Part 5
Tosca dankte dem Arzt. Dann warf sie ein stralendes Lächeln auf Sigismund und sagte:
„Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann.
Sigismund eilte auf sein Zimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl und den Kopf in die Hand. Aber sie wird ja ruinirt, dachte er, wenn sie in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit solche Thorheit begeht. Jenem Menschen, mit seinem affablen Lächeln, seinen glatten Worten und seinen stechenden Augen, der unbemittelt ist, und eilf Geschwister hat -- und der, das ist ganz klar, sie zu diesem Schritt zu bewegen sucht -- dem traue ich nicht! -- Er nahm sich vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm schien, als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane zerstören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geschicktes Netz umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er gegen sie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle Wesenheit ihre prächtig edle Erscheinung bedinge, daß ihr Herz so rein sei wie ihre Stirn, so hell wie ihr Lächeln, so hoch wie ihr Auge; daß ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichst befriedigt, als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraschend wiedergefunden. Die Welt ist dermaßen in egoistischen Bestrebungen begraben, daß uns nichts so rührt, als die Uneigennützigkeit, die Absichtslosigkeit, welcher Art sie auch sei -- wohlverstanden, ~wenn~ sie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verschmäht, als einen Einfaltspinsel.
Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder herunter, und fragte einen der Bedienten, wie es gehe. Der General war besser; Tosca hatte ihn eben verlassen, um die gestörte Ruhe zu suchen, und ganz beruhigt that Sigismund es auch.
Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General den nächtlichen Unfall erfuhr, gerieth er in die heftigste Aufregung, beklagte sich über Vernachlässigung, über Vorenthaltung seines Rechts, in solchem wichtigen Moment nicht gerufen worden zu sein, so daß sein Onkel gar nicht wußte, wie ihn trösten und beruhigen. Ignaz verharrte in seiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca.
„Mein Gott,“ sagte sie, nachdem er bitter geklagt, „ich dachte nur an meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge unnütz; wozu sollt’ ich Sie da noch rufen lassen?“
„Sie wissen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen theilen, und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es ist grausam von Ihnen, mir diese Befriedigung zu mißgönnen,“ sagte er heftig.
„_Beau cousin_,“ antwortete sie gleichmüthig, „die Theilnahme der Freunde ist sehr wohlthätig, so lange sie nicht in Zwang und Zudringlichkeit ausartet.“
„Das ist die Entschuldigung der Undankbarkeit!“ rief Ignaz immer heftiger.
Sigismund kam in dem Augenblick die Treppe herab, um auszugehen. Er hörte die heftige Stimme im Salon; sein geheimer Groll gegen Ignaz, dem er sie zuschrieb, erwachte; er wünschte ihn zu stören, und fragte den im Vorsaal sitzenden Diener, ob er die Frau Generalin sprechen könne. Der öffnete sogleich die Thür, und als Sigismund eintrat, rief ihm Tosca freudig entgegen:
„Es geht gut, recht gut! aber sagen Sie mir, welcher gute Geist Sie über Nacht herführte?“
Ignaz fuhr zusammen. Er war so überrascht, daß er vergaß sein Gesicht zu beherrschen, und daß aus seiner verbindlichen Miene ein Blick, wie ein plötzlich gezückter Dolch auf Sigismund flog. Der beachtete ihn nicht, sondern gab an Tosca die begehrte Antwort, und bat um Erlaubniß, am Abend wiederkommen zu dürfen.
„Das haben wir längst gewünscht,“ sprach sie, und Sigismund ging gleich darauf.
