Sigismund Forster

Part 8

Chapter 83,843 wordsPublic domain

Das ist eine unselige Frage! Unter hundert Malen stimmt sie den, an welchen sie gerichtet wird, neunundneunzig Mal traurig. Liebt er aus voller Seele, mit tiefster Hingebung, so scheint ihm die Frage zu alltäglich, um nicht überflüssig zu sein. Thut er das nicht, so setzt er im Andern Mißtrauen und Zweifel voraus und fühlt sich gekränkt, wenigstens verstimmt, weil -- er es verdient. Die Frauen haben eine unglückliche Leidenschaft für diese Frage, denn sie lieben Demonstrationen des Gefühls, sie sind demonstrativer als die Männer -- vielleicht, weil sie mehr Zeit dazu haben, vielleicht weil es eine ihrer Grazien ist. Eine Frau weiß unter vier Augen unendlich viel mehr Liebliches zu sagen als ein Mann; darauf sollte sie sich beschränken, das hört er immer gern. Aber die Frage: „hast Du mich lieb?“ sollte sie nie an ihn richten, höchstens in den allerernstesten Momenten oder in fröhlichem Uebermuth, spottend, neckend; -- nur dann wird er zu antworten wissen. -- Dies rathe ich den Frauen sehr wohlmeinend.

Ueber Sigismund legte sich ein Schatten, als er sagte:

„Ja, liebe Agathe; aber warum fragst Du?“

„Weil ich dies Ja lieber hören mag, als Alles, was Du sonst sagst, mög’ es noch so gescheut und klug sein,“ erwiderte Agathe aus so vollem Herzen, daß er sie gerührt und zärtlich umfaßte und sagte:

„Bei Dir hab’ ich’s gut, meine Agathe.“

„Und wo denn nicht, Sigismund?“

„Nirgends -- wo Du nicht bist.“

„Nun, das muß ja auch so sein. -- Aber,“ fügte sie hinzu und sah ihn besorgt an, „mir däucht, Du siehst angegriffen aus. Bist Du krank? hat Dir Jemand was zu Leide gethan?“

Sigismund lachte. „Das ist doch keine ordentliche Antwort,“ sagte Agathe kopfschüttelnd.

„O,“ rief Sigismund, „sieh mich an, Agathe! sieh mich an mit Deinen guten lieben Augen! und freundlich, Agathe, nicht besorgt! Glaube mir, wenn ich bei Dir bin, so fehlt mir nichts, und wenn ich nicht bei Dir bin, so fehlt mir auch nichts -- als Du.“

Agathe versuchte ihn anzusehen, aber ihre Augen füllten sich mit Thränen; um sie zu verbergen, schlug sie die Augen nieder. Es war ein so milder sanfter Ausdruck in ihrer ganzen Erscheinung, daß Sigismund vor dem Gedanken bebte, diesem Mädchen auf irgend eine Weise weh zu thun.

Der Abend verging gut. Die Erinnerung an den gestrigen stieg zwar ein Paarmal lebhaft in Sigismund auf, wenn er dessen extatische Emotionen mit dem Stillleben des heutigen verglich. Aber er schob sie gewaltsam zurück, und wiederholte heimlich: heute ist’s besser! -- In dem Glanz des gestrigen Abends stand Tosca wie die Rose in einem persischen Gedicht; in dem Frieden des heutigen erschien ihm Agathe wie das Veilchen in irgend einem deutschen Frühlingsliede. Spät ging er fort, und zu seinem Schwager, bei dem er wohnte. Er fühlte sich recht zufrieden, und seines Entschlusses herzlich froh. Einige Tage bei Agathen, und die Arbeit ein vernünftiger Mensch zu werden war dennoch gelungen -- trotz Toscas Prophezeihung, oder vielleicht wegen ihres „Glück zu!“ -- Denn mächtig ist sie! dachte Sigismund; und ob sie wol an mich denkt .... an ihr Flacon, das bei mir geblieben ist? -- So dachte er vor dem Einschlafen, wenn der Geist und der Wille nicht mehr im Stande sind die vagabondirenden Gedanken zu beherrschen; sie flogen zu Tosca, nicht zu Agathen.

