Part 11
Bis zu dem Augenblick, wo Sigismund Tosca Beiron wiedersah, war ihm die Ehe in einem ernsten und wohlthätigen Licht erschienen, das den Ansprüchen des Verstandes, und mäßigen Forderungen des Herzens genügte, und Agathe als eine Frau, welche in solcher Ehe vollkommene Befriedigung finden und geben müßte. Jetzt auf einmal war das anders. Aspirationen nach einem namenlosen Glück, nach endlosen Freuden, nach ungeahnten Verständnissen, nach extatischen Offenbarungen, gingen wie Götterbilder leuchtend durch seine allerinnerste Seele, wohin der Gedanke Agathe! nie gedrungen war, und jetzt erschien ihm die Ehe -- bald in einem Licht, das aus dem Himmel stralte, und für das es keine irdische Verfinsterungen gab, und bald in so grauen, matten Farben, daß kein Sonnenstral im Stande war, sie zu verklären. Die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltaglebens, unvermeidliche Momente, wie die, deren Zeuge er so eben gewesen war, wälzten sich ihm wie unüberwindliche Lasten auf die Brust, und beklemmten ihm den Athem. Ihm fiel ein Wort ein, welches ihm einst eine liebenswürdige Frau gesagt hatte: „Eine glückliche Ehe besteht darin, daß man sich alle Tage zankt und alle Abend wieder versöhnt.“ Er war ein feingebildeter und nervenzarter Mensch; er litt geistig und körperlich durch die kleinen Szenen dieser Tage mit Agathen. Er suchte nicht vor sich selbst zu verleugnen, daß er Veranlassung dazu gegeben; aber die Art, wie Agathe sich dabei benommen, war ihm peinlich. Wie sie listig das Flacon fallen ließ, das ihm lieb war! wie sie weinte nur bei dem Gedanken, daß er sie tadeln könne! Das ist so recht der Frauencharacter nach kleinem Zuschnitt -- dachte er. Ich denke, er hätte sagen müssen: nach allgemeinem Zuschnitt. Sein Unbehagen wuchs von einer Minute zur andern. Ihm war zu Muth, als müsse er schnurstracks nach Berlin zurückfahren, und nie wiederkommen. „Aber einer Frau das gegebene Wort brechen, das ist ehrlos!“ sagte er plötzlich ganz laut. -- Wenn zwischen Verlobten das Frauenzimmer ihr Wort zurücknimmt, so sieht es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nur launenhaft und leichtsinnig, und höchstens ein Mal gehässig aus; thut’s der Mann, so ist’s grade umgekehrt! Das ist das einzige Verhältniß auf der Welt, bei dem man die Frau leichter entschuldigt, als den Mann, wahrscheinlich deshalb, weil ihre Zukunft mehr dadurch gefährdet wird, als die seine. Er wird über einer solchen Kränkung nimmermehr am gebrochenen Herzen sterben; aber bei Frauen ist das geschehen. Er soll überlegt und besonnen zu Werk gegangen sein, während sie oftmals nur gehorcht hat. Das Alles stürmte ihm durch die Gedanken, und jagte sich wild, wie Wolken vom Sturm getrieben. Kein bestimmtes Bild, keine klare Gestalt tauchte empor; nicht einmal Tosca. Er wußte gar nicht, ob Tosca ihn lieben könne, lieben werde; er glaubte es nicht; er wagte nicht es zu hoffen; aber er -- er liebte sie! ihn schwindelte bei der Vorstellung, der Gatte einer Andern werden zu müssen, denn er fühlte, neben seiner eigenen Verzweiflung darüber, das Unheil, welches nothwendig für Agathe daraus erwachsen müsse, sobald sie früher oder später in der Ehe zur Erkenntniß seiner Gesinnung kommen werde. „Aber so weit kann es nicht kommen!“ sagte er ganz gefaßt; „denn es ist mir schlechterdings unmöglich, sie zu heirathen! sterben will ich, wenn sie’s verlangt; heirathen kann ich sie nicht.“