Kaum war er fort, so brach bei Ignaz ein wahrer Sturm aus. Vorwürfe, Bitten, Warnungen, Bestürmungen jagten einander. Tosca zuckte stumm die Achseln. Endlich rief sie:
„Mit welchem Recht sagen Sie mir eigentlich all diese Impertinenzen! ich bin wahrlich recht gütig, daß ich Ihnen nicht die Thür weise, und meine Liebe für meinen Mann muß sehr groß sein, um die Insolenz seines Neffen ertragen zu lassen.“
„Insolenz!“ rief Ignaz, und fiel wie geknickt in einen Stuhl. „Sie nennen Insolenz, wenn mir das Herz bricht, weil ich sehe, daß Sie einem wildfremden Manne Bevorzugungen gestatten, die Sie mir versagen.“
Tosca lachte hell auf: „Sie werden wahrhaft ergötzlich, armer Ignaz! Wären Sie vorhin nicht in Wuth gewesen, hätten Sie dem ‚wildfremden Mann,’ wie Sie ihn nennen, zugehört, so würden Sie jetzt wissen, wie es mit diesen Bevorzugungen zusammenhängt -- ein Wort,“ setzte sie sehr ernst hinzu, „das übrigens mir gegenüber in Ihrem Munde höchst unstatthaft ist.“
„Nun zürnen Sie mir wol gar?“ .... rief Ignaz.
„Nein!“ unterbrach sie ihn; „Sie verstehen nur nicht die Verhältnisse -- wenigstens nicht mich. Sie scheinen immer von geheimer Angst bewegt“ .... --
„Ich? von Angst? und von geheimer?“ rief Ignaz erschrocken; „ich habe kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft .... die Zukunft meines Herzens -- hängt von Ihnen ab.“ .... --
„O Ignaz! wie können Sie ~so~ zu mir sprechen?“ rief Tosca mit stolzem Unwillen. „Der beste, edelste Mann lebt, lebt in langer herber Qual; ich stehe an seinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich stets für ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie stehen ihm zur Seite als Sohn, mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie sprechen ~so~ zu mir! O schämen Sie Sich, Ignaz! das ist nicht recht!“
Sie stand auf, um den Salon zu verlassen. Er wollte sie zurückhalten, an der Hand, am Kleide; sie machte eine abwehrende Bewegung, und ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zurück, und in tiefen Gedanken. Ihm wurde diese Existenz neben einem kranken alten Mann und einer schönen unbeugsamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlösung, nach Freiheit; aber er mußte nun schon in seiner Stellung verharren, um zu seinem Zweck zu kommen.
Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieser Schritt ein Todesstoß für die Hoffnung seiner Schwester, der verwittweten Gräfin Adlercron. Sie hatte sich in diesen zehn Jahren daran gewöhnt, sein glänzendes Vermögen als die Erbschaft ihrer zwölf unversorgten Kinder zu betrachten; sie war ihrem Bruder oft lästig gefallen durch die Ansprüche, die sie an seine Gegenwart und Zukunft machte; sie betrachtete es als seine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern, was der verschwenderische Graf Adlercron gegen sie gefehlt. Aber solche Ansprüche sind unerträglich! Die Familien sollten es sich doch endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Großvater für sie thut, von ihnen nicht als eine Pflicht -- sondern als großmüthiger freier Wille betrachtet werden muß, sobald ihnen daran gelegen ist, den Geber nicht zu verstimmen oder gar zu erbittern. Kein Mensch läßt es sich gern gefallen, bei seinen nächsten Anverwandten für einen Ziehbrunnen des Glücks zu gelten, aus welchem zu schöpfen jedem Neffen, jeder Nichte, jedem Enkel frei steht. In ihrer Habgier und Unersättlichkeit vergessen diese die menschliche Schwäche zu schonen, die für ihre Güte und Wohlthätigkeit Dank -- oder mindestens Anerkennung, wenn nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünscht. General Beiron fand die Ansprüche seiner Schwester mit Recht eben so lächerlich, als unaushaltbar. Er war ein schöner stattlicher Mann; er hatte eine so glückliche Stellung in der Welt und einen solchen Ruf von Tüchtigkeit, daß er wol glaubte, mit diesen Eigenschaften noch gefallen, und in der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reise in der Schweiz traf er ganz absichtslos mit seinem Namensvetter, Toscas Vater, und mit ihr selbst zusammen, und die Folge davon war seine Heirath. Gräfin Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein sie vergaß sich so weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab er ihr nicht. Die Geschwister sahen sich von dem Augenblick an nicht mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches sie dringend für die Erziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es, weil sie es nicht entbehren konnte, allein sie nahm es mit Groll, und der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn sie hätte ihr gern einen bösen Einfluß hinsichtlich ihrer auf den General zugeschrieben, und sie konnte es nicht. Schuld und Fehler bei einem Feinde zu finden, erleichtert das Herz, das sich dem Haß hingegeben hat, weil es sich dadurch gleichsam in seinem Recht fühlt; das Gegentheil beschwert es.
