Part 10
„Ich bin nicht für solche eilfertige Heirath, ohne vorhergegangenen Brautstand,“ sagte die Justizräthin sehr trocken, und fügte die hergebrachte Phrase hinzu: „Ihr müßt Euch doch Beide ein wenig kennen lernen, ehe Ihr Euch heirathet.“
„Das geschieht viel gründlicher in der Ehe,“ versicherte Sigismund.
„Aber lassen Sie mir meine Tochter doch noch die zwei armseligen Monate!“ rief die Justizräthin. Sie hatte nun einmal ihre Einrichtungen für die ersten Apriltage gemacht; pünktlich und bedächtig, wie sie war, schien es ihr Frevel, an dieser wohlüberlegten Veranstaltung zu rütteln. Da sie durch ihre Gründe Sigismund nicht überzeugte, so nahm sie zur mütterlichen Zärtlichkeit ihre Zuflucht, wohl wissend, daß dies die letzte Epoche sei, in welcher der künftige Schwiegersohn auf dieselbe Rücksicht nehmen würde.
„Auf diesen Ausspruch darf ich freilich keine Bitte mehr folgen lassen,“ sagte Sigismund sehr niedergeschlagen; „aber Sie wissen nicht, Frau Justizräthin, wie weh Sie mir thun.“
„Mein bester Forster,“ erwiederte sie begütigend und froh, weil sie den Sieg davon getragen, „wie kommen Sie, ein verständiger Mann, zu solcher kindischen Ungeduld? Das Gute trifft ja immer früh genug ein, sobald wir nur sicher wissen, daß es eintrifft, und wir haben das Glück um desto lieber, je länger wir uns danach gesehnt haben.“
Sigismund konnte ihr nicht antworten, daß diese Sehnsucht aber zuweilen verschwinde, und daß es das höchste Glück des Glückes sei, wenn es grade im rechten Moment eintreffe; denn heute kann dasjenige Wonne bereiten, was morgen Angst bereitet, und das Ereigniß, das uns jetzt als ein Segen trifft, hätte ein Jahr früher ein Fluch sein können. Die Justizräthin erzählte ihm weitläuftig, wie die Wohnung beschaffen sein müsse, die er zu wählen habe: nicht unten im Hause, da sei es leicht kellerhaft und feucht; und auch nicht zu viel Treppen hoch, das sei beschwerlich für die Wirthschaft; nicht unter den Linden, wo es wenigstens um ein Drittel theurer sei, aber auch nicht zu tief in der Stadt, weil die Abgelegenheit auch ihre großen Unbequemlichkeiten mit sich bringe. Dann ging sie auf die Meubles über, auf Tische und Stühle; ob von Mahagoni, ob von weniger kostbarem Holz. Zuletzt auf das Küchendepartement! Sigismund wurde immer einsylbiger und einsylbiger. Vorgestern noch, vielleicht noch gestern, hätte er lebhaften Antheil an diesen kleinen Verhandlungen genommen, die allen Personen interessant sind, welche sich ihr Haus begründen wollen, weil sich dabei viel Eigenthümlichkeit des Geschmacks und der Neigungen offenbart. Je enger die Verhältnisse sind, um desto mehr nehmen sie den Character der Wichtigkeit an, denn es gehören Studium und Combinationen dazu, um mit beschränkten Mitteln auszulangen. In leichter Stimmung fühlt man diese Beschränkung nicht wie einen Druck; im Gegentheil! nur wie einen Reiz, um ihn zu besiegen. In trüber Stimmung wird ein unerträglicher Druck daraus! Ein schweres Herz ist gleichgültig gegen die materiellen Aeußerlichkeiten des Lebens, die ihm nicht anders als nebensächlich erscheinen können, und durch diesen höchst natürlichen Mangel an Theilnahme, den Andre sich freilich nicht erklären können, kommt er ihnen, und wol gar sich selbst, lieblos vor. Was lag Sigismund in diesem Augenblick daran, ob ein Tisch von Polixandre- oder von Tannenholz sei?