Er hörte den Schritt seines Schwagers sich seiner Thür nähern. Er hatte große Lust, den Riegel vorzuschieben, um ungestört allein zu sein; doch bevor er es thun konnte, trat Friedrich ein, die Cigarre im Munde, die Cigarrentasche in der Hand, welche er sogleich Sigismund anbot. Der dankte. Friedrich setzte sich bequem im Sopha zurecht, nahm mit einer gewissen nachlässigen Leichtigkeit, welche nur eingefleischten Rauchern eigen ist, die Cigarre zwischen Vor- und Mittelfinger aus dem Munde, ließ ebenso nachlässig den Rauch zwischen seinen Lippen hervorgehen, und sagte:
„Die Wohlthat einer Cigarre wirst Du erst schätzen lernen, mein lieber Sigismund, wenn Du Ehemann bist. Als Student raucht man aus jener unwiderstehlichen Liebhaberei der Studenten, alles Andre lieber zu thun, als zu studiren. Ist jene Oppositionszeit vorüber, so sinken Pfeife und Cigarre häufig in die Vergessenheit hinab, bis die Ehe ihnen wieder ihren Ehrenplatz anweist. Sokrates ~ohne~ Cigarre seiner holdseligen Gemahlin gegenüber, scheint mir ein bewundernswerther Kauz; ~mit~ der Cigarre ein ganz alltäglicher, so wie ich selber es bin. Sie giebt eine gewisse hausherrliche Würde, die von ganz vortrefflichem Effect auf die Frauen ist. Mit der Cigarre zwischen den Lippen ist es nicht gut möglich, anders als in kurzen Sätzen zu reden -- das klingt so majestätisch. Nimmt man sie zwischen die Finger, so darf man auch so gar viel Worte nicht machen, sonst erlischt sie, und man muß sie wieder anrauchen, was unbequem ist, sobald nicht beständig ein Licht im Zimmer brennt -- was beiläufig gesagt, meiner Frau aus angeborner Sparsamkeit ein Greuel ist. Sie behauptet zwar, sie lösche es nur aus, weil das Kerzenlicht im Tageslicht fahl und widerwärtig aussehe, aber da sie sehr gelassen rohes blutiges Fleisch und geschundenen Fisch ohne sonderliche Beleidigung ihres Schönheitssinnes anschaut, so weiß ich sehr gut, woran ich bin; allein ich thue ihr den Gefallen, denn ich finde es zweckmäßig für unsern häuslichen Frieden, daß kein Licht bei Tage brenne. Je weniger Worte der Mann bei gewissen Diskussionen der Frau gegenüber macht, um desto mehr imponirt er ihr. Und dann! welch ein niederdonnernder Moment der, wo meine Geduld dermaßen erschöpft und meine Langmuth so ganz aufgezehrt ist, daß ich meine Cigarre bei Seite werfe, mich gar nicht um ihre ferneren Schicksale kümmere, nicht hinsehe, ob sie ein Loch in die Tischdecke brennt, oder uns das Haus über dem Kopf anzündet, -- und nun meine Meinung sage. So wie meine Frau gewahr wird, daß ich Miene mache, meine Cigarre fortzuwerfen, so sucht sie fast immer einzulenken, denn sie erkennt daran, daß sie zu weit gegangen. Die Bewegungen meiner Cigarre sind das Quecksilber im Barometer unsers häuslichen Lebens. Fällt sie, so giebts Unwetter.“
Sigismund sagte fast traurig: „Ich muß Dir gestehen, lieber Friedrich, daß ich bis daher Eure Ehe immer für eine recht glückliche gehalten habe, und daß es mich betrübt, mehr als ich’s sagen kann, daß sie es nicht so ganz ist.“
