Part 14
Ignaz war im heftigsten Zorn. Ein Tausch von magnifiken Gefühlen! rief er; Gott! wie kommt nur solcher Unsinn in den Kopf einer sonst ziemlich verständigen Frau. Ein Tausch von Ringen -- _à la bonne heure!_ unter diesen Umständen gehörte ~der~ wesentlich zu meiner Ansicht von der Liebe. Aber ist es denn möglich, daß sie diesem widerwärtigen, langen, blassen, finstern Regierungsrath gegenüber auf jenen magnifiken Tausch verfallen kann? Wenn’s eine passende Partie wäre -- oder wenn der Mann ebenso brillant und bezaubernd wäre, wie er ~nicht~ ist -- dann ließ’ ichs gelten! ich könnt’ es begreifen! Jetzt ist’s unbegreiflich! Und welchen Einfluß er auf sie hat! Sie denkt nicht mehr an die Donation. O Himmel, warum ließ ich sie nicht früher machen, ehe unberufene Rathgeber sich hinein mischten! es wäre alsdann ein freundschaftliches Uebereinkommen zwischen uns gewesen! Jetzt, wenn die Gerichte dabei ins Spiel kommen, wenn sie ein Paar Dutzend Advokaten, oder Justizräthe, oder wie die Rechtsverderber heißen mögen! darum befragt: jetzt verwandelt sich die pompöse Donation in einen magern Vergleich .... der meiner eigensinnigen Mama zu gut kommt und ... dem Herrn Regierungsrath Forster! Sacristi!
Grade diesen Vergleich besprach Tosca am nächsten Morgen mit einem Rechtsgelehrten, den Sigismund ihr empfohlen hatte, und den sie zu sich bitten ließ; dann ließ sie Ignaz rufen, und sagte, indem sie ihm mit freudestralendem Gesicht entgegentrat:
„Mein lieber Ignaz, ich mache mir ein wahres Fest daraus, Ihnen etwas zu sagen, das Ihnen lieb sein wird, weil es meinen unbehaglichen Zwiespalt mit Ihrer Mutter unfehlbar beendet. Der Herr Justizrath hier hat mir gesagt, daß ihr die Hälfte der Erbschaft zukomme“ ... --
„Ich habe nicht gesagt: zukomme! gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrath.
„Entschuldigen Sie meine ungeschickte Weise mich auszudrücken,“ sagte Tosca, „und Sie, lieber Ignaz, schreiben Sie das Ihrer Mutter, und bitten Sie sie in meinem Namen, die kleine Spaltung zu vergessen, welche bis daher, ohne meinen Willen, stattgefunden hat. Der edle Todte, den wir Alle betrauern, wird dann mit uns Allen zufrieden sein.“
Milde Thränen flossen über ihr schönes klares Antlitz, als sie ihre Hand an Ignaz gab und die seine herzlich drückte. Er sprach sich auch höchst gerührt und höchst dankbar aus; aber ihm war zu Muth, als müsse er seiner Mutter rathen einen Prozeß gegen Tosca zu beginnen. Wer weiß, ob er nicht zu unsern Gunsten sich entschiede! dachte er. -- -- --
Sigismund war durch die Ankunft seines Schwagers überrascht worden. Er erschrak förmlich, als er ihn bei sich eintreten sah; sein Kommen schien ihm in Verbindung mit Agathen zu sein. Aber keineswegs.
„Stell’ Dir vor!“ sagte Friedrich, „dies verdammt feuchte Wetter, und ein Paar nothgedrungene Fahrten längs der Elbe, während ihrer perniziösen Nebel, haben mir ein Paar Anfälle von kaltem Fieber zugezogen. Kein Chinin ist dagegen so wirksam, als Luftveränderung: drum komm’ ich her! morgen geh’ ich zurück.“
„Das ist zu schnell,“ sagte Sigismund; „Du hast ja nicht Zeit, die Wirksamkeit Deines Mittels zu erproben.“
„Nicht hier, aber in Magdeburg! -- Und nun komm, mein Alter! wir wollen zu Sala Taroni Austern essen, und zu Meinhard speisen gehen. Ich habe schon Diesen und Diesen und Jenen besucht und begegnet, und ihnen gesagt ebenfalls dahin zu kommen.“
„Wie?“ sagte Sigismund lachend, „Austern essen und bei Meinhard diniren? ein Fieberkranker?“
„Wenn man reist wie ein Gesunder, muß man sich auch übrigens wie ein Gesunder geriren!“ rief Friedrich. „Und glaubst Du, daß ich nur Andern, nicht mir selbst, ein Rezept zu schreiben verstehe? und glaubst Du, daß so ein Rezept sich schwerer einnimmt gegen die Austern, als gegen das kalte Fieber? _Allons!_ zu Sala Taroni!“
Er nahm Sigismund unter den Arm. In der Thür begegneten sie einem Diener, der Sigismund bat, gegen Abend zur Frau Generalin zu kommen; sie wünsche ihn in Geschäften zu sprechen.
„Was ist das für eine Generalin?“ fragte Friedrich ganz neugierig.
„Frau von Beiron,“ entgegnete Sigismund.
„Was Wetter! Tosca Beiron? und in Geschäften!“
„Der General ist vor vierzehn Tagen gestorben und ich habe ihr den Justizrath Kleber empfohlen,“ sagte Sigismund; „darauf werden sich vielleicht die Geschäfte beziehen.“
„Ich würde ihr für mein Leben gern meine Aufwartung machen, wenn ich nur wüßte, daß sie mich empfinge!“ rief Friedrich. „Könntest Du sie nicht fragen?“
Sigismund war tödtlich erschrocken über diesen Vorschlag. „Sie hat noch gar keine Besuche in dieser Zeit angenommen,“ sagte er ein wenig verlegen.
„So so! -- Nun, mein Junge, Agathe läßt Dich vielmal grüßen!“ sagte Friedrich etwas boshaft.
Sigismund sah ihn ganz erstaunt an.
„Ja ja,“ fuhr Friedrich lachend fort, „Du magst es wol nicht um sie verdienen, aber sie läßt Dich doch grüßen -- gutmüthig wie sie ist -- und läßt Dir sagen, daß sie Dir sehr bald schreiben würde.“
„Gottlob!“ rief Sigismund aus tiefster Seele.
„Was Wetter? habt Ihr Euch verzankt? und schon vor der Hochzeit?“ sagte Friedrich gespannt.
„Nein, bester Friedrich,“ sagte Sigismund kurz. Ihm schwebte auf den Lippen dem Schwager zu sagen, wie er mit Agathen stehe; aber er dachte, es schicke sich nicht, daß er sich früher gegen einen Andern, als gegen sie selbst darüber ausspreche. Darum bog er ferneren Neckereien durch die abgebrochene Antwort vor.
Nachdem die Herren die Austern bei Sala Taroni excellent gefunden hatten, gingen sie zu Meinhard hinüber, wo sich ein Paar gute Freunde Friedrichs zu ihnen fanden, und wo sie sehr munter zusammen speisten.
An einem Tisch neben dem ihren saß Ignaz mit zwei andern Herren.
Um fünf Uhr verließ Sigismund die fröhliche Gesellschaft, und versprach seinem Schwager, ihn später in der italienischen Oper aufzusuchen.
Tosca sagte, als er bei ihr eintrat: „Ich freue mich recht Sie wiederzusehen, jetzt wo mir so viel besser und leichter ums Herz ist.“
„O es ist eine Seligkeit, sich leichten Herzens zu fühlen, und wenn es auch nur, wie das Ihre, von einem Sonnenstäubchen gedrückt worden ist,“ sagte Sigismund. Sein Herz war schwer. Die ungelöste Verbindung mit Agathen zermarterte ihn. Während er vor der Welt noch ihr Verlobter war, während sie ihm Grüße schickte wie einem Geliebten -- hatte er sich mit Herz und Hand einer Andern anverlobt. Gern hätte er keine fernere Rücksicht auf ihre Bitte genommen, und ihr geschrieben; allein sein Brief, der noch immer versiegelt im Schreibtisch lag, und der vor drei Wochen die Wahrheit sagte -- war jetzt nicht mehr wahr! Er konnte nicht mehr sagen: „weiter nichts;“, denn eine Zukunft, reich, voll, glänzend wie das Paradies, hatte sich ihm erschlossen, und Tosca stand in dessen Mitte und winkte ihn zu sich hinein. Er liebte, und Liebe macht das Herz zart und empfindlich, auch für Andre; daher fühlte er, daß jener Brief Agathe wol sehr traurig gemacht hätte; daß es aber eine unerhörte Kränkung für sie sein würde, wenn er heute die volle Wahrheit schriebe. Und so entschloß er sich denn, immer wieder auf Agathens Beschluß zu warten, und die quälende Pein, die er bis dahin leiden mußte, als eine Buße für den etwaigen Leichtsinn, den er sich bei seiner Verlobung zu Schulden hatte kommen lassen, hinzunehmen. Daß Agathe ihm ~nicht~ sein Wort zurückgeben werde, fiel ihm nicht ein: so gänzlich und durch und durch fühlte er sich von ihr abgelöst, auch wenn er nicht, wie jetzt, sich Tosca gegenüber befand.
Tosca kannte nicht die Qualen eines zerspalteten Herzens; ihr Geschick hatte sie anders geführt. Ja, sie kannte nicht einmal ein großes Leid, denn jener eine frühe Schmerz ihrer Jugend, der wie das Hyadengestirn trübe an ihrem Horizont gestanden hatte, war untergegangen, seitdem sie jetzt Sigismund kennen gelernt; -- und ihre gegenwärtige Trauer um den General war kein herzbrechendes Weh, und sie suchte auch nicht es vor sich selbst als ein solches darzustellen, aufrichtig, wie sie war. Daher kannte sie im Grunde nur Aeußerlichkeiten, peinliche Verhältnisse zu Andern etwa, welche das Herz bedrücken konnten, und theilnehmend fragte sie Sigismund, ob er vielleicht in und mit seiner Familie Unannehmlichkeiten habe. Ihm war zu Muth, als müsse er vor ihr niederknien und ihr Alles sagen, seine Liebe zu ihr, sein Verhältniß zu Agathen, das doch keins mehr war. „Aber nein!“ dachte er; „wenn ich frei bin -- dann will ich sprechen, von Lieb’ und Leid, von Allem! weshalb soll ich sie jetzt aus ihrem Himmel voll Frieden in meine Unruhe hinabziehen? ... und wie lange kann es dauern? zwei, drei Tage vielleicht, so bin ich frei.“ Er sagte zu Tosca:
„Nein, gnädige Frau, Unannehmlichkeiten hab’ ich nicht in meiner Familie, und auch nie gehabt. Wir sind unser fünf Geschwister und die Mutter, Alle vollkommen einig unter einander; aber Sorgen hat man doch, wo so Viele sind, an deren Wohl und Weh man Theil nimmt. Ich habe zwei Brüder; der jüngste ist ein Glückskind: der würde vom Thurm herunterfallen und wohlbehalten, wie eine Katze, auf seinen Füßen auf dem Boden anlangen; das ist ein lieber guter unbedeutender Mensch, der es aber doch einmal zu etwas ganz Tüchtigem bringen mag. Der Andere hat große Gaben, Geist, Schönheit, Charakter -- aber kein Glück.“ .... --
„Und darüber wundern Sie sich?“ rief Tosca; „wo die Gaben sind, ist nie das Glück! In großen Gaben ist immer ein gewisser Stolz, der zum Glück zu sagen scheint: ‚Geh’, ich brauch’ dich nicht.’ Wo sie fehlen, da hat das Glück so recht freie Hand, und es liebt, wie alle Despoten, Alles für den Schützling zu thun. Die Menschen mit großen Gaben würden ja die ganze Welt an sich reißen, verbrauchen, beherrschen, zernichten, wenn sie auch noch Glück hätten! nein, Gott sorgt auch für seinen Mittelschlag.“
„Nennen Sie die Reichbegabten weniger ~sein~?“ fragte Sigismund lächelnd.
„Ach,“ sagte Tosca, „sie sind es vielleicht mehr. Jede Gabe ist ja eine Gnade.“
„Mein Bruder hat nicht nur kein Glück,“ fuhr Sigismund fort, „sondern ein entschiedenes und beängstigendes Unglück. Er hatte eine große Liebe -- und die Liebste starb, als nach fünf Jahren ihre Eltern endlich ihre Einwilligung gaben. Er hatte ein Duell, und sein Gegner fiel. Er flößte einem jungen Mädchen niedrigen Standes, als er in Folge dieses Duells auf der Festung saß, ohne es zu wollen, ja, ohne eine Ahnung davon zu haben, eine so heftige Leidenschaft ein, daß sie geisteskrank ward und noch ist“ ... --
„Gott behüte mich vor dem unheimlichen Menschen!“ rief Tosca. „Liest man solche Schicksale in Romanen, so meint man, der Autor habe sie sich hinter seinem Schreibtisch zusammen gedacht.“
„Es ist doch traurige Wirklichkeit bei meinem armen Bruder,“ entgegnete Sigismund.
„Nur das Eine muß ich bezweifeln,“ sagte sie, „daß Ihr Bruder keine Ahnung von jener Leidenschaft des armen Mädchens gehabt haben soll. Solche Ahnung haben Männer .... nein! ich will ehrlich sein! hat man immer.“
„Wie konnte er! er hat sie nie gesprochen .... kaum gesehen. Wenn auch das Wort überflüssig ist -- der Blick ist es nicht. Das Mädchen war die Tochter des Thorschreibers. Sie sah meinen Bruder täglich. Morgens und Abends, mit hypochondrischer Pünktlichkeit, machte er einen Spaziergang um die Wälle der Festung, und ging dabei immer an ihrem Häuschen, ihrem Fenster vorüber. Er war immer allein, denn er floh dazumal die Menschen; er sah zergrämt und melancholisch aus; schön ist er, wie ich selten einen Mann gesehen. Auf welche Weise sich die Liebe in ein Herz von sechszehn Jahren schleicht, mit welchem Gefolge von Mitleid, von Theilnahme, vielleicht von Romanlectüre -- wer hat das ergründet! Als mein Bruder nach einem Jahr die Festung verließ, wurde das Mädchen immer stiller und stiller, dann tiefsinnig, und jetzt halten die Aerzte sie für unheilbar, weil sie in Stupidität versunken ist.“
„O Himmel, wie ist denn Ihrem Bruder dabei zu Muth?“ rief Tosca schaudernd.
„Wie einem Manne, der, ohne es zu wollen, großes Unheil gestiftet hat: traurig und ruhig.“
„Ist es Ihrem Bruder nie eingefallen, das arme Mädchen herzustellen, indem er es heirathet?“
„Das glaub’ ich wol nicht, gnädige Frau! sie war ganz ungebildet, ganz unschön, fremd seinem Wesen, seinem Herzen.“ .... --
„Aber da sie ihn so sehr liebte!“
„Was liebte sie, gnädige Frau? seine Erscheinung! seine gesenkte Stirn, seinen melancholischen Ausdruck! ist es nicht sehr leicht möglich, daß ihr exaltirter Kopf aufgehört hätte, ihn zu lieben, sobald sie ihn hätte lachen hören oder Champagner trinken sehen? -- Um ein solches Opfer sublim zu machen, muß es am rechten Ort gebracht werden.“
„Ach,“ sagte Tosca, „wird der klügelnde Verstand nicht immer behaupten, es sei nicht der rechte Ort?“
„Wohl dem, den die Verhältnisse in einfache Situationen bringen!“ sagte Sigismund schwer.
„Und was ist jetzt Ihrem Bruder widerfahren?“ fragte Tosca. Sie meinte, es müsse Sigismund erfrischen, sich ihr mittheilen zu dürfen.
„Jetzt wissen wir nichts Bestimmtes von ihm. Er spricht sich selten aus, und in gewissen Fällen nie. Wir haben nur gehört -- wie sich denn das so herum zu sprechen pflegt -- und wie wir das nach seinen Briefen vielleicht schließen dürfen, daß jetzt ~er~ von einer heftigen und unglücklichen Leidenschaft ergriffen ist, die ihm seine Stellung, seinen Beruf, ja seine ganze Existenz unerträglich macht.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, „wenn ich aus meinem stillen, kühlen, friedlichen Winkel heraus in die Wirbel-Existenz solcher Kinder des Sturmes sehe, wie preise ich dann mein Schicksal, das mich nie mit ihnen zusammen geführt hat! Sie würden mich vernichten oder zerbrechen“ .... --
„Oder auch Sie würden ihnen Ihren Frieden, Ihre lichtvolle Klarheit geben, und wie ein Regenbogen in die Gewitterwelt hineintreten. Einer Seele wie der Ihren begegnet zu sein, ist ein unermeßlicher Segen, denn er wird zum Polarstern, -- und solch ein Glück ist’s, das der Mensch braucht; denn Kind der Stürme oder nicht, Glückskind oder nicht, seine umdunkelten Tage und Wege hat Jeder, und da fällt es schwer, sich ohne solchen Stern zurechtzufinden.“
Er hatte mit solchem tiefen Ernst gesprochen, daß Tosca nicht daran dachte, zu erröthen oder verlegen zu werden. Aber eine Thräne trat ihr ins Auge. War es Freude? war es Wehmuth? sie wußte es nicht. Aber sie dachte, indem sie Sigismund anblickte, daß er ihrem ganzen Leben die unwandelbare Richtung gegeben habe.
Sigismund wurde ruhiger bei ihr. Seine Niedergeschlagenheit wich, die Beklommenheit ließ nach. Er fühlte sich neben ihr wie auf dem Gebirg, in einer freiern, reineren, herzstärkenderen Atmosphäre. Unablässig wollten ihm die Worte, wie glücklich er sei, welche huldigende Liebe er für sie empfinde, über die Lippen gleiten. Er drängte sie gewaltsam zurück. Ihm schien, als sei er noch nicht werth, sie auszusprechen. Aber dieser verhehlte Kampf machte ihn schwermüthig, und als er jene Thräne in Toscas Auge sah, warf er zerbrochen und überwältigt beide Hände vors Gesicht, und sank zu ihren Füßen nieder.
Sie legte sanft ihre Hand auf sein Haupt. Es war, als erlöse ihn die linde Berührung von den spröden Fesseln der Qual. Er ließ die Hände fallen, und blickte zu ihr empor, während sie zu ihm herabblickte. Magnetisch sanken ihre Lippen auf einander; es war ein schüchterner, zitternder Kuß, den das Uebermaß und nicht der Mangel an Liebe so scheu und so flüchtig machte.
„Gehen Sie,“ sagte Tosca mit einer so süßen Inflexion der Stimme, wie er sie nie gehört, und so sanft, daß es ihm unmöglich war, ihr nicht zu gehorchen. Als er sie verlassen hatte, als er sich wiederfand unter dem Himmel voll blitzender Sterne und mit einem Himmel in der Brust; da wollt’ er sich besinnen, wie das Glück über ihn gekommen sei. Er legte die Hand an die Stirn. Da tauchte es wie ein Blitz in ihm auf, das Wort, welches er einst im kindischen Uebermuth gesagt: „Meine Lippen sollen verdorren, wenn sie Tosca Beiron küßten.“ -- „O Thorheit!“ sprach er zu sich selbst; „die Fülle des Lebens erschließt sich .... und jetzt erst recht!“ -- -- Er suchte in der Oper seinen Schwager auf und brachte den Abend mit ihm zu.
Tosca hätte sehr gewünscht, allein und ungestört bleiben zu dürfen; aber sie wollte Ignaz nicht absichtlich kränken und ihn abweisen lassen, wenn er nach seiner Gewohnheit käme, um ihr guten Abend zu wünschen.
„Mein Gott!“ rief er ihr entgegen, als er kaum ins Zimmer getreten war, „was ist Ihnen widerfahren, schöne Tante, Sie sehen stralend aus!“
„Ich habe gelesen,“ sagte sie ein wenig verlegen und legte das Buch fort, welches sie in der Hand hielt.
„Wenn Sie gelesen haben, so ist’s gewiß zwischen den Zeilen gewesen -- was allerdings manchem Autor öfter widerfahren mag, als ihm lieb ist.“
„Aber Sie selbst, Ignaz, sehen ungewöhnlich heiter aus,“ sagte Tosca.
„Ich hab’ auch gelesen, meine schöne Tante.“
„Und darf man fragen, welchen Autor?“
„Einen anonymen.“
„So? anonym? ist denn das heut zu Tag noch Mode? ich meinte, in unserm vom _quasi_ beherrschten Jahrhundert sei man lieber pseudonym.“
„Briefe erlauben sich noch zuweilen die Anonymität.“
„Ach, Ignaz! einen anonymen Brief haben Sie bekommen? was steht darin? darf ich ihn nicht sehen?“
„Es ist ein _Rendez vous_.“ ... --
„Und das plaudern Sie aus!“ rief sie, scherzend mit dem Finger drohend. „Es ist gewiß, daß die Männer ihr Glück gar nicht zu schätzen wissen -- denn es ist Glück, mein Ignaz, in eine gewisse Spannung und Erwartung versetzt zu werden, und ein Paar Stunden der Ungeduld und Neugier zu haben.“
„Ach, ich glaube, die ganze Sache geht mich wenig oder gar nichts an,“ sagte Ignaz, und nahm einen Brief aus dem Portefeuille. „Was sagen Sie zu der Handschrift?“
Tosca sah sie an und sagte: „Das ist ein absichtliches Gekritzel und keine Handschrift.“
„Lesen Sie, wenn es Ihnen Spaß macht,“ sagte Ignaz gleichgültig.
„Sie scheinen mir sehr blasirt zu sein,“ sagte Tosca lachend, und las den Brief, der nur die Worte enthielt:
„Wenn Graf Adlercron Mittheilungen zu haben wünscht, welche ihm wichtig sein werden, weil sie eine Person interessiren, für die er sich ganz außerordentlich interessirt: so muß er morgen früh um 9 Uhr im Thiergarten bei der Statue der Venus von Milo sein.“
„O,“ sagte Tosca, „das ist nur eine Redensart! die Person, für welche er sich ganz außerordentlich interessirt, wird wol .... er selbst sein.“
„Und wenn Sie es wären, Tosca?“
„Ich!“ rief sie sehr erschrocken.
„Es ist doch ganz gewiß, daß ich mich lebhafter für Sie, als für mich selbst interessire.“
„Was wissen Ihre anonymen Correspondenten davon!“ sagte sie stolz und warf den Brief auf den Tisch.
„Die Welt weiß Alles, erfährt Alles, mischt sich in Alles“ -- sprach er kalt. „Personen, die in ihr eine gewisse Stellung einnehmen, werden sehr beobachtet.“ .... --
„Jetzt wollen Sie mir erzählen, daß die Augen von ganz Berlin, vielleicht vom ganzen preußischen Staat auf meine arme Person gerichtet sind -- nicht wahr? während ich doch die Ueberzeugung habe, daß höchstens ein Dutzend Menschen sich sehr oberflächlich um mich kümmern.“
„Es ist eine Schwäche der unbedeutenden Menschen, sich einzubilden, daß die Augen der ganzen Welt auf sie gerichtet sind; und es ist eine Manie gewisser ausgezeichneter Personen, sich einzubilden, daß sie unsichtbar, wie verhüllte Gottheiten, durch die Welt gehen. Hier, wie dort, ist es ein Irrthum, aber dort ist er schmeichelhaft, hier bequem.“
„Das mag fein und richtig bemerkt sein,“ entgegnete Tosca ruhig; „nur ich ... gehöre nicht zu denen, die sich durch fremde Augen geschmeichelt oder genirt fühlen, und ich bleibe bei meiner Meinung, daß der Brief Sie allein betrifft.“
„Dann lohnt’s nicht der Mühe, hinzugehen.“
„O bitte, bitte! lieber Ignaz, gehen Sie hin! erzählen Sie mir, wie man sich benimmt bei so einem geheimnißvollen _Rendez vous_.“
„Ob es nicht Spitzbuben sind, die mich ausplündern wollen? der Thiergarten soll nicht ganz geheuer sein.“
„Lassen Sie Uhr und Geldbeutel zu Haus und nehmen Sie ein Pistol mit.“
„Oder ob es nicht _tout bonnement_ eine Bettelei sein wird?“
„Nun, so nehmen Sie den Geldbeutel mit.“
„Und so früh! neun Uhr! da muß ich um sieben aufstehen.“
„Wenn Sie so lange Zeit auf Ihre Toilette verwenden wollen,“ rief Tosca lachend, „so ist das ein unverkennbares Zeichen, daß Sie sich weder auf Spitzbuben, noch auf Bettler gefaßt machen.“
„Aber ich muß doch frühstücken, schöne Tante! Sie werden mir doch nicht zumuthen, diese enorme Promenade zur Venus von Milo in der Morgenkälte nüchtern zu machen?“ rief Ignaz, und begann an seinen Knöpfen zu zählen: „Soll ich -- soll ich nicht.“ .... --
„Sie sollen!“ unterbrach ihn Tosca; „ich übernehme den Ausspruch des Schicksals.“
„Sie haben es gewollt ... ich werde gehorchen,“ sprach Ignaz.
Er hatte bei Meinhard ganz genau zugehört, wie Friedrich erzählte, nachdem Sigismund fortgegangen, daß und mit wem sein Schwager verlobt, und daß die Hochzeit ganz nah sei. Kein Wort war ihm entfallen. Sein Herz schlug hoch auf vor Freude. Es war nicht seine Gewohnheit, in irgend einer Angelegenheit ehrlich zu Werk zu gehen. Darum fiel es ihm nicht ein, diese Nachricht an Tosca, wie eine Neuigkeit etwa, zu erzählen. Er wollte sie ängstigen; durch die Heimlichkeit, die immer noch eine gewisse Unsicherheit zuließ, abquälen; gegen Sigismund erbittern; darum erfand er Brief und _Rendez vous_. Und dann war es möglich, ja wahrscheinlich, daß Sigismund die anonymen Beschuldigungen läugnen würde; und that er das: so wollte Ignaz schließlich Friedrichs Namen nennen. Dann hatte er sich an Sigismund gerächt, und Tosca gestraft; dann hoffte er die Gewalt wieder über sie zu gewinnen, die er unleugbar nur verloren hatte, seitdem Sigismund in ihrer Nähe lebte; und dann gab sie ihm vielleicht in Zorn und Schmerz ihre Hand -- und somit das halbe Vermögen, welches doch immer besser war, als nichts. Jetzt war er von ganz besonders liebenswürdiger und scherzhafter Laune; denn er fühlte sich seines Triumphes gewiß.
„Gott!“ dachte Tosca, nachdem Ignaz endlich gegangen war; „er ist wirklich ein recht angenehmer und guter Mensch ... aber ich sehe wirklich nicht ein, weshalb er noch immer wie an mich geschmiedet ist! wenn er doch zu seiner Mutter ginge ... oder wohin er sonst wollte. Ich kann ja sehr gut allein nach Trier reisen.“
Wenn ein tiefes und mächtiges Interesse sich des Herzens bemeistert, so werden dadurch die Bande der gewöhnlichen freundschaftlichen Theilnahme sehr gelockert. Es müssen eben so tiefe und mächtige Freundschaften sein, welche frisch wie der Phönix aus dem Scheiterhaufen auffliegen, den das Herz aus seinen früheren Schätzen und Kleinodien erbaut, und den es von den Flammen der Liebe gleichgültig verzehren läßt.
Der Justizrath Kleber kam früh am andern Morgen zu Tosca, und brachte ihr die Acte, die er für sie nach ihrer Angabe aufgesetzt hatte. Sie war ganz damit zufrieden, und behielt sie, um sie erst an Sigismund, dann an Ignaz zu zeigen. Sie wünschte, Jenen früher als Diesen zu sprechen, für den Fall, daß er irgend eine Bemerkung oder Aenderung an der Acte zu machen habe; und dann ... hauptsächlich! ... sie wünschte ihn zu sehen. Er war seit dem Tode des Generals noch nie zu ihr gekommen, ohne daß sie ihn darum hatte bitten lassen; und so that sie es auch jetzt.
Sigismund kam sogleich. Er hatte seinen Schwager zur Eisenbahn das Geleit gegeben, und Agathe durch ihn dringend beschwören lassen, ihm morgen zu schreiben, ihn nicht länger zu quälen; er sei wie auf der Folter.
„Ich sehe Dir wohl die Aufregung an, mein Alter,“ erwiederte Friedrich. „Warte nur! ich werde es der Agathe so beweglich vorstellen, was und wie Du leidest“ .... --
„Nein, nein! um Gottes willen, sag’ ihr nichts, gar nichts, als daß sie mir zwei Zeilen schreiben soll!“ rief Sigismund heftig.
Und kopfschüttelnd versprach Friedrich den Auftrag auszurichten.