Agathe nahm seine Verstimmung wahr, und sie grämte sich darum. Sie hatte ihre alte Zuversicht zu Sigismund verloren. Der gestrige Tag, voll Unbehagen und Schmerzlichkeit; dann seine heutige übereilte Bitte, auf welche eine so große Abspannung, wie eben jetzt folgte -- brachte sie ganz aus ihrem Gleichgewicht. Sie hätte ihm gern etwas Herzliches gesagt; aber sie fürchtete, zu viel zu sagen. Sie hätte auch eben so gern geschwiegen; aber dann erfuhr sie noch weniger Sigismunds Gedanken, der gar nicht in mittheilender Laune zu sein schien. Am liebsten unzweifelhaft hätte sie geweint; aber sie schämte sich so zu weinen ohne bestimmten Grund.
Endlich ging die Justizräthin, um einen Blick in die Küche zu werfen, und Sigismund sprach ganz erschöpft:
„Liebe Agathe, spiele mir etwas auf dem Piano vor, das wird mir gut thun.“
„Ach Sigismund,“ sagte sie, „kannst Du mir denn wirklich nicht sagen, was Dir eigentlich geschehen ist? Schon vorgestern kamst Du mir vor, als habe man Dir etwas zu Leid gethan .... und heute noch mehr! und dazu Deine seltsame Bitte!“ ... --
„Agathe!“ unterbrach er sie, „sprich nicht wie Deine Mutter! Dir kann die Bitte unmöglich seltsam vorkommen, wenn Du mich lieb hast.“
„Ich meinte nur die heftige, fast angstvolle Art und Weise,“ entgegnete sie erröthend.
„Ich bin sehr heftig, Agathe, ~wenn~ ich’s einmal bin,“ sagte er. „Und daher thut es mir bitter leid, daß Deine Mutter keine Rücksicht auf meinen glühenden Wunsch genommen hat. Es giebt Wünsche von so unerhörter Gewalt, daß sie vielleicht Fingerzeige des Schicksals sind, und daß an ihrer Erfüllung Leben und Tod hängen mag.“
„Sigismund!“ sagte Agathe mit bebenden Lippen, „Du ängstigst mich todt.“
Er nahm ihre Hände und drückte sie vor seine heiße Stirn. „Das thut gut!“ sagte er; „was hast Du für prächtig kalte Hände! O ängstige Dich nicht, Agathe! mir wird besser. Der plötzlich zurückgedrängte Wunsch machte mir ein flüchtiges Fieber.“
„Aber wie ist er nur so plötzlich in Dir aufgewacht?“ fragte sie.
„Ich dachte daran, wie das glücklich wäre, wenn ich Dich morgen mit mir nach Berlin nehmen dürfte. Dann wäre Alles abgethan, sicher und fest. Nun bin ich in ewiger Spannung; ich möchte zu Dir, und kann nicht; nichts ist mir recht, weil ich weiß, daß es bald so ganz anders sein wird. Das einsame Leben ist mir zur Last, macht mich unruhig, und die Menschen ... geben mir auch nicht die Ruhe, nach der mich so tief verlangt. Es ist eine zernagende Sehnsucht in mir, die sich zuweilen ins Unglaubliche, und immer ins Unsägliche steigert; -- und der Gedanke, daß sie mich noch ganze Tage, Wochen, Monate, zernagen soll, macht mich unglückselig. In mir, vor mir, um mich, muß Alles klar und bestimmt sein: dann bin ich in meinem Element! dann kann ich ertragen, thun, handeln, auch leiden -- wenn’s sein muß! -- nur aber die Schwankungen vernichten mich.“
„O Sigismund, wie ist das traurig, daß eine süße Erwartung Dir zur Qual wird. Aber ich sehe doch wirklich keinen Grund zu Schwankungen um uns herum! was Du für heute gewünscht hast, wird in zwei Monaten statt finden: das ist ja ganz fest bestimmt.“
„Du hast Recht! ich bin ein Thor, Agathe! ob heut, ob in zwei Monaten -- darauf kommt im Grunde nichts an.“ Er richtete den Kopf auf, und hielt ihre Hände fest, während er das sagte.