„Aber, zum Teufel! wo nimmst Du das her?“ fragte Friedrich mit ungeheuchelter Verwunderung. „Meine Ehe ist nicht blos eine recht glückliche -- wie Du bis daher gemeint hast; sondern eine ganz außerordentlich glückliche. Was? weil man verschiedener Meinung ist, weil man Fehler und Schwächen hat, weil man gegenseitiger Nachsicht bedarf, weil hie und da ein heftiges Wort fällt -- darum müßte man sofort eine unglückliche Ehe führen? Aber was für extravagante Foderungen stellst Du denn überhaupt an die Ehe? welch ein idealisches Glück soll sie Dir gewähren, wenn Dir die simpelste Schattenseite jedes intimen Verhältnisses: zwei Köpfe, die bisweilen ein wenig Mühe und Arbeit haben, um sich unter einen Hut zu bringen, -- wie ein gramwerthes Unglück erscheint? Da beklag’ ich Dich, mein Alter! und noch mehr beklag’ ich die Agathe. Sei doch nicht so ungerecht, von ihr zu begehren, daß sie zu Allem, was Du thust, denkst, sprichst, wünschest, ein willenloses Ja sage.“
„Das begehre ich keinesweges!“ rief Sigismund erstaunt; „wie kannst Du das von mir glauben! Aber ich will nur keinen Zank, keinen Streit, keine Heftigkeit, keine Vorwürfe, keinen Hader“ .... --
„Dann laß Dir eine Wachsfigur antrauen, denn eine solche Frau existirt nicht.“
„Aber ich verlange ja von meiner Seite ganz dasselbe! ich begehre ja nichts von ihr, was ich nicht bereit wäre für sie zu thun!“
„Ach Du willst urplötzlich in die Vollkommenheit hineinspringen!“ sagte Friedrich gleichmüthig. „Das ist so eine ächte Bräutigamslaune, die Du drei Wochen nach der Hochzeit total vergessen hast.“
„So wiederhol’ ich Dir, daß mich das sehr betrübt,“ sagte Sigismund ernst.
„Du mißverstehst mich absichtlich!“ rief Friedrich ungeduldig. „Niemand ist mehr als ich der Meinung, daß man sich in jedem Verhältniß bemühen müsse, brav und tüchtig zu sein; nur muß man dabei die menschliche Natur, die bürgerlichen Einrichtungen im Auge behalten, und sich nicht einbilden, urplötzlich, durch den Zauberspruch des gewechselten Ringes, das Kleid des Alltagmenschen, das wir vielleicht dreißig Jahr getragen haben, mit dem idealen Gewande eines Halbgotts vertauschen zu können. Das werden wir eben so wenig, als das arme junge Mädchen, das wir heirathen, ein Engel wird. Aber eine brave und treue Frau und eine sorgsame Mutter kann sie werden, und uns dadurch so glücklich machen, wie der Mensch es nur sein kann, und wie ich es mit Deiner Schwester bin.“
Indem kratzte etwas an der Thür. Sigismund öffnete. Es waren die beiden Knaben, welche Auguste schickte, um die Männer zum Speisen rufen zu lassen.
„Nun, Ihr Buben,“ sagte der Vater freundlich, „habt Ihr Euch denn auch mit einander vertragen?“
In Kinderseelen wechseln die Affecte mit solcher Blitzesschnelle, wie Erwachsene es sich gar nicht vorstellen können. Die Knaben hatten nicht daran gedacht, sich wieder zu vertragen, weil sie vergessen, daß sie sich verzankt hatten. Als aber der Vater sie daran erinnerte, umarmten und küßten sie sich mit jener unnachahmlichen Lieblichkeit der Bewegungen und des Ausdrucks, welche fast allen Menschen als Kind, und später höchstens einer oder der andern Frau eigen ist.
„So macht man’s, um sich zu versöhnen, wenn man sich gezankt hat,“ sprach Friedrich und nahm seinen Schwager lachend unter den Arm, während Sigismund nicht umhin konnte, bei dieser Erklärung an die Definition einer glücklichen Ehe zu denken, die ihm vorhin schon in den Sinn gekommen war.
