er vorhin gesagt hat: ein Mann hat ein andres Herz als ein Student. Glaube Du mir: er hat noch ganz dasselbe wie vor zwölf Jahren! da fing er auch seine Reden mit Galenus, Boerhaave und Paracelsus an, und endete sie unfehlbar mit Tosca Beiron.“

„Ich mögte sie wol sehen,“ sprach Agathe.

„Uns würde sie nicht verzaubern, liebe Agathe,“ rief Auguste. „Frauen, die allen Männern gefallen, gefallen uns nicht.“

„Sehr natürlich!“ sprach Friedrich; „Ihr beneidet sie.“

„Neid? weil sie Euch gefallen?“ sagte Auguste spöttisch. „Ach nein! das gelingt Jeder, die es darauf anlegt; und eben diese Koketterie ist’s, welche uns Andere abstößt.“

„Euch Andere, die Ihr nicht kokett seid; nicht wahr, Gustel, das willst Du sagen?“ sprach Friedrich. „Liebes Kind, wenn Dirs nur einer glaubte! Koketterie ist Euer Fach, Eure Bestimmung, Eure Neigung, Eure Glorie. Ihr sollt und wollt gefallen -- dazu seid Ihr von der Natur bestimmt. Eine Frau, die keinem Mann gefällt, ist ein unglückseliges Geschöpf, eine mißrathene Creatur, ein Monstrum“ .... --

„Welche Uebertreibung!“ unterbrach Auguste ihn verdrießlich. „Was Du eine mißrathene Creatur nennst, ist oft ein liebes bescheidenes Wesen, das sich nicht vordrängt, nicht breit macht, nicht ihre kleinen Vortrefflichkeiten herausstellt, dafür von Euch übersehen, aber von uns mit den allerfreundlichsten Augen angesehen wird.“

„Das glaub’ ich gern!“ rief Sigismund lachend.

„Und was hat das liebe bescheidene Wesen davon, daß Ihr sie freundlich anseht?“ fragte Friedrich.

„Du bist allzu impertinent, Friedrich!“ sagte Auguste geärgert.

„Ich würde mich und jeden Mann heftig bedauern,“ sagte Sigismund, „der nur seinem Geschlecht gefiele. Das läßt eine überwiegend plumpe, bärenhafte, brutale Natur voraussetzen, die Euch durch und durch zuwider ist; aber es schließt freilich nicht gewisse Verdienste und eine gewisse Tüchtigkeit aus, die wir zu schätzen wissen. Wenn ich von Jemand sagen höre: Er ist ein prächtiger Junge! oder auch: Er ist ein guter Kerl! -- so weiß ich schon, daß ihm die Bärentatzen zu schaffen machen, wenn er auch zwölf Paar gelbe Handschuh über einander zöge, und daß er den Frauen ein Greuel sein wird. Nun sag mir, liebe Auguste, was hat der arme Teufel davon, daß ein Paar von uns sagen: Er ist aber doch ein guter Kerl! -- Ihr müßt ein lobendes und beifälliges Wort über uns sagen; das erquickt, das erfreut, das giebt Sicherheit, Feinheit, Takt, endlich gar -- Glück! -- Und das sollte bei Euch anders sein?“

„Lieber Sigismund,“ erwiderte Auguste, „gefallen wollen und kokettiren hat mit dem Glück nichts zu schaffen.“

„Wer weiß!“ entgegnete er; „man muß der Koketterie nur keine böswillige Bedeutung beilegen, ihr keine heuchlerische Absicht unterschieben; was ist sie dann anders, als eine graziöse Geschicklichkeit, liebliche und einnehmende Gaben herauszustellen, und das am rechten Ort thun -- kann tiefes Glück begründen.“

„Aber welch’ ein Studium, welche Absichtlichkeit und Berechnung läßt das voraussetzen!“ rief sie.

„Nichts von dem Allen!“ sagte Sigismund; „dafür habt Ihr Euern wundervoll feinen Instinkt! Nämlich die Begabten unter Euch haben ihn! die gemeinen und schwerfälligen Naturen machen aus dem reizenden Scherz der Koketterie eine plumpe abstoßende Berechnung, die oberflächlichen ein ödes gedankenloses Spiel, die eiteln ein leichtsinniges“ ... --

„Und was sollen wir denn eigentlich daraus machen, Sigismund?“ fragte Agathe ganz ernstlich.