„Ich werde Dich auszanken, Sigismund,“ rief Agathe ganz fröhlich, „daß Du Dich so nutzlos in einen Anfall von Spleen, und mich dadurch in tiefe Bekümmerniß versenkst. Bist Du denn oft in solcher Stimmung, sag’ mir? Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dabei benehmen werde, wenn ich Deine Frau bin! muß ich dann schweigen, oder reden, oder fortgehen, oder Dich zerstreuen, oder was sonst? -- sprich!“
Während sie plauderte, war sein Blick auf ihre Hände gefallen. Agathe, wie die meisten jungen Mädchen, hatte rothe Hände. Darüber gräme sich doch Keine! sie werden mit der Zeit schon weiß werden, aber freilich schön, so daß das Innere der Hand und die Fingerspitzen rosenfarben bleiben -- schön werden nicht alle. Nun, rothe Hände machen unnützer Weise manchen jungen Mädchen Sorge, und auf manche Männer einen schlechten Eindruck. Sigismund würde sie dennoch nicht mißfällig bei Agathen bemerkt haben, wenn ihm nicht zum Unglück ein Wort von Ignaz an Tosca eingefallen wäre. Als sie einmal die Theemaschine aufheben wollte, und damit nicht zu Stande kam, rief er mit scheinbarer Ungeduld, indem er ihr Hülfe leistete: „Aber muthen Sie doch diesen Händen von weißem Musselin mit rosenfarbenem Tafft gefüttert, keine solche Anstrengung zu!“ Der Gedanke an diese Hände von weißem Musselin machte ihn ganz, aber ganz zerstreut.
„Sprich!“ wiederholte Agathe; „was muß ich thun?“
„Ein wenig das Piano spielen,“ sagte Sigismund der nicht auf ihre Worte geachtet hatte, und dem seine frühere Bitte einfiel.
„O das ist leicht! das thue ich gern!“ rief sie und ging zum Flügel. Sie spielte ungewöhnlich gut. Sie hatte noch immer einen Lehrmeister, der seine höchste Ehre darin setzte, daß sie mit Geschmack und Gewandtheit die krausen wirbelnden Compositionen der neusten Zeit zu spielen verstehe, welche mehr Auge und Finger, als den musikalischen Sinn ausbilden. Sie studirte und übte die Musik, auch gern, auch mit innerem Genuß; aber noch nie hat ein junges Mädchen, sobald nicht der Genius der Kunst sie beseelt, an ein Talent ihre ganze Seele verschwendet. Sie kann Anmuthiges leisten, sie kann zu schönen Hoffnungen berechtigen; allein ihre Productionen werden dämmerig und unvollständig sein, und nie einen befriedigenden Eindruck machen. Was kannst du werden? ist die Frage, die man in jeder Beziehung an ein junges Mädchen richten muß; und nie: Was bist du? Da liegt das Räthsel, und daneben -- der Irrthum.
Agathe setzte sich an den Flügel und spielte mit bewundernswerther Fertigkeit höchst schwierige Variationen von Chopin, bei denen Sigismund alle Gedanken an Musik vergingen. Es war ihm ein wirres Getön, das ihn weder erfreute noch beruhigte. Keine Melodie umschmiegte ihn! keine Harmonie trug ihn! Er dachte an Tosca, wie ihr Ave Maria in stiller Nacht ihn erquickt hatte. Agathe erschien ihm oberflächlich. Er verfiel in namenlose Traurigkeit. „Es geht nicht!“ sprach er dumpf zu sich selbst. Trotz ihres Spiels hatte Agathe sein halblautes Wort gehört, und es auf eine schwierige Variation beziehend rief sie eifrig:
„Aber es soll gehen!“ und spielte sie noch einmal. Dann sprang sie fröhlich auf und sagte:
„Nun lobe mich, Sigismund! hab’ ich meine Sache nicht sehr gut gemacht?“
„Unbegreiflich gut!“ sprach er zerstreut.