Es wäre nicht freundlich gewesen, wenn er nicht bei seiner Schwester zu Mittag gegessen hätte; aber es that ihm doch leid, Agathe in Thränen verlassen zu haben, und sie jetzt mehre Stunden nicht zu sehen. Wenn der Nachtfrost den Abendthau auf den Blumen in Eistropfen verwandelt, so erfrieren die armen Blumen. Es geht auch zuweilen mit Thränen so. Während sie bei Tische waren, bekam Auguste einen Brief von der Mutter mit Beilagen von den Geschwistern. Die Schwester war im ersten Wochenbett, und schrieb glückselig über ihr Kind. Der jüngste Bruder hatte sein erstes Duell auf der Universität gehabt, war im kleinen Finger verwundet, und schrieb ebenso glückselig über diese Wunde. Der andere Bruder schrieb traurig, niedergeschlagen, man wußte nicht warum; die Mutter wußte es auch nicht; das machte solchen Contrast mit den zwei Jubelbriefen -- Contraste, an denen das Leben so reich ist. Sigismund und Auguste vertieften sich ganz in die Briefe, und in Plaudereien und Muthmaßungen über deren verschiedenen Inhalt. Wenn das Gespräch innig und lebhaft ist, vergeht die Zeit gar schnell. Dem Doctor wurde sein Wagen gemeldet, um die gewohnte Abendrundfahrt bei den Kranken zu machen. Sigismund erschrak, daß es schon so spät sei. Er lief zu Agathen. Er kam an einem Blumenladen vorüber; er trat hinein, um irgend eine recht schöne Blume für sie zu kaufen. Das Prachtstück des Magazins, worauf sein Auge sogleich fiel und haften blieb, war ein Topf voll wunderschöner blaßrother Camellien. Keine Blume auf der Welt kam ihm so schön vor, als die blaßrothe Camellie, seit er sie in Toscas Locken gesehen. Er kaufte den Topf und ließ ihn sich nachtragen, und ganz heiter kam er zu Agathen.
Sie empfing ihn eiskalt. Sein Benehmen, sein steter Wechsel von Freundlichkeit und Gleichgültigkeit, heut früh die dringende Hast, darauf die Apathie, und dann gewisse Räthsel oder Falten in seiner Seele, die sie nicht zu ergründen vermogte -- das Alles schien ihr so unbehaglich, so launenhaft, so ganz unähnlich dem ernst ruhigen Sigismund, den sie bis dahin gekannt, daß sie zu sich selbst sprach: „Es ist etwas Fremdes in ihn hineingedrungen, und das Fremde, mir Unverständliche, ist mir feindlich; so lange also das in ihm ist, muß er mir fern bleiben.“ -- Aber der Schmerz, den sie über diese Erkenntniß oder über ihren Entschluß empfand, machte sie herb und streng. Nur schmerzgeprüfte Seelen, nur solche, die den Schmerz wie einen Segen empfangen, ganz still, ganz klagelos, aber die sich dennoch von ihm weder beugen noch brechen lassen, nur die macht er mild. Und wie kann man von dem unerfahrnen, auf Glück rechnenden jungen Gemüth erwarten, daß der erste Schmerz es schon so reif mache?
„Da bin ich, liebe Agathe,“ sprach Sigismund freundlich, „und bringe Dir eine Blume mit, die Deinen Platz dort im Fenster in die prächtigste Laube verwandeln wird.“
Er ließ die Camellie hinstellen, und rückte sie sorgsam zurecht, um sie schön zu präsentiren.
„Ich danke Dir,“ sagte Agathe.
Er erzählte ihr darauf von den Briefen der Seinigen und Agathe war froh, daß er sprach, und von einem Gegenstand, der ihm lieb war, und daß sie schweigen, oder höchstens eine Frage thun durfte, um die Unterhaltung nicht fallen zu lassen. Sie sah so heftig verweint aus, daß Sigismund erschrak, als Licht in das dämmerige Zimmer gebracht wurde. „Aber sie wird sich grämen, vielleicht krank werden, vielleicht sterben .... Gott, mein Gott! sie wird sich fürchterlich grämen, wenn es zum Bruch zwischen uns kommt!“ dachte er heimlich, indem er sie unsäglich traurig ansah. Vor wenig Stunden hatte er es für eine Unmöglichkeit gehalten, sie zu heirathen; jetzt, dieser lieben, stillen Gestalt gegenüber, schien es ihm noch unmöglicher. Sie gefiel ihm, er hatte sie lieb, so wie am Ende jeder Mann ein wunderhübsches, anmuthiges, junges Mädchen, das ihn von ganzer Seele liebt, lieb hat; aber weder in ihrem Wesen, noch in ihrer Erscheinung lag etwas Hinreißendes für ihn. Agathe war keine Macht für Sigismund. Er konnte mit ihr gehen, ihr entgegenkommen; doch niemals -- ihr folgen! niemals in dem Drang, in der Nothwendigkeit ihr folgen zu müssen, und nicht zu sollen, nicht zu dürfen, Qual und Befriedigung finden. Er fühlte sich nicht ~ihr~ unterworfen, sondern seinem Wort, und durch nichts an sie gefesselt, als durch die Pflicht. „Aber Wort und Pflicht einer Frau, einem jungen Mädchen gegenüber -- sind hochheilig!“ sprach er leise.
