Sigismund Forster

Part 6

Chapter 63,781 wordsPublic domain

„Du mußt Freiheit haben, zu kommen und zu gehen, Du mußt Luft und Athem schöpfen, und Deine eignen Allüren haben dürfen, Ignaz, und die sind bei einem jungen Mann anders, als bei einem alten und kranken. Du würdest immer auf mich Rücksicht nehmen, wenn Du bei mir wohntest, also richte Dich ein, wo und wie es Dir gefällt.“

Dafür allerdings hatte Ignaz die größten Aufmerksamkeiten für den General, und war bei ihm stets von bewundernswerth heitrer Laune -- was Tosca ihm als ein großes Zeichen von Selbstüberwindung anrechnete, weil er bei ihr oft schwermüthig und niedergeschlagen war -- während er doch durch beide Stimmungen wie ein Schauspieler durch seine Rollen ging. Wie die Dinge jetzt standen, so war ihr künftiges Schicksal in seiner Hand -- doch ihr Herz nicht.

Der Zustand des Generals währte nun schon drei Jahr. Auf eine so lange Zeit war Ignaz nicht vorbereitet gewesen; er fand, daß der Onkel entsetzlich lange lebe. Aber er durfte ihn doch nicht verlassen, weil jeder Augenblick sein letzter sein konnte. Den Aufenthalt in Berlin wollte er benutzen, um Tosca den Schritt thun zu lassen, der ihm die Erbschaft in die Hände gab. „Hab’ ich sie,“ sprach er zu sich selbst, „so geb’ ich ~ihr~ eine Pension, und mache dann mit meinem Namen und meinem Vermögen eine ganz ungeheuer reiche und glänzende Heirath.“ -- Er fing an, ungeduldig zu werden, und sehnsüchtig in die Zukunft zu schauen; daher langweilte ihn die Gegenwart, und aus Langerweile dachte er: „In diesem tristen nordischen Nest würde es meine allzu einfarbigen Verhältnisse doch ein klein wenig pikant machen, wenn ich ~sie~ dahin brächte, sich in mich zu verlieben.“ An jenem Morgen, als sie ihn unwillig verließ, dachte er: „Sacristi! die Weiber! nie ist man mit ihnen sicher, nie! jahrelang kann man sich abgemüht haben, um sie auf einen Punkt hinzubringen; eine Laune kommt über sie, und siehe da! als wär’s ein Kartenhaus, so plötzlich, so leicht, werfen sie unsern kunstvollen, wohlstudirten und überlegten Bau über den Haufen. Ich hasse die Weiber, sobald sie etwas Andres sind, als mein Spielwerk! ich hasse ihre instinktmäßige Schlauheit, gegen welche wir mit unsrer feinsten List nichts ausrichten. Dumme Weiber -- das sind göttliche Geschöpfe! denn für Liebesintriguen haben auch noch die dümmsten Verstand genug, und über ~die~ brauchen sie nicht hinauszugehen. Sacristi! diese hochfahrende Tosca! es ist gar kein Weib! sie hat kein Herz, keine Seele ... ah bah! Herz? Seele? bah! sie hat kein Blut, keine Sinne! Dreißig Jahr ist ihr Mann älter als sie, und nie! nie! hat sie einen Liebhaber gehabt ... nie! das ist ja eine monströse Tugend. -- -- Aber wie kam denn dieser Herr .... Forster, oder wie er heißt! mit einem Mal hieher! und gar in der Nacht? Es ist wohl der, der unsertwegen eine Treppe höher gestiegen ist! Nun, ich hab’ nicht Lust, seinetwegen herabzusteigen! Aufgepaßt, Ignaz!“ -- --

Am Abend kam Sigismund. Der General empfing ihn mit großer Freundlichkeit.

„Ihnen danke ich es, daß ich mich hier so behaglich fühle, wie ein Kranker sich fühlen kann,“ sagte er und gab ihm die Hand.

Tosca warf ihm ihr prächtiges Lächeln zu. Sigismund fühlte sich ganz beglückt und sprach es unbefangen aus.