Am andern Morgen, nachdem Sigismund eine Weile bei Agathen gewesen war, sagte sie:

„Aber, lieber Sigismund, warum parfümirst Du Dich so stark? ich bin das gar nicht an Dir gewohnt.“

Er griff unwillkürlich nach der Brusttasche, um sich zu überzeugen, ob das Flacon sich nicht geöffnet habe; denn er hatte sich schon so an den Geruch gewöhnt, daß er ihn nicht mehr bemerkte. Agathens Blick folgte seiner Hand.

„Bitte, zeige mir, was es ist,“ sagte sie.

Er gab ihr das Flacon, aber ein wenig widerwillig. Sie rief:

„O das ist allerliebst! doch die Essenz wollen wir ausgießen; die mag ich nicht.“

„Gnade für die Essenz, liebe Agathe! sie wird Dir gewiß gefallen, wenn ich Dir sage, daß es die alten Narden sind, die Narden, welche die heiligen drei Könige samt Gold und Spezereien dem Christuskinde darbrachten. Jetzt heißen sie _vétivert_.“

„O, im _vétivert_ ist gewiß nichts mehr von den alten Narden enthalten! ich kann wirklich nicht ertragen, daß Du Dich damit parfümirst“ ... --

„Ich will es weglegen, liebe Agathe,“ sagte Sigismund und streckte die Hand danach aus.

Aber Agathe behielt es in der ihren, die sie zurückzog, und sagte:

„Bitte, Sigismund, o bitte, schenke mir das Flacon! es ist gar niedlich.“

„Ich werde Dir ein andres geben, liebe Agathe, ein größeres, eleganteres, mit irgend einer Essenz, die Du gern magst.“

„Nein, ich danke Dir! ein eleganteres will ich nicht ... und es giebt auch keines! und die größeren sind nur unbequem.“

„Du kannst ein größeres auf Deine Toilette stellen.“

„Ich hab keine Toilette, zu welcher ein elegantes Flacon paßt, Sigismund. Ich mögte nur dies ... um es immer bei mir zu tragen .... so wie Du es getragen hast.“

„Aber Du magst nicht den Parfüm, Agathe.“

„Nein gar nicht! drum will ich ihn Dir nehmen.“

„Ich könnte ihn mir ja wieder bei jedem Parfümeur kaufen.“

„O das thust Du nicht, wenn es mir unangenehm ist. Bitte, Sigismund, schenke mir das Flacon.“

Er hätte einfach sagen können, es gehöre ihm nicht; aber ihm graute vor den Erörterungen, wie, wann, von wem er es bekommen habe, und er fühlte, daß er nicht im Stande sei, irgend eine kleine erklärende Geschichte, wie die Männer sie sonst immer bereit zu haben pflegen, in ~diesem~ Augenblick zu erfinden. Wie man das denn immer höchst ungeschickt macht: um aus der Verlegenheit zu kommen wird man heftig.

„Ich bitte sehr um Verzeihung,“ sagte er kurz, „allein das Flacon ist mir lieb.“

„Eben darum!“ sagte sie bittend.

„Mein Gott!“ rief er heftig, „wenn Du eine so große Liebhaberei für Flacons hast, will ich Dir ein Dutzend kaufen!“

Kaum hatte er’s gesagt, so that es ihm leid, denn Agathe sagte sehr traurig:

„Du willst es mir also nicht geben?“

„Laß es mir, liebe Agathe!“ bat er sanft.

„Da!“ sprach sie. Doch noch ehe er es nehmen konnte, machte sie ihre Hand auf und ließ es fallen, zu absichtlich um den Zufall anklagen zu dürfen. Sigismund wurde blaß, stand auf und nahm seinen Hut. Als Agathe das gewahrte, sprang sie ihm in den Weg, faltete die Hände, und sagte zitternd:

„Sigismund!“

„Es thut nichts, liebe Agathe,“ erwiderte Sigismund mit etwas gezwungenem Lächeln. „Ich bin ungeschickt gewesen -- nicht Du.“

„O Du bist erzürnt!“ rief sie mit tiefem Schmerz.