„Bravo, Agathe!“ rief Auguste schadenfroh.

„Eure schöne, liebenswürdige Natur sollt Ihr zeigen,“ entgegnete Sigismund; „sollt nicht prüde thun, wie vorhin mein Schwesterchen gegen die Frauen, welche uns gefallen; sollt nicht die prächtigen unter Euch beneiden, und die alltäglichen herausstreichen, was beiläufig gesagt, ein ganz abgebrauchtes Mittel ist; kurz, lieblich sollt Ihr sein.“

„O,“ rief Auguste, „wie kannst Du das ~Sein~ Koketterie nennen!“

„Nicht das Sein -- das Zeigen!“ sagte Sigismund.

„Ich nenne nur das Scheinen so,“ entgegnete sie.

„Es ist umsonst, Sigismund!“ sprach Friedrich; „gegen manche Dinge, Worte, Personen, haben die Frauen Vorurtheile, und es ist leichter, eine Welt von Männern zu bekehren, als das Vorurtheil einer einzigen Frau zu besiegen. Auguste hat sich nun einmal entschlossen, der Koketterie ihren Platz im tiefsten Höllenpfuhl anzuweisen. Da könnte unser Herrgott sie des Paradieses würdig erachten; Auguste würde sprechen: Unser Herrgott thut sehr übel daran. Und das geschieht, um mir einen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu geben, ihrer himmelklaren Gesinnung, welche jede Schminke verachtet, jeden Um- und Nebenweg verschmäht, jede Huldigung abweist. Und das soll ich glauben! O Ihr Frauen! wenn’s Euch möglich wäre, aufrichtig zu sein, so wärt Ihr göttlich“ .... --

„Und folglich viel zu gut für Euch!“ unterbrach ihn Auguste. „Ihr könnt so wenig unsre Aufrichtigkeit vertragen, daß wir sehr gescheut daran thun, Euch nicht zu tief in unsre Gefühle, sogar für Euch selbst, einzuweihen. Das macht Euch auf der Stelle gleichgültig. Eigenliebig, wie Ihr nun einmal im erschreckendsten Grade seid, denkt Ihr alsbald: ‚So hoch liebt sie mich nur? so tief liebt sie mich nur? Aber da sind ja Schranken und Grenzen! Nein, ich muß ganz anders geliebt werden! Wollen es mal mit einer Andern versuchen.’ Was Euch fesseln sollte, stößt Euch ab, Euch verkehrte Leute! und wenn wir Takt genug haben, unsre Seele vor Euch zu verschleiern, um Euch Euer Glück zu bewahren, so klagt Ihr, wir wären nicht göttlich genug für Euch. Das ist zum Todtlachen!“

„Ach! zum Todtweinen eher!“ rief Agathe.

„Nun grämt sich dies arme unschuldige Kind,“ sagte Auguste lachend. „Tröste sie doch, Sigismund. Sag’ ihr doch, das, was ich gesagt habe, sei nicht wahr. Sie wartet ja nur auf ein halbes Wort von Dir, um auf dessen Wahrheit zu schwören, und um meine Wahrheiten Blasphemie zu nennen.“

„Es ist doch etwas Traurig-Wahres in ihnen!“ entgegnete Sigismund; „es paßt auf die allgemeinen Fälle, aber Jeder behauptet, für seinen besondern Fall sei eine Ausnahme zu machen.“

„Und glaubst Du nicht an solche Ausnahme, Sigismund?“ fragte Agathe dringend.

„Ich hoffe auf sie, liebe Agathe,“ sprach er freundlich.

„Ich wüßte aber doch gern noch mehr von Tosca Beiron,“ hub Friedrich wieder an; „erzähle mir von ihr, von ihrem Mann, ihren Verhältnissen“ ... --

„Ach!“ rief Auguste, „Du wirst langweilig! wie kannst Du Dich so lebhaft für eine Frau interessiren, die Du in zwölf Jahren nicht gesehen hast?“

„Ich dächte, Gustel, das müßte Dir angenehmer sein, als wenn ich sie in zwölf Tagen nicht gesehen hätte,“ antwortete Friedrich.

