Sigismund Forster

Part 7

Chapter 73,720 wordsPublic domain

„O, sie ist nicht matt, gnädige Frau! ... wenigstens nicht immer. All unser Heil liegt in ihr, und ein tieferes, ein ächteres, als in unsern jugendlichen Träumen; denn die Wirklichkeit ist nicht die schaale und mittelmäßige Alltäglichkeit, die wie Staub und Nebel an uns vorüber weht und uns keinen bestimmten Eindruck zurückläßt; das Bleibende und Wahrhafte in ihr: das ist die Wirklichkeit, und ich gestehe Ihnen, ich habe sie schöner gefunden, als meine Träume.“

„Das freut mich sehr! dann müssen Sie Sich ungemein glücklich fühlen.“

„Zuweilen, wenn diese Ueberzeugung recht klar in mir aufwacht -- ja! Zuweilen, wenn ich mir sagen muß: sie ist schöner, aber sie gehört mir nicht! dann -- nein!... Und wo wäre der, der sich das nicht sehr oft sagen müßte?“

„Mit nichten!“ rief Tosca; „man sage sich doch lieber immer, daß man das Schönste und Beste erreicht habe, was auf dem eingeschlagenen Wege zu erreichen war.“

„Kann man das nicht mit Ueberzeugung sagen, so ist es Eigensinn und bleibt nutzlos.“

„Nutzlos -- wie ein Wiegenlied, das von wundervollen goldnen Herrlichkeiten, die nie existirt haben, uns vorsingt und in den Schlaf lullt.“

„Ist schlafen -- glücklich sein, gnädige Frau?“

„O Sie machen mich traurig,“ sagte Tosca lebhaft. Sie hatte sich bis daher so gesetzt, daß sie ihm grade ins Gesicht sah; nun wendete sie sich ab, und dem Kreise zu, der um den Tisch versammelt war. Sie mischte sich in die Unterhaltung, und sprach sehr munter und scherzend. Sigismund hörte ihr zu. Sie hatte eine reine biegsame Stimme, ein frisches Lachen, unbefangene Bewegungen, den natürlichsten Ausdruck. „Ist schlafen -- glücklich sein?“ wiederholte Sigismund heimlich für sich, „schläft sie? ... aber so selbstbewußt! wacht sie? ... aber so bewußtlos!“ -- Er vertiefte sich in seine Gedanken, wie einem das wol in der Gesellschaft geschehen kann, wenn man in schweigsamer Laune ist, und das Gespräch der Uebrigen, wie einen zum Nachsinnen auffordernden, murmelnden Bach, an sich vorübergleiten läßt. Es überfiel ihn eine brennende traurige Sehnsucht nach Agathen. „Denn sie liebt mich!“ dachte er. Hätte er gedacht: „denn ich liebe sie!“ so wäre die Sehnsucht wol brennender, aber nicht traurig gewesen.

„Und Sie gehen morgen auch mit, nicht wahr?“ wandte sich Tosca plötzlich zu ihm.

„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte er fast erschreckt auffahrend; -- „aber wohin, gnädige Frau?“

Tosca drohte ihm mit dem Finger: „Ist das recht, so zerstreut, so theilnahmlos zu sein? Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“

Er wollte schon antworten: „Bei meiner Braut;“ -- aber sie setzte sogleich hinzu: „Und warum sehen Sie denn überhaupt so eisern ernst heute aus?“ -- Da paßte die Antwort nicht mehr, und er sagte:

„Das Gespräch von vorhin hat mich so ernst gestimmt, denn die Erinnerungen sind in mir wach geworden, und die haben die melancholische Magie des Mondlichts über mich. Ich bitte, haben Sie die Gnade, mir zu sagen, wohin ich morgen gehen werde?“

„Ins Conzert, zu Liszt; ich denke, Sie thun es gern.“

Er verbeugte sich. Ignaz kam, und setzte sich zu ihm; aber das Gespräch belebte sich nie zwischen ihnen. Man findet bisweilen mit gewissen Personen durchaus keine Berührungspunkte, welche nach beiden Seiten hin eine vibrirende Saite anschlügen, und dann bleibt man bei den dürftigsten Aeußerlichkeiten haften. Ignaz hatte seine eifersüchtige Grille aufgegeben, weil Tosca nicht mehr noch weniger Interesse für Sigismund, als für jeden andern Mann ihrer Bekanntschaft an den Tag legte. Aber als Sigismund gehen wollte, ward Ignaz förmlich erschreckt durch den Ton, mit welchem Tosca zu ihm sagte:

„Ich dank’ Ihnen tausend und aber tausend Mal.“

„Wofür?“ fragte Sigismund, selbst überrascht.

