Sigismund Forster

Part 12

Chapter 123,757 wordsPublic domain

Wie vorhin Agathens Frage: „Was hast Du gethan?“ -- ebenso erkältend traf die der Justizräthin auf Sigismund. Er wunderte sich, daß die Frauen so positiv im Inquiriren sind, und das mißfiel ihm über alle Maßen. Eine fragende, spähende, forschende Schwiegermutter war der Schlußstein der Marterkammer, Ehe genannt, in die er heute einen andern Blick, als bisher, geworfen. Die Möglichkeit eines ungeheuern Glückes in ihr, zu deren Realisirung für ihn auch nicht die allergeringste Hoffnung da war, hatte sein Verlangen nach mittelmäßigem und alltäglichem Glück für immer ausgelöscht. Vorgefallen aber, wie die Justizräthin sagte, war nichts, gar nichts. Nur sein Herz war näher zu Tosca gedrungen -- sein äußeres Leben um kein Haar breit. Er beantwortete nicht die Frage der Justizräthin; er sprach ebensowenig davon, daß und wann er wiederkommen werde. Er sprach allerlei Oberflächlichkeiten, wie man thut, um die Zeit hinzubringen. Dann nahm er Abschied mit trauriger Freundlichkeit. Er fühlte -- es war aus und vorbei.

Als die Thür hinter ihm zugefallen war, sank Agathe der Justizräthin in die Arme und rief in lauter Verzweiflung:

„Mutter, o Mutter, er liebt mich nicht!“ -- --

„Die Schwankungen in mir müssen aufhören,“ dachte Sigismund in dieser Nacht. „Es ist ja ganz miserabel, die Sachen um acht Uhr anders zu sehen, als um sieben, und um neun wieder anders. Ich breche mein Wort, ich thue Agathen weh, ich zerstöre ihr und mir das ruhige Leben, welches ich so friedlich für uns zu begründen hoffte, ich stelle mich vor der Welt als ein wankelmüthiger, leichtsinniger Mensch dar -- und das Alles .... um mich nicht in Zwiespalt mit meinem Gefühl zu bringen. Ist das Gefühl solcher Opfer werth? werde ich nie bedauern, nie bereuen, sie gebracht zu haben? Nicht heut, nicht morgen -- aber in zehn oder zwanzig Jahren? Reue thut weh, und das Leben ist lang .... lang und einsam ohne Liebe, ohne ~die~ Liebe, die Hütten bauen läßt.“

Das sagte er sich Alles, ernst, überlegt, gelassen. Er führte sich Agathe vor, wie sie war, lieb und gut, jung und schmiegsam, bereit Alles zu sein, zu werden, was er wünschte; wie sie auf keine Weise die bittere Kränkung, den tiefen Schmerz verschuldet hatte, die sie bedrohten; wie er vielleicht ihre ganze Zukunft in Grund und Boden verderbe, indem er ihre Zuversicht auf die Treue, ihren Glauben an Liebe untergrabe. Aber immer und immer kam er auf den Schluß zurück: Es ist doch unmöglich, meine Hand Agathen zu geben, während mein Blick ~sie~ sucht und, wenn nicht außer mir, doch ewig in mir sie findet. Denn in mir -- da hat sie gelebt, die langen, langen Jahre hindurch, und nur zuletzt .... geschlafen, eingewiegt von dem monotonen Geschwirr des Lebens, das mich umfing. Hätte ~sie~ nicht immer in mir gelebt, wie würde sie denn urplötzlich so göttlich lebendig geworden sein? Es giebt Menschen, in denen lebt nichts; deshalb können sie für Alles leben, was außerhalb ihnen liegt. Andre fühlen sich gedrungen ~für~ das zu leben, was ~in~ ihnen lebt; die nennt man thöricht, oder egoistisch, oder ... groß, je nachdem ihre Wesenheit sich an ihrer inwohnenden Idee ausbildet. Die Größe giebt Gott seinen Begnadigten; die erwirbt man nicht, man empfängt sie nur. Aber tüchtig kann man auf seine eigene Hand werden; auch wenn man seinen Ideen nachgeht, auch wenn es thöricht aussieht. Und egoistisch? wer sich elend fühlt, und ein fremdes Wesen an dies Bewußtsein schmiedet, macht es um so elender, je zarter es empfindet, und bei zwanzig Jahren wiegen ein Paar Tage voll Schmerz nicht so schwer, als bei vierzig ein Leben voll Bitterkeit, Mißstimmung und Jammer. Und egoistisch? ich erreiche nichts, ich gewinne nichts! ~sie~ denkt nicht an mich. Aber ich, o Gott, bin frei, an sie denken zu dürfen.