Wie das manchen Personen geht: wenn sie traurig sind, sehen sie statt dessen verdrießlich aus, so ging es auch Agathen. Es kommt darauf an, wohin der Ausdruck der Trauer sich flüchtet. Ist es in die Augen -- ich meine nicht blos in den Blick -- sondern in die ganze Umgebung, in die Augenhöhle, Braunen, Lieder: so kann er von unbeschreiblich schöner Melancholie sein; ist es auf die Stirn, so wird er meistens streng und finster sein, wie die Knochen, die Falten das mit sich bringen; ist es um Mund und Wangen, so herrscht die Verdrießlichkeit vor, und das macht sehr unschön. Agathe stellte sich so unvortheilhaft als möglich dar; und grade das rührte Sigismund, denn er stellte sich vor, wie schwer und bitter das arme junge Herz zerwühlt sein müsse, um zu diesem ihm so fremden Ausdruck zu kommen.
„Agathe,“ sagte er plötzlich, „vergieb mir.“
Manchen Menschen ist nichts in der Welt geläufiger, als zu sagen: „Vergieb mir!“ Ob sie Jemand auf den Fuß, oder aufs Herz treten -- sie sagen ganz unbefangen: „Vergebung! es thut mir sehr leid! es soll nicht wieder geschehen!“ etc. und damit haben sie Alles gut gemacht nach ihrer Meinung, und nach drei Tagen beginnt dieselbe Geschichte von Neuem. Ich bin für die Menschen, die ~nicht~ um Vergebung bitten, und sich dafür in Acht nehmen, nicht wieder Andern weh zu thun. Aber es giebt doch Momente und Menschen, wo es sehr schön und sehr stark ist, wenn man die Bitte um Vergebung ausspricht, und eine solche muß man immer erhören.
Freilich muß man tiefe Erkenntniß seiner selbst sowol als des Andern haben, um zu wissen, ob sie am rechten Ort ist, um zu erwägen, welche Selbstüberwindung, welch Opfer sie kostet. Die arme Agathe hatte nie Gelegenheit gehabt, das zu ermessen. Sie hatte wol tausend Mal im Leben die Mutter um Vergebung gebeten, die Lehrer, die Gespielinnen, um kleiner armseliger Vergehen willen; und unter dem Einfluß dieser Erinnerungen, des Flacons gedenkend, der getrockneten Blume, des Namens Tosca Beiron, der Fieberhast des heutigen Morgens, rief sie ganz trostlos:
„O Sigismund, was hast Du denn gethan?“
„Gethan!“ sagte Sigismund fürchterlich verletzt; „o ganz und gar nichts, liebe Agathe.“
„Weshalb bittest Du mich denn um Verzeihung?“
„Du hast geweint, Agathe, und siehst betrübt aus -- da denk’ ich, daß das meine Schuld sein muß.“
Das hätte Agathe annehmen sollen. So etwas sagt ein Mann selten, und sagt es nie zum zweiten Mal. Aber Agathe hätte begehrt die ganze Geschichte von dem Flacon, von der getrockneten Blume, von Tosca Beiron, von Allem, was ihr seit zwei Tagen verwirrend durch den Kopf ging. Als sie hörte, daß nur von ihrer Betrübniß die Rede war, sagte sie kalt:
„Ich verstehe Dich nicht, Sigismund!“ -- und setzte dann abbrechend hinzu, indem sie zur Camellie trat: „Eine prächtige Blume, aber recht stolz, recht kalt ... findest Du nicht?“
„Die Rose ist allerdings lieblicher,“ sagte er sanft; aber seine gerührte Stimmung war dahin.