„Gar nicht! mein Wort darauf! ein Flacon ist ja etwas sehr Zerbrechliches! In einer halben Stunde bin ich wieder hier, Agathe -- jetzt muß ich einen Gang durch die Stadt machen.“

„O nicht jetzt ... nicht so im Zorn!“ bat sie. „Geh nicht fort, ohne mir einen Kuß zu geben -- das ist noch nie geschehen, Sigismund!“ -- Sie sagte das aus tiefer, trauriger Liebe, doch es berührte ihn unangenehm.

„Laß mich gehen, gute Agathe, ich bitte Dich!“ sprach er im halb gereizten, halb befehlenden Ton.

„O Himmel!“ sagte Agathe und trat zurück. Sie bebte vom Scheitel bis zur Sohle, schloß die Augen, und lehnte sich an die Wand neben der Thür. Das ging ihm durchs Herz. Agathe hatte ja nicht Unrecht; sie hatte nur den unbegreiflich feinen und richtigen Instinkt der Liebe. Er! er hatte Unrecht gegen sie, und fügte jetzt noch die herbste Kränkung dazu! Er warf den Hut fort, er umfaßte Agathe, ließ sie niedersitzen, kniete vor ihr, gab ihr tausend süße Namen und liebe Worte. Sie hielt unablässig beide Hände vor dem Gesicht. Er bat sie ihn nur anzusehen, wenn auch nicht freundlich.

„Nein!“ sagte sie, „ich bin beschämt, ich kann nicht.“

„Du strafst mich hart, Agathe,“ sagte er, wieder etwas heftig.

„Es sollte nicht Strafe sein, Sigismund,“ sprach sie und ließ die Hände sinken. „Aber höre! wenn ich zu Dir spreche: Gieb mir einen Kuß! so mußt Du es thun -- denn Du kannst Dir vorstellen, daß mir so viel daran liegt ... so viel ... wie vorhin. Versprich mir das.“

„Ja, liebe Agathe.“

„Dafür versprech’ ich Dir, daß ich es nie wieder thun will -- nie wieder.“

„Aber wenn ich Dich um einen Kuß bitte -- was wirst Du thun?“

„Ich werde immer thun, was Du wünschest,“ entgegnete sie, und die Trauer auf ihrem Gesicht machte einer wunderholden Freundlichkeit Platz. „Und jetzt bleibst Du hier? nicht wahr?“ fragte sie.

„Ich habe meiner Schwester versprochen bei ihr zu Mittag zu essen,“ antwortete er.

„O nicht bei Deiner Schwester!“ rief Agathe ängstlich; „iß bei uns, Sigismund.“

„So muß ich ihr doch sagen, daß ich nicht komme.“

„Ja, thue das! aber komm’ bald wieder; denn Deine Schwester mag mich nicht.“

„Sie mag Dich nicht?“ rief er befremdet.

„O, sie mag nicht, daß Du mich heirathest! ich bin ihr für Dich nicht reich und vornehm genug. Sie meint, Du könntest eine ganz andre Partie machen -- was ich freilich auch sehr gern glaube.“

„Eine Partie machen!“ rief Sigismund; „aber ich will gar keine Partie machen! Heirathen will ich! ... und zwar Dich, Agathe!“

Er umarmte sie und ging. Sie sprang an das Fenster und blickte ihm nach, wie er dahin ging, fest, rasch, mit wenigen Bewegungen. Ihr schien, als habe sie nie Jemand so sicher und ruhig gehen sehen. So lange sie ihn sah, fühlte sie sich froh und leicht; als er verschwand, als sie ins Zimmer zurücktrat, als sie die himmelblauen und goldnen Scherben des Flacons gewahrte, fiel ihr Herz gleichsam in namenlose Beklommenheit zurück. Sie grämte sich, daß Sigismund ihr nicht das Flacon hatte geben wollen, daß sein Wunsch, es zu behalten, größer war, als sein Wunsch, ihr eine Freude zu machen. „O wenn er es mir gegeben hätte,“ sagte sie halblaut, „so hätte ich es ihm ja auf der Stelle zurückgegeben! behalten wollte ich es gar nicht, nur wissen, ob das, was sein ist, auch mein ist.“

Als die Mutter eintrat, fand sie Agathe am Boden kniend, und weinend die Scherben in ihrer Schürze sammelnd. Sie fragte, was ihr widerfahren sei? Agathe sagte nur, es thue ihr so leid, daß sie Sigismunds allerliebstes Flacon habe zu Boden fallen lassen, und dabei weinte sie, als wolle sie mit ihren Thränen die Erinnerung daran überfluthen. Das sind unsre bittersten Schmerzen, die, welche wir Keinem anvertrauen mögen, weil wir sie in uns selbst nicht zum Bewußtsein kommen lassen mögten.

Sigismund fühlte sich mißgestimmt. „Es liegt doch etwas Krittliches, Kleinliches, Eifersüchtelndes im Frauencharacter,“ sprach er zu sich selbst. Sein Besuch bei seiner Schwester erhöhte diese Mißstimmung; sie machte ihm Vorwürfe, daß er sie um seiner Braut willen vernachlässige; -- sehr zärtlich, sehr freundlich that sie das; die Intimität eines halben Menschenlebens, ihre lange vertrauliche, durch die Kindheit und erste Jugend fortgesetzte Freundschaft rechnete sie ihm vor, welche jetzt durch eine Bekanntschaft von sechs Monaten in Schatten gestellt werde. Sie war eine sehr hübsche und elegante Frau, durch die günstigen Verhältnisse ihres Mannes in eine glänzende Lage versetzt. Wie das zuweilen geht zwischen Geschwistern, so ging es auch hier: eins von ihnen ist der Liebling der übrigen -- bald ist es das älteste, bald das jüngste, bald der einzige Bruder oder die einzige Schwester, bald nichts von dem Allen, sondern eben nur der allgemeine Familienliebling; für den ersinnen sich die übrigen ganz besondre Schicksale voll Glück und Segen und Glanz, und malen seine Wege mit so idealischen Farben aus, wie sie ihn selbst in eine Glorie der Vollkommenheit stellen. Sucht er dann auf ganz gewöhnlichen Pfaden und zwischen gewöhnlichen Verhältnissen sein Glück, so liegen die ~unter~ der Erwartung der Geschwister, und sie fühlen sich ein wenig gedemüthigt in ihren hochfliegenden Hoffnungen. Wirft er sich aufs Ungewöhnliche, so liegt das, wenn nicht ~über~ -- doch ~außerhalb~ der Kreise ihrer Wünsche, und es verletzt sie, daß er etwas ergriffen hat, was sie nicht für ihn ausgedacht. Und dies Alles aus lauter Liebe! -- Sigismunds Schwester fand, daß Agathe durch ihre Heirath ein namenloses Glück mache, zu welchem sie durch nichts berechtigt sei. „Es ist ein hübsches gutes Kind,“ sagte sie oft zu ihrem Mann, „doch ich dächte, mein Bruder dürfte wol andre Ansprüche machen.“ -- Und jetzt fand sie sich in ihrer schwesterlichen Zärtlichkeit beeinträchtigt um Agathens willen! Geschwisterliebe ist ein geliehenes Gut; sie kann so lange genügend, ja, exclusiv sein, bis das Herz zur Erkenntniß gekommen. Ist das geschehen, weiß es, was es fordern -- oder besser, was es geben kann: so tritt die geschwisterliche Liebe in ihre Schranken zurück, kann Trost, Freude, Beruhigung gewähren, aber nicht das unermeßliche Glück, nach welchem das Herz durstig worden ist, ach! oft ohne Befriedigung zu finden. Um Familien- und überhaupt alle intimen Verhältnisse in einer Sphäre zu erhalten, wo sie nicht allzu sehr vom dicken Staube der Alltäglichkeit zu leiden haben, ist nichts so nothwendig, als gewisse Fühlfaden an der Seele, welche auf manchen Punkten vor der lindesten Berührung sich zusammenziehen, und vor dem Vorwärtsdringen warnen. Wir ~haben~ auch solche Fühlfaden; wir ~empfinden~ auch ihre Einwirkung; dennoch übertäuben wir oft ihre Warnung, weil übertriebene Eigenliebe uns zuflüstert, daß wir mehr geben, als empfangen, daß Kälte und Mangel an Vertrauen uns gegenüber stehen. Das kann wol sein! aber der Bruder ist Mann, aber die Schwester ist Weib; tausend und aber tausend feine, unsichtbare und dennoch unzerreißbare Rücksichten weben eine leicht verletzliche Schranke. Ich glaube, daß die Menschen, um sich ~nur~ als Geschwister zu fühlen, immer in der Kinderstube bleiben müßten.

Sigismund hatte für die zärtlichen Vorwürfe seiner Schwester keine Antwort. Er versuchte mit ihr darüber zu scherzen, aber sie nahm die Sache tragisch, als sie sah, daß er sie lustig nehmen wollte -- so, aus bloßem Widerspruchsgeist, der sich bisweilen wie eine nervose Irritation der Frauen bemeistert, und sie fast gegen ihren Willen Dinge thun und sagen läßt, welche sie hinterdrein herzlich bereuen. Ich habe sehr nachgedacht, woher das kommen möge; ich glaube, es ist, weil die Frauen sich nothgedrungen so sehr fügen und schicken, der fremden Meinung unterordnen, der fremden Ansicht folgen, das Gegentheil von dem thun und lassen müssen, wie es ihnen ums Herz ist. All die heimlichen Protestationen, welche sie einreichen, und welche vom Schicksal nicht angenommen werden, sammeln sich in ihrer Seele auf, und bilden darin eine Opposition, welche nur darum bei erbärmlichen Kleinigkeiten hervortritt, weil sie es bei wichtigen Dingen nicht immer darf.

Um Vieles verstimmter, als er gekommen war, verließ Sigismund seine Schwester. Vor der Thür begegnete ihm sein Schwager, und hielt ihn am Arm fest.

„Was Teufel fehlt Dir, daß Du mich fast über den Haufen rennst?“ fragte er.

„Frag’ mich nur nicht!“ rief Sigismund; „denn Deine Frau hat mich geärgert!“

„Meine Frau ist Deine Schwester,“ entgegnete Friedrich äußerst gelassen; „und wie kannst Du Dich überhaupt ärgern lassen? so lange Du das noch thust, bist Du nicht reif für die Ehe. Ich ärgere mich nie über meine Patienten; sie sind eben krank.“

„Seelenunarten kann ich nicht Krankheit nennen,“ erwiederte Sigismund.

„Ich thue es, und ich befinde mich sehr wohl dabei,“ entgegnete Friedrich. „Deine Schwester ist eine so gute Frau, wie eine! das hindert aber nicht, daß ich häufig Gelegenheit hätte, mich über sie zu ärgern. Oben hinaus will sie, immer oben hinaus .... und das hat denn doch seine Grenzen! da setz’ ich ihr eine unerschütterliche, eiserne Ruhe entgegen“ .... --

„Und reizest sie dadurch immer heftiger auf,“ unterbrach Sigismund; „nein, Freund! von solcher Ruhe kann eine Frau ganz desperat werden.“

„Ich werde mich doch nicht mit ihr zanken sollen? Das ist ganz gegen meine Grundsätze.“

Sigismund machte eine ungeduldige Bewegung.

„Es ist kalt hier draußen, nicht wahr?“ sagte Friedrich; „komm zu mir, wir wollen schwatzen.“

„Nein!“ rief Sigismund, „heut komm’ ich nicht zu Dir! heut hab’ ich Unglück! es giebt solche verwünschte Tage, die im Kalender eines schadenfrohen Dämons übel angestrichen sein müssen -- und ein solcher ist der heutige.“

„Was hast Du denn mit der Auguste gehabt?“ fragte Friedrich bedächtig.

„Sie ist eifersüchtig auf Agathe! ich bitte Dich, bringe ihr doch bei, daß die Eifersucht nicht in geschwisterliche und freundschaftliche Verhältnisse gehört, sondern zur Liebe, zur Ehe“ .... --

„Den Teufel auch!“ rief Friedrich; „Eifersucht zur Ehe! ein horrender Gedanke, der! besonders in meinen Verhältnissen. Nein! wenn meine Frau eifersüchtige Launen haben will, so gönne ich sie Dir von ganzem Herzen, lieber als mir -- Denn ein Bruder fragt doch weniger danach, als ein Mann. Adieu, mein Alter.“

Er ging ins Haus, und Sigismund zu Agathen.

