Part 15
Tosca erschrak über Sigismunds Aussehen. Es giebt einen gewissen fatiguirten Zug um Mund und Wange, der deutet auf körperliche Erschöpfung, und einen fatiguirten Zug um die Augen, der auf seelische deutet. Dieser Zug in einem geliebten Antlitz ist herzzerschmelzend oder herzzerreißend -- je nachdem man das Bewußtsein hat, ihn verscheuchen zu können, oder nicht. Tosca wagte nicht, sich diese Kraft zuzutrauen. Sie fragte schüchtern und traurig:
„Wie geht es?“
„Schlecht ... -- schlecht!“ antwortete Sigismund langsam und gepreßt.
Tosca hätte gern weiter gefragt: Schlecht? und ich liebe dich! Aber liebst du mich denn nicht? -- Allein Sigismund imponirte ihr durch seine unerschütterlich gleichmäßige Haltung, so daß sie ihm höchstens auf ähnliche Fragen geantwortet, jedoch nimmer den Muth gehabt hätte, sie an ihn zu richten. Sie nahm all’ ihre Kraft zusammen, gab ihm die Akte, und bat ihn sie durchzusehen. Sigismund that es, aber seine Hand, die das Papier hielt, zitterte.
„O Sie sind krank!“ rief Tosca, stand auf und nahm das Papier.
Sigismund sprang lebhaft auf, ergriff ihre Hand und rief überwältigt: „Aber Tosca, könnten Sie mich denn lieben?“
Indem trat Ignaz ins Zimmer. Als er Tosca und Sigismund Hand in Hand gewahrte, warf er ihnen ein hämisches Lächeln zu. Tosca zog ihre Hand langsam und unverlegen zurück, nachdem sie Sigismunds gedrückt hatte, und Sigismund setzte sich wieder, nachdem er Ignaz begrüßt hatte, und fuhr fort die Akte zu lesen. Diese große Ruhe und der Gedanke, daß Sigismund es sei, der ihn um ein Vermögen bringe, welches er als das seine betrachtet hatte, erweckte den bittersten Groll in Ignaz. Als Tosca zu ihm sagte:
„Das ist das Papier, lieber Ignaz, das Alles zwischen mir und Ihrer Familie aufs Reine bringt;“ erwiderte er höhnisch: „Wie glücklich ist der Regierungsrath Forster, daß Sie ihm in einer so wichtigen Angelegenheit Ihr unbedingtes Vertrauen schenken.“
Sigismund hob den Kopf und sah Ignaz an.
Tosca sagte ruhig: „Sie haben ganz Recht, Ignaz! der Regierungsrath Forster besitzt allerdings mein volles Vertrauen. Doch in dieser Angelegenheit hab’ ich auch noch einen Rechtsgelehrten zu Rath gezogen, und er hat jene Acte aufgesetzt.“
„Schöne Tante,“ sagte Ignaz mit seinem verbindlichsten Lächeln, „sollte volles Vertrauen nicht gegenseitig sein? und hat der Regierungsrath Forster Ihnen wol je anvertraut, daß er verlobt ist?“
Sigismund stand grade in die Höhe auf und sagte gelassen: „Herr Graf, Sie sind ein Nichtswürdiger.“
Tosca warf einen prächtigen Blick von oben herab auf Ignaz und sprach mit unsäglicher Verachtung: „Ah, Sie kommen von Ihrem _Rendez vous_.“
„Herr Regierungsrath,“ sagte Ignaz, „darauf werde ich Ihnen zu seiner Zeit antworten.“ Dann wandte er sich zu Tosca: „Nein, schöne Tante! die Anonymität würde Sie nicht überzeugen; aber das eigene Geständniß des Regierungsrath Forster soll es. Fragen Sie ihn doch, ich bitte, ob er sich nicht Mitte Dezember vorigen Jahres mit Fräulein Agathe, einzigen Tochter der verwittweten Justizräthin Gertner verlobt hat, und ob seine Hochzeit nicht auf die ersten Tage des April angesetzt ist, und ob sein Schwager, der Doctor Friedrich zu Magdeburg, etwa diese Geschichte nur erfunden hat. Ich würd’ es Ihnen gönnen, Herr Regierungsrath,“ sagte er mit dem bittersten Hohn zu diesem, „wenn Sie jetzt: Lügner! sprechen dürften.“
Während Ignaz sprach, hatte Tosca ihn so scharf und durchbohrend angesehen, als wolle sie in den Grund seiner Seele dringen und dort die Wahrheit lesen. Es war etwas in seinem Ausdruck, das wie vollkommne Ueberzeugung klang, daher warf sie einen fast flehenden Blick auf Sigismund, um ihn zu beschwören, Ignaz mit einem Worte zu widerlegen.
