Sigismund Forster

Part 13

Chapter 133,826 wordsPublic domain

Er wollte hinaus, in die frische Luft, unter den heitern blauen Himmel. Ihm war, als höre er schon die Lerche ihren kleinen jubelnden Auferstehungsgesang tiriliren. Er sprang die Treppe hinab, und traf auf dem Vorsaal des ersten Stockwerks mit Tosca zusammen.

„Da bin ich!“ sagte er mit ganz besondrer Freudigkeit. Was lag ihm jetzt daran, ob sie einst fortging. Jetzt war sie da, und er bei ihr.

„Himmel!“ rief sie, „Sie sehen aus wie vor zwölf Jahren -- so gewissermaßen glückselig übermüthig.“

„Fahren Sie aus, gnädige Frau?“ fragte er, denn sie war im Pelz und ein Diener stand hinter ihr.

„Ich gehe aus, es ist so schön! ich muß in die Stadt, muß etwas kaufen für Ignaz, dessen Geburtstag morgen ist -- ich weiß nur nicht, was und nicht wo.“

„Darf ich Sie zu Rey führen?“

„O ja .... aber ich schäme mich Ihrer ein wenig, denn Sie sehen wahrlich aus, als hätten Sie nicht übel Lust, unter den Linden einen Freudensprung zu machen.“

Sigismund versicherte, ganz gesetzt einher wandeln zu wollen. Sie gingen zusammen aus. Es war ein prächtiger Wintertag. Lauter Krystall, und die Sonne durchfunkelte ihn. Und die Herzen waren auch frisch und hell wie Krystall, und die Aurora der Liebe dämmerte ihren bezaubernden Prismaschein in sie hinein. Aber sie sprachen von den allergleichgültigsten Dingen, und amüsirten sich dennoch vortrefflich. Ich gestehe, nichts hat mir einen höhern Begriff von der Zaubermacht der Liebe beigebracht, als die Bemerkung, daß wenn zwei Menschen unter ihr stehen, kluge, gescheute, geistreiche Menschen, die sonst ziemlich viel Aufwand von Verstand begehren oder machen, wenn sie sich bei einem Gespräch unterhalten sollen, -- daß die ganz befriedigt sind, und die Conversation vollkommen nach ihrem Geschmack zu finden scheinen, wenn der Eine spricht: „Heut ist schön Wetter!“ -- und der Andre antwortet: „O wunderschön.“ -- So gewiß ist’s, daß man nicht durch den Geist glücklich ist ... nur durch das Herz. Aber dennoch glaub’ ich auch, daß auf die Dauer ein wenig Geist der Liebe keinen Schaden thut. Sie hat nur so ihre kindlichen Momente, wo sie gleichsam in der Wiege liegt und lallt. Da ist sie noch nicht bis zum Geist, bis zum Bewußtsein vorgedrungen, da hat der Schmetterling erst eben seine Raupenhülle abgestreift, und die Schwingen noch nicht versucht; und da meint er noch, in dem Rosenkelch, wo er geboren sei, müsse er leben und sterben. Später wagt er denn doch den Flug, und bis zum Himmel hinauf; und dazu gehören denn freilich alle Kräfte der Psyche.

Tosca war nicht zufrieden mit den Sachen, die man ihr bei Rey zeigte. „Was soll ein Mann mit all solchen Kinkerlitzchen anfangen?“ fragte sie. „Lieben Sie dergleichen Kram?“

„Als Geschenke von lieben Händen -- sehr.“

„Das ist was Anders! auf dem Fuß steh’ ich nicht mit Ignaz. Warum lachen Sie?“ rief sie, als Sigismund nicht ein Lächeln unterdrücken konnte.

„Weil ich mich wundre, daß Sie Sich zu täuschen suchen. Sie wissen sehr wohl, welchen Werth Graf Adlercron auf Ihre Huld legt.“

„Ja, in wichtigen Dingen! aber bei solchem Plunder“ ....

„Für dies Gefühl giebt es keinen Plunder! die Krone oder der Bonbon sind von gleichem Werth.“

„Wenn ich Ihnen aber sage, daß grade von diesem Gefühl nicht die Rede ist, und daß mein Neffe, so sehr er mir auch ergeben ist, und so gern er auch Bonbon speist, dennoch lieber eine Krone von mir annimmt, als ein Schreibzeug?“

„So beklag’ ich ihn.“

„Aber das wußten Sie ja längst.“

„Wie hätte ich das wissen sollen, gnädige Frau?“ fragte Sigismund unbarmherzig.