Agathe hatte so heftig geweint, daß ihre Augenlieder noch ganz roth und geschwollen waren, und daß ihre Stimme noch das leise Zittern hatte, das nach starkem Weinen eine Zeitlang währt. Davon wissen die Männer nichts -- schon darum nicht, weil sie nicht zu weinen pflegen. Thränen sind ihnen nun einmal verhaßt. Bei sich selbst schämen sie sich ihrer, weil sie als weibische Schwäche sie betrachten; bei den Frauen sind sie ihnen unerträglich, theils weil sie allzu gerührt durch deren Thränen werden -- was ihnen wieder weibisch vorkommt -- theils weil sie der Aufrichtigkeit dieser Thränen mißtrauen. Das Aeußerste, was ein Mann in dieser Beziehung für eine Frau thut, ist, daß er sie weinen läßt, ohne ihr darüber Vorwürfe zu machen. Hat er ihr das gestattet, wie man einem verzogenen Kinde stillschweigend eine Unart nachsieht, so soll sie dafür, wenn sie sich kaum die Augen abgetrocknet hat, flugs fröhlich und freundlich sein. Könnte sie das sein, so wären ihre Thränen wirklich nur aus einer Unart, nicht aus einem Schmerz entsprungen, und die Männer begreifen nun einmal nicht, daß man aus Schmerz weint. Begriffe es einer, so würde er mild gegen die Thränen sein. Aber es giebt Punkte, in denen der Mann und das Weib sich gegenseitig durch und durch unverständlich sind, und aller Mühe ungeachtet auch bleiben werden. Das rührt nicht von der Erziehung, von den Gesetzen der Welt und der Gesellschaft her; es liegt an der geistigen und körperlichen Organisation: von seinem Geschlecht kann keiner sich losreißen, und das Geschlecht ist an gewisse Bedingungen geknüpft, die sich ewig gelten machen. Je größer die Liebe, um desto tiefer wird das gegenseitige Verständniß sein; doch auf ein vollständiges rechne nur Niemand. Es giebt gute Momente; da kann man sagen: „Siehst Du! so und so und so bin ich, denk’ ich, fühl’ ich; hast Du das begriffen?“ -- Und der Andre wird mit Ueberzeugung Ja! sagen, und dennoch nach fünf Minuten handeln, als ob er Nein! gesagt hätte. Das ist um sich todt zu grämen! Kämen wir gleich beim ersten Schritt ins Leben zu dieser Erkenntniß, so würden wir vielleicht wirklich durch sie überwältigt und zerknickt werden; aber die Schule der Enttäuschung ist so lang, und wir sind so ungemein wißbegierige Schüler, daß wir selbst nicht auf der Schwelle zusammensinken mögen.

Agathe hatte eine sanfte Seele und ein liebendes Herz; sie empfing also Sigismund sehr freundlich, nur aber fröhlich, so wie sie sonst zu sein pflegte, und wie er sie immer gesehen, fröhlich war sie nicht. Bisher war zwischen ihr und Sigismund die vollkommenste Einigkeit gewesen; die Ueberzeugung, daß zwei Wünsche, zwei Willen bei ihnen existiren, und von jedem bis zur letzten Consequenz durchgeführt werden könnten, drängte sich wie ein Stachel in ihre Brust. Sie dachte nicht daran, ob er Unrecht habe, oder sie; auch nicht, worin es bestehe; sie dachte nur: O Gott, wie ist es möglich, daß ich nicht ganz glückselig bin, wenn Er da ist! -- Durch nichts wird eine Frau so traurig, als wenn sie sich das zum ersten Mal eingesteht. Was für Schmerz und Weh und Leid ihr auch widerfahren möge: ~damit~ ist nichts zu vergleichen! es ist doch Alles höchstens nur der ~Verlust~ einer Welt; aber jenes Gefühl ist der ~Untergang~ der ganzen goldnen, seligen, unerschütterlich gewähnten Liebeswelt. In der Ehe -- da sind denn die Kinder dazu da, um den Stachel minder fühlbar zu machen, so heißt es; so spricht der Mensch, der sich nun einmal entschlossen hat, mit seinen Schmerzen fertig zu werden. Aber vor der Ehe, wenn man das Herz in die Liebe getaucht hat, wie in das Weltmeer, dessen Küsten man nicht kennt -- wenn man jung und stark genug ist, um nicht an Ersatz zu glauben und um Trost zu verschmähen -- welche wohlklingende, halbwahre, oberflächliche Redensart spricht da der Mensch? Am Besten ist’s noch, wenn er die Achseln zuckt und schweigt.