„Denn es kommt so selten im Leben vor, daß man noch andern Menschen, als den Freunden, durch Kleinigkeiten wohlthun darf,“ sagte er, und ein heitrer Glanz legte sich über sein ernstes, fast strenges Gesicht, und erinnerte Tosca an ~den~ Sigismund Forster, welcher sie einst so dringend um einen Walzer bat. Er sprach mit dem General. Sie saß zurückgesunken in einem Fauteuil, hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne gestützt, und das Kinn auf die Hand gelegt; ihr Blick haftete auf Sigismund, und mit diesem Blick schob sie ihn gleichsam tief, tief in die Vergangenheit zurück. Sie sah ihn, wie er damals war, wie er ihr kindisches Herzchen überwältigt und zerknickt hatte, wie sie mehr durch ihn gelitten hatte, als je durch einen Menschen, und ohne daß er es wußte. Und nun sah sie ihn wieder, unter ganz veränderten Verhältnissen! Da saß er -- ihrem Gemahl gegenüber. Das waren die Männer, welche ihrem Leben die Richtung bestimmt hatten. Es kam ihr unvollkommen vor -- das Leben; sie bedauerte nichts, sie beklagte nichts, sie wünschte nichts; aber die Halbheit oder Unvollkommenheit der Zustände, welche uns doch zuweilen so befriedigend erscheinen, glitt ihr durch die Seele, und machte, daß sie in die Zukunft einen traurigen fragenden Blick warf. Ihre langen blonden Locken rieselten ihr über den Arm herab, und die breiten Augenlieder deckten halb die großen Augen zu.

„Warum so schweigsam, Tosca?“ fragte der General. Sigismund sah sie an und sein Herz bebte; denn diesen unsäglich traurigen Ausdruck hatte Tosca damals gehabt, als er sie zum letzten Mal in Bonn zwischen ihren Blumen am Fenster sah. Und langsam, auch wie damals, wendete sie den Kopf, und er würde sich nicht gewundert haben, eine Thräne aus ihrem Auge fallen zu sehen. Im Gegentheil! er wunderte sich, als sie die Locken zurückwarf und die Augen aufschlug, daß sie ganz munter sagte:

„Ich glaub’, ich bin schläfrig, denn ich habe ein wenig geträumt.“

„Ich finde, es träumt sich am Besten ohne Schläfrigkeit, mit recht wacher Seele,“ sagte Sigismund.

„Was hör’ ich!“ rief Tosca und schlug die Hände mit komischem Erstaunen zusammen; „Sie wissen von Träumen, die man mit offenen Augen träumt? Sie? ein Mann! ein Regierungsrath! -- Aber sagen Sie mir, thut das Ihrer Carriere keinen Schaden?“

„Was die betrifft,“ entgegnete Sigismund, „so ist sie dermaßen miserabel, daß meine kleinen Liebhabereien oder Absurditäten ihr keinen Eintrag zu thun im Stande sind.“

„Die Klage rührt mich gar nicht!“ sagte Tosca. „Alle Frauen klagen, daß sie nicht verstanden werden, und alle Männer, daß sie eine elende Carriere machen; das ist so in der Ordnung, denn unser Herz und Ihr Ehrgeiz sind nicht zu befriedigen.“

„So sind wir zwiefach beklagenswerth, gnädigste Frau,“ antwortete Sigismund lächelnd; „denn auf diese Weise leiden wir und machen leiden.“

„O was das Leidenmachen betrifft,“ rief Tosca, „darüber trösten sich die Männer gar leicht, und durch den Ehrgeiz zu leiden, das, denk’ ich mir, muß ein recht angenehmer Stachel sein, weil er zu lebhaften Bestrebungen anregt.“

„Kein Stachel ist angenehm,“ sagte Sigismund, „denn er überreizt uns leicht.“

„So?“ rief Tosca spottend; „Sie sind also, wie ich sehe, bequem und gemächlich für Rosen ohne Dornen?“

Plötzlich fiel ihm ein, daß sein Schwager Friedrich ehedem Tosca Dornenröslein zu nennen pflegte, und daß sie wol noch jetzt ganz den lieblichen Namen verdienen möge. Er antwortete lächelnd:

„Ich würde es vielleicht sein, wenn ich das wundersame Glück hätte, eine solche Rose zu finden.“

„Dann müßte aber noch das Mirakel geschehen,“ sagte Tosca, „daß die Rose Ihnen nicht fade erschiene.“

„Mirakel gehört zu jedem Glück, gnädige Frau! oder vielleicht ist jedes Glück ein Mirakel, das uns in Sphären wirft, oder zu Zielen führt, die wir ohne sie, durch Mühsal, Anstrengung und Berechnung, nimmer erreicht hätten.“

„Ob solche Mirakel selten sind?“ fragte sie nachdenklich.