Tosca erröthete und rief: „Sie haben mich auf einen guten Einfall gebracht! ich werde Bonbon für Ignaz kaufen. Er ißt leidenschaftlich gern Bonbon. Begreifen Sie diese Liebhaberei?“

„Jede Liebhaberei ist schwer zu begreifen, wenn man sie nicht theilt; indessen scheint sie mir doch viel unschuldiger, als für den Wein z. B., oder für Cigarren, oder für Schnupftaback.“

„Ach!“ rief sie lachend, „die Unschuld ist so entsetzlich unpassend für einen Mann! Ja, ja! ich spreche ernsthaft. Es giebt allerlei kleine Dinge, die ihm nicht gut stehen, und die er den unschuldigen Kindern oder den schwachen Frauen überlassen muß.“

„Ich weiß nicht,“ rief Sigismund, „wie Ihr Geschlecht zum Prädikat des schwachen gekommen ist, gnädige Frau! da es doch unleugbar das stärkere ist. Wir haben freilich die Kraft, aber bei der Frau ist die Macht.“

„Die Leute sehen sich nur auf der Oberfläche um und nach außen: da tritt ihnen die Kraft überwältigend entgegen. Um die Macht zu erkennen, muß man tiefer gehen, muß eigene Beobachtungen und Erfahrungen gemacht haben, wozu ich, als Frau, natürlich nie Gelegenheit hatte.“

Sigismund schüttelte den Kopf und sagte: „Jede Frau ist sich ihrer Macht bewußt“ .... --

„Vielleicht in sehr glücklichen Verhältnissen,“ unterbrach ihn Tosca. „Im Allgemeinen scheitert dies Bewußtsein an der Kraft des Mannes, die oft .... Härte ist.“

Ihm schien, als ob sich eine Wolke über ihre schönen Augen legen wolle. Darum fragte er hastig und scherzend:

„Ich bitte, gnädige Frau, bin ich etwa auch mit einigen von den ‚kleinen Dingen’ behaftet, die Sie unpassend für einen Mann finden?“

„Ich kann’s nicht leiden,“ entgegnete sie, „wenn ein Mann Bonbon liebt, Parfüms braucht, helle, bunte Farben im Anzug trägt, und kleine Hände hat. Das Alles hat einen gewissen gebrechlichen Anstrich, den ich nur uns gestatte.“

Ignaz hatte heute viel zu leiden, obgleich Tosca Geburtstagsgeschenke für ihn einkaufte; denn dies Alles war gegen ihn gesagt.

„Wie Sie mich demüthigen, gnädigste Frau!“ rief Sigismund; „die einzige Schönheit, welche ich mir schmeichelte zu besitzen, eine wohlgebildete Hand -- belegen Sie mit dem Anathema.“

„Ja,“ sagte Tosca lachend, „wenn Ihre Hand nicht durchgearbeitet, stark und geschmeidig aussieht -- wenn sie nicht aussieht fest und bestimmt, als wisse sie zu halten, was sie ergriffen, zu stützen, was sich ihr anvertraut, durchzuführen, was sie begonnen hat: so haben Sie eine ganz unschöne Hand, zu der Niemand auf der Welt Vertrauen haben wird.“

Sie wußte sehr genau, welch eine schöne, edelgebildete Hand Sigismund hatte, und er freute sich unglaublich, daß sie es ihm in dieser Weise sagte.

„Also eine ganze Theorie über die Bildung der Hände steht Ihnen zu Gebot?“ fragte er.

„Gewiß! ich kenne Jemand, der aus dem Fuß und dem Gang der Menschen Schlüsse auf ihren Charakter macht; weshalb sollt’ ich nicht aus der Hand und ihren Bewegungen?“

„Für den Scherz ist das Alles sehr gut, für den Ernst sehr gefährlich.“

„Ach!“ rief Tosca, „mit all meinen Beobachtungen komme ich doch nicht vom Fleck! es ist mir nicht Ernst damit. Ich frage meinen Mann, was er von Diesem und von Jenem hält; und danach richt’ ich mich ein. Das ist ungleich bequemer.“

Während sie das sagte, fiel ihr ein, daß sie bei Sigismund eine Ausnahme von dieser Gewohnheit gemacht, und den General nie um seine Meinung über ihn gefragt hatte. „Denn ich kannte ihn früher,“ -- sagte sie sich heimlich, wie zu ihrer Rechtfertigung.