Die Justizräthin kam herein und sagte froh und neckend:
„Ah, da sind Sie, mein lieber Forster, das ist gut! ich dachte schon, Sie wären in Ihrem Raptus von heute früh auf und davon gefahren. Mit den Dampfwagen ist das jetzt so, daß man im Nu verschwinden und hundert Meilen von einander sein kann, ohne daß der Andre eine Ahnung davon hat. Jetzt wollen wir ein wenig von Ihrer künftigen Einrichtung reden. Heute morgen waren Sie gar nicht dazu aufgelegt, und ich versichere Sie, daß es noch ganz entsetzlich viel zu bedenken und zu besprechen, zu beschaffen und zu thun gibt bis zur Hochzeit.“
„Sie haben ganz recht, Frau Justizräthin, und nichts kann wichtiger für mich sein,“ entgegnete Sigismund geduldig und freundlich, und setzte sich zu ihr, um mit ihr Berathungen zu pflegen. Agathe setzte sich auch an den Tisch, aber mit ihrer Arbeit, obwol sie wußte, daß Sigismund es unerträglich fand. Er meinte, Abends, wenn man traulich beisammen sitzt, um zu plaudern, da dürften die Hände ruhen und das Tagewerk sei vollbracht. Stricken -- das ließ er noch gelten; das beschäftigt nicht die Gedanken, läßt das Auge, das Gesicht frei, verkrümmt nicht die Haltung; stricken ist ebenso mechanisch, als mit dem Fächer oder der Lorgnette spielen; aber zu nähenden Frauen zu reden, die gesenkten Hauptes dasitzen, und mit Nähnadel und Faden in den Lüften herumfahren, -- das war ihm ein Greuel. Agathe wollte ihn aber nicht ansehen, ein wenig um ihn zu strafen, ein wenig -- weil sie eben verdrießlich war. Sie umbaute sich mit Arbeitskästchen und Körben, und nähte. Zuweilen blickte sie beobachtend auf ihn, und horchte genau auf die Inflexionen seiner Stimme. Zuweilen, wenn er gradezu das Wort an sie richtete, sah sie ihn an, aber gleichsam nur gezwungen durch seine Auffoderung. Ganz unwillkürlich stellte sich für Sigismund Toscas Bild, wie er sie am letzten Abend gesehen, neben Agathe, und wurde immer heller und heller. Wie hatte er einst sie verletzt, sie, die Schöne, die Gefeierte, und in ihrem zartesten, ihr selbst fast unbewußten Gefühl, und welch einen stillen _Mater dolorosa_-Blick hatte sie ihm dafür zugeworfen! und welch einen heiligen und heiligenden damals, als er sie fragte: „Und nun?“ Und welche Seele wohnte überhaupt in dieser Frau, um in so schwierigen Verhältnissen, wie die ihrigen unleugbar waren, zwischen den Verlockungen der Welt und den Vorspiegelungen der Eitelkeit, in dieser wundervollen, unangetasteten Klarheit zu bleiben. Bei zwanzig Jahren ein Engel zu sein -- das ist sehr leicht; bei dreißig -- sehr schwer. Allmälig gingen all’ seine Gedanken zu ihr. Er schob Ja und Nein, ganz gewiß! und: meinen Sie? mit mechanischer Geläufigkeit zwischen die Auseinandersetzungen der Justizräthin, aber seine ganze Seele war bei ihr, der Frühgeliebten, der Verlornen, der Wiedergefundenen, der Einzig- und Ewiggeliebten. Und jetzt, grade jetzt, wo sie nicht da war, wo ihr Blick sich nicht wie eine Sonne über ihn legte, wo ihr Lächeln ihm nicht Morgenröthe und Gestirne vors Auge und in die Seele zauberte -- jetzt, mit dem ungestörten klaren Gedanken an sie, jetzt war’s erst recht, als ob die Liebe ihre stillen und unlöschbaren Naphthaquellen in ihm erschließe.