Sein kühler Ton that ihr weh; weher noch die Vorstellung, daß sie nicht das Rechte getroffen, um ihn zu zerstreuen, und daß sie doch nichts Andres habe auffinden können. Sie setzte sich und nahm eine Arbeit zur Hand, schweigend, niedergeschlagen. Auch Sigismund schwieg. In solchem Moment ist das Schweigen höchst bedenklich. Ist man ganz vertraut mit einander -- ich meine seelenvertraut -- so ist es nicht lästig; ja, in Momenten tiefen Glückes kann es sehr süß sein. Aber in einem vertraulichen Verhältniß wie zwischen Sigismund und Agathen, wenn da das Schweigen aus Befangenheit, aus Mangel an Hingebung eintritt: so ist’s ein böses Zeichen. Jeder hat dann Zeit, sich in seine einsamen störenden Gedanken wie in Nebel einzuhüllen, welche ihn dem Andern unerkennbar und unerreichbar machen. Zuweilen fällt ein günstiger Sonnenstral auf die Nebel, und verjagt sie, wenn es grade noch Zeit ist. Aber das ist ein hohes Glück.
Sigismund fühlte wol, daß er Agathen irgend etwas sagen müsse. Sie nähte emsig; sie mogte in ihre Arbeit vertieft sein! aber er! er saß auf dem Sopha, den Kopf in die Hand gestützt, und that nichts! er hatte gar keinen Vorwand um schweigen zu dürfen. O Gott! dachte er heimlich, was das für ein unschätzbares Glück ist -- nähen zu können, und was für Vortheile die Stellung der Frauen ihnen bringt! hinter solchem Stückchen Leinwand oder Tapisserie sind sie wohlverschanzt und kümmern sich um nichts, während wir uns abängstigen müssen! -- Während er so dachte, bekämpfte Agathe mühsam ihre Thränen; aber freilich! so eine Handarbeit ist ein Ableiter für die innere Aufregung. Die mechanische Regelmäßigkeit, die mit ihr verbunden ist, übt eine beschwichtigende Gewalt über Manche. Ueber Andere übt das Gehen eine solche, und die ist vielleicht noch kräftiger, weil sie zugleich den Leib müde macht. Gewiß aber bleibt es, daß eine mechanische Bewegung Beschwichtigung auf die leidende Seele ausübt.
Endlich fiel Sigismund auf das unglücklichste Thema, welches er zum Gespräch mit Agathen hätte wählen können. Er sagte:
„Was war denn das, was Du mir gestern sagtest, Agathe? meine Schwester wäre Dir nicht freundlich gesinnt -- oder dergleichen. Davon hab’ ich doch wirklich nichts bemerkt.“
„O nein!“ sagte Agathe unbefangen, „wenn Du da bist, so ist sie freundlich .... Deinetwegen.“
Diese Antwort verdroß ihn, weil er die Ueberzeugung hatte, daß sie ganz wahr sei. Auguste hatte ihm seit mehren Jahren verschiedene Partien vorgeschlagen, die sie glänzend und daher wünschenswerth nannte. Als seine Wahl überraschend auf Agathe fiel, hatte sie in _prima furia_ schwesterlicher Theilnahme für Agathe passionirt, und ihr eine Menge von Vortrefflichkeiten angedichtet, welche Sigismunds Neigung motiviren sollten. Aber von solcher excentrischen Vorliebe kommt man ebenso schnell zurück, als man sie heftig gefaßt hat, und dann erscheint einem die Person doppelt insipid mit dem illusorischen Bilde verglichen, das wir uns von ihr ausgemalt haben. So ging es Augusten, und Sigismund kannte sie zu gut, um an Agathens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch wenn er auch innerlich einstimmte -- es schien ihm Pflicht, äußerlich die Schwester zu vertheidigen, und er sagte:
„Ich habe doch niemals Auguste so falsch gefunden.“
„Ach!“ rief Agathe, „sie ist nicht falsch! sie zeigt sich jedes Mal, wie ihr eben ums Herz ist.“
„Dann wäre sie doch sehr launenhaft!“
Agathe schwieg; sie mogte nicht Ja -- und konnte nicht Nein sagen.