„Nein!“ entgegnete sie; „diesmal will ich aufrichtig sein und Dir sagen, daß solche unvergeßliche Personen mich geniren. Gegen eine so lange Erinnerung kann nichts -- nichts in die Schranken treten, und die Gegenwart am wenigsten, weil grade deren Mangelhaftigkeit uns den Erinnerungen gegenüber doppelt fühlbar wird.“

Bei jedem Wort seiner Schwester fühlte Sigismund sein Herz schwerer und immer schwerer werden. Er dankte ihr und dem Himmel, als sie sich sofort mit einer Frage nach Liszt an ihn wendete, und ihn aufforderte von ihm zu erzählen, wie er gespielt habe, und was.

„Schuberts Ave Maria hat er gespielt,“ antwortete Sigismund.

„Weshalb ist Dir das besonders im Gedächtniß geblieben? war es vorzugsweise schön?“ fragte Agathe.

„Es war Alles schön!“ entgegnete Sigismund ausweichend; „ich hab’ Euch den Conzertzettel mitgebracht -- da könnt Ihr sehen, was er gespielt hat.“

Er zog sein kleines Portefeuille aus der Tasche und nahm den Zettel heraus.

„O wie verbraucht sieht Dein Schreibtäfelchen aus!“ rief Agathe. „Ich werde Dir ein anderes arbeiten. Zeig’ her! ich will genau das Maß nehmen.“

Sigismund gab es ihr.

„Darf ich wol ein wenig darin blättern?“ setzte sie neugierig hinzu.

„O sehr gern,“ erwiederte er; „es ist nur gar nichts drin, was Dich unterhalten könnte. Auf der einen Seite ein Paar Visitenbillets, auf der andern ein Paar Thalerscheine.“

Agathe hatte mit der äußersten Geschwindigkeit die Papiere durch ihre Finger gleiten lassen.

„Und das?“ fragte sie plötzlich, „was ist das für eine getrocknete Blume?“ Sie nahm aus der Tiefe des einen Seitentäschchens die Tazette heraus, welche am Neujahrstag aus Toscas Blumenstrauß gefallen war, und welche Sigismund wirklich ganz und gar vergessen hatte -- nicht aus Vergeßlichkeit, sondern weil er des dürren Erinnerungszeichens an Tosca nicht bedurfte.

„Was ist das für eine Blume?“ wiederholte sie.

„Eine Tazette!“ sagte er gedankenlos.

Agathe sah ihn rasch mit tief fragendem Blick an; darauf schlug sie eben so rasch die Augen nieder. Sie wollte nicht in Sigismunds Augen lesen, daß seine Gedanken nicht bei ihr waren. Sie hielt die arme Tazette krampfhaft zwischen ihren Fingern. Sie hatte Lust, sie in Staub zu zerreiben und unter ihre Füße zu werfen. Da fiel ihr das Flacon ein, und die Szene, welche darauf gefolgt war, und auf einmal fühlte sich das arme Mädchen in ihre Bestimmung eingeweiht: zu schweigen und zu leiden. Sie ließ die Tazette zwischen die Visitenbillets zurückgleiten, schloß das Portefeuille, gab es sanft an Sigismund zurück und sagte:

„Ich werde Dir eins von violettem Maroquin mit goldnen Schnürchen machen; das trägt sich sehr bequem, und dann wirst Du es brauchen -- nicht!“

Er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Er fühlte sich innerlichst zerknirscht durch diese Selbstverleugnung, und durch seine Undankbarkeit; denn Freude darüber, daß sie nicht weiter fragte, hatte großen Theil an seinem innigen Dank: das verhehlte er sich nicht. „Aber ich bin ein Ungeheuer!“ sprach er immerfort heimlich zu sich selbst, während er laut eine muntere Unterhaltung mit seiner Schwester und ihrem Mann fortsetzte. Die Zeit wurde ihm lang, unermeßlich lang. Ihm war, als sei er bereits Wochen in Magdeburg gewesen. Die Gegenwart drückte ihn, und doch graute ihn vor der Rückkehr nach Berlin.