Er versuchte sogleich an Agathe zu schreiben. Doch Herz und Hand zitterten ihm. Es ist ein fürchterlicher Entschluß für einen besonnenen Menschen, einem Unschuldigen weh zu thun. Auch schien es ihm gar so übereilt. Er verbrannte den Brief. Drei Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin wollte er lieber schreiben. Es kam ihm kein Zweifel ein, daß auch dann sein Brief in demselben Sinne lauten würde, denn sein Herz war wie erfroren gegen Agathe. Er hatte sie im Schmerz gesehen: das ist ein scharfer Probirstein für die Seelen. Die Freude nicht! ihrer Natur nach verklärt sie, so wie der Schmerz seiner Natur nach verdüstert. Wie stralend muß die Seele beschaffen sein, welche mit ihrem Licht die Verdüsterung des Schmerzes besiegt. Als er im Ausbruch des tiefsten und wahrsten Gefühls sie um Vergebung bat, da fragte Agathe: „Was hast Du gethan?“ -- und vergab nicht, und blieb verdrießlich. Das ist das Uebelste, was eine Frau thun kann. Die Verdrießlichkeit ist etwas so ganz Unerträgliches, daß ihr gegenüber der Mann sich selbst ganz gerechtfertigt vorkommt, auch wenn er weiß Gott was für Unthaten begangen hätte.

Tags darauf ging Sigismund Forster von der Eisenbahn kommend die Linden herauf. Er ging unter den Bäumen. Er sah sich nicht um, als auf dem Reitweg rasches Pferdegetrappel erscholl, aber als Tosca Beiron, ihr Pferd an die Barriere lenkend, ihm zurief:

„Guten Morgen! aber schönen guten Morgen!“

Da mußte er freilich aufsehen. Er that’s; er nahm den Hut ab. Es war ihm eine selige Befriedigung so, mit diesem Zeichen der Ergebenheit, und zu ihr emporschauend, vor ihr stehen zu dürfen. Sein erstes Gefühl ihr gegenüber war, wie einst, das der unermeßlichsten Bewunderung; nur aber war es nicht, wie einst, in das kleine Wort zu fassen: sie ist schön! sondern -- in gar keines.

„Wie geht’s denn?“ fragte sie.

Er antwortete nicht. Er sah sie an -- wer kann sagen, mit welchem Blick!

Blitzschnell berührte sie den Hals ihres Pferdes mit der Reitgerte und sprengte fort; Ignaz ihr nach.

Ignaz sagte zum General, als er mit Tosca bei ihm eintrat:

„Stellen Sie Sich vor, lieber Onkel, meine schöne Tante hat den Regierungsrath Forster entdeckt. Ja, ja, entdeckt! wir waren eben ins Brandenburger Thor hineingeritten, und er war ungefähr zwanzig Schritte von unserm Hause“ .... --

„Wie Sie übertreiben, Ignaz!“ rief sie lachend.

„Und, wohlverstanden, den Rücken uns zugewendet, als meine schöne Tante sich plötzlich, allen Polizeigesetzen zuwider, in Carriere setzt, oder, daß ich nicht übertreibe! _in train du chasse_, weil sie in dieser unerhörten Entfernung, unter diesen vielen Menschen, den Regierungsrath Forster erkannt hat -- vermuthlich mit einem sechsten oder siebenten Sinn, denn die gewöhnlichen fünf reichen unmöglich dazu aus -- und eben deshalb nannte ich diese Erkennung eine Entdeckung.“

„Ich war ganz neugierig, zu erfahren, was ihn so lange unsichtbar gemacht hat,“ -- sagte Tosca unwillkürlich, ein wenig verlegen und ein wenig unwahr; denn mogte sie auch noch so neugierig gewesen sein, als sie Sigismund gewahrte, empfand sie nichts -- als Freude.