„Liebe Mutter, Du ermüdest Sigismund,“ sagte Agathe plötzlich zur Justizräthin.
„Das ist wahr!“ rief diese gutmüthig; „wenn man in Einzelheiten übergeht und auf Kleinigkeiten kommt, so sind die Männer gleich gelangweilt. Merke Dir das, mein liebes Kind. Aber hast Du denn schon heute dem Sigismund etwas vorgespielt?“
„Ja,“ sagte Agathe trocken.
„Nicht genug,“ sagte Sigismund.
„Es ist gewiß ein hübsches Talent, das meine Agathe hat,“ fuhr die Justizräthin fort, „und das allerangenehmste fürs Haus. Musik erheitert Alle; jedes andre Talent nur den, der es treibt. Was hat der Mann davon, wenn die Frau schön malt, oder schön dichtet? nichts als Langeweile in den Stunden, die ihr sehr kurz und sehr angenehm scheinen. Musik allein verbindet die Herzen; jedes andre Talent scheidet sie.“
Zu dieser etwas einseitigen, d. h. mütterlichen Lobpreisung des Talentes ihrer Tochter lächelte Sigismund und bat Agathe, ein wenig Musik zu machen.
„Soll ich singen oder spielen?“ fragte sie und stand bereitwillig auf, ganz froh, seinen Gedanken eine andre Richtung geben zu dürfen.
„Ich bitte Dich -- singe, liebe Agathe,“ sprach er.
Sie blätterte in ihren Noten; wählte und sang. Ihr erster Ton traf sein Herz wie ein elektrischer Schlag. Es war Schuberts Ave Maria. Eine Musik, die wir in gewissen Momenten gehört haben, und die uns damals durch ihre Uebereinstimmung oder durch ihren Contrast mit unsrer Stimmung frappirte, werden wir nie wieder hören, ohne in jene Stimmung zurückversetzt zu werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal in Baden bei Wien, auf der Straße, unter meinem Fenster, von einer vorübergehenden frischen jungen Stimme ganz gedankenlos: „Freut euch des Lebens“ singen hörte. Seitdem, wenn ich das Lied höre, gar nur an die Melodie denke, geht mir ein Schauer durch die Seele, Thränen treten mir in die Augen, und ich meine, nie ein melancholischeres gehört zu haben. Doch ist es nur _tout bonnement_ ein Gassenhauer. Was uns trifft -- sei’s ein Sandkorn, sei’s eine Krone -- hat keine Bedeutung für uns. Wie es uns trifft, darin liegt das Gewicht! das kann den Sandkorn zum Montblanc machen, wie es den Gassenhauer zum Grablied macht.
Sigismund wagte nicht, Agathe zu stören.
„Das ist ein überwältigendes Lied,“ sagte er nachdem sie geendet.
„Meinst Du wegen der Composition, oder weil Du es neulich gehört hast?“ fragte sie.
„Woher weißt Du, daß ich’s gehört habe?“ rief er ganz erstaunt, denn er dachte an Tosca.
„Du sagtest, nichts in dem ganzen Conzert habe Dir so hinreißend geschienen.“
„Das ist wahr,“ sprach er zerstreut; „es mag also wol sein, weil ich es gehört habe und nicht wegen der Composition.“
Agathe spielte und sang noch Einiges; der Abend ging hin. In der Frühe des nächsten Morgens wollte Sigismund wieder abreisen. Er sagte es.
„Du kommst wol fürs Erste nicht wieder?“ fragte Agathe.
„Wenn es Dir keine Freude macht, gewiß nicht,“ sagte Sigismund.
„Mein Gott, liebster Forster! wie sollt’ es der Agathe keine Freude machen!“ rief die Justizräthin ganz erstaunt über den kühlen Ton der beiden Verlobten. Sie sah erst Sigismund, dann ihre Tochter an, und fragte endlich besorgt: „Aber was ist denn zwischen Euch vorgefallen?“