Sigismund stand da, wie in die Erde gewurzelt, wie versteint, nur lebend in dem Blick, den er auf Tosca heftete. Als sie diesem Blick begegnete, schrie sie hell auf. Sie fühlte, daß Sigismund das Wort: Lügner! das sie hoffte und ersehnte, mit einem andern Ausdruck gesagt haben würde.
„Tosca!“ rief Sigismund und fiel vor ihr auf die Knie.
Sie trat zu ihm heran; sie blickte ihn fest an, legte fest ihre beiden Hände auf seine Schultern, als ob sie ihn damit zu Boden drücken wollte, und sagte mit fester Stimme:
„Sigismund Forster! Du fragtest mich, ob ich Dich lieben könnte. Sieh! so tief, so stark, so unauslöschlich ich Dich geliebt habe -- so tief, so stark, so unauslöschlich verachte ich Dich.“
Langsam ging sie in ihr Zimmer. Sigismund und Ignaz wechselten einige Worte. Dann ging Sigismund herauf. Ein Brief von Agathen lag auf seinem Schreibtisch. Er erbrach ihn mechanisch, gedankenlos; ihm war, als habe er mit der Welt und dem Leben abgethan, als sei er begraben unter Toscas Verachtung. Agathe schrieb:
„Ich habe ruhig werden wollen, um ohne Zorn und ohne Uebereilung den letzten Schritt zu thun, den, der uns trennt, und den Sie gewiß von mir erwarten. So lange ich glücklich war, habe ich mich über Ihre Gefühle für mich täuschen können; jetzt, da ich es nicht mehr bin, kann ich es nicht. Sie haben mich nie geliebt, nie mit dem ganzen Herzen, so wie Sie lieben können, geliebt. Das ist nicht Ihre Schuld, und nicht die meine, die Herzen liegen in Gottes Hand. Daß Sie sich mit mir verlobten, war Ihre Schuld, und die vergeb’ ich Ihnen aus voller Seele. Gott segne Sie -- denn es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie seinen besten Segen verdienen. Agathe Gertner.“
„Der Himmel hat meine Schuld an Dir gerächt, Agathe!“ sprach Sigismund zu sich selbst. „Vor 24 Stunden wär’ ich mit diesem Blatt zu ihren Füßen, frei, selig, niedergesunken; jetzt ... ist Alles, was ich ihr sagen möge, nur eine matte Entschuldigung.“
Ignaz schickte seinen Sekundanten zu ihm. Sigismund erklärte sich mit Allem zufrieden: das Duell sollte auf Pistolen sein, und in der Frühe des nächsten Morgens auf der mecklenburgischen Grenze stattfinden. Ignaz selbst wollte zu Tosca; sie ließ ihm sagen, sie könne ihn nicht sehen. Sie war zermalmt. Sigismunds unerhörte Falschheit ätzte sich in ihr Herz, wie nach einer Sage Gift den Diamanten zerfressen soll. Dazwischen tauchte, wie bei einem Fieberkranken die Besinnung, so bei ihr die Zuversicht auf, daß es sich anders verhalten könne, müsse. Aber weshalb sprach er nicht, als es Noth that! weshalb sprach er nicht! er konnte sich nicht entschuldigen! -- wiederholte sie wol tausend Mal, während sie mit jener qualvollen Rastlosigkeit, welche immer das Unbehagen der Seele zu begleiten pflegt, auf und ab in ihrem Zimmer ging.