„Bist Du nicht etwa ein wenig mißtrauisch, liebe Agathe?“ fragte Sigismund.
„Wie käm’ ich dazu?“ entgegnete sie unbefangen.
„Du bist das einzige Kind Deiner Mutter, ein wenig verzogen als solches, durch Liebe verwöhnt, das kann gar nicht anders sein. Aber wenn Dir Andere nicht mit ähnlicher Liebe entgegen kommen, so setzest Du sofort einer Mißstimmung gegen Dich bei ihnen voraus. Ist das wol recht? und besonders gegen meine Schwester, die eine so ganz brave und angenehme Frau ist, und mich so zärtlich liebt, daß Du ihr schon deshalb gut sein müßtest!“ Er hatte ganz freundlich und sanft gesprochen, nicht ermahnend, viel weniger erzürnet; aber Agathe war in schmerzlich gereizter Stimmung! die Thränen, welche sie den ganzen Morgen mühsam verhalten hatte, brachen hervor, und sie sagte weinend:
„Ich bitte Dich, Sigismund, mache mir keine Vorwürfe .... ich verdiene sie nicht.“
„Es fällt mir nicht ein, Dir Vorwürfe zu machen,“ sagte er gelassen; „aber Du siehst, daß ich Recht habe, Dich ein wenig verwöhnt zu nennen: der bloße Gedanke an einen möglichen Tadel kränkt Dich.“
Die arme Agathe suchte nicht sich zu entschuldigen; sie nahm den Vorwurf hin, aber sie fragte:
„O Sigismund! warum bist Du denn so sehr unzufrieden mit mir?“ -- und weinte, als ob sie sich in ihren Thränen auflösen wolle.
„Wenn Du bei der geringsten Diskussion sofort anfängst zu weinen, Agathe, so ist es ganz unmöglich, mit Dir vernünftig zu sprechen.“
„Vernünftig wol! ... aber nicht hart.“
Er war sich bewußt, weder in Ton, noch Worte, noch Ausdruck, die geringste Härte gelegt zu haben. Er stand auf und sagte:
„Einer so übertriebenen Empfindlichkeit gegenüber kann ich nur schweigen, denn was ich sagen mögte, würde Dich in Deiner gegenwärtigen Stimmung kränken oder betrüben.“
Er nahm den Hut und ging. Gestern, bei einer ähnlichen Szene, hatte Agathe ihm den Weg vertreten und ihn nicht fortgehen lassen; heute hatte sie nicht mehr den Muth dazu, weil sie nicht die Zuversicht zu sich selbst hatte, ihn festhalten zu können. Sie ließ ihn gehen; aber es war ihr, als ob er über ihr Herz wegginge. Sigismund dachte traurig: Ach! warum hält sie mich denn nicht bei sich zurück? -- --
Er ging zu seiner Schwester. Er wollte mit ihr plaudern, von der Heimat, der Mutter, den Geschwistern, den alten gemeinschaftlichen Jugendfreunden. Er wollte sich recht ausruhen, recht still werden, um ganz gelassen wieder vor Agathe zu treten. O Himmel! welch’ einen Tumult fand er bei seiner Schwester! Die Köchin und die Kinderwärterin hatten sich aufs Heftigste mit einander verzankt, und schrien zu der Frau Doctorin um Recht und Gerechtigkeit, indem Jede begehrte, daß die Gegnerin auf der Stelle das Haus verlasse, und im entgegengesetzten Fall es zu verlassen drohte. Die Doctorin suchte die Megären, die übrigens höchst schätzbare Eigenschaften hatten, zu beschwichtigen, weil sie keine von ihnen verlieren wollte. Ihr Töchterchen weinte bitterlich, weil sie die zärtlichgeliebte Wärterin weinen sah; ihre Knaben benutzten den Zustand allgemeiner Verwirrung, um sich einmal recht gründlich und ungestört gegenseitig durchzuprügeln. Es war eine häusliche Szene, die auf den glühendsten Enthusiasten für die Freuden der Häuslichkeit abkühlend wie