Part 3
Sie blieben es den ganzen Abend und die ganze Nacht. Dieser ungewöhnliche Ernst bei einem so jungen und muntern Manne gefiel ihr außerordentlich, und daß er krank war, that ihr so leid! -- Er war freilich nicht krank, und der Champagner schmeckte ihm sehr gut; doch davon hatte sie keine Ahnung. Ihr Herzchen schlug für den Sigismund, den sie verstand. -- Sie erwachte ganz früh am Neujahrsmorgen, und mit dem Gedanken an ihn. Daß er krank, und heut an seinem Geburtstag so allein sei, und daß vielleicht Niemand daran denke, ihm an diesem doppelten Festtag Glück zu wünschen oder ihm eine kleine Freude zu bereiten, fiel ihr schwer aufs Herz. Sie stand auf. Es war noch ganz finster, und nur das letzte Viertel des Mondes warf einen matten Schimmer über die schneebedeckte Straße. Sie öffnete die Vorhänge, und blickte auf die leichtgefrornen Fensterscheiben. Nach einem alten Glauben kann man am Neujahrsmorgen aus den phantastischen Zeichnungen, welche der Frost auf die Scheiben gehaucht hat, den Inhalt des kommenden Jahres sich prophezeihen. „Blumen und nichts als Blumen!“ sagte sie halblaut; „das ist eine gute Vorbedeutung.“ Von den Eisblumen glitt ihr Auge auf die wirklichen, die im Fenster blühten; auf Tazetten, Hyazinthen, auf die schöne zarte Theerose, auf die prächtige dunkelrothe Camellia. Blumen sind lieblich -- und besonders am Geburtstag! dachte sie, und pflückte hastig die Theerose ab; nur schickt es sich wol nicht, daß ich ihm einen Strauß sende! Er wird aber nicht erfahren, von wem er kommt, und ganz heimlich darf ich mir doch wol die Freude machen, die Blumen in einen Glückwunsch zu verwandeln! ... Und was fing’ ich jetzt an mit der Rose, die nun mal abgepflückt ist, wenn ich sie nicht verschenkte? -- Sie brach noch einige Blumen ab, sie mischte sie graziös mit Wintergrün und Erika, die Theerose in der Mitte -- und der lieblichste Strauß war fertig. Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen legte sie ihn auf den Tisch. Ob ich ihn nicht lieber der Mama gebe? aber die Mama ist ganz wohl, Gottlob! dachte sie; und einem Kranken machen Blumen so viel Freude! Das weiß ich noch, als ich vorigen Winter die Masern hatte, und die ersten Veilchen bekam. Sie rief ihre Kammerjungfer; sie nannte ihr Hausnummer und Straße, wohin die Blumen gebracht und schweigend abgegeben werden sollten. Das Mädchen rief auf der Straße den ersten besten kleinen Buben heran, und versprach ihm zehn Kreuzer, wenn er den Strauß pünktlich da und da abliefern wolle. Der Knabe versprach es freudig, gab den Strauß an Sigismund selbst ab, und empfing dankbar seine Belohnung. Tosca fühlte sich beängstigt, als sie die Gewißheit hatte, ihre Blumen wären nun in seinen Händen. Ihr einziger Trost war der, daß er nie erfahren könne, von wem sie kämen, und daß sie ihm doch vielleicht eine kleine Freude gemacht hätten.
Sigismund empfing den Strauß mit einigem Erstaunen. Zuerst untersuchte er, ob nicht etwa ein Billet ihm sage, von wem. Aber nichts! Dann, ob der Strauß nicht mit irgend einem bekannten Bande gebunden sei. Wieder nichts! Er war durch eine Epheuranke zusammengeschlungen. Er betrachtete die Blumen so aufmerksam, als ob sie ihm einen Namen nennen könnten -- und siehe da! als er die Theerose erblickte, fuhr es ihm durch den Kopf: Tosca Beiron! -- Als er ehedem unter ihrem Fenster dahin ging, hatte er zu oft diese Blume bemerkt, um jetzt nicht die Zusammenstellung zu machen. „Oho!“ rief er, „von ihr ist der Strauß! von ihr! Wie kommt sie dazu, so -- zudringlich zu sein, sie, die Hochfahrende! die Uebermüthige! O Tosca Beiron, ich habe gesagt, Deinen Kuß wollt’ ich nicht; -- aber auch Deine Blumen will ich nicht .... siehst Du -- ich mag Dich nicht leiden, weil .... Du blaue Augen hast; luziferische Augen! und weil Du eine vornehme Närrin bist.“ -- Er riß den Strauß auseinander, und ließ die schönen, von Tosca so