Tosca versuchte es, ihren Mann milder gegen seine Schwester zu stimmen, um ihn allendlich mit ihr zu versöhnen. Mit wundervoller Festigkeit widerstand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen unmöglich -- und eine scheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weise nachtheilig oder schmerzlich sein würde; und seiner Frau galten seine ersten, seine höchsten Rücksichten. Er liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit, so wie in der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem stets wachen Bewußtsein, ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze sein zu müssen. Er ließ sich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth gängeln. Er wußte wohl, daß das Glück einer Frau nicht darin besteht, daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunsch, jedem Einfall Ja spreche; sondern wie er Ja oder Nein spricht -- darin liegt ihr Glück. Eine Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört hat, ist selig zu preisen. Ich weiß aber nicht, ob es eine solche giebt.
Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verstand, ernste Gesinnung. Wo inniges Vertrauen, ist Liebe nicht fern; -- ich meine die beglückende Liebe, nicht die Leidenschaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, fast noch kindische und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forster hatte ihrem stolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, dessen Narbe ihr kein Schmerz, aber eine beständige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den Männern; nicht in der Gesellschaft, da war sie ihrer Ueberlegenheit und Herrschaft gewiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber. Um nicht verletzt zu werden, hielt sie sich immer hoch und fern. Das entsprang nicht sowohl aus Räsonnement, als aus ihrer Natur, die nicht in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flammen stand, wol aber tiefen Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend: es war ihr gleichgültig, denn ihr Mann liebte sie und sie fühlte sich glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Frische, vielleicht auch durch ihre prächtige Schönheit, gefiel sie allgemein und überall; auch das war ihr gleichgültig -- nämlich so, wie es einer Frau gleichgültig sein kann: sie nahm Huldigung und Bewunderung sehr gelassen hin, allein sie würde sich doch ein wenig verwundert haben, wenn sie ausgeblieben wären.
Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichsten Verhältnissen. Daß ihre Ehe kinderlos war, störte nicht das gute Vernehmen. Durch alle Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, bat Tosca um Vergebung für diesen Fehler, der von manchen Männern so streng gerügt wird; und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind, das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manoeuvre zog ihm da die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er seinen Abschied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in besserem Clima die Genesung suchte.
Als Gräfin Adlercron von der Krankheit ihres Bruders hörte, durchblitzte sie dämonische Freude und dämonischer Schreck. Freude: wenn der General starb und die kinderlose Frau zurückließ, so war die Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder List, oder Schmeichelei, gleichviel wie! das Vermögen an ihre Familie bringen zu können. Schreck: ~bis jetzt~ war die Ehe kinderlos gewesen; gegen die Wittwe ihres Bruders waren Machinationen zu versuchen, aber nicht gegen die Mutter seiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte einem solchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und sie hielt sie gemeiner Gesinnung und niedriger Handlung fähig.