ein Sturzbad gewirkt hätte. Hilf Himmel! dachte Sigismund, können denn auch solche widerwärtige Ereignisse dereinst unter meinem Dach vorfallen? eine empfindliche, weinende Frau, und zänkische Dienstboten, und schreiende Kinder -- das ist mehr, als ein Mann billiger Weise ertragen kann! -- Er betrat nicht das Zimmer seiner Schwester, in welchem sie ihren Gerichtshof hielt. Er begnügte sich aus dem Vorzimmer einen Blick hineinzuwerfen, und zog sich dann schleunig in das seine zurück. Nach fünf Minuten lockte ihn ein heftiges Gepolter, durchdringendes Geschrei, und die Donnerstimme seines Schwagers wieder heraus. Die Schlacht der beiden Knaben hatte sich bis zur Treppe gezogen, und der älteste hatte den jüngsten hinabgestoßen, so daß der die Stufen hinab dem eben heimkehrenden Vater vor die Füße kollerte. Auguste ließ die keifenden Mägde im Stich, um zu den schreienden Kindern zu eilen. Ihr Mann trat ihr heftig erzürnt entgegen. Der Kleinste war sein Liebling, weil er ihm am ähnlichsten war; der Aelteste war Liebling der Mutter. Der Kleine blutete aus Nas’ und Mund, und schrie, daß er ganz blau im Gesicht war, und ohne Weiteres gab der Vater dem Großen einen tüchtigen Schlag und sagte:
„Auguste, Du verziehst den Heinrich so unmenschlich, daß er Deinetwegen ungestraft den Theophil umbringen dürfte.“
„Aber der Theophil kann ja von selbst die Treppe herabgefallen sein!“ sagte sie ärgerlich.
„Ei was!“ rief ihr Mann erzürnt, „wenn ein Bube von fünf Jahren sich über einen dreijährigen hermacht, so fällt der nicht von selbst die Treppe herunter! Und es ist überhaupt unverantwortlich, daß Du den Buben solche Streiche gestattest, bei denen sie ums Leben kommen können.“
„Wie soll ich’s anfangen!“ rief sie heftig; „sie sind so unbändig, daß sie mir nicht gehorchen.“
„Ja, das kommt von Deiner verkehrten Erziehungsweise her! es ist doch wirklich miserabel, ein Paar Würmern, hoch wie der Tisch, keinen Respect beibringen zu können.“
Die häusliche Szene hatte sich in eine eheliche verwandelt. Auguste schien auf der Stelle der Ermahnung ihres Mannes Folge leisten zu wollen. Sie nahm den Theophil heftig von seinem Arm, und sagte zu dem schreienden Kinde sehr zornig:
„Schweig’ auf der Stelle, Junge! sonst giebt es die Ruthe.“
Mit großen Schritten trug sie ihn ins Zimmer zurück, während ihr Mann den widerstrebenden Heinrich beim Arm nahm, und ihn fortführend ebenso zornig sagte:
„Warte! ich werde Dich lehren, Deinen kleinen Bruder von der Treppe zu schleudern!“
Sigismund, über die Schicksale der Kinder beruhigt, hatte sich sogleich wieder zurückgezogen. In einer andern Stimmung hätten all diese kleinen Ungewitter ihn vielleicht höchlichst belustigt. Wenn die Verhältnisse uns vor ihnen sicher stellen, so sieht man ihnen aus der Ferne oder als Beobachter mit demselben Behagen zu, welches man im warmen Zimmer empfindet, wenn es draußen regnet und stürmt. Das warme Zimmer kommt einem paradiesisch vor gegen das Unwetter; und so auch die einsamen stillen Verhältnisse paradiesisch gegen die gemeinschaftlichen geräuschvollen. Steht man in diesen mitten drin, so hat man sie dennoch lieb, trotz des Verdrusses und der Widerwärtigkeiten, die sie mit sich bringen, so treibt man doch Abgötterei mit den