Erschöpft, wie von der mühseligsten Arbeit, verließ er Agathe am späten Abend, und so wie der gestrige ihn beruhigt hatte, eben so aufgeregt hatte ihn der heutige. Der ganze Tag war qualvoll gewesen .... qualvoll durch die unendliche Erinnerung an Tosca, die sich zwischen ihn und die arme Agathe wie eine Wolke drängte ... qualvoll durch die Sorge, Agathen weh gethan zu haben in Allem, was er gesagt, und nicht gesagt ... qualvoll durch die Vorwürfe, die er sich selbst nicht sparte über seine Kälte gegen die Liebe eines so jungen, frischen, zärtlichen Herzens. Er hatte nie eine leidenschaftliche Neigung für Agathe gehabt; aber er hatte sich auch sonst noch nie darüber entsetzt, daß er sie nicht habe. Jung, schön, intelligent, von tiefem Gefühl, einfach und anspruchlos erzogen, wie Agathe war, konnte er unmöglich an einem häuslichen Glück, an einer zufriedenen Ehe mit ihr zweifeln. In dieser tiefen Zuversicht hatte er ihr seine Hand geboten .... und durch die Begegnung mit einer Frau, welche die Gattin eines Andern war, und von der er gar nicht wußte, ob sie andre, als gleichgültige Gesinnungen gegen ihn hege -- war diese Zuversicht im Fundament erschüttert. Er stellte die beiden Frauen neben einander; er führte sich Alles vor die Seele, was zu Agathens Gunsten sprach. Ja, Tosca war zehn Jahr älter! war verwöhnt durch die Welt und die Menschen! machte Ansprüche, hatte Wünsche, welche Agathen vielleicht ewig fern bleiben würden! -- Aber wenn er sich die Möglichkeit dachte, sie die Seine nennen zu dürfen, wie Agathe es werden sollte: so kam ihm auf einmal das Leben durchstralt und verklärt vor, und zu einer Sphäre emporgehoben, die sich zu seinem gewohnten Zustand verhielt, wie der volle Mittsommertag zu einem stillfreundlichen Herbsttag; -- so fluteten ihm namenlose Freudigkeiten durch die Seele, wie Naphthaquellen, unauslöschlich, flammend; -- so erschien ihm sein ganzes Dasein klar, abgerundet, ein Weg zu ihr, ein Streben nach ihr, befriedigt und beseligt durch sie, die ihm die Krone des Lebens reichen würde. Für sie würde die Anstrengung ein Reiz und der Ehrgeiz ein Genuß sein. Weil sie fliegende Wünsche und große Ansprüche hatte, weil sie vom materiellen Leben nichts kannte, als Sammt und Atlas, so wär’ es ihm eine Wonne gewesen, sie wie eine Königin unter einen sammtnen Baldachin zu stellen. „Denn ich liebe sie!“ sprach er ganz laut in der stillen Nacht, und fuhr zusammen bei dem Schall seiner Stimme, bei dem Wort, durch welches er von sicherm Glück sich schied, um ungewissen Qualen entgegen zu gehen. Die Arme fielen ihm schlaff herab. „Nein!“ rief er dann plötzlich ermannt, „es soll und darf nicht sein! ist bei ~ihr~ die Macht, so sei bei mir die Kraft. Ich gehöre Agathen an; ich habe kein Recht mehr auf mich selbst.“

Kaum war es Tag, so eilte er zu Agathen. Freudig überrascht fiel sie in seine Arme. Er drückte sie heftig an sich und sagte beklommen:

„Agathe, liebe einzige Agathe! ich hab’ eine Bitte, eine glühende, dringende Bitte. Heirathe mich heute, gleich, auf der Stelle.“

„Um Gottes willen, Sigismund, was ist Dir widerfahren!“ rief Agathe und blickte mit Angst in sein bleiches Antlitz, in sein tiefliegendes Auge, das von der schlaflosen Nacht und der bittern Seelenpein zugleich müde und fieberhaft aussah.

„Nichts! ich schwör’ Dir -- nichts!“ sagte er. „Es sind mir nur Gedanken gekommen von der Nutzlosigkeit unsrer ferneren Trennung. Wo ist Deine Mutter, liebe Agathe? hilf mir bitten, bis sie Ja sagt! ... Denn Du sagst Ja! nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, Sigismund,“ entgegnete sie schüchtern; „aber ich werde die Mutter rufen.“ Sie ging.

„Gott lenke ihr Herz!“ dachte Sigismund. „In dem Bewußtsein, mein Wort nicht gebrochen und Agathens Glück begründet zu haben, werd’ ich all’ meine Kraft und Besonnenheit wiederfinden.“ -- Agathe kam mit ihrer Mutter, und weniger stürmisch, doch ebenso dringend, legte Sigismund ihr seine Bitte ans Herz.

„Das ist ganz unmöglich,“ entgegnete die Justizräthin Gertner höchst gelassen, „denn Agathens Aussteuer ist nicht fertig.“

„Ums Himmels willen!“ rief Sigismund; „lassen Sie doch nicht von ein Paar unfertigen Kleidern das Glück meines Lebens abhängen.“

„Aber was soll denn diese unstatthafte Eile vorstellen?“ sagte die Justizräthin mißvergnügt. „In die ersten Tage des April war Ihre Hochzeit gesetzt; darauf hab’ ich mich eingerichtet, und dabei muß es bleiben. Sie haben ja weder Dach noch Fach für eine Frau.“

„Ich hab’ meine Wohnung!“ rief Sigismund; „drei freundliche Zimmer! was braucht Agathe mehr?“

„Küche, Keller, Kammern,“ erwiederte die Justizräthin. „Und was zahlen Sie für Ihre Wohnung?“

„Monatlich sieben Louisd’or,“ sagte Sigismund ein wenig ungeduldig.

„Da das jährlich vierundachtzig Louisd’or sein würden, und da man das Sechsfache von dem was die Wohnung kostet, als ganz nothwendig zur Bestreitung des Hauswesens annimmt -- die ungewöhnlichen und unvorhergesehenen Ausgaben abgerechnet -- so ist Ihre jetzige Wohnung ganz gewiß zu kostbar für Ihre Verhältnisse, mein lieber Forster,“ sagte die Justizräthin.

„So können wir eine andre nehmen,“ rief er.

„Aber so warten Sie doch bis zum April,“ sagte sie ermahnend. „Das ist die Zeit, wo man Wohnungen fürs Jahr zu nehmen pflegt. Sie haben dann eine größere Auswahl, und bekommen sie obenein viel billiger, als wenn Sie nur monatweise sie nehmen. Gönnen Sie doch Agathen die Annehmlichkeit, in eine ruhige, geordnete Wohnung einzuziehen, in der es an nichts fehlt, und die ihr den Eindruck eines Hauses und ihres Eigenthums macht. So wie Sie jetzt eingerichtet sind, mit lauter fremden Sachen, ohne Wirthschaft, ohne Hauswesen -- da hinein findet sich kein verständiges, ordnungsliebendes Frauenzimmer. Das ist eine Art von Gasthofsleben, welches sich nicht für die Ehe schickt.“

„Es würde ja nur auf kurze Zeit sein, liebe Mutter;“ wandte Agathe schüchtern ein, da sie sah, daß die mütterliche Predigt keineswegs nach Sigismunds Geschmack war; „und ich würde mich recht gut darein finden, wenn er es wünscht.“

„Dieser Wunsch ist wirklich nicht zu begreifen, mein bester Forster“ .... -- sagte die Justizräthin.

„Ich find’ es in der That noch unbegreiflicher,“ unterbrach Sigismund sie lebhaft, „daß Sie Sich so sehr darüber verwundern. Wir sind jetzt sechs Wochen verlobt, und die Zeit ist mir lang genug geworden, um zu wünschen, daß sie aufhören möge. Agathe lebt hier, ich lebe in Berlin; ich kann nicht so oft herüber kommen, als es uns Beiden lieb wäre; -- die Heirath bringt das in Ordnung.“