„Und warum verschmähen Sie, durch eigene Beobachtung zu einem Urtheil zu kommen?“ fragte er.

„Weil ich ihm so gern dankbar und verpflichtet mich fühle,“ entgegnete sie ruhig.

Sigismund antwortete nichts. Er sah sie an mit einem Blick voll Ehrfurcht und Huldigung. Könnte ein demüthiges Herz je triumphiren, so würde dies Gefühl jetzt Toscas Herz bewegt haben, denn zum ersten Mal fiel es ihr ein, daß ihr Leben schön und edel sein möge. Sie hatte nie daran gedacht; sein Blick sagte es ihr. „Aber das Schöne und Edle wird geliebt“ -- sprach heimlich eine Stimme in ihr -- „und nur das!“

Sie fuhr zusammen und sagte fast ängstlich:

„Der Wind hebt an recht scharf zu wehen;“ und sie gingen nach Hause.

Auf dem Vorsaal trat Toscas Kammermädchen ganz verstört ihr entgegen, und sagte, der General sei plötzlich heftig erkrankt. Tosca eilte zu ihm. Ignaz war schon da; der Arzt auch. Es war derselbe Zufall, wie in jener Nacht; nur stärker, bedenklicher.

„Er stirbt!“ rief Tosca, als sie ihn ohne Bewegung und Besinnung fand.

Der Arzt sagte nicht Nein.

Es vergingen einige fürchterliche Tage. Es ist eine unermeßliche Folter, am Krankenbett nicht mehr hoffen zu dürfen! unwillkürlich taucht der Gedanke auf, der Tod sei unter diesen Umständen ein Erlöser, und doch kommt Einem solch ein Wunsch wie ein Mord vor. Tosca litt unsäglich. Sie warf sich die anderthalb Stunden ihrer Entfernung als ein Verbrechen vor, obgleich es ihre tägliche Promenade war. Sie glaubte eine Strafe des Himmels für jedes Wort zu empfangen, welches sie zu Sigismund gesagt hatte. „Mit der Liebe für einen Andern im Herzen, sitz’ ich am Sterbebett des besten und edelsten Mannes“ -- sprach sie langsam und schwer zu sich selbst. Sie war erdrückt, wie von einer ungeheuern Schuld. Sie flehte zu Gott um das Leben ihres Mannes, und wenn sie der Erhörung ihres Gebets gewiß zu sein glaubte, so ergriff sie ein namenloser Schmerz, denn sie fühlte, daß ihr innerstes Leben umgewandelt sei, und daß sie in Zukunft Dornen finden werde, wo sie bisher nur Blumen gekannt.

Sie war die unermüdliche Pflegerin des Generals. Sie verließ nie freiwillig sein Zimmer. Wenn sie überwältigt vom Schlaf, oder halbohnmächtig zusammensank, so trugen Ignaz und die Krankenwärterinnen sie nach ihrem Zimmer, wo sie ein Paar bleierne Stunden verschlief. Ignaz stand ihr treu zur Seite.

„Sie sind sublim, Ignaz!“ sagte sie einmal und gab ihm die Hand.

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Und Sie sind es wol nicht, Tosca?“

„Oh .... ich!“ rief sie, und faltete demüthig die Hände.

Sie hatte keinen andern Gedanken, als der sich auf die Pflege ihres Mannes bezog. Ignaz sprach zu sich selbst: „In der Stimmung wäre sie, um die Donation zu machen; aber! aber! der Moment ist nicht günstig! ich darf mir jetzt, am Sterbebett, nicht merken lassen, woran ich denke. Sie muß für mich in ihrer gegenwärtigen Stimmung bleiben.“ -- Sie sah Sigismund nicht. Er hatte den Takt, nicht zu kommen. Er fragte die Dienstboten .... wol zwanzig Mal täglich; zuweilen den Arzt. Bei den Fragen nach dem General erfuhr er beiläufig etwas über Tosca. Er war in qualvoller Angst, daß ihre Gesundheit leiden möge, und die Sorge, welche er zuerst um sie gehabt, erwachte mit erneuter Stärke: Ignaz werde ihre Rührung und Trauer benutzen, um sie zu einem, hinsichtlich ihres Vermögens nachtheiligen Schritt zu bewegen -- im Fall der General stürbe.

Im Fall der General stürbe! sein Herz schlug hoch auf. „O wenn sie mich liebte!“ dachte er unter jenem Strom des Entzückens, der wie der Tod den ganzen Menschen zugleich vernichtet und verklärt. „O wäre doch mein Brief an Agathe damals fortgegangen!“ dachte er gleich darauf. Ehe er sich ihr gegenüber nicht frei hingestellt hatte, fühlte er sich nicht frei.

Am siebenten Tage starb der General. Tosca benahm sich ernst und ruhig, eben so fern von Verzweiflung, als von Gleichgültigkeit. In seinen letzten Stunden war ihm das Dämmerlicht des Bewußtseins aufgeflackert, und er hatte ihr Worte des Dankes, der Anerkennung, der Liebe gestammelt, die sie zu hören verdiente, und die sie mit heiliger Rührung anhörte.

Er war todt und begraben. Bis dahin hatte sie Niemand gesehen, nicht Ignaz, nicht Sigismund; sie wollte nicht. Ihr war beklommen zu Muth, wenn sie an Sigismund dachte. Sie versuchte nachzudenken, wie sie sich ihm gegenüber zu benehmen, was sie zu thun habe. Der Schluß davon war: Nichts hab’ ich zu thun, denn ich liebe ihn .... und Er? -- --

Am Tage nach dem Begräbniß des Generals kam sie aus ihrer Klausur hervor. Sie wollte sich nicht den Anschein einer Untröstlichkeit geben, die sie nicht wirklich empfand. Sie ließ Ignaz zu sich bitten. Sie sagte ihm, sie gedächte die ersten sechs Wochen der tiefen Trauer in Berlin zuzubringen, und dann zur Testamentseröffnung nach Trier zu gehen, wo der General das seine gemacht und niedergelegt habe. Während der Zeit wolle sie hier mit Rechtsgelehrten sprechen über die Art und Weise, wie sie sich mit seiner Familie am besten in der Erbschaftsangelegenheit auseinanderzusetzen habe. Sie hatte nicht vergessen, was Sigismund ihr in jener Nacht gerathen. Sie sprach und erschien ganz selbständig und überlegend. Sie schien zu fühlen, daß sie für die Zukunft allein auf sich selbst angewiesen sei, und für sich selbst sorgen müsse. Sie sprach so klar und bestimmt, daß Ignaz seine Hoffnungen schwinden sah. Kein Rechtsgelehrter auf der Welt, das wußte er sehr gut -- würde ihr je zu der Donation rathen. Durch diese Donation allein konnte er Herr des ganzen Vermögens werden; alsdann gab er der Mutter, den Geschwistern, an Tosca selbst, nur eine Rente; die Masse blieb sein, und er konnte mit diesem Vermögen Anspruch auf eine große und reiche Heirath machen. Ohne die Donation, wenn es zu einem Vergleich kam, ja, wenn Tosca sogar die Hälfte der Erbschaft abtrat, war immer seine Mutter die Erbin, und er ging mit seinen Geschwistern dereinst nur zu gleichen Theilen aus. Das war ein ganz miserables Loos! Er dachte, da sei es doch schon besser, Tosca zu heirathen, und er freute sich unaussprechlich, daß er von jeher Worte hatte fallen lassen, welche auf eine tiefe und heimliche Liebe zu ihr deuteten. Er hatte freilich einer Andern lebhaft den Hof gemacht, und sogar in Toscas Gegenwart von der Möglichkeit einer Verbindung mit ihr gesprochen; aber das ließe sich vielleicht als eine nothwendige Zerstreuung darstellen. Auf einmal fuhr über diese geistige Rechentafel ein nasser Schwamm. Es war der Gedanke an Sigismund Forster.

„Tosca!“ rief Ignaz sehr lebhaft, „warum sprechen Sie mit mir von Hab und Gut? Haben Sie keine andre Worte für mich?“

„Ihre Zukunft liegt mir sehr am Herzen, guter Ignaz,“ erwiederte sie, „denn Sie haben die schwere Vergangenheit treu mit mir getheilt. Ich mögte jene gern sicherstellen und leicht machen. Und wir haben ja auch schon früher darüber geredet! -- Uebrigens wissen Sie wol, daß mir für meinen Dank nur die Worte fehlen, und daß ich ihn in Gesinnung und That auszusprechen wünsche. Wie kann Sie das plötzlich kränken?“

„Nicht kränken -- nur tief betrüben, daß Sie mich nicht verstehen wollen. Vergebung!“ rief er, als sie ihn ernst und mißbilligend ansah; „Vergebung! ich schweige .... jetzt! -- Aber,“ fuhr er in seinem gewohnten Ton fort, „weshalb wollen Sie hier sechs lange Wochen verbringen? Sie haben hier keine nähern Freunde und da draußen am Rhein so viele, welche sich alle beeifern würden Sie zu zerstreuen.“

„Wozu das?“ fragte Tosca; „die Zerstreuung kommt immer früh genug.“

„Jetzt, bei dem frischen Winterwetter würde das Reisen nicht beschwerlich sein.“

„Das Hierbleiben ist es auch nicht, lieber Ignaz, und ich mag mich nicht gern ohne Noth in meinen tiefen Trauerkleidern auf der Landstraße und in Gasthöfen umhertreiben.“

Ignaz ergrimmte innerlichst. Es quoll ein bittrer Haß gegen Sigismund in ihm auf. Ist er denn nicht aus dem Wege zu schaffen? dachte er. Aber er versuchte nicht Toscas Plänen länger zu widersprechen, er wußte wol, daß nichts den Menschen so fest an seine Meinung schmiedet, als der fremde Widerspruch.

Nachdem Ignaz gegangen war, ließ Tosca an Sigismund sagen, es würde ihr lieb sein, wenn er zu ihr kommen könne. Er kam sogleich. Er war ganz schwarz gekleidet, und sah sehr blaß und sehr ernst aus. Seit jenem heitern Morgen hatten sie sich nicht gesehen. Nun standen sie einander gegenüber, die zwei edlen Gestalten, und die Herzen voll verschwiegener Liebe waren mit den Trauerkleidern zugedeckt. Ein leichtes Zittern überglitt Tosca; sie setzte sich. Da trat Sigismund zu ihr heran, kniete vor ihr nieder, und reichte ihr seine Hand. Sie legte die ihre hinein, und er hielt sie einen Augenblick, wie man ein Geschenk empfängt, ohne sie anzufassen, ohne sie zu drücken. Dann ließ er sie sanft fallen, stand auf, und setzte sich ihr gegenüber. Das Alles war ernst und langsam geschehen, fast feierlich. Kein Wort war gewechselt, nur ein Blick.

„Gnädigste Frau,“ sagte Sigismund darauf mit fester Stimme, „wenn Sie bei irgend einer Angelegenheit eines ergebenen Menschen bedürfen, so befehlen Sie nur über mich.“

Es war eine große Erquickung für Tosca, daß es ihm nicht einfiel, ihr sein Bedauern oder seine Theilnahme anders auszusprechen, als durch seine Erscheinung. Sie sprach von der großen Dankbarkeit, die sie Ignaz schuldig sei, und wie ihr so sehr daran liege, mit ihm und seiner Familie in freundlichem Vernehmen zu sein. Sie sagte in Bezug auf den General:

„Er hatte gewichtige Gründe, um zu handeln, wie er eben that, und wenn er in den letzten Jahren sein Testament nicht verändert hat, so geschah das ganz gewiß, weil er wohl wußte, daß ich der Veränderung seines Sinnes gemäß handeln würde. Ignaz hat sich wie ein Sohn für ihn benommen, und so denk’ ich, daß er auch in die Rechte eines Sohnes treten muß.“

„Thun Sie Alles, was Sie für recht und gut halten, gnädige Frau, nur begeben Sie Sich nicht in irgend eine Abhängigkeit von dem Grafen Adlercron. Dergleichen Verhältnisse sind immer peinlich, auch bei den edelsten, den reinsten Gesinnungen auf beiden Seiten, und es können Umstände eintreten, welche sie unerträglich machen. Daher beschwör’ ich Sie, den Gedanken an eine Donation, den Sie einmal flüchtig gegen mich äußerten, aufzugeben.“

„Ich hab’ es gethan,“ sagte sie erröthend; ... „aber ich mögte doch gern ohne einen Prozeß davon kommen.“

„Wer sind die nächsten Blutsverwandten des Generals?“

„Seine einzige Schwester, Gräfin Adlercron.“

„Wenn Sie die Erbschaft mit ihr theilen, so wird sie diesen friedlichen Ausgang dem unfriedlichen und unsichern eines langwierigen Prozesses vorziehen .... sollt’ ich meinen.“

„Ignaz hat mir gestanden,“ sagte Tosca ein wenig verlegen, „daß seine Mutter sehr ... ja, ganz außerordentlich an Geld und Gut hange; da würde sie vielleicht doch nicht damit zufrieden sein.“

„Es wäre doch des Versuches werth, gnädigste Frau. Ich gestehe Ihnen, ich zweifle nicht an friedlicher Ausgleichung.“

„Und das wäre vielleicht ein Mittel, um sie mit ihrem Sohn zu versöhnen!“ rief Tosca lebhaft.

„Ist sie mit ihm entzweit?“ fragte Sigismund.

„Ja,“ sagte Tosca, vertrauenvoll nacherzählend, was Ignaz ihr vorerzählt hatte; -- „weil sie mit ihrem Bruder gespannt war, so mißbilligte sie es, daß Ignaz zu uns kam, und hat ihn in den ganzen drei Jahren nicht sehen wollen. Da sie aber so am irdischen Gut hangen soll, so mein’ ich, wird sie ihm seinen Ungehorsam verzeihen, wenn sie einsieht, daß sie ihm das ersehnte Vermögen verdankt. Dann, welch’ eine Freude für Ignaz!“

Sigismund dachte auf der Stelle, daß Ignaz, wenn er wirklich nicht im guten Vernehmen mit seiner Mutter lebe, wol im Stande sein könne, die Erbschaft für sich allein zu wünschen und ... zu behalten. Eingedenk der eilf Geschwister, welche ihn damals in Toscas Mund so heftig erschreckt hatten, bestärkte er Tosca in ihrer Ansicht, die Erbschaft mit Gräfin Adlercron und nicht mit ihrem Sohn zu theilen, weil sie die natürliche Erbin des Generals sei. An der Freude, welche Ignaz nach Toscas Meinung empfinden würde, zweifelte Sigismund heimlich; aber er sprach den Zweifel nicht aus. Möge sie ihn immerhin für gut und redlich halten, dachte er, sobald Ignaz dies Vertrauen nicht mißbrauchen kann, so schadet es ihr nichts.

Tosca bat Sigismund ihr einen verständigen und zuverlässigen Mann zuzuführen, dem sie diese Angelegenheit übertragen könne. Er versprach es. Dann wechselten sie noch ein Paar Worte über ihr Befinden, und Sigismund ging ernst und gelassen, wie er gekommen war, und ebenso blickte Tosca ihm nach; aber Beiden war zu Muth, als hätten sie ein neues Leben angetreten.

Tosca war ein Paar Tage hindurch nicht wohl. Der Rückschlag der heftigen Emotionen machte sich durch nervöse Abspannung fühlbar. Sie litt nichts Bestimmtes, aber sie fühlte sich durch und durch leidend, wie das zart organisirten Personen geht, welche nicht an schmerzlich aufregende Erschütterungen gewöhnt sind. Sie sah Ignaz alle Tage auf kurze Zeit, und Sigismund gar nicht. Daraus schöpfte Ignaz Hoffnung, und als sie sich eines Abends besser befand, sprach er ihr sein Entzücken darüber so lebhaft aus, daß er sich dafür einen kleinen Vorwurf von ihr zuzog.

„Wie kann ich anders!“ rief er, und kniete neben dem Sopha nieder, auf dem sie lag; „Sie wissen ja, daß mein Herz voll von Ihnen ist.“

„Ja, nebenher!“ sagte Tosca lächelnd.

„Sie haben mich nie verstehen wollen, immer den Ausbruch des Gefühls in mich zurückgedrängt,“ sprach er mit niedergeschlagenem Ton. „Früher mogten Sie Gründe haben, die ich ehrte; doch jetzt martern Sie mich nicht länger -- es wäre eine ganz nutzlose Grausamkeit. Ich liebe Sie, Tosca,“ fuhr er lebhaft fort, ohne sich von ihr unterbrechen zu lassen; „ich habe Sie geliebt, drei Jahr an Ihrer Seite, täglich, stündlich Sie sehend, in Ihrer größten Intimität lebend, hab’ ich Sie schweigend geliebt, und gewiß nur in ganz überwältigenden Momenten meine Liebe verrathen. Aber nun ist’s vorbei mit der Kraft! ich kann nicht mehr schweigen! ach! zürnen Sie mir nicht; ich sehe Ihre Trauerkleider, ich kenne die kühle abwehrende Außenseite, welche Sie wie einen Schild hervorkehren; ich begehre ja auch vor der Hand keine Gewißheit, nur Hoffnung, Tosca!“

Während er sprach, sah sie ihn gelassen an. Sigismund hatte vor einigen Tagen auch vor ihr gekniet, nichts gesagt, nichts gethan, nichts erfleht; und sie hatte ihn verstanden und ihm geglaubt. Von Allem, was Ignaz ihr sagte, glaubte sie kein Wort.

„Sie täuschen sich, Ignaz!“ antwortete sie ruhig; „bis daher hab’ ich immer geglaubt, daß Sie mir gut wären; jetzt, glaub’ ich, daß Sie Sich für mich fanatisirt haben, durch die traurigen und schmerzenreichen Situationen, in denen Sie mich gesehen, durch meine tiefe Einsamkeit, welche mich ohne Eltern, ohne Kinder, ohne Brüder ins Leben gestellt hat, und mich jetzt der treusten und sichersten Stütze -- des Generals beraubt. Aber lieben? ... nein, Ignaz, Sie lieben mich nicht!“

„Aber was verstehen Sie denn unter Liebe, Tosca, wenn eine so grenzenlose Ergebenheit, wie die meine, Ihnen nicht diesen Namen zu verdienen scheint!“ rief Ignaz heftig; „und wenn Sie doch eben so wenig die Ausbrüche der Leidenschaft, die in mir wohnt, dafür gelten lassen werden.“

„Die grenzenlose Ergebenheit und die Glut der Leidenschaft gehören auch zur Liebe,“ sagte sie gedankenvoll, aber ohne an Ignaz zu denken. „Allein ... wie ich sie mir vorstelle, muß sie doch noch etwas Andres sein“ .... --

„Und was muß sie sein, Tosca! wie stellst Du Dir vor, daß die Liebe sein müsse?“ fragte Ignaz, ganz bereit auf ihre Vorstellung einzugehen.

„Ignaz!“ sagte Tosca ungeduldig, „ich hab’ Ihnen schon einmal verboten mich Du zu nennen.“

Ignaz drückte die Zähne zusammen; aber er sagte nur: „Nun, Tosca?“

Sie stützte sinnend den Kopf in die Hand, legte fest und tief ihre prächtigen Augen auf die seinen und sagte langsam: „Die Liebe muß ein unvergänglicher Austausch von unerschöpflichen und magnifiken Gefühlen sein.“

Hätte sie alles Andre gesagt -- auch auf die kolossalste Sentimentalität, auch auf die höchste Ueberspannung wäre Ignaz eingegangen! Er war gefaßt auf irgend eine grandiose Phrase der Art. Aber, daß sie keine leere Phrase sagte, sondern die Wahrheit; aber daß sie auf den Tausch, auf die Gegenseitigkeit, die Liebe basirte: das machte ihn stumm.

„Also lieben Sie mich nicht,“ setzte Tosca nach einer Pause hinzu, „und Sie werden früher oder später zu dieser Erkenntniß gelangen. Auf morgen, lieber Ignaz, morgen werd’ ich ganz gesund sein.“

Sie wünschte es lebhaft -- um die Geschäfte zu ordnen! sprach sie heimlich. Doch weit lebhafter um Sigismund wiederzusehen. Ach, liebt er mich denn wirklich? fragte sie sich wol tausendmal in diesen Tagen. Aber das war nur nervöse Unruh. Ihr Herz zweifelte nie. Diese innere Gewißheit, welche keines Wortes, keines Zeichens bedarf, ja, zuweilen sie verschmäht, erhebt die Liebe zu einer göttlichen Eigenschaft: zur Allwissenheit; denn ihr All’ ist das geliebte fremde Herz.