Ignaz, der älteste Sohn der Gräfin Adlercron, war damals dreiundzwanzig Jahr alt. Sie hatte ihren Kindern die ~äußere~ Erziehung geben lassen, welche man in der Gesellschaft in einem gewissen Stande begehrt: jene oberflächliche Politur von Kenntnissen und Talenten, welche mit der wahren Bildung so wenig Aehnlichkeit hat, als Theaterdekoration mit der Gebirgsnatur. Für die ~innere~ Erziehung hatte sie nur eine Lehre: der Name Adlercron berechtige sie zu den höchsten Ansprüchen, und um diese in der Welt geltend zu machen, sei vor Allem Glanz nothwendig, Glanz der Stellung, des Vermögens, des Ranges -- und besonders des Namens, damit kein andrer dem Adlercron’schen gleichkomme. Nach diesem Prinzip verheirathete sie auch ihre Töchter, die zu sehr vom mütterlichen Einfluß beherrscht waren, um nicht gern und ganz die Ansichten der Mutter zu theilen. Sie war schlau und intrigant, die Mädchen waren sehr hübsch. So wie eine von ihnen erwachsen war, wußte sie eine Partie zu finden. Die Aelteste war mit einem Mann verheirathet, der dem Blödsinn so nahe war, wie es möglich ist, ohne unter Curatel gestellt zu werden; aber Graf und von kolossalem Vermögen. Die Zweite, mit einem Taugenichts, Spieler und Verschwender, dessen uralter gräflicher, mit fürstlichen Familien verwandter Name, der Gräfin Bürgschaft für das Glück ihres funfzehnjährigen Kindes gab. Die Dritte, mit einem gichtbrüchigen Greise von einigen sechszig Jahren, bei dem der Graf und viele Orden den Mangel an Jugend, Vermögen, Geist und Liebenswürdigkeit ersetzen sollten. Die Vierte hatte so eben nicht blos eine Partie, sondern wirklich eine gute Heirath gemacht; denn ihr Mann war nicht blos Graf, er war auch ein tüchtiger, wohlhabender, junger Mann. Gräfin Adlercron triumphirte. Doch jetzt blieben ihr noch zwei Töchter, und leider! leider! ebenso häßlich, als die vier ersten schön. Für deren Versorgung und für die Carriere ihrer sechs Söhne, von denen die meisten noch Kinder waren, zitterte sie. Sie überredete sich, daß sie ein Unrecht gegen ihre Kinder begehe, wenn sie nicht um jeden Preis das Vermögen des General Beiron ihnen zuzuwenden suche. Ignaz war ihr Liebling. Bei ihm sah sie ihre Prinzipien in Blüthe stehen; ihre Töchter hatten sie nur passiv annehmen und befolgen können; der Sohn, der schöne, gewandte, kluge Sohn, konnte freier und umsichtiger nach ihnen handeln. Eine Mutter muß es bereits zu einer so bodenlosen Verderbtheit gebracht haben, wie sie nur ausnahmsweise getroffen wird -- um ihrem Kinde gradezu eine Infamie anzurathen. Das that Gräfin Adlercron auch keineswegs. Aber sie hatte ihre Kinder in dem Gefühl auferzogen, daß der Onkel ihnen bitteres Unrecht durch seine zweite Heirath zugefügt, und daß seine Frau eine kokette Intrigante sei, welche seine Schwäche benutze, um ihn unglücklich, und sich selbst reich zu machen. Sie stellte ihrem Sohn vor, jetzt sei der Augenblick gekommen, um dem bösen Einfluß dieser listigen Frau durch seinen guten das Gegengewicht zu halten. Was er thue, geschähe zum Besten seiner Familie, und daher müsse er durchaus bei dem General erst Eingang, dann Einfluß gewinnen, und ihn benutzen, um die unerhörten Ansprüche der Frau zu unterdrücken. Ignaz verstand die halben Worte. Wie sich Männer nach einer Laufbahn sehnen, welche ihrem Ehrgeiz entspricht, oder Frauen nach einem Kreise, in welchem ihr Herz Befriedigung findet: so sehnte sich Ignaz nach einem Verhältniß, um sein Talent für die Intrigue zu üben, und mittelst derselben zu seinem Ziel, dem größtmöglichen Glanz in der Welt, zu gelangen. Er hatte, wie alle Leute, die unter jeder Bedingung entschlossen sind, ihre Zwecke zu erreichen, gar keine bestimmte Ansichten, und dafür die geschmeidigste Fügsamkeit in die fremden, von denen er sich Vortheil versprach. Er suchte alle Menschen für sich zu gewinnen, weil er nicht wußte, ob er sie nicht würde benutzen können; da er aber alle Menschen, die nicht Adlercron hießen, heimlich in unermeßliche Tiefen unter sich stellte: so rächte er sich durch inneren Haß für die äußere Artigkeit und Verbindlichkeit, mit welchen er sie aus Grundsatz behandelte. Er lechzte danach, aus seiner untergeordneten Stellung, in welche ihn die Welt wegen seines Mangels an Vermögen wies, in eine andre zu kommen, die seinem Hochmuth entsprach. Er lechzte danach, seiner wahren Gesinnung gemäß mit den Menschen umgehen zu dürfen, und sich unabhängig von ihnen zu fühlen. Darum lechzte er nach Geld. Nichts konnte ihm willkommner sein, als der Vorschlag seiner Mutter; und da der Mensch vor nichts eine so hohe Achtung hat, als vor unegoistischen Handlungen, so suchte Ignaz die seine zu heben und zu adeln, indem er sich bemühte, den Blick hauptsächlich auf der Zukunft seiner Familie ruhen zu lassen. Wer mit sich selbst heuchelt, wird es auch leicht mit Andern thun. Er kannte seinen Onkel und dessen Frau nur aus den Beschreibungen seiner Mutter, und obgleich er eine hohe Meinung von deren Welt- und Menschenkenntniß hegte, so war er doch klug genug, um zu wissen, daß nichts so einseitig ist, als die Parteilichkeit einer leidenschaftlichen Frau. Er beschloß, vorsichtig und aufmerksam, mit so geringen Vorurtheilen, wie möglich, das Terrain kennen zu lernen.