Die Rückwirkung von Agathens Niedergeschlagenheit auf Sigismund war heftig. Sonst neben ihr wie unter dem lichten blauen Himmel, fühlte er sich jetzt wie unter einer Wolke, und der Gedanke, daß seine Anwesenheit sie nicht mehr durch und durch erfreue, daß sie sich gegenseitig weh gethan, daß er sie verletzt, daß sie um ihn geweint habe -- lag lähmend auf seinem Herzen. Indessen, er verstand mehr, sich zu beherrschen, als die junge unerfahrne Agathe. Er wollte nicht die Nebel, die zwischen ihnen aufdämmerten, sich verdichten lassen. Er gab sich die größte Mühe, Agathe heiter zu stimmen, indem er mit ihr Plane für die Zukunft machte, und sie so rosenroth ausmalte, wie seine Liebe für sie es ihm gestattete. Er war sehr gesprächig, sehr herzlich, sehr theilnehmend, sehr munter -- und dadurch sehr liebenswürdig, weil sein gewohnter Ernst dabei zerschmolz und in den Hintergrund trat, wie die Gletscher in einem Alpenthal. Und Agathe widerstand dieser Liebenswürdigkeit nicht. Die unruhigen Wellen ihres Herzens legten sich. Sigismund war der Zauberer, der sie zur Ruhe sprach. Sigismund war der Stern, der das Gewölk in ihrem Innern lichtete.

„Sigismund!“ rief sie; „o, ich liebe Dich.“

Sie warf die Arme um seinen Hals; sie sah ihn an, so fest, so lang, so tief, als ob sie mit dem Blick in seine Seele hinein gleiten wollte.

„Wohl mir!“ sagte Sigismund. Aber er sagte es nicht triumphirend, sondern erschöpft; es klang wie ein Seufzer, nicht wie ein Jubelruf.

Agathe strich leise mit der Hand über seine Stirn. Er fragte:

„Was ist da?“

„Ich weiß nicht,“ entgegnete sie, „aber Etwas ist da, was ich wegschaffen mögte.“

„Falten, Agathe?“

„O nein! ich weiß nicht, was es ist! sag’ es mir, Sigismund.“

„Kind! Kind!“ sagte er lächelnd, „grabe doch nicht so in die Tiefe! da giebt’s ja Särge und Leichen.“

„Ja,“ rief sie lebhaft, „und deren Gespenster kommen auf die Oberwelt, und ich mögte sie verscheuchen.“

„Was meinst Du eigentlich?“ fragte er und sah sie ein wenig befremdet an.

„O! daß ich Dich liebe, Sigismund!“ sagte sie sanft.

Als er Agathe in ihrer Liebe bestärkt und beruhigt sah, that er einen langen innerlichen Athemzug, als fühle er sich von einer Sorge befreit.

Später kam seine Schwester mit ihrem Mann. Sie sagte freundlich:

„Wenn Du mich nicht aufsuchst, lieber Sigismund, so such’ ich Dich auf -- verwöhnter Mensch, der Du bist. Wir können nun einmal Alle nicht von Dir lassen.“

Das rührte und erfreute ihn. Sein Herz hob sich wieder, um aus der Beklommenheit herauszutreten, die ihn den ganzen Tag umspannt gehalten. Diese Frauen, Auguste und Agathe, beide so verschieden, und einander so fremd im innersten Wesen, schienen sich nur in der Liebe zu ihm zu begegnen und zu verstehen. Die Schwester freute sich an der Adoration, mit der die Braut zu ihm emporsah; und die Braut an der huldigenden Zärtlichkeit der Schwester. Ihm wurde wohl, er fing an, sich heimisch zu fühlen. Plötzlich fragte ihn sein Schwager:

„Bist Du denn nicht in Berlin der Tosca Beiron begegnet? sie soll ja da sein -- hört’ ich heute.“

Sigismund war zu Muth wie Jemand, der dem Ufer nah in den Strudel der Wellen sich zurückgerissen fühlt. Er sagte entschlossen:

„Ich wohne mit ihr in demselben Hause und habe sie öfter gesehen.“