Als ihre Kammerfrau mit zwei Briefen eintrat, entsetzte sie sich dermaßen, daß sie halbohnmächtig ins Sopha fiel: sie erkannte auf dem einen Sigismunds Schrift. Sie dachte, ob es nicht besser sei, ihn uneröffnet zurückzusenden. Aber, besser oder nicht, zu diesem Grad von Heroismus hat es noch nie ein liebendes Herz gebracht. Schriftzüge der geliebten Hand sind magische Zeichen, welche zu uns in andrer Sprache reden, als die, womit man gewöhnlich zu reden pflegt. Und dann: indem unser Blick auf ihnen ruht, hat er die Wirkung, welche das Feuer auf sympathetische Dinte hat: unsichtbare Worte kommen zum Vorschein. Als Tosca ihre Adresse auf dem Brief las, kam ihr Name ihr geadelt und verklärt vor. „Ach! heiße ich denn wirklich so prächtig?“ fragte sie sich zweifelhaft. Und es war doch nur der Name, den sie ihr ganzes Leben hindurch getragen hatte. Sie vergaß Alles: Schmerz, Zorn, Kränkung. Sie erbrach den Umschlag. Zwei andre Briefe fielen heraus; der eine, von Sigismund an Agathe, den er ihr nach seiner Rückkehr von Magdeburg geschrieben und nicht gesendet hatte; der andre, den er heute von Agathen empfangen. Von ihm an sie -- keine Zeile, kein Wort; weder Entschuldigung noch Bitte; nichts! Tosca las die Briefe, verglich den Datum, dachte nach, an welchem Tag Sigismund geschrieben, und das Eine, das eine Nothwendige wurde ihr klar: Sigismund liebte sie! mogte er Agathe gekränkt, mogte er unbesonnen und leichtsinnig gehandelt haben -- sie durfte es ihm nicht vorwerfen, denn unter dem Einfluß seiner Liebe zu ihr, und einer damals auf jede Weise hoffnungslosen Liebe, hatte er gestanden. „O, er liebt mich ... er liebt mich doch! nur mich!“ rief sie; und die Thränen, welche bis daher vom bittern Schmerz erstarrt, wie Eis in ihrer Brust gelegen hatten, brachen hervor und erquickten sie, wie ein Frühlingsregenschauer nach einem beklemmenden Gewitter. Sie las die Briefe unzählige Mal. Abwechselnd jauchzte sie, dankte Gott, und weinte wieder. „Aber ich liebe ~ihn~ wol zu sehr?“ fragte sie sich plötzlich, und der andre Brief fiel ihr in die Augen. Er war von Ignaz. Sie erbrach ihn mit einem Gefühl, als ob eine Natter über ihre Hand gleite. „Heimtückischer Mensch!“ murmelte sie. Sie wurde starr vor Entsetzen, nachdem sie den Brief gelesen. Sie schrie nach Ignaz. In der Viertelstunde, die bis zu seiner Ankunft verging, hatte die Zeit für Tosca ihren realen Werth verloren, und Jahrhunderte rollten vernehmlich über ihrem Haupt dahin. -- -- --
„Ignaz!“ rief sie bebend dem Eintretenden entgegen; „aus dem Duell kann nichts werden! Sie müssen ~ihn~ um Verzeihung bitten! ... Ja, Sie müssen, Ignaz! denn es ist nicht wahr, was Sie gehört und gesagt haben! Alles, Alles, Alles ist nicht wahr!“
„Und was ist dann wahr?“ fragte er eisig.
„Das!“ rief sie und warf ihm die Briefe hin.
„Gut!“ sprach er kalt, nachdem er sie gelesen; „und was wird dadurch gehoben?“
„Die Veranlassung zum Duell.“
„Mit nichten! ~er~ -- wie Sie den Regierungsrath Forster zu nennen belieben -- hat mich beleidigt.“
„Aber Sie haben ihn gereizt, verleumdet“ .... --
„Nur gesagt, was damals Wahrheit war! und wer weiß denn, ob die Briefe nicht falsch sind.“
„Ignaz ... Sie sind schlecht!“ rief Tosca empört.
„Ah bah, schöne Tante!“ rief Ignaz heftig, „ich handle für Sie, zu Ihrem Heil, für Ihr Glück, ich warne Sie, ich rette Sie -- und Sie machen mir die seltsamsten Vorwürfe in einem Augenblick, wo ich vielleicht für Sie sterben werde ... das ist um die Geduld zu verlieren!“
„O Ignaz!“ rief Tosca ganz außer sich, „nur nicht sterben! nicht Sie, nicht er sollen sterben. Es geht nicht, ich will’s nicht! ... O Ignaz! Gott will es nicht!“
„Einer von uns Beiden muß sterben!“ sprach eisig Ignaz.
„Nun, so hab’ ich die Hoffnung, daß er der Ueberlebende sein wird,“ sagte Tosca ruhig mit einem Blick voll unüberwindlichem Haß auf Ignaz.
„Lieben Sie ihn so sehr?“
„Ja!“ sprach sie triumphirend.
„Und Sie werden ihn heirathen?“
„Ja.“
„Und das sagen Sie -- Sie in der ersten, tiefen Wittwentrauer um den kaumverstorbenen edlen General?“
„Warum fragen Sie mich?“ sagte sie stolz; „ich habe es bis zu diesem Moment mir selbst noch nicht gesagt.“
„Und kennt er Ihr Herz?“
„Ich hoffe es.“
„Gut, gut!“ sprach Ignaz gelassen; „dies Alles ist im glücklichen Fall ~meines~ Todes. Aber ich habe den ersten Schuß, meine schöne Tante, und Sie wissen, wie ich treffe.“
„Ignaz!“ schrie sie und fiel auf die Knie.