Er ging nach Dresden, wo der General sich damals in ärztlicher Behandlung befand. Schüchtern betrat er dessen Haus; schüchtern wandte er sich an Tosca, mit der Bitte, seinen Onkel sehen zu dürfen. Frauen lieben es, zu protegiren -- dachte er. Es fiel ihr nicht ein, ihm Protection angedeihen zu lassen, und er brauchte sie nicht bei dem General. Der empfing ihn mit offenen Armen! Der pflegte die Menschen danach zu würdigen, was sie werth waren, und nicht woher sie stammten, und daher übertrug er seine Abneigung gegen Gräfin Adlercron nicht auf deren Sohn. Im Gegentheil! es gefiel ihm ungemein, daß der junge Mann ihn grade jetzt aufsuchte, jetzt, wo er krank und außer Dienst, und folglich nicht im Stande war, ihm irgend welche Wege zu öffnen oder zu ebnen. Ignaz wußte sich ihm erst angenehm, dann nützlich, endlich unentbehrlich zu machen. Der General behandelte ihn wie einen Sohn, und übertrug ihm seine Geldgeschäfte, die Führung seines Hauses, die Anordnungen seiner Reisen -- lauter Dinge, von denen Tosca nichts verstand, die der General bis daher immer in Händen gehabt hatte, und mit denen er höchst ungern seine Frau belästigt haben würde. Es war ihm eine Wonne, sie jeder Sorge und Beschwerde der materiellen Existenz zu überheben. Sie war es nicht anders gewohnt. Sie fand es natürlich, daß die Last des Lebens auf den Schultern des Mannes liege; sie betrachtete Ignaz als zu ihnen gehörig, und so war seine Stellung ganz in der Ordnung. Sie sah nur durch die Augen ihres Mannes die Menschen an, und der General, durch seine Krankheit abhängig, auf seine nächste Umgebung angewiesen, dankbar, wie eine edle Natur es immer für Theilnahme und Wohlwollen ist -- der General betrachtete Ignaz nicht mit dem unbefangenen Blick, den er noch vor einem Jahr für ihn gehabt haben würde. Ignaz staunte selbst, als er sich nach einigen Wochen so leicht, so ganz mühelos auf dem Platz sah, den er so schwer zu erkämpfen gewähnt: er war der Sohn des Hauses, und mit fast unumschränkter Gewalt bekleidet. Nichts geschah ohne seinen Rath, nichts unterblieb ohne seine Genehmigung. Er war Freund und Vertrauter. Einen Augenblick fiel ihm ein, ob er nicht auch Liebhaber werden könne; ob Toscas Herz, und mit demselben Hand und Vermögen dereinst, nicht zu gewinnen sein dürften, so daß ihr beiderseitiges Interesse zu verschmelzen wäre. Aber Männer wie Ignaz lieben nicht, können nicht lieben; der Egoismus hat ihr Herz dermaßen ausgedorrt und verschrumpft, daß es der Expansion der Liebe nicht fähig ist. Ihr Interesse für Frauen ist von der allerinferiörsten Art! entweder suchen sie in einem Verhältniß zu ihnen Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder es ist eine Bedingung ihrer animalischen Existenz. Hätte Ignaz bei Tosca einen Nebenbuhler gefunden, und ihn zu überwinden gehabt: so hätte das seine Eitelkeit heftig aufgestachelt und ihr einen hohen Reiz verliehen. Jetzt aber hatte sie keinen Zauber für ihn! ihre reine hohe Natur verstand er nicht, und ihre wundervolle Schönheit ließ ihn höchst gleichgültig, weil er immer in geheime Intriguen