„Nun? und was sagte er?“ fragte der General.

„Ich hatte nicht Zeit, ihn zu fragen,“ entgegnete sie noch etwas verlegener; „Ignaz ritt so rasch fort.“ ... --

„Ich? himmlische Tante! wie ein Lamm so ruhig verhielt ich mich neben Ihnen! Aber die Wahrheit ist, lieber Onkel, daß der Regierungsrath Forster nicht sehr bei Laune zu sein schien, und noch ernsthafter als gewöhnlich aussah. Da verlor meine schöne Tante die Geduld, und sprengte von dannen, wie sie gekommen war -- da es gewiß höchst verdrießlich ist, keine Antwort auf die freundlichsten Fragen zu erhalten.“

„Ignaz! was erfinden Sie für Geschichten!“ sprach Tosca lächelnd; aber sie sah ihn mißtrauisch an, nicht wissend, ob Scherz oder Bosheit im Spiel sei.

„Aber welch ein Scharfblick! aber welch ein Adlerauge!“ fuhr er fort; „woran erkannten Sie ihn nur? nicht wahr, am schwarzen Ueberrock und an den gelben Handschuhen, welche alle Welt genau so trägt?“

„Trägt; aber vermuthlich nicht ~so~ trägt,“ entgegnete sie gelassen; „denn am Gang und an der Haltung muß ich doch wol den Regierungsrath Forster erkannt haben, da Sie selbst ja meinen, an der Allerweltslivree von schwarzem Rock und gelben Handschuhen könne es nicht sein. Uebrigens wundre ich mich auch über mein scharfes Auge. Ich habe nie diese Fähigkeit in solchem Grad bei mir bemerkt.“

„Vielleicht weil Sie kein Interesse hatten, sie zu beachten.“

Sie sah ihm scharf in die Augen; sie fand darin den kleinen lauernden Ausdruck, den sie immer hatten, und an den sie dermaßen gewöhnt war, daß sie sich wunderte, wie sie ihn bemerkte; auf seinen Lippen lag sein gewohntes Lächeln, das, obgleich in Gewohnheit ausgeartet, dennoch auf seinem schönen Munde hübsch war. Es war nichts, gar nichts in dem Gesichte, was sie plötzlich hätte frappiren können. Sie sagte scherzend:

„Mein Ignaz, Sie sind neidisch.“

Er fuhr innerlich zusammen, und sprach mit unveränderter Miene: „Und wenn ich’s wäre?“

„So würde ich Ihnen rathen, den fatalen Fehler abzulegen,“ antwortete sie halb ernst, halb schelmisch, und ging ihrem Zimmer zu.

„Bleib hier, Tosca!“ rief der General, „und hadert noch ein wenig mit einander, liebe Kinder! ich versichere euch, daß nichts in der Welt mir ergötzlicher anzuhören ist.“

„Ich werfe nur das schwere Reitkleid ab,“ sagte Tosca.

Als sie nach zehn Minuten wiederkam, fand sie Besuch vor.

Am Abend, zur gewohnten Stunde, erschien Sigismund. Der General sagte freundlich:

„Wir haben Sie recht vermißt.“

„Und sind ganz besorgt um Ihr Verschwinden gewesen,“ sagte Ignaz noch freundlicher.

„Das ist viel,“ sagte Sigismund zum General und „Zu viel“ zu Ignaz.

„Und ist Ihre Arbeit gelungen?“ fragte Tosca.

„Welche Arbeit, gnädige Frau?“ entgegnete er.

„Nun die, welche Sie am Abend nach Liszts Conzert mit schwerem Herzen unternehmen wollten, und zu der ich Ihnen Glück zu! wünschte.“

„Ah die!“ rief er, plötzlich sich auf die Unterhaltung besinnend; -- „ja, gnädige Frau, ich schmeichle mir“ ...

„O wenn Schmeichelei dabei im Spiele ist, dann irrt man sich leicht!“ rief sie.

„Aber welch’ erstaunenswerthes Gedächtniß haben Sie,“ sagte Sigismund.

„Ja!“ rief Ignaz, „merkwürdige Gaben aller Art hat meine himmlische Tante, und es ist wirklich eine Gnade von Gott, daß er ihr ~eine~ versagt hat. Rathen Sie, Herr Regierungsrath, was das ist, ich bitte.“

„Sie werden es nie errathen,“ sagte Tosca und sah Sigismund vertrauend an.

„Ich bitte, rathen Sie doch!“ fuhr Ignaz fort; „was meinen Sie wol das meiner schönen Tante fehlen dürfte?“

„Ich wüßte nichts -- als Menschenkenntniß etwa,“ sagte Sigismund etwas trocken.

Der General neigte mit bejahender Zustimmung den Kopf, und Tosca rief sehr vergnügt:

„Mit dieser Lösung bin ich ungemein zufrieden, um so mehr da mein Mann ganz derselben Meinung ist. Nun, _beau neveu_, haben Sie noch Lust mit Ihrer Behauptung hervorzutreten?“

„Hervortreten? nein! denn ich könnte Ihnen doch am Ende damit etwas zu leide thun, schöne Tante; aber behaupten -- ja! in aller Demuth, versteht sich.“

Der kleine gewohnte Kreis fand sich zusammen. Ignaz ging fort. Sigismund nahm lebhaft an der Unterhaltung Theil, und es machte sich von selbst, daß er von seiner Fahrt nach Magdeburg, von seinem Besuch bei seiner Schwester erzählte, und dabei Tosca die Huldigung seines Schwagers darbrachte, welche dieser im Augenblick des Abschieds ihm dringend aufgetragen, mit der banalen Anhängselphrase: Falls sie sich noch meiner erinnert. Tosca nahm es dankbar an; sie freute sich bei der Gelegenheit erfahren zu haben, wo und bei wem er gewesen sei. Sigismund hatte gefühlt, daß sie das zu wissen wünsche. Nun ward er schweigsamer. Er versank in ein ihm ganz neues Glück: er fühlte sich innerlichst frei, frei sie anbeten zu dürfen, und er dachte mit tiefster Aufrichtigkeit, daß, wenn er sie alle Abend in seinem Leben so wie heute sehen dürfe, so fehle ihm nichts, um glücklich zu sein. Sie war gar nicht übernatürlich geistreich, sie hatte auch keine ungewöhnliche Talente, sie war schön -- wie man es bei dreißig Jahren sein kann. Aber wie sie ist, so ist sie ein Lichtgeist, der nicht unsrer Zeit und unsrer Welt angehört! -- dachte Sigismund -- und welche himmlische Gabe könnte ihr fehlen? was Ignaz Mangel nennt, ist gewiß nur eine Herrlichkeit mehr. Zuletzt schwieg er ganz. Die Minuten, in welchen er sie hören und sehen durfte, kamen ihm wie Jahrhunderte vor, zu wichtig, zu inhaltschwer, um oberflächliche Worte in sie zu verflechten.

Es sollte eine Schachpartie organisirt werden; der General sah ihr gern zu. Sigismund wechselte seinen Platz mit einem der Anwesenden, und setzte sich zu Tosca, welche die in seinen Augen wundervolle Gewohnheit hatte, Abends niemals Tapisserie zu nähen. Sie sagte freundlich:

„Ich werde Sie bei Gelegenheit um mein kleines blaues Flacon bitten.“

„Ach Gott!“ rief er, „das ist zerbrochen.“

Er hatte ganz und gar das unglückliche Flacon vergessen, und daß Tosca daran ein Recht habe. Die Aufrichtigkeit in seinem Ton überzeugte sie.

„Nun wenn’s zerbrochen ist, so ist’s gut!“ sagte sie beruhigend.

„Sie würden es mir also nicht lassen?“

„Ich weiß, daß Sie Sich nichts aus kleinen Geschenken machen,“ erwiderte sie mit heiter spöttischem Lächeln.

„Gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund ganz ernsthaft, „wenn man einmal huld- und gnadenreich Vergebung der Sünden ertheilt hat, so darf man nicht mehr auf sie zurückkommen. Das heißt nutzlos martern.“

„Da haben Sie wol Recht,“ antwortete sie sanft, „aber ich scherzte nur, denn glauben Sie mir, es ist kein Vorwurf mehr in meiner Seele, nur Dank.“

„Dank, weil ich Ihnen Schmerz gemacht?“ fragte er ungläubig.

„Als der Schmerz über mich kam, da nahm ich mir vor, besser zu werden als ich war, damit mich künftig kein ähnlicher treffen möge; denn in all’ unsern Schmerzen liegt eine ganz heimliche, ganz kleine, oft vor uns selbst verborgene Schuld. Je besser der Mensch, um desto weniger Schmerz hat er, weil innerer Vorwurf der Giftzahn des Schmerzes ist -- und keinen Schmerz hat er, der ihn zernichtet. Ich denke doch ein wenig tüchtiger geworden zu sein, als ich damals war, und ist es da nicht sehr natürlich, demjenigen Dank zu wissen, der mir dazu geholfen hat?“

„Mit diesen Gefühlen wird man Märtyrin,“ sagte Sigismund, der es besser fand, im Scherz als im Ernst zu antworten.

„O behüte!“ rief sie, „um das zu werden, müssen sich diese Gefühle einzig und allein Gott zuwenden.“

„Wenn ich Sie reden höre, so gut, so klar, so einfach, so wünschte ich wol von Graf Adlercron zu erfahren, welche Vollkommenheit Ihnen fehlen sollte.“

„Er meint, daß ich kein Herz hätte,“ sagte sie unbefangen.

„Da ist er im großen Irrthum!“ rief er.

„Nicht wahr?“ fragte sie; und mit wundervoller Klarheit legten sich ihre Blicke auf sein Auge.

„Ich meine, daß Sie es da haben, wohin es gehört -- und nirgends sonst,“ sagte Sigismund fast feierlich.

„Haben Sie zu vielen Menschen so tiefes Vertrauen?“ fragte Tosca.

„Nein, o nein!“ rief er rasch; „nur zu Ihnen ... denn ein Character, wie der Ihre, rechtfertigt jede Zuversicht dieser Art“ -- setzte er gefaßter hinzu.

Seine Worte, sein Ton, sein Ausdruck fielen tief und stark in ihre Seele; sie meinte plötzlich in sich eine Schatzkammer von ungeahnten Reichthümern gewahr zu werden, und um sich eine Frühlingswelt voll duftender, glänzender, freudiger Blüten. Es überlief sie der wundersam geheimnißvolle Schauer, der über uns hinrieselt, wenn wir fühlen, ohne es zu denken, daß unserm innerlichsten Leben eine Krisis bevorsteht. Es ist, als hörten wir die Würfel fallen, die den Gang unsrer zukünftigen Schicksale bezeichnen, und wir schauern in uns selbst zusammen, wie die alten Propheten, wenn der Finger Gottes sie berührte. Ja, sie waren mächtig, die alten Propheten, mit tiefsinnigem Blick, mit weisheitvollen Lippen, sie wußten die Geschicke der Völker und die Umwandlungen der Welt; -- und wir sind schwach und blind! aber wenn der Finger Gottes uns berührt, so sind wir Alle gleich klein oder gleich groß; -- und er berührt Jeden von uns.

Mit bewundernswerther Kraft deckte Tosca, wie eine Nonne mit ihrem Schleier, ihre mächtige Bewegung zu, und sagte in ihrer heitern Weise, die Ignaz, nur weil er herzensunkundig war, herzlos nannte, und ohne Sigismund anzusehen:

„Ah! ich hab’ also einen Character! das ist mir lieb zu erfahren! ich gesteh’ Ihnen, ich hab’ ihn mir nicht zugetraut.“

„Das ist die Art und Weise tüchtiger Menschen: sie sind, sie haben; allein sie trauen es sich nicht zu.“

„Sagen Sie mir nicht solche Sachen!“ rief sie fast ungeduldig; „oder sagen Sie sie in einem Ton, womit man Fadaisen zu sagen pflegt! denn jetzt mit Ihrem ernsten Ton gesprochen, da machen Sie mich am Ende glauben, daß Sie aus Ueberzeugung sprechen.“

„Und das ist’s grade, was ich wünsche und was Sie, gnädige Frau .... sollt’ ich meinen, wünschen müßten. Man hört und sagt so unermeßlich viel Fadaisen, daß man ihrer, nach einer Reihe von Jahren, so überdrüssig wird, wie gewisser allzu süßer Speisen.“

„Sie sind aber wirklich nicht für die Fadaisen, das merk’ ich!“ rief Tosca lachend. „Wer in aller Welt hat je zu einer Frau, die sich einbildet noch sehr schön und sehr jung zu sein, von ‚einer Reihe von Jahren’ gesprochen?“

„Sie sind so ganz anders, als die Frauen zu sein pflegen, daß man unwillkürlich auch anders zu Ihnen redet, freier, zuversichtlicher, des Verständnisses gewisser -- und daher unbefangen.“

„Und das Alles zu Ehren meines Characters?“

„Ja, denn er ist das, was ich am höchsten im Menschen schätze.“

„Ach,“ sagte Tosca mit einem leichten Seufzer, „er mag doch schwer durchzuführen sein, ein Character, sobald das Leben schwer wird. Was am Morgen leicht war, kann am Mittag mühselig sein! wie schwierig, unter allen Umständen immer Dasselbe zu thun!“

„Nicht -- immer Dasselbe thun, das kann auch der urtheil- und einsichtslose Eigensinn. Aber -- immer das Rechte thun, unter allen Umständen: das macht den Character.“

„Haben Sie Character?“ fragte sie mit gedankenvollem Ernst.

„Gnädige, Frau, Sie selbst wissen am Besten, daß ich keineswegs zu jeder Zeit das Rechte gethan,“ erwiderte er lächelnd.

„O ich denke nicht an die Kindergeschichten!“ rief sie ungeduldig.

„Sie bereiten doch vielleicht den Character vor,“ antwortete er gelassen. „Trotz, Eigensinn, Uebermuth können wohldurcharbeitet zum Character heraufgebildet werden, und undurcharbeitet ein wüstes Chaos bleiben.“

„Nun? und Sie?“

„Ich arbeite!“ sagte er.

Sie blickte ihn an; sein ungewöhnlich strenger Ausdruck überraschte sie. „O Verzeihung, wenn ich Ihnen weh gethan!“ sprach sie schüchtern.

„Sie thun mir nie anders als wohl,“ erwiederte er, und ein Lächeln glitt in seine Augen, ohne bis zu den Lippen herab zu steigen.

Tosca schlug die ihren zu Boden und fragte: „Reiten Sie nie spazieren?“

Es ist bedenklich, wenn so abgebrochene und unzusammenhängende Fragen plötzlich ins Gespräch hineinspringen, weil sie eben zeigen, daß es durchaus unterbrochen werden soll.

Sigismund kam und ging, und ging und kam. Er hatte in diesen Tagen keine Gelegenheit zu einer besondern Unterhaltung mit Tosca. Er fand sie immer allein mit ihrem Mann; aber grade dann kam sie ihm am allerbewundernswerthesten vor. Immer die gleiche freundliche Laune, immer das liebe herzliche Wort, und eine Geschicklichkeit ohne Gleichen, um den Gesprächen die Wendung zu geben, welche dem General die liebste war. Gottes Engel müssen so klar, so mild aussehen -- dachte Sigismund -- aber ist es denn möglich, daß dies zarte, schöne, tiefe Herz nichts geliebt hat, als die Pflicht?

Ihn hatte es geliebt, und nach ihm -- die Pflicht; sonst nichts. Seelen wie Tosca sind aus einem Stück. Sie lieben ganz, ~wenn~ sie lieben und ~was~ sie lieben, ohne zu handeln, zu feilschen, oder Concessionen zu machen. Sie sehen stolz aus, weil sie hoch -- und kalt, weil sie tief sind; wenigstens urtheilen so die oberflächlichen, an die gewöhnlichen Allüren gewohnten Menschen. „Sie ist nicht stolz, sie ist nicht kalt,“ dachte Sigismund. Aber: „Mich hat sie geliebt!“ -- das wagte er nicht zu denken, denn das konnte bei einer Gesinnung, wie die ihre, wol heißen: „Und mich würde sie lieben.“

Der General befand sich so gut, wie lange nicht. Die Aerzte hatten nicht grade Hoffnung zur Genesung, aber doch zu einem bessern Zustand gegeben. Tosca sprach vom Frühling, von sommerlichen Reisen, um dem armen Kranken immer mehr Zuversicht einzuflößen, als ob es nur seines Entschlusses bedürfe, um in den Wagen zu steigen.

„Anfang April, gewiß! da werden wir abreisen können,“ sagte sie, „und nach dem Rhein -- nicht wahr? -- Dort ist’s am schönsten auf der ganzen Welt ... so weit ich sie kenne.“

Ein unsäglicher Schmerz legte sich wie eine Geierkralle auf Sigismunds Brust. Anfang April, da wollte sie gehen! wenn der Frühling kam, wollte sie fort, und dann sah er sie vielleicht nie wieder -- wahrscheinlich sogar. Dann sank das Leben wieder in die Schatten zurück, die sie, wie die Sonne, zertheilt hatte. Aber äußerlich ruhig sprach er mit ihr vom Rhein, von Bonn und vom Professor Zeller.

Später ging er auf sein Zimmer und schrieb:

„Agathe! Du ahnest gewiß, was ich Dir zu sagen habe. Nein! Sie wissen es, Agathe, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte. Vergebung. Aber es ist so: lieber kein Herz, als ein halbes. Das Leben führt uns bisweilen zu überraschenden Wendepunkten, von wo man die Dinge anders, in anderm Licht, in andrem Zusammenhang betrachtet. Das ist mir geschehen, und Sie haben es nur zu wohl bemerkt. Ein Name ist genannt, auch in Ihrer Gegenwart; ~der~ Name ist’s. Ich sage das, weil ich nicht lügen kann, noch mag, und weil ich wünsche, daß Sie mir nun auch glauben, wenn ich ferner sage: ~der~ Name zerstört meine Gegenwart, ohne mir eine Zukunft zu verheißen, und er hat nichts für mich gethan, als daß er, wie ein Gestirn, wieder aus dem Meer der Vergangenheit aufgetaucht ist. Weiter nichts! und auch ferner wird es heißen: weiter nichts! Sie sehen, ich weise das stille, schöne Glück, das Sie mir versprachen, nicht für die Hoffnung auf ein chimärisches Glück fort, sondern -- für gar keine. Es muß also wol aus Ueberzeugung sein. Aber ich fühle, daß ich Ihnen nichts Andres sagen kann und darf, als -- Vergebung! -- Sigismund Forster.“

Er versiegelte und adressirte den Brief. Am andern Tage wollte er ihn nach seiner Gewohnheit selbst auf die Post bringen. Eh das geschah, empfing er einen von der Justizräthin Gertner.

„Mein lieber Forster,“ schrieb sie, „da ich keine Ahnung davon habe, was eigentlich zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgefallen sein mag, und da Agathe mit unglaublicher Hartnäckigkeit darüber schweigt, so habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen, als das, was Agathe mir aufträgt. Sie bittet Sie, ihr binnen drei oder vier Wochen nicht zu schreiben, keine Zeile, kein Wort, und noch viel weniger herzukommen. Sie sagt: bis dahin werde sie ruhig sein und Ihnen schreiben, und dann würde Alles gut werden; doch jetzt könne sie nichts hören, nichts denken, nichts schreiben, nichts, gar nichts; und sie hofft, daß Sie diesen Wunsch ehren werden, indem Sie ihm nachkommen. Sie sei übrigens ganz wohl und gesund, läßt sie Ihnen sagen, und ich bestätige das, weil ich meine, daß Sie diese Beruhigung brauchen.“

Eine freudige Aufregung bemächtigte sich Sigismunds. Zwar that es ihm leid, daß der Brief an Agathe nicht auf der Stelle Alles zwischen ihm und ihr klar machen solle; aber der Gedanke, daß sie wahrscheinlich selbst die Vorstellung der gelösten Verbindung in sich keimen und wachsen lassen, daß sie selbst ihr Wort zurücknehmen wolle, machte ihn fast glücklich. Auf welche Weise der Bruch geschehen solle, je weniger peinlich und schmerzlich für Agathe -- desto willkommner ihm! und alle Eitelkeit, alle eigenliebige Härte, welche im Mann so mächtig sind, verstummten gänzlich vor der unsäglichen Freude -- frei zu werden ohne zerknickende Härte.