schreienden Kindern, so fühlt man sich doch dem heftigen Mann oder der empfindlichen Frau ans Herz gekettet. Aber Sigismunds Herz war wund: dann erscheint das Alltägliche schwer, und das Schwere unaushaltbar. Wie ein Rosenknöspchen hatte ihm die Neigung zu Agathen vor Augen gestanden; wie eine Rose mit all’ ihren Reizen und all’ ihren Dornen, drang ihm die Liebe zu Tosca in die Seele. Bei ruhigen und mäßigen Ansprüchen an Glück, wenn man sich in der Welt umgesehen und erkannt hat, daß die positiven Verhältnisse sich selten über die Mittelmäßigkeit erheben -- da kann man sich in ihr und ihren Beschränkungen zurechtfinden, ohne sich verletzt zu fühlen. Man kommt nicht auf den Gedanken, eine Ausnahme vom allgemeinen Gesetz für sich zu begehren, was eine höchst günstige Stimmung ist, um eine Ehe zu schließen. Je geringer die Erwartung, desto geringer die Enttäuschung; und das ist in einem Verhältniß, welches lang und fest und dauernd sein soll, und welches ganz positive Zwecke hat, die Hauptsache. Alles, was man von der Ehe hoffen darf, ist: daß man sich gegenseitig achte und ertrage. Die Leute werden sprechen, wie sie das denn auch schon thun: ich sei gemüthlos, ich sei in Vorurtheil befangen, es gebe unendlich viel Glück in der Ehe. Gott hat den Wurm so eingerichtet, daß er in einem Regentropfen ertrinken kann, als ob es das Weltmeer sei; Gott hat den Menschen so eingerichtet, daß er aus und in den engsten Verhältnissen, den trübsten und dürftigsten Lagen, etwas Erfreuliches und Erleichterndes finde; daß er sich stets bereit zeige mit Ersatz vorlieb zu nehmen; daß er schmiegsam genug sei, seine eigenen Wünsche zu vergessen. So mag er denn in der Ehe manche Freude, manchen Genuß, ja sogar große Zufriedenheit -- mehr noch! er mag Glück finden; aber ~das~ Glück, was er geträumt hat, das hohe, selige, unermeßliche -- das hat er ~nicht~ gefunden. Vielleicht ist es nirgends; das ist möglich! Aber eben darum frag’ ich: weshalb soll es denn in der Ehe sein? Da ist Keiner, aber nicht ein Einziger, der sich mit einem Jubelruf in sie hineingeworfen, und dem sich nicht der Freudengesang in einen Schmerzensschrei verwandelt hätte. Er mag ihn erstickt haben, er mag ihn sich selbst nicht eingestehen wollen -- und daher ist es auch ganz begreiflich, daß er ihn mir nicht eingestehen will; -- allein die Prahlerei, die sollte er denn auch dafür bei Seite lassen und, wenn nicht offenherzig, doch wenigstens ehrlich sein.
Die Ehe ist eine ernsthafte Veranstaltung, zu der zwei Menschen sich entschließen, um mit Anstand Kinder zu haben, und um ein mühsames, sorgenvolles Leben gemeinschaftlich zu führen, und durch die Gemeinschaft zu erleichtern und zu erheitern. Dies Leben fördert ihre innere Entwickelung und entspricht ihrer Bestimmung, die da auf Erden heißt: viel Arbeit und wenig Genuß; und ich denke, es wäre recht gut, wenn die Menschen mit diesen seriösen Ansichten die Ehen eingingen. Statt aber an die ungeheuren und schweren Verpflichtungen zu denken, die sie über sich nehmen, denken sie an ein ungeheures Glück, in das sie geradesweges ohne sonderliche Mühe hineinschweben werden; denn sie sind nun einmal so beschaffen, daß sie in den Zustand, den sie ~nicht~ kennen, die Seligkeit verlegen.