verwickelt war. Sein einziges Bestreben bei Tosca ging dahin -- von ihr geliebt zu werden, nicht um sie wieder zu lieben, oder um sich von ihr beleben und durchstralen zu lassen, nicht um sie zu besitzen, blos um sie zu beherrschen. Mit der Herrschaft gelang es ihm; mit der Liebe nicht. Frauen wie Tosca, die sich schroff und stolz den Männern gegenüber stellen, weil sie scheu und mißtrauisch, entweder von Natur oder durch Erfahrung den Contact mit ihnen fürchten, sind, sobald sie einmal Vertrauen und Zuversicht zu einem Mann gefaßt haben, leichter zu beherrschen, als Kinder. Sie sind so erfreut, so glücklich endlich! endlich einmal einer Kraft ohne Mißbrauch zu begegnen, daß sie sich ihr alsdann blindlings ergeben. Tosca fand Ignaz so bewundernswerth, opferwillig, besonnen und stark, daß sie mit einer Art von Andacht zu ihm emporsah; aber bis zur Liebe brachte sie es nicht. Sie sah ihn in der größten Intimität, zu jeder Stunde, auf Reisen; er stellte sich ihr immer mit einer glühenden Adoration dar; er wußte allmälig die Sache so herauszustellen, daß er Alles, was er für den General that, ihretwegen zu thun schien; das rührte sie zum innigsten Dank, zur Liebe nicht. Ignaz hätte jedes Opfer von ihr begehren dürfen, und sie hätte es ihm gebracht, ohne sich zu besinnen; nur aber nicht die geringste Gunst, welche die Liebe gewährt: Er hatte Anfälle von Melancholie, von Trostlosigkeit, gar von Verzweiflung -- Alles, wie er glaubte es nöthig zu haben, um eine beabsichtigte Wirkung hervorzubringen -- sie lächelte, oder tröstete, oder scherzte die bösen Anfälle fort. Er hatte sich nicht gescheut, sich als zerfallen mit seiner Mutter darzustellen, weil sie den Plan habe, nach des Generals Tode mit Tosca um dessen Erbschaft zu prozessiren -- was er nicht billigen könne. Tosca fragte ihn, ob denn dieser Prozeß nicht durch einen Vergleich, oder durch Theilung des Vermögens vermieden werden könne. Mit unendlicher Vorsicht wußte er ihr allmälig einleuchtend zu machen, sobald er, wenn auch nur nominel, in Besitz der Erbschaft sei, so werde seine Mutter ganz natürlich gegen ihn, ihren ältesten und geliebtesten Sohn, keine Schritte thun; und Tosca dürfe wol überzeugt sein, daß und wie er in so kritischen Verhältnissen ihr Interesse wahrnehmen werde, da sie ja längst wisse und sehe, daß er ihr gegenüber ein persönliches völlig aufgegeben habe, und nichts beabsichtige, als ihre Ruhe und ihr Glück. Sie sah das auch wirklich. Weder sie noch ihr Mann brachten es in Anschlag, daß Ignaz bei ihnen so unabhängig, und in geselliger Beziehung so angenehm lebe, wie nur irgendwo. Wohin der General kam -- überall hatte er Freunde oder Bekannte; überall öffnete sich für Tosca ein ihr entsprechender socialer Kreis, und da er für sie Zerstreuung und Erheiterung liebte, so trat sie in jene Kreise, und Ignaz mit ihr. Ignaz war nicht ans Krankenzimmer gefesselt, nicht einmal ans Haus des Generals; zuweilen wohnte er mit ihm zusammen, dann auch wieder nicht -- wie nun eben die Localität es mit sich brachte. Der General hatte ihm mit liebenswürdiger Güte gesagt: