Sigismund Forster

Part 4

Chapter 43,792 wordsPublic domain

„Welch ein Mensch! welch ein goldnes Herz an Treue und Ergebenheit. Wahrlich, er gehört nicht unsrer Zeit und unsrer Welt an.“

„Das denk’ ich auch .... zuweilen,“ sagte Tosca. Ihr Mann sah sie fragend an. „Ja,“ fuhr sie fort, „mit dem Alter, glaub’ ich, kommt uns der Zweifel, und ich werde älter und immer älter, und da mein’ ich zuweilen, der Ignaz spiele Komödie.“

„Wenn er das thut,“ entgegnete der General, „so hat er sich wenigstens eine schöne und schwere Rolle gewählt.“

„O, nicht schwer!“ rief Tosca. Sie setzte sich zu ihrem Mann, sie nahm seine abgemagerte Hand in ihre weichen feinen Hände, sie sah ihm mit tiefer Innigkeit in das blasse, greisenhafte Gesicht.

„Doch! doch! mein guter Engel,“ antwortete er traurig. „Welch ein Leben führt Ihr Beide, Du und er, seit drei Jahren. Es ist hart in Eurem Alter Krankenpfleger sein zu müssen.“

„Für ihn vielleicht, nicht für mich, denn ich thue ja nichts weiter für Dich, als daß ich bei Dir bin .... und auch das erlaubst Du mir ja nicht immer.“

„Gewiß nicht!“ sagte der General eifrig; „Du mußt ausgehen, mußt mit Menschen verkehren, mußt Dir die Welt ansehen und ihre Huldigung und Bewunderung hinnehmen. Ja, das mußt Du! dazu bist Du geboren, und ich bestehe vielleicht aus Egoismus darauf. Nicht als ob es mir schmeichelte, Dich gefeiert zu wissen -- wie das so oft alten Männern von schönen jungen Frauen geschieht -- sondern weil es Deiner Eigenthümlichkeit zusagt, sich in bunten Kreisen zu bewegen, weil es Dich anregt, Dich heiter stimmt, Dir Gelegenheit giebt, Deine Liebenswürdigkeit zu entfalten; und weil der Mensch, wenn er sich auf seinem rechten Platz fühlt, zufrieden mit sich und mit Andern ist und Muth und Laune nicht verliert, die Du doch so sehr nöthig hast bei Deinem alten kranken Mann. Du siehst, wie egoistisch ich bin.“

„Wie gut Du bist,“ sagte Tosca sanft. Sie weinte nicht, aber die Thränen fielen ihr langsam und fest aus den diamantnen Augen. Der General machte eine leise verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

„Ich kann besser Blut sehen als Thränen,“ sprach er.

Tosca schloß einen Moment die Augen, und that sie frisch und stralend auf. Er nickte ihr freundlich zu.

„Sag mir,“ hub er wieder an, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, „wie heißt der Mann, den wir aus dieser freundlichen Wohnung vertrieben haben?“

„Regierungsrath ist er,“ antwortete sie; „die Hauswirthin nannte auch seinen Namen, aber, wie das bei Präsentationen immer geht, ich verstand ihn nicht.“

„Gleichviel! ich mögte doch sehr gern seine Bekanntschaft machen. Solche Bereitwilligkeit gegen wild-fremde Menschen ist erstaunenswerth.“

„Das dächt’ ich doch nicht,“ sagte sie gelassen.

„Lieber Engel, die meisten Leute scheuen weniger ein großes Opfer, als eine große Unbequemlichkeit, und eine solche haben wir ihm doch verursacht.“

„Das ist wahr!“ rief sie, „ich werd’ ihm zwei Worte schreiben.“

Sie schrieb:

„Sie müssen jetzt die Consequenzen Ihrer wundervollen Güte hinnehmen, und meinem Mann die Gelegenheit gönnen, Ihnen seinen herzlichen Dank auszusprechen. Es würde ihn betrüben, wenn er Ihre Freundlichkeit nur wie ein Almosen betrachten müßte -- und mich auch Tosca Beiron.“

Das Billet wurde herauf geschickt, und die mündliche Antwort lautete, der Herr werde später die Ehre haben, seinen Besuch zu machen.

Ignaz kam zurück; Blumen, Schachbretttisch, Sophapolster langten auch an. Es wurde Alles geordnet, eingerichtet, so viel wie möglich behaglich gemacht. Der General sagte endlich:

„Jetzt glaube ich, daß wir den Winter hier ganz leidlich verbringen werden.“

Da gab Tosca ihre Hand an Ignaz, und sagte mit ihrem holdseligsten Lächeln:

„Das ist hauptsächlich Ihr Werk! ich danke Ihnen.“

Ignaz küßte diese Hand, aber er drückte sie heftiger, als man bei einem Handkuß zu thun pflegt. Der General ging in sein Zimmer; er war angegriffen, der unruhevolle Morgen hatte ihn ermüdet. Seine Nächte waren ohnehin fast immer schlecht; Tags schlief er zuweilen im Lehnstuhl ein. Ignaz kniete auf Toscas Fußkissen vor ihr nieder, als sie allein waren, und sagte:

„Sie wissen, wie ein freundliches Wort, ein holder Blick von Ihnen mich beseligt: weshalb denn geizen Sie so unbarmherzig damit?“

„Ich geize nicht, Ignaz, ich verschwende nur nicht,“ antwortete sie ruhig, lehnte sich im Sopha zurück und ließ ihn knien.

„Tosca!“ sagte er und schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf, „Sie sind schön, Sie sind geistreich, Sie sind edel, Sie sind liebenswürdig...“

„Ja, ja, ja! ich bin vollkommen!“ unterbrach sie ihn.

„Nein,“ entgegnete er, „vollkommen sind Sie nicht.“

„Gott sei Dank!“ rief sie, „Gott sei Dank! denn vollkommne Menschen, hab ich mir sagen lassen, würden nicht geliebt -- nur bewundert.“

„Aber warum wollen Sie geliebt werden? was liegt Ihnen an Liebe? -- Sie lieben ja nicht wieder! Das ist Ihr einziger Fehler, Tosca, Sie haben ein eiskaltes, ein marmornes Herz: Sie können nicht lieben.“

„O doch!“ sagte sie höchst gelassen; „ich liebe meinen Mann, und nächst ihm -- Sie.“

Ignaz sprang auf und rief heftig: „O entweihen Sie nicht die Liebe, indem Sie jenes dürftige Gefühlchen so nennen.“

„Dürftig wie es ist, füllt es mein Herz aus. Ich kann nicht dafür, daß Gott es so eng und klein gemacht hat,“ entgegnete sie spöttisch.

„Tosca!“ rief Ignaz ganz außer sich, „Du lästerst! Dein Herz“ .... --

„Ich bitte mir aus, Ignaz, daß Sie mich ~Sie~ nennen,“ unterbrach ihn Tosca, -- „nun also: mein Herz“ .... --

„O Sie haben kein Herz! ich sagte vorhin, es sei von Marmor, aber es ist nicht wahr! Sie haben keins. Gott hat Ihnen den Stempel der Vollendung nicht aufgedrückt, Ihnen fehlt die Glorie des Weibes.“

„So sagen alle Männer, wenn wir ihnen nicht überwunden in die Arme -- oder noch besser, zu Füßen sinken.“

„Ich zweifle nicht, gnädige Frau, daß Sie manche Erfahrungen der Art gemacht haben!“ rief er bitter.

„Ach Ignaz,“ sagte Tosca freundlich, „ergrimmen Sie Sich doch nicht so unnütz gegen mich, Sie wissen ja, wie ich gegen Sie gesinnt, daß ich Ihnen von Herzen gut bin. Wir haben ja längst mit einander ausgemacht, ich sei keiner leidenschaftlichen Liebe fähig, Sie meinen: weil ich zu kalt und stolz sei; ich sage: weil ich zu schüchtern bin...“

„Aber Schüchternheit hindert die Liebe nicht, steigert sie wol gar! Das schüchternste Mädchen liebt“ .... --

„Und wird dafür gekränkt und verletzt, Ignaz; dadurch verlernt man zu lieben.“

„Sie wollen nicht lieben, Tosca!“

„Ich hab’ oft gehört und gelesen, die Liebe sei ganz unabhängig vom Willen, und stärker als er .... und ich glaub’ es.“

„Warum?“ fragte Ignaz mißtrauisch.

„Inquisitor!“ warf sie hin. „Weil ich es mit dem Liebenwollen nie bis zum Lieben gebracht habe,“ setzte sie hinzu.

Ignaz stand mit untergeschlagenen Armen vor ihr, fixirte sie scharf und sagte: „Das ist mein Trost.“ Er sah recht schön aus. Schwarze Locken legten sich dick und schwer um seine Stirn, von der sich die Nase zart und grade herabsenkte. Die Augen traten tief unter den Augenknochen zurück; schwarze Brauen und lange schwarze Wimpern verschatteten sie dermaßen, daß sie wie unterirdisches Licht glänzten, wozu freilich auch ihre Farbe beitrug; sie waren gelb und der äußerste Rand der Iris war orangefarben. Scharf wie die Augen war auch der Mund, ganz klein, ganz festgeschlossen, mit schmalen purpurrothen Lippen. Im Ganzen war das Gesicht vielleicht noch frappanter, als es schön war, weil es den Antinous und den Vampyr verschmolz. Auf Tosca schien er übrigens weder den einen noch den andern Eindruck zu machen. Sie fing an in einem großen Korb von indischem Rohr, zwischen Wolle, Seide, Chenille und Stickmuster umher zu suchen, und sagte während der Zeit:

„Was wir ganz nothwendig haben müssen, das sind Reitpferde, lieber Ignaz. Gelt, die besorgen Sie?“

„Ich wundre mich, gnädige Frau, daß Sie nicht müde werden, Ihre Befehle einem so gleichgültigen Menschen, wie ich es Ihnen bin, zu ertheilen,“ sagte er gereizt.

„Wenn’s Ihnen zu viel wird, so lassen Sie sie unausgeführt! ich finde wol einen andern Vollstrecker nicht meines letzten -- sondern überhaupt meines Willens.“

Diese Worte schienen Ignaz zur Besinnung zu bringen. Sein Ausdruck wurde sanfter, die leidenschaftliche Aufregung schien sich zu legen.

„Vergebung!“ sprach er mit schmeichelndem Ton.

„Gern, mein guter Ignaz!“ sagte sie ohne ihre arbeitsame Laune unterbrechen zu lassen.

Er ging. Auf dem Vorsaal begegnete ihm Sigismund, der eben die Treppe herabkam. Beide fixirten sich im Vorüberstreifen. Ignaz eilte fort. Sigismund ließ sich bei Tosca melden. Als er dem Diener, der seinen Namen nannte, auf dem Fuß folgte, und ohne Brille eintrat, erkannte Tosca ihn plötzlich, erröthete heftig und sagte sehr überrascht, fast verlegen:

„Sind ~Sie~ es?... mein Gott!“

„Ich glaube, wir sind alte Bekannte,“ entgegnete er, „und ich war schon gestern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu sehen.“

„Ich erkannte Sie nicht, und wahrscheinlich deshalb nicht, weil Ihr Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jetzt gut -- sehr gut!“

„Doch wol kaum, gnädigste Frau; ein halbes Leben liegt zwischen heut und damals. Da verändert man sich, oft, durch und durch! Ernst tritt an die Stelle der Heiterkeit, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung an die der Unbesonnenheit.“

„Vielleicht ist das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“ entgegnete Tosca. „Jene müssen ihre Stellung oder ihre Existenz der Welt abringen; diesen wird sie gemacht und dargeboten. Unser Leben ist von der Wiege bis zum Grabe recht sorglos und leicht, und daher verändern wir uns auch wenig.“

„Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und sorglos nennen, gnädige Frau -- und nicht blos darum, weil es für Ihre Zufriedenheit spricht, sondern ebensosehr, weil Sie es anerkennen.“

„Ja ja, ich weiß wol,“ sagte Tosca, „daß einige kleine Klagen über verschwundene Illusionen und unerfüllte Wünsche und zerknickte Hoffnungen uns sehr gut stehen; aber ich liebe es wahr zu sein, und da mir nichts zerknickt noch untergegangen ist, so versteh ich auch nicht graziös darüber zu lamentiren. Jetzt bin ich aber doch traurig,“ setzte sie ernst hinzu; „mein Mann ist leidend, und rettungslos. So spricht er selbst, so geben die Aerzte es zu verstehen. Es ist entsetzlich, keine andre Erlösung von so großen Qualen erwarten zu dürfen, als den Tod. Wissen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinsterben und sterben zu sehen, den man liebt?“

„Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“

„Ihren Vater? ... o ja, das ist beklagenswerth. Aber sehen Sie, es ist doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe auch meinen guten Vater verloren, und meine geliebte angebetete Mutter...“

„Damals war ich in Bonn.“

„Ich erinnre mich,“ sagte Tosca erröthend. „Nun, ich beweinte, ich betrauerte die Eltern, ich denke noch jetzt nie ohne Dankbarkeit für ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an sie; aber wenn der Mann uns stirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da ist uns die Gegenwart und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unsrer Vergangenheit an.“

„Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die Aerzte selbst überraschen“ ... --

Tosca schüttelte traurig den Kopf: „Seit drei Jahren leidet er an der Brustwassersucht; davon erholt man sich nicht! Er nicht! er ist nicht jung mehr, er ist im sechszigsten Jahr.“

Während Tosca gesprochen, hatte Sigismund sich unwillkürlich von dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter angemessen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine starke Natur zu heben sein werde; -- aber die Brustwassersucht, aber sechszig Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn solche Zärtlichkeit! das überraschte ihn so, daß er Mißtrauen gegen sie faßte, und in diesem Sinn sagte er:

„Tröstungen sind immer unstatthaft. Indessen gnädige Frau, sollte die bedeutende Altersverschiedenheit zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu verlieren.“

„Ach!“ rief sie ein wenig ungeduldig, „wer denkt an so triste Möglichkeiten, wenn man glücklich ist? Es ist wahr! ich war 18 Jahr, als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterschied der Jahre machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann .... daß man jung ist, ist ja kein Grund um lange zu leben.“

„Doch ist er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ erwiderte Sigismund lächelnd.

„Ueber die Jugend kommen die plötzlichen, die vernichtenden Stürme,“ sagte sie. „Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen -- nicht im Winter.“

Sigismund sah sie an. Jung, schön, glücklich, und so ernst? dachte er heimlich; und weil er dachte, so schwieg er. Tosca sagte während der Zeit:

„Mein Mann wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie diesen Wunsch ebenso freundlich erfüllen wollen wie seinen ersten, so müssen Sie ihn Abends besuchen; das ist seine gute Zeit. Er ist so gesellig, so mittheilsam, interessirt sich so lebhaft für Alles, was draußen in der Welt vorgeht, und kann jetzt nur noch durch Erzählung Anderer daran Theil nehmen. Aber das erfrischt ihn sichtlich. Zum Glück hat er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen schenken.... -- Vergebung!“ unterbrach sie sich plötzlich und verließ rasch das Zimmer.

Sigismund blickte ihr nach. Er fand sie eine wunderherrliche Erscheinung, voll unsäglichem Adel, aber, dachte er noch immer mißtrauisch, warum spricht sie so viel von ihrem Mann? Tosca kehrte zurück.

„Vergebung,“ sagte sie, „ich hörte eine kleine Schelle, durch die mein Mann mich zu rufen pflegt.“

Sigismund stand auf.

„Ah!“ rief sie lachend, „haben Sie es übel genommen, daß ich Sie allein gelassen?“

„Ich muß mich wol sehr schlecht auf Pantomime verstehen, wenn Sie, gnädige Frau, die meine so deuten,“ antwortete er und setzte sich wieder.

Sie sprachen allerlei, über fremde Länder, Reisen, Kunst, Gesellschaft, Schicksale. Tosca hatte Vieles gesehen, Manches gedacht, Einiges empfunden, und -- Nichts erlebt. Sie war an Allem vorbei geglitten, wie unter einer Taucherglocke oder wie in einem Luftballon. Erfahrung und Menschenkenntniß hatte sie gar nicht. Welch eine himmlische Unvollkommenheit! dachte Sigismund, und er konnte sich nicht enthalten, ihr diese Bemerkung auszusprechen.

„Das kann wol sein,“ erwiderte Tosca. „Ich bin mit nichts und mit Niemand in Conflict gerathen ... mein Mann denkt, sorgt, thut für mich; wie hätte ich es da wol anfangen sollen, um klug zu werden... -- oder weltklug, wenn Sie lieber wollen,“ setzte sie mit heiterm Lächeln hinzu.

„Ich stelle es mir als das höchste Glück des Mannes vor,“ sagte Sigismund, „in dieser Weise neben einer Frau stehen zu können. Er kämpft für sie den ganzen Kampf mit der Wirklichkeit, und sie freut sich der Trophäen seiner Siege, ohne zu wissen, welche Anstrengungen sie ihn kosten.“

„Und dann,“ sagte Tosca mit fröhlichem Spott, „wird die Frau so prächtig bequem durch ihre Unwissenheit beherrscht.“

„Immer noch spöttisch wie sonst,“ sagte Sigismund.

Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht gekommen wäre.

„Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unser treuer Gefährte seit drei Jahren;“ sprach Tosca und nannte darauf Sigismund.

Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die verbindlichsten Manieren hatte; sie waren nur zu verbindlich; daher blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität zwischen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn schon einmal dazu aufgefodert hatte, so hielt sie die Wiederholung für überflüssig.

Einige Tage vergingen, ohne daß er sich um seine Hausgenossen bekümmerte, und nur zufällig sah er einmal Tosca und Ignaz in der Mittagstunde spazieren reiten -- -- wie der Engel des Lichts und der der Finsterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten hatte, mogte ihn wol in dem Entschluß bestärkt haben, sich nicht mit diesen Menschen abzugeben.

„Lieber Sigismund,“ lautete der, „zum ersten Mal, seit Du mir schreibst, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrstag und von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. Du wirst’s nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn ich Dir die Ursache sage. Es war -- weil ich nicht Deine Schrift durch das Couvert schimmern sah. Sonst, wenn ich Deine Briefe bekomme, überfluthet mich immer eine ungeheure Freude, noch ehe ich sie erbreche, weil ich durch das dünne Papier hindurch sehe, daß Du nicht ein Plätzchen leer gelassen hast, auf welchem ein liebes Wort stehen kann. Gestern erschrak ich und dachte: Jesus! er ist krank, er schreibt mir flüchtig! -- Das war meine erste Empfindung bei Deinem Brief! ja, stell’ Dir vor, Sigismund, nicht Freude, sondern Bekümmerniß! -- Hernach, als ich ihn las, verlor sich das; ach, wie sollte es nicht, wenn Du an mich denkst, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß der Brief so gelegt sein mußte, um mich durch sein ungewohntes weißes Blatt zu erschrecken; und dann, daß Du mir nicht erzählst, ob eine angenehme oder unangenehme Unterbrechung Dich gestört hat. Aber das Alles ging unter, als ich Dein Versprechen las, bald wieder herüber zu kommen, Sigismund meines Herzens! Es ist doch noch nicht so gar lange her, seit dem Weihnachtsfest; doch wenn ich daran denke, daß ich Dich seitdem nicht gesehen habe, so kommts mir vor wie tausend Jahr. Und wenn ichs recht bedenke, so ist mirs doch auch wieder ganz nah, denn noch jetzt leb’ und webe ich darin, und mit Dir! und ich höre Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du gesagt hast, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große Freude über mich -- weil ich Dich so sehr liebe! -- Hör! was Du von meinen Augen schreibst -- das machte mich glücklich, aber ganz himmlisch glücklich. Ich lief vor den Spiegel, und sah sie an. Ich sollt’s wol eigentlich nicht sagen, allein ich gesteh’ es Dir doch; ja, sie kamen mir hübsch vor, sehr hübsch, meine Augen! und wenn ich später nur erst immer und immer bei Dir sein werde, wie sollten sie da etwas Andres auf der Welt sehen, als Freude, Glück und Liebe? denn Du bist meine Freude, mein Glück und meine Liebe, Sigismund, und diese Gewißheit wird uns Beiden das Leben so verklären, daß auf der Erde unsrer Seligkeit kein Ende sein wird; -- nicht wahr? und im Himmel da geht sie von Neuem an. -- Ich bitte Dich, schreibe mir, wann Du kommen wirst; dann rechne ich die Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Wiedersehen aus, und damit bild’ ich mir ein, vergeht die Zeit schneller. Geliebter Sigismund, leb’ recht wohl, und immer eingedenk Deiner Agathe.“

Er wollte Agathen und sich selbst so bald wie möglich die Freude des Wiedersehens machen, und da er sehr beschäftigt war, jeden Augenblick zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden.

Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute sein Tagewerk zu beschließen. Da hörte er unten beim General Beiron, wo schon seit anderthalb Stunden Alles still gewesen war, heftig schellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh’. In einer Miethwohnung pflegt man sehr gleichgültig für seine Hausgenossen zu sein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben liege, erschreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei ihm sei, denn in solchem Moment zählen Dienstboten nicht und Ignaz, das wußte er, wohnte in British Hotel. Er ging herunter, wenigstens um Erkundigungen einzuziehen. Die Thür zum Salon stand auf, und Toscas Kammerfrau mitten drin, ganz verblüfft und verschlafen nach Art solcher Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu sein pflegen, sobald sie nicht einen bestimmten Auftrag zu vollziehen haben. Dienstboten verstehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winselnden Ton. Als Tosca reden hörte, kam sie geschwind herein; sie glaubte, es sei der Arzt. Sigismund gewahrend versuchte sie zu lächeln und sagte:

„Es ist ein erstickender Anfall, Schlagfluß ... ich weiß auch nicht was! aber ich ängstige mich!... Wir haben Sie wol gestört?“ -- Und ohne seine Antwort zu erwarten, ging sie zurück. Sie schien seine Gegenwart, seine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und sie doch nicht im Geringsten auf sich selbst zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr sehr gesprächig, aber in leiserem Ton fort, ihm von dem Befinden des Generals Bericht zu erstatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis viermal Nachts aufstehe, um zu sehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr General sie nie anders nenne als Engel -- was sie denn auch wirklich sei, und sich den Himmel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerksam zu. Ach, er kannte die Welt so lange und so tief, daß es ihm schwer ward an den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und seinen schönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren alten Gemahl gewahrte. Wenn er sie sah, verschwand dies Mißtrauen; aber wenn er nur ihre Verhältnisse überdachte, stieg es auf.

Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um dessen Ausspruch zu erwarten. Da trat Tosca ein, sagte zur Kammerfrau:

„Machen Sie mir Thee;“ und dann hastig zu Sigismund:

„Gut! o gut, daß Sie da sind! nicht wahr, Sie sind Jurist, da können Sie ein Testament machen.“

„Mein eignes nur, gnädige Frau,“ entgegnete er fast verächtlich.

„Also nicht das meine?“ fragte sie traurig.

„Das Ihre!“ rief er überrascht; „aber dies ist ja gar nicht der Moment, um an das ~Ihre~ zu denken.“

„Sie meinen, an das meines Mannes,“ sagte sie und die Thränen rollten ihr langsam aus den Augen; „das ist längst gemacht, und ich weiß auch wie: ich bin seine alleinige Erbin. Aber eben darum will ich das meinige machen, oder vielmehr eine Donation“ .... --

„Eine Donation?“ rief er noch überraschter.

„Ja, des ganzen Vermögens, an Graf Ignaz.“

„Ah so!“ sagte Sigismund wieder abgekühlt.

„Denn sonst giebt es einen entsetzlichen Prozeß gegen mich von Seiten der Adlercronschen Familie, spricht Ignaz“ -- fuhr sie fort und weinte heftiger -- „und Sie sehen doch wol ein, daß ich mich nicht am Todbette und über dem Grabe meines Mannes um sein Vermögen mit seinen Verwandten zanken werde.“

„Und deshalb wollen Sie das ganze Vermögen an Graf Adlercron abtreten?“ fragte Sigismund mit dem höchsten Erstaunen.

„Ja,“ sagte sie; „er wird dann Alles arrangiren, denn er versteht es, und ich nicht.“

„Eben deshalb,“ rief Sigismund lebhaft und bewegt, „dürfen Sie nicht -- verzeihen Sie das Wort! so unerhört unbedachtsam zu Werke gehen. Sie geben sich ja ganz in Graf Adlercrons Hände.“

„Nun ja! irgend Jemand muß meine Geschäfte führen; weshalb nicht er, der die Verhältnisse kennt?“

„Ich zweifle ja auf keine Weise an Graf Adlercrons Ergebenheit für Sie, noch an seiner Geschicklichkeit; -- aber ist er selbständig, unabhängig genug, um nicht einen fremden Vortheil -- ich sage nicht seinen eigenen -- dem Ihren vorzuziehen?“

„Er ist ganz unbemittelt,“ sprach Tosca nachdenklich, „und er hat eine Mutter und eilf Geschwister.“

Sigismund taumelte fast zurück, dann sagte er dringend und ernst:

„Gnädige Frau, ich beschwöre Sie, in dieser Angelegenheit nicht mit allzu blindem Vertrauen zu Werke zu gehen. Hören Sie Rath und Vorschläge von Männern an, welche die Verhältnisse verstehen und auf keine Weise dabei betheiligt sind“ ... --

„Ich kenne Niemand als Sie,“ unterbrach sie ihn.

„Geben Sie mir Ihr Wort, vor der Hand nichts zu thun, und Sich zu nichts drängen zu lassen“ ... --

„Aber warum soll ich nichts thun?“

„Weil Sie noch nicht an dem Zustand Ihres Herrn Gemahls verzweifeln dürfen!“ rief er.

Indem trat der Arzt ein und sprach:

„Beruhigen Sie Sich, gnädige Frau! es ist ein vorübergehender Anfall, vielleicht eine geringe Erkältung gewesen. Sie haben nichts zu fürchten.“