„Für Ihre Erzählung,“ sagte sie.

„Schöne Tante, Sie haben mich unerhört neugierig auf jene Erzählung gemacht,“ sagte Ignaz, nachdem Sigismund fort war.

„Das kann ich mir vorstellen,“ sagte sie gleichmüthig.

„Aber Sie dürfen sie mir wol nicht wieder erzählen?“

„Dürfen ist Eines -- mögen ein Anderes.“

„Und warum mögen Sie nicht?“

„Weil Sie die Geschichte gar nicht verstehen würden.“

„Ist sie so hoch in den Wolken, oder so tief unter meinem Horizont?“

„Ignaz,“ rief sie ganz ungeduldig, „Sie sind wahrlich ein Inquisitor.“

„Wenn meine Fragen Sie ärgern, schöne Tante, so war die Geschichte gewiß ausnehmend ... interessant.“

„Es ist keine Möglichkeit, von Ihnen los zu kommen,“ sagte sie lachend; „also hören Sie zu.“

Sie erzählte ihm Sigismunds Liebe zu Antonien, aber ohne die Folgen, welche sich später für ihn daraus entwickelt hatten.

„Und dafür dankten Sie dem Regierungsrath Forster so herzlich, als ob er Ihnen weiß Gott was für eine Freude gemacht hätte?“ sagte Ignaz, nachdem sie zu Ende war.

Tosca hatte keineswegs ihren Dank auf diesen Abschnitt von Sigismunds Erzählung bezogen, doch sie sagte:

„Und warum nicht? solche kleine unschuldige Herzensregung hat etwas Rührendes und Erfreuliches zwischen der Abgestorbenheit späterer Jahre.“

„Sie hatten ganz Recht,“ entgegnete er; „solche Kindereien verstehe ich nicht, und ich glaube, daß sie die Abgestorbenheit vorbereiten und beschleunigen, von der Sie sprechen, schöne Tante.“

Tosca sah ihn an. Er saß auf dem Platz, wo Sigismund gesessen. Sein schönes Gesicht mißfiel ihr, wenn Sie es mit Sigismunds ernstem Antlitz verglich. Sie sagte gleichgültig: „Das kann wol sein, und geht mich nichts an.“ Dann gingen ihre Gedanken zu Sigismund zurück. „Seltsam!“ dachte sie; „die heftigsten Emotionen meines Lebens kommen mir durch diesen Mann, und von ihm! einst -- Schmerz, Beschämung, Gram; jetzt -- Freude, aber unglaubliche Freude, denn der einzige Moment in meinem Leben, an den ich mit einem kleinen Gefühl von peinlicher Bitterkeit dachte -- der ist jetzt hell und licht worden! und ~dafür~ hab’ ich ihm gedankt, und noch lange nicht genug.“

Sigismund kam am andern Abend und fand den General allein, der ihm sagte, seine Frau sei noch bei der Toilette, welche heute besondere Sorgfalt erheische, da sie aus dem Conzert auf einen großen Ball gehen müsse. Nach zehn Minuten etwa trat Tosca ein. Sie trug ein Kleid von blaßblauem Moor mit Fluthen von Spitzen garnirt, einen Schmuck von Türkisen und Perlen, und in den Locken einige hellrothe Camellien. Sie trat rasch ein, und sagte zu ihrem Mann, ohne Sigismund zu sehen, den sie noch nicht erwartete:

„Da bin ich! ... nun? bin ich hübsch?“

„Wie eine Email von Petitot,“ antwortete der General freundlich, „glänzend und zart.“

„O Himmel!“ rief sie, Sigismund gewahrend; „sehen Sie, so macht man’s, um sich Complimente sagen zu lassen.“

Sigismund hatte unwillkürlich einen Moment die Augen geschlossen. Ihm war als fliege ein Meteor vorüber. Sie sah ganz ungewöhnlich schön aus, das Auge noch leuchtender, die Farbe noch duftiger, die Haltung noch ätherischer als sonst. „Wo sind die Flügel, von denen sie getragen wird?“ fragte er sich heimlich; „so sieht man im gleichgültigen Zustand nicht aus!“

„O ich freue mich!“ sagte sie und ihr Lächeln glitt über ihn hin, wie der Sonnenstral.

Sigismund hätte ihr gern gesagt, daß ihre Freude ihm weh thue, denn ihm war trübe zu Sinn; er fragte nur:

„Und wozu? gnädige Frau?“

„Zum Conzert! wozu denn sonst?“

„Nicht auch zum Ball?“

„Bah! mit achtzehn Jahren freut man sich zum Ball.“

Es kamen ein Paar alte Bekannte des Generals, um ihm Gesellschaft zu leisten; Tosca empfahl ihnen ihren Mann; es war ihr ungewohnt, ihn um diese Stunde zu verlassen. Dann fuhr sie fort mit Sigismund und Ignaz.

Der Saal war gedrängt voll Menschen. Sigismund setzte sich hinter Tosca; der Platz war ihm willkommen: er brauchte ihr nun nicht in die stralenden Augen zu sehen, die ihm weh thaten. Er dachte an Agathens linde, sanfte Augen; aber ihr Blick blieb nicht in seiner Seele haften, glitt hinein, und erlosch, und war doch so lieb, so gut! Ihm war, als müsse er zu ihr, sie um Vergebung bitten, sie beschwören, sich zwischen ihn und Tosca Beiron zu stellen. Dann fragte er sich unwillig: „Aber wozu? ich werde doch nicht vor dem Lächeln einer schönen Frau zerschmelzen?“ -- Dann heftete er fest den Blick auf Tosca, wie sie da vor ihm saß; auf den zierlichen Kopf mit der Lockenfülle, den der schlanke Hals so stolz und so graziös trug, auf den schönen Nacken, um den ihr dunkler Sammetshawl sich in weichen, breiten Falten legte, auf die ganze Gestalt, bei der jede Bewegung von biegsamer Elastizität war. Er that es mit einem strengen, kritischen Blick; er wollte sich überzeugen, daß er schönere Frauen gesehen, daß Agathe reizender sei. Allmälig aber vergaß er die beabsichtigte Kritik, und Alles entschwand ihm, wie zwischen Nebeln und Hochgebirg: die Frauen, die Menschen, die Welt; nur nicht Tosca Beiron, die er als Jüngling gesehen und geliebt hatte, und die er jetzt als Mann wiedersah -- und nicht mehr lieben durfte! denn sie war gefesselt an einen siechen Greis, und er an ein blühendes Mädchen; denn ihre Wege gingen weit, weit auseinander, und hätten doch einst sich vereinigen können! Damals, als Tosca Beiron, um mit ihm zu tanzen, ein anderes Engagement brach; damals, als sie ihm täglich, wie aus dem Himmel, einen Guten Morgen zuwinkte; damals, als sie ihm, den sie krank und niedergeschlagen wähnte, mit süßer Theilnahme das Beste und Liebste schickte, was sie hatte -- ihre Blumen .... die er mit Füßen trat; denn damals -- o ja! da liebte sie ihn, mit jener aufdämmernden Empfindung, welche nur der Gewißheit der Erwiederung bedurft hätte, um in rosigen Flammen aufzuschlagen.

Liszt spielte und spielte. Sigismund wußte nicht was, und fragte auch nicht danach; ihm war, als spiele er ihm seine ganze Vergangenheit wie eine stralende _Fata Morgana_ aus den grauen Wellen seiner Erinnerung empor. Und aus der Vergangenheit ging er in die Gegenwart über, in die des Augenblicks; es lag eine Berauschung in diesem Tonmeer, wie sie in jeder überschwenglichen Fülle liegt, und überdies giebt es wol keine feinere, zauberischere Seligkeit, als einen geistigen Genuß mit einer sehr geliebten Person zu theilen. Wie vor der Pforte des Paradieses findet man sich mit ihr zusammen, lautlos, anbetungsdurstig, bebend vor Sehnsucht, der ewigen Schönheit ins Sonnenantlitz zu schauen. Die Klänge, die sein Ohr berauschten, zogen auch in ihre Seele! die Melodien, die ihm das Herz umwogten, schaukelten auch das ihre! Es war eine unirdische, und doch wundersam süße Gemeinschaft! vielleicht ist die Liebe so auf irgend einem höheren und glückseligeren Gestirn, als unsre Erde ist. Toscas Sammetshawl war von ihrem Nacken auf die Lehne ihres Stuhles geglitten. Sigismund legte die Hand darauf, wie um sich an etwas zu halten, das im Stande sei, ihm wirklich einen Halt zu geben, denn ihm war, als könne er in die Unermeßlichkeit fortgeschleudert werden. Durch den Handschuh hindurch fühlte er den Sammet wie eine linde Berührung, wie eine Beschwichtigung. Er zog geschwind den Handschuh aus, und lehnte die Stirn auf die Hand, die auf dem Shawl lag. Ganz leise berührte er den Sammet mit seinen Lippen. Ein feiner, fast unmerklicher Duft von _vétivert_ war darin. Sigismund schloß die Augen; er vergaß die Unermeßlichkeit der Welt und des Lebens -- aber nicht die des Glücks.

Liszt spielte und spielte. Goldne Wolken legten sich um Sigismunds Seele. Was war ihm Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? es schmolz zusammen in dem seligsten Bewußtsein der Nähe der schönen Geliebten. Ja, sie gehörte einem andern Mann! Ja, sie war ihm verloren ... was man so verloren nennt! Aber sie war auf der Welt! aber sie war da! In ihrem bloßen Dasein schien ihm eine unendliche Verheißung zu liegen. Konnten sich nicht die Schicksale wenden? gab es nicht wunderbare, göttliche Fügungen? Fremde Gestalten blitzten wie Geister in seine wachen Träume: Agathe, das liebe Mädchen; der General, sterbend, todt; Ignaz, lauernd, schlangenhaft, als sinne er darauf, Tosca zu verderben. Sigismund fuhr verstört empor: Liszt hatte den Schlußakkord gemacht. Tosca kehrte sich zu ihm; sie sah beinah blaß aus.

„Nicht wahr,“ fragte sie, „das ist kaum auszuhalten? Der Mensch spielt einem die Seele fort.“

„Ob er nicht eine neue Incarnation des alten Rattenfängers von Hameln ist,“ sprach Sigismund, aber mit so beklemmter Stimme und bleichen Lippen, daß Tosca besorglich und freundlich sagte:

„Sie werden doch nicht ohnmächtig werden? wollen Sie mein Flacon? er fängt gleich wieder an zu spielen.“

Sie gab ihm das Flacon. Sigismund behielt es in der Hand, ohne es zu brauchen. Ohnmächtig wäre er nicht gern geworden -- doch gestorben recht gern; nur ~eine~ Gewißheit wollte er.

„Sagen Sie mir,“ fing er an, „ich bitte, sagen Sie mir aufrichtig -- haben Sie mir vergeben?“

„Rührt die Musik Ihr Gewissen?“ fragte sie.

„Also haben Sie mir nicht vergeben!“ rief er.

Sie legte den Finger an die Lippen, und sagte dann: „Ich habe Ihnen vergeben.“

„Und warum haben Sie es gethan?“

„Weil Sie gutgemacht haben.“

„Wodurch?“

„Durch Ihre Erzählung von gestern Abend.“

„Und nun?“

„Und nun?“ wiederholte sie und sah ihm mit ihren großen mächtigen Augen grad’ ins Antlitz. Es glitt ein Rosenschimmer, wie der Wiederschein einer hohen Freude, über ihre Wangen; sie sah aus wie innerlich illuminirt, und sagte endlich: „O ... nun ist’s gut.“

Die Musik begann von Neuem. „Sie hat recht!“ dachte Sigismund; „nun ist’s gut .... zwischen ihr und mir. Ihr schönes lichtes Wesen bedarf des Friedens! weil es so friedlich ist wie der Regenbogen, und so hoch wie der Regenbogen -- darum ist’s auch magisch und herzstärkend, wie er. Du bist sehr göttlich, Tosca Beiron.“ -- -- -- Das Conzert war zu Ende. -- -- --

„Nun? hat es Ihnen gefallen?“ sagte Ignaz zu Tosca, als sie fortgingen.

„Nein!“ antwortete sie kurz.

„Nein?“ rief Ignaz; „nun, meine schöne Tante, dann wiederhol’ ich Ihnen, was ich schon oft gesagt, Sie haben kein Herz.“

Sie schwieg. Ignaz sprach mit Sigismund weiter. Als sie in den Wagen stieg, sagte Tosca:

„Nach Hause!“

„Noch eine Ueberraschung!“ rief Ignaz verwundert; „wollen Sie nicht auf den Ball? ... oder etwa später?“

„Nein!“ sagte sie wieder.

Ignaz schüttelte den Kopf. Zu Hause angelangt, sagte Tosca zu Sigismund:

„Mein Neffe geht auf den Ball; kommen Sie zu meinem Mann, wir wollen ihm erzählen und Thee trinken.“ -- Er folgte ihr stumm.

„Nun, bist Du befriedigt, liebe Tosca?“ fragte der General, als sie eintraten.

Tosca ließ sich neben ihm in einen Lehnstuhl fallen, holte tief Athem; küßte ihm dann die Hand und sagte:

„Befriedigt! ja, das ist das Wort! ... befriedigt, mein Ignaz -- wendete sie sich zu diesem -- und zwar so sehr, daß ich nicht im Stande bin, heute Abend Tanzmusik zu hören. Ich bleib’ daheim.“

Sie zog die Handschuhe aus, legte Shawl und Fächer ab, und sagte zum General:

„Ich weiß nicht ... bin ich ~ent~seelt, bin ich ~neu~beseelt, aber genug! irgend etwas ist meiner Seele geschehen.“

„Sie ist den Launen zugänglich worden,“ sprach Ignaz lachend.

„Lachen Sie immerhin, _beau neveu_!“ entgegnete sie sehr gleichmüthig und dann zu Sigismund: „Nicht wahr, ~er~ warf auch Sie in ganz überwältigende Emotionen? Sie sehen noch ganz angegriffen aus.“

„Haben Sie so schwache Nerven, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz immer noch lachend.

„Die Nerven sind gut, Herr Graf,“ erwiederte Sigismund eben so gleichgültig als Tosca; „aber die Emotionen gehen bei mir tiefer, als bis zur Erschütterung der Nerven.“

„Lieber Onkel,“ sagte Ignaz, „wie ein schlichter Mensch, der ich bin, habe ich Liszt’s Spiel in jeder Beziehung meisterhaft gefunden; allein so erschüttert, wie diese Herrschaften, bin ich nicht davon, und darum werde ich auch _tout bonnement_ auf den Ball gehen.“

„Wo Sie, als ein eleganter Tänzer, der Sie schlichter Mensch sind -- auch viel nothwendiger sind, als ich,“ sagte Tosca freundlich, und nickte ihm ihren Abschiedsgruß zu.

„Sie bekommt Launen,“ dachte Ignaz, während er zum Ball fuhr: „das ist ein Zeichen von Herzensunruh. Aber durch wen? ... ~Der~ Mann? ... unmöglich! Doch wen sieht sie denn sonst noch?“ -- Er durchlief die Reihe der Männer, welche sie kannte, und wiederholte bei Jedem: unmöglich! Endlich blieb er bei sich selber stehen: „mir däucht, sie antwortete mir ein paar Mal kurz und verdrießlich; das pflegt ein Zeichen von Mißfallen zu sein -- allein das Mißfallen entspringt oft nur aus einer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment, und nicht mit dem, gegen welchen es sich äußert.“ Dennoch brachte er es in diesem Punkt nicht bis zur Ueberzeugung; immer tauchte Sigismund wieder auf, so oft er auch sein: unmöglich! vor ihm wiederholte.

Sigismund blieb nur kurze Zeit beim General. Alles, was Tosca sagte, wie sie es sagte, ihr Blick, ihre Bewegungen, magnetisirten ihn, machten ihn kraft- und willenlos. Sie saß ihm und dem General grade gegenüber und hatte beide Arme auf den Tisch gelegt. Zuweilen hob sie den einen, stützte den Kopf in die Hand, oder strich mit der Hand über die Stirn. Die Lampe warf ihr helles Licht auf sie und ins Zimmer hinein; sie schwamm in Glanz; nach der Seite des Generals war die Lampe mit einem Schirm bedeckt, so daß die beiden Männer im Finstern saßen.

Tosca sprach viel über die Musik; Sigismund antwortete nur einsilbig, nur grade genug, um sie reden zu machen. Er konnte nicht anders. Er saß da, und blickte zu ihr hinüber, aus seiner Finsterniß in ihr Licht, wie von der Erde zu irgend einem goldnen Stern. Nichts stand zwischen ihnen als der Tisch; er meinte sich durch Welten von ihr getrennt, und dennoch war’s ein Durst, ein Drang nach der Sphäre dieses schönen Sternes, daß auch Welten den Gang zu ihm nicht hemmen würden.

„Wollen Sie schon schlafen gehen?“ fragte Tosca, als er den Hut nahm.

„Nicht schlafen -- arbeiten!“ sagte er mit so besondrem Ausdruck, daß Tosca sagte:

„Ach, das wird Ihnen zu schwer werden! Sie seufzen ja, wenn Sie nur daran denken! lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht.“

„Gnädige Frau,“ erwiederte Sigismund in ganz heiterm Ton, „ich muß arbeiten, um morgen wieder ein vernünftiger Mensch zu sein.“

„Glück zu!“ sagte sie lieblich, und der General sprach:

„Geben Sie Sich nicht allzu viel Mühe, um ein vernünftiger Mensch zu werden! -- es kommt eine Zeit, und früh genug, und ganz von selbst, in der wir tief bedauern, nicht mehr unsrer früheren extatischen Thorheiten und sublimen Schwärmereien fähig zu sein.“

„So ist’s!“ entgegnete Sigismund, „aufs Bedauern sind wir unser Lebelang angewiesen.“

Als er auf sein Zimmer kam, fiel er tödtlich erschöpft in den Sopha. „Lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht!“ hörte er unablässig Toscas Stimme in sein Ohr flüstern. Er verfiel in einen Zustand zwischen Wachen und Traum. Eine schwere, fieberhafte Aufregung brütete über ihm. Unbeweglich lag er da, und fühlte sich beängstigt, wie in schweren Ketten, und kraftlos, um sie abzustreifen. Plötzlich wehte ihn Erquickung an; Töne erklangen, er wußte nicht wo; sie kamen ihm bekannt vor und doch so, als ob er sie noch nie gehört. Er athmete freier, das Herz klopfte ihm ruhiger! allmälig kehrte ihm das volle Bewußtsein zurück. Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand über Stirn und Augen, um sich zu überzeugen, daß er wache; dann horchte er. Es war Schuberts „_Ave Maria_,“ das Liszt gespielt hatte -- und das jetzt Tosca Beiron sang! -- Diese stillen innigen Töne, in tiefer Nacht von ihr gesungen, von ihm gehört, überwältigten ihn. Er warf beide Hände vors Gesicht, wie um sich zu verbergen; dann sprang er heftig auf, und sagte ganz laut: „Ja, es ist so! ich schmelze in ihre Wesenheit hinüber ... aber ich will nicht! -- ich will fort! Agathe, zu Dir!“

Tosca hatte aufgehört zu singen. Es war so still im Hause und auf der Straße, daß er hörte, wie sie die Thür aus dem Salon nach ihrem Zimmer auf- und zumachte. „Nun geht sie schlafen!“ dachte er; „Gott segne Dich, unvergeßliches Geschöpf!“ -- und mit einem traurigen Rückblick auf sich, fügte er den Schluß eines Liedes hinzu: „Und ~die~ Nacht, und ~die~ Nacht -- Hat sie schlafend verbracht!“ --

Dann traf er geschwind einige Anordnungen, warf sich aufs Bett, und fuhr in der Frühe des nächsten Morgens nach Magdeburg auf der Eisenbahn -- die, was das Zusammenkommen betrifft, eine eben so wundervolle Veranstaltung, als hinsichtlich des Reisens widerwärtig ist. Im Wagen bemächtigte sich seiner eine Art von Betäubung, die ihm sehr wohl that, ein Seelenschlaf, aus dem er gestärkt zu erwachen hoffte. Endlich griff er ungeduldig nach der Uhr, um zu sehen, wie lange er denn noch bis Magdeburg zu fahren habe. Außer der Uhr fand er in seiner Brusttasche Toscas Flacon. Es war von hellblauem Hyalith, mit goldnen chinesischen Zeichnungen, platt und flach, bequem in der Tasche zu tragen. Als Sigismund es betrachtete, die glänzende Farbe, die phantastischen Figuren, fiel ihm ein, ob es nicht ein Amulet sein möge, ein Talisman, und ob er es nicht lieber aus dem Wagen werfen solle; aber der Gedanke, daß es ihm ja nicht gehöre, hielt ihn zurück. Dies Flacon warf ihn wieder in seinen gestrigen Ideenkreis! er dachte wieder an Tosca, an den holdselig gedankenvollen Blick, womit sie „Und nun?“ gesagt, an die Musik, an ihren Sammetshawl, an den leichten Duft von _vétivert_. Er öffnete das Flacon; richtig! es war _vétivert_ darin. Er goß einen Tropfen auf seinen Rock.

Zwei junge Leute saßen neben ihm. Er hatte bis daher ihr Geplauder nicht beachtet; als aber der Eine den Dom von Magdeburg erblickte, und zum Andern scherzend sagte, indem er auf die Stadt wies:

„Da wohnt Deine künftige Liebste!“

Da erschrak Sigismund fast, denn seine Liebste wohnte da, und seine Gedanken gingen nicht zu ihr -- sondern zurück! zurück! -- --

Er eilte zu Agathen. Er schellte; ihre Mutter öffnete ihm die Thür und empfing ihn mit herzlicher Freude. Er fragte ungeduldig nach Agathen.

„Sie plättet;“ sagte die Mutter, und rief in ein andres Zimmer hinein: „Agathe, komm einmal her, geschwind!“

Agathe kam munter hereingelaufen und stieß einen hellen Freudenschrei aus, als Sigismund ihr entgegen trat. Es war ein wunderhübsches Mädchen, groß, voll und schlank von Gestalt, mit einem prächtigen blaßgelben Teint, dessen Colorit ebenso warm und frisch als die rosigere Farbe der Blondinen ist, mit rabenschwarzem Haar, in welchem das farblose Antlitz wie eine Perle auf Sammet lag, und mit guten sanften schwarzen Augen, die das Gesicht, welches durch Züge und Farbe hätte hart sein können, ganz weich machten. Jetzt sah sie überdas sehr glücklich aus, so wie man bei zwanzig Jahren dem Geliebten gegenüber auszusehen pflegt. Dieser Ausdruck von Glück rührte Sigismund. Ist es Dankbarkeit? ist es Eigenliebe? nichts fesselt den Menschen so an einen andern, als das Bewußtsein, ihn bis ins innerste Herz zu beglücken.

„O Sigismund!“ sagte Agathe, „Du hättest doch lieber vorher schreiben sollen, denn jetzt freu’ ich mich so sehr ... daß ich gar nichts sagen kann.“

Sie setzte sich, nahm seine Hand in die ihren und sah ihn an. Er erzählte ihr, daß er nicht vorher seine Ankunft hätte bestimmen können, weil er den Entschluß gern von augenblicklicher Stimmung abhangen lasse, von einer unüberwindlichen Lust, oder von tiefer Sehnsucht, oder von der plötzlichen Ueberzeugung: jetzt sei es grade an der Zeit. Zu Allem, was er sagte, nickte Agathe freundlich mit dem Kopf; sie hörte auf seine Stimme, auf seine Worte nicht. Was er sprach, war ihr höchst gleichgültig; daß er da war, beseligte sie. Sie unterbrach ihn plötzlich:

„Sigismund!“ rief sie, „hast Du mich lieb?“