„Ein Mittel giebt’s,“ sprach er und hob Tosca gelassen auf, „und ich würde bereit zur Versöhnung, zu jeder Art von Ausgleichung auf friedlichem Wege sein. Nur meine Liebe zu Ihnen, Tosca, giebt es mir ein: versprechen Sie mir Ihre Hand“ .... --
„Ihnen?“ sagte sie gedankenlos.
„Dann retten Sie ihn und machen mich glücklich.“
„Dann rette ich seinen Leib und tödte sein Herz. Nein, nein, und abermals nein!“ sprach sie bestimmt.
„Sein Blut über Sie!“ sagte Ignaz feierlich.
„Gott wird gnädig sein,“ erwiederte sie ruhig und winkte ihm zu gehen.
Sie schrieb drei Worte an Sigismund -- die uralte, ewig neue Zauberformel des Glücks: „Ich liebe Dich!“
„Es ist nun so!“ sprach sie, als er gleich darauf zu ihren Füßen lag, und sah ihn an mit himmlischer Zärtlichkeit; -- „Du bist meine erste, Du bist meine letzte, Du bist meine alleinzige Liebe.“
Sie klagte nicht mehr, sie weinte nicht mehr; sie wollte ihm nicht das Herz schwach und das Auge trübe machen. In ihrer Seele war das Bewußtsein ernsten und heiligen Glückes; sie ruhte in ihrer Liebe.
Sie hatten keine Zeit, um von Tod und Gefahr und Furcht zu sprechen. Sie waren glücklich. Im Himmel weiß man nur von der Seligkeit.
Dem Justizrath Kleber schickte Tosca die Akte zu, mit dem Auftrag, sie in dieser Form zu vollziehen. Dann schrieb sie ihrem Arzt und bat ihn um den Freundschaftsdienst, heut Abend um zehn Uhr zu ihr zu kommen, und sie auf einer kurzen Reise zu begleiten.
„Wozu? wohin?“ fragte Sigismund bebend.
„Mit Dir!“ antwortete sie gelassen.
„O nimmermehr!“ rief er.
„Soll die einsame Qual mich tödten?“ fragte sie.
„Starkes Herz!“ sagte er bewundernd.
„Sprich: liebendes Herz -- Sigismund.“
Um zehn Uhr Abends fuhr Ignaz mit seinem Sekundanten und seinem Arzt von British Hotel ab, und Sigismund mit seinem Sekundanten, und Tosca mit ihrem Arzt, fuhren um dieselbe Stunde von dem grauen Hause, an der Linden- und Kirchstraßenecke fort. Es war eine feuchte, kalte Märznacht. Durch die halb mit Schnee, halb mit Nebel gefüllte Luft schimmerten die Laternen der drei Wagen roth und trübe wie Trauerfackeln. Gegen Morgen kamen sie im Gehölz von Dannenwalde auf der mecklenburgischen Grenze an. Sigismund stieg zu Tosca in den Wagen, um sie zu beschwören, nach dem Gasthaus des Dorfes zu fahren.
„Nein!“ sagte sie, „ich bleibe Dir so nah ich kann.“
Sie war weiß, kalt, fest wie Marmor. Es war ein fürchterlicher Abschied zwischen ihnen.
Dann verließ er sie. Tosca ließ die Fenster ihres Wagens herauf, und die Stores herunter, und kniete nieder. Gott allein weiß, ob sie gebetet haben mag.
Es fiel ein Schuß.
„Sigismund!“ schrie Tosca.
Es fiel kein zweiter. Die Aerzte und Sekundanten brachten Sigismund getragen. Ignaz fuhr mit Courierpferden gen Hamburg; seine Kugel hatte Sigismund dicht über dem Herzen getroffen. Die geringste Bewegung und er mußte sterben.
„Unrettbar?“ fragte Tosca.
Die Aerzte schwiegen.
„Tosca“ rief Sigismund, richtete sich auf und streckte die Arme nach ihr aus.
Sie umschlang ihn und küßte ihn; -- so starb er.
Drei Tage und drei Nächte wachte sie neben der geliebten Leiche; dann ließ sie auf dem Gottesacker zu Dannenwalde sie bestatten. Als Erde den Sarg bedeckte, der Alles umfing, was sie je geliebt hatte, sagte sie:
„Sigismund! bei Dir ist mein Herz erwacht und mit Dir ist’s gestorben. Was es von Schmerz und von Glück auf der Welt gekannt hat, kam von Dir .... Alles von dem Einen! Friede mit Dir ... und mit mir.“
Sie stieg in ihren Reisewagen.
„Wohin befehlen Sie zu fahren?“ fragte ihr Arzt, der mitleidig bei ihr geblieben war.
„Die Welt ist groß!“ sprach sie gleichgültig.
Druck und Papier von ~Phil. Reclam~ _jun._ in Leipzig.