„Ich denke, wol sehr selten! man muß die Seele haben, um sie aufzufassen, und das Auge, um sie zu erkennen; ach, und im Leben wird jene so leicht matt, und dieses so früh stumpf“ ... --

„Denn wir tragen Brillen!“ rief Tosca neckend.

„Leider!“ sagte Sigismund mit Achselzucken.

„Wie kann ein ehrlicher Mann Brillen tragen!“ rief sie.

„Tosca!“ sprach der General ein wenig ermahnend.

„Ich frage: wie kann er?“ fuhr sie fort und wendete sich zu ihm; „ich sehe Dir ins Auge und Du mir, und wir lesen so das Seelenaccompagnement zu unsern Worten. Wer Brillen trägt, liest es ebenfalls im fremden Auge, während das seine versteckt hinter einem gläsernen Wall liegt. Das ist ein Kampf mit ungleichen Waffen, und ist der ehrlich?“

„Ohne diesen kleinen gläsernen Wall,“ sagte Sigismund und nahm seine Brille ab, „ist mein Gegner im entschiedenen Vortheil -- denn er sieht, und ich bin blind.“

„Darum,“ sprach Tosca lieblich, „sollen Sie sie auch draußen in der Welt, wo es Gegner giebt, tragen, doch nicht zwischen Freunden. -- Und schon aus Eitelkeit sollten Sie es nicht thun!“ fuhr sie fort, ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen; „eine solche Maschine im Gesicht entstellt ja, und es giebt nichts Anmuthigeres, als den sanften, kurzsichtigen Blick einer Frau! da ich scharf wie ein Falke sehe, so darf ich das sagen.“

„Ja, einer Frau!“ wiederholte Sigismund, der an Agathens sammetschwarzes und sammetweiches kurzsichtiges Auge erinnert ward; -- „aber was bei einer Frau reizend ist, kann bei einem Mann linkisch aussehen.“

„Das ist wahr!“ rief Tosca lachend.

Ignaz trat ein. Unwillkürlich, als fühle er sich dem Gegner, von dem er gesprochen, gegenüber, setzte Sigismund seine Brille wieder auf. Die Unterhaltung nahm eine andre Wendung. Ignaz kam aus der italienischen Oper.

„Einen Act hab’ ich anhören können,“ sagte er, „mehr nicht. Eine italienische Oper, die nicht erster Ordnung ist, ist unaushaltbar. Diese Art der Musik begehrt die Perfektion des Vortrags. Sie würden nicht zufrieden sein, schöne Tante.“

„Dann geh’ ich lieber gar nicht hin,“ sagte Tosca.

„Sie sollten doch -- um selbst zu hören und zu urtheilen,“ sagte Sigismund.

„Wie mühselig!“ rief sie, und legte den Kopf bequem auf die Rückenlehne des Stuhls.

„So träge?“ fragte Sigismund lächelnd.

„O ganz unglaublich träge!“ rief Ignaz, „träge wie eine Orientalin. Nur keine Mühe, d. h. nur keine Langeweile! nicht wahr, schöne Tante?“

„Wozu auch?“ fragte sie.

„Um ein eignes Urtheil zu haben,“ entgegnete Sigismund.

„Sie protegiren die italienische Oper, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz.

„Nein, Herr Graf,“ erwiderte Sigismund, „ich liebe vielleicht zu exclusiv deutsche Musik, und nur im Allgemeinen sprach ich meine Ansicht aus.“

„Das Publikum war sehr entzückt,“ erzählte Ignaz weiter. „Es rief bravo! und brava! genau wo es hingehörte, und schien in dieser Darlegung tiefen Kunsturtheils große Befriedigung zu finden.“

So plauderte er weiter. Tosca lachte, der General lächelte; Sigismund mußte es auch zuweilen, fast widerwillig, thun, denn Ignaz mißfiel ihm über allen Ausdruck. Das ist ein Mensch, dachte er heimlich, dem ich mit Vergnügen eine Impertinenz sagen würde. Aber Ignaz war von der äußersten Höflichkeit. Obwol ihn das ein wenig verstimmte, fühlte er sich dennoch sehr wohl, fast glücklich. Das ist die Macht der Schönheit und Grazie. Wer ihr unbefangen gegenüber tritt, wer nichts von ihr begehrt, als sich an ihr zu erfreuen, wie an Duft und Farbenspiel einer Blume -- den wird sie immer wohlthätig berühren. Durch sie hat der Himmel den Frauen einen lieblichen Zauberstab verliehen. Wie gute Feen könnten sie herrschen. Aber ach! wer hat die Herrschaft nie mißbraucht?

Als Sigismund ging, dankte ihm der General so herzlich, daß er ihn dadurch zum baldigen Wiederkommen fast verpflichtete; und das war ihm sehr lieb. Er lebte ziemlich einsam in Berlin; er war noch nicht lange da, hatte keine Anverwandten, keine näheren Freunde dort; er arbeitete sehr fleißig. Ueberdies gingen seine Interessen aus der Gegenwart heraus. Oberflächliche gesellige Verbindungen waren ihm grade jetzt gleichgültig, wo all seinen Verhältnissen durch seine Heirath ein großer Wechsel bevorstand. Dieser Umgang, mit Fremden, kam ihm höchst erwünscht. Die alte Theilnahme für Tosca mogte dann wol auch dabei im Spiele sein. Gewiß ist’s, daß wäre Tosca im ehrwürdigen Alter ihres Gemahls gewesen, Sigismund sich schwerlich der Aussicht gefreut haben würde, einige Mal wöchentlich den Thee bei ihr zu trinken. Nun that er das. Er kam um sieben Uhr Abends, und er ging um halb zehn. Das war die Stunde, in welcher Tosca in die Gesellschaft zu gehen pflegte -- denn der General und Ignaz hatten nicht eher mit Bitten nachgelassen, als bis sie sich dazu entschloß. Ihr Mann entbehrte sie nicht zu so später Stunde; er suchte dann die Ruhe, wenn auch nicht den Schlaf. Für Sigismund war jeder solcher Abend ein Fest, besonders wenn Ignaz fehlte; und das kam häufig vor, denn er machte einer russischen Fürstin lebhaft den Hof, und fehlte nicht gern im Schauspiel, wenn sie es besuchte. Daß andre Personen öfter bei dem General waren, störte Sigismund nicht; nur eben Ignaz machte ihm Unbehagen, so wie es manchen Menschen unbehaglich ist, mit einer Katze im nämlichen Zimmer zu sein, oder mit einer Spinne, oder mit einer Maus. Zuweilen warf er sich diesen Widerwillen als ein Unrecht vor; sah er aber, wie sich Tosca von Ignaz beherrschen ließ, zwar nicht in Meinung und Ansichten, jedoch in all den tausend kleinen Vorkommenheiten des Lebens, welche grade dem Beherrschenden eine außerordentlich große Gewalt gaben: so erwachte er verstärkt. Tosca zog ihn grade so an, wie vor zwölf Jahren, vielleicht noch mehr. Damals war er unbewußt ihrer Magie gefolgt; jetzt sagte ihm der Verstand, welch’ eine seltene und schöne Erscheinung sie sei. Ihr diamantenes Herz war ihm gleichsam eine Beruhigung, wenn er es sich auch nicht eingestand, daß das seine derselben bedurfte.

Eines Abends kam er später als gewöhnlich herunter. Es waren mehre Personen beim General, und um Niemand zu stören, setzte sich Sigismund seitwärts hinter Tosca. Sie hatte eine Theerose in der Hand und spielte damit.

„Gnädige Frau!“ sagte er bittend.

Tosca wendete sich zu ihm.

„Ich wollte nur fragen, ob Sie ein gutes Gedächtniß haben?“ fuhr er fort und sah die Rose an.

Tosca folgte seinem Blick, verstand ihn und rief:

„O ein ganz excellentes! besonders für fremde Sünden.“

„Und ich hab’ es für die eigenen; werden Sie mich denn nicht etwas beklagen?“

„Behüte der Himmel! gerechte Strafe zu leiden ist sehr heilsam! -- Sagen Sie mir,“ fuhr sie fort, indem sie sich ganz zu ihm wendete, „was hatte ich Ihnen denn eigentlich damals zu Leide gethan? ich hab Sie schon immer danach fragen wollen.“

„Gnädige Frau, es ist eine kindische Geschichte!“

„Gleichviel!“ rief Tosca; „die Kindereien liegen jetzt so weit hinter uns, daß wir uns ihrer nicht mehr zu schämen brauchen ... denn sonst müßte auch ich es thun.“

„Und werden Sie in dieser kleinen Geschichte auch das entschuldigen, was -- nicht kindisch ist?“

„Gewiß! denn es ist verjährt,“ sagte sie erröthend.

Sie erröthete sehr oft. Wenn sie lebhaft sprach, wenn sie Partei für und wider etwas nahm, wenn sie sich freute oder erschrak, wenn sie gar mit eigenen stillen Gedanken beschäftigt war -- all’ Augenblick zeigte ein rascher, feiner Farbenwechsel, daß die geistige Anregung ihr ans Herz klopfe. Diese reizende Gabe verlieren die Frauen fast Alle sehr früh, entweder weil sie durch so heftige Emotionen gehen, daß geringe keinen Effect auf sie machen, oder weil sie in Lagen kommen, welche ihnen die Beherrschung der Empfindung zur Pflicht und somit die des Ausdrucks zur Nothwendigkeit machen. Eine frische unangetastete Seele hat immer etwas Erquickendes; darin besteht der Zauber der jungen Mädchen; er ist doppelt groß da, wo man ihn nicht mehr voraussetzen darf.

„So müssen Sie denn gleich zuerst wissen, gnädigste Frau,“ sprach Sigismund entschlossen, „daß ich Sie anbetete, so wie ich das Glück hatte Sie zu sehen.“

„Diese Sünde vergiebt jede Frau,“ sagte Tosca lachend; „gestehen Sie aber, daß Sie mir nicht Gelegenheit gegeben haben, diese Empfindung in Ihnen zu ahnen.“

„O doch, gnädige Frau, doch!“ rief er lebhaft. „Im Anfang unsrer flüchtigen Bekanntschaft gewiß.“

Das war so wahr, daß Tosca fast verlegen sagte:

„Nun? wo bleibt die kindische Geschichte?“

„Sie hängt damit zusammen, gnädige Frau. Ihr Name verwandelte meine Anbetung in -- ich weiß selbst nicht was für ein Gefühl von Haß, Entsetzen, Schmerz, gar Verzweiflung.“

Tosca sah ihn ungläubig an.

„Sie zweifeln, gnädige Frau? Sie werden es noch unbegreiflicher finden, sobald ich Ihnen den geheimen Grund, den Urgrund dieser plötzlichen Verwandlung sage; aber dennoch: ich sage Ihnen die Wahrheit. Ich war ein eitler Knabe, gnädige Frau, ein verzogenes, übermüthiges Kind; ich beherrschte meine Eltern, meine Geschwister; mein Vater konnte nicht meine Erziehung lenken; ich hielt mich für schöner, klüger, besser, als die ganze Welt. Was nicht meinen Eltern, nicht meinen Lehrern, nicht meinen Kameraden gelungen war, das gelang einem kleinen Mädchen: es demüthigte mich. Es war eine kleine Gräfin H., ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, mit ihren funkelnden dunkelblauen Augen, ihren dicken hellbraunen Locken, die ihr bis zum Gürtel herabfielen. Sie hieß Antonie. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist; aber das Kind, gnädige Frau, war meine erste Liebe! Ich war damals funfzehn Jahr, und mein Vater hatte mich mit nach Pyrmont genommen, wo er die Kur brauchen mußte und wo er nicht ganz allein sein mogte. Dort war auch die kleine Antonie mit ihren Eltern, und wir bewohnten dasselbe Haus. Ich will Sie nicht langweilen mit der Beschreibung dieser knabenhaften Leidenschaft -- doch wie in der grünen Knospe die ganze duftende stralende Rose eingewickelt liegt -- und wie eine Ouvertüre alle Melodien der Oper enthält -- so entwickelte sie in mir alle Gefühle, welche spätern Jahren eigen zu sein pflegen. Bedenke ich, wie früh und wie vehement das Leben meines Herzens begann, so muß ich mir unwillkürlich sagen, daß es auch früh enden müsse.“

„Nein!“ unterbrach ihn Tosca; „es giebt immerblühende Rosen, und das Herz ist mehr, ist stärker und schöner als eine Blume.“

„Und gehorcht andern Gesetzen, gnädige Frau. Ein Leben, das früh und vehement beginnt, endet fast immer früh und matt. Nur seltene und hochbegabte Naturen machen Ausnahmen. Ich darf mich nicht zu ihnen rechnen, und so ist mein glühendster Wunsch denn der: so sei es früh, nur aber nicht matt! -- Jenes Kind warf mich in alle Emotionen, von der unsäglichsten Freude bis zur namenlosesten Traurigkeit; von der glühendsten Eifersucht bis zum blindesten Vertrauen. Wenn sie mich anlächelte, traten mir zuweilen die Thränen in die Augen; wenn sie fröhlich umherhüpfte, jauchzte ich vor Vergnügen. Sie spielte leidenschaftlich gern Ball und Volant; wir trieben das stundenlang. Dann liefen wir um die Wette in der großen Allee von Pyrmont, sie lief, wie ein Vogel fliegt, so leicht, so geschwind; es ward mir schwer, sie zu überholen. Zuweilen ließ ich ihr absichtlich den Spaß, früher am Ziel anzulangen, als ich. Aber das merkte sie jedes Mal, und dann schüttelte sie ärgerlich das schöne glühende Lockenköpfchen. Einmal sollte ich sie haschen, und ziemlich ungeschickt fing ich sie bei ihren flatternden Locken und that ihr weh, so daß sie einen kleinen Schrei ausstieß. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief ich trostlos, und küßte ihre Locken, wie um den Schmerz wieder gutzumachen. Allein sie nahm es heftig übel! sie ging stolz von dannen, und ich dachte den ganzen einsamen Abend darüber nach, ob ich nicht am Besten thun würde, auf und davon zu gehen, in die weite Welt, um ihr nie mehr vor die schönen erzürnten Augen zu kommen. Als sie mir am nächsten Morgen am Brunnen freundlich Guten Morgen sagte, war mir zu Muth, als sei ich von einem Verbrechen freigesprochen.“

„Mein Gott!“ rief Tosca, und schlug erstaunt die Hände zusammen, „welch ein bezauberndes Kind muß das gewesen sein, und welch eine interessante Frau mag sie geworden sein!“

„Sie vergessen, daß die kleine Antonie ihren Zauber an einem funfzehnjährigen Knaben übte, der sie jetzt vermuthlich selbst mit ganz andern Augen betrachten würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Nun aber, um zum Ende zu kommen! Die Fürstin von Waldeck gab einen Kinderball. Antonie, mit einem frischen Rosenkranz auf ihren prächtigen Locken, und mit einem langen rosenfarbenen Gürtel, sah aus wie Psyche, so lieblich und ätherisch. Ich bat sie um den ersten Walzer; und einen Augenblick ~nach~ mir bat ein andrer Knabe sie darum, und sie schlug es mir ab, und tanzte mit ihm, mit ihm, der kaum so groß als sie, und ein blasser, unschöner Knabe war, der ein wenig stammelte, und auf den ich mit unsäglicher Geringschätzung herab sah. Eine ihrer Gespielinnen wollte ihr zu meinen Gunsten Vorwürfe machen und ihr vorstellen, daß ich doch im Grunde das erste Recht hätte. „Nein, nein!“ rief sie sehr entschieden, „er ist kein Graf!“ Hätte sie gesagt: „Der Andre ist hübscher, oder ist mir lieber“ -- das hätte ich ihr vergeben, denn es wäre nun einmal ihr Geschmack gewesen, und mein Selbstgefühl hätte mir vielleicht zugeflüstert, ihr Geschmack sei nicht der richtige. Aber dies Wort demüthigte mich fürchterlich, erstens, weil ich in der That kein Graf war und nicht wußte, welch Gewicht ich dagegen in die Wagschaale werfen könnte; zweitens, weil dieser Grund mir ihrer ganz unwürdig schien. Es kränkte mich über allen Ausdruck, meine Zärtlichkeit, meine Vergötterung an ein Mädchen verschwendet zu haben, das, als es zu wählen hatte, nur nach einer ganz inhaltlosen Aeußerlichkeit seine Wahl traf. Leidenschaftlich, wie ich war, fühlte ich mir förmlich das Herz im Busen umgedreht, und ein unerhörter Widerwille setzte sich darin gegen Frauenzimmer Ihres Standes fest. Sobald ich in Bonn erfuhr, Sie seien die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn, wachte meine alte Abneigung um so heftiger auf, je stärker die Anziehungskraft war, und von meiner fixen Idee beherrscht, benahm ich mich wie ein Verrückter, oder wenn Sie lieber wollen, wie ein dummer Junge. Und nun beschwör’ ich Sie, gnädige Frau, lachen Sie mich tüchtig aus.“

„Also ich war ganz, aber wirklich ganz unschuldig an Ihrem Benehmen, so daß, wäre mein Vater nicht Baron gewesen, Sie mit mir getanzt und meine Blumen nicht verschenkt hätten?“

„O nimmermehr!“

„Gott! Gott! wie freut mich das!“ sagte Tosca mit stillem Jubel und legte die Hand über die Augen. Dann erzählte sie ihm, wie sie eigentlich durch Friedrichs Bericht veranlaßt worden sei, ihm eine heimliche Freude machen zu wollen, und wie sie sich später halb todt gegrämt über ihre Unbesonnenheit, und über den Vorwurf, den sein Benehmen ihr darüber gemacht. „Aber dennoch bin ich Ihnen Dank schuldig, tiefen innigen Dank,“ schloß sie, „denn diese scharfe Warnung vor jeder Unbesonnenheit habe ich nie vergessen! Ohne es zu wollen, sind Sie vielleicht ein guter Schutzgeist für mich gewesen.“

„So wie Antonie mein böser Engel,“ sprach Sigismund traurig.

„Und was halten Sie denn jetzt von uns?“ fragte sie neckend. „Ihre Strafe sei eine Beichte.“

„Ich denke, daß in jedem Stande holdselige Erscheinungen selten -- aber dennoch zu finden sind.“

„Sagen Sie das nur, oder denken Sie es wirklich?“

„Ich denk’ es! mein Wort darauf!“

„Das ist gut! man muß nicht exclusiv sein, denn man thut Andern weh und sich selbst nicht wohl. Aber ist es nicht ungemein interessant, in welcher feinen, geheimnißvollen und doch so gewichtigen Verbindung Menschen zu einander stehen, welche äußerlich und flüchtig aneinander vorbei gestreift sind? Wir sollten doch wirklich mehr auf uns und unser Thun und Lassen achten, da wir gar nicht wissen können, in welcher vortheilhaften oder nachtheiligen Weise wir dadurch auf Andre einwirken.“

„Die Schicksale blitzen vom Himmel herab,“ sagte Sigismund, „unbekümmert ob wir uns so oder so beachten! Einen unbeachteten Punkt giebt’s ohnehin immer in uns, und er wird getroffen oder trifft.“

„Dann sind wir willenlose Maschinen in Ihren Augen?“

„Nein! der Wille bleibt uns, um die Schicksale zu zerbrechen, oder uns selbst. Aber um zu sagen: in dieser oder jener Weise will ich wirken -- dazu, mein’ ich, ist unser Wille nicht stark genug, obgleich wir uns in der Jugend einbilden, nichts sei leichter, und wir dürften nur immer gradeaus gehen und sehen, um zu diesem Ziel zu gelangen.“

„Wie traurig, daß aus den kühnen, hochfliegenden Träumen der Jugend nichts wird, als eine lahme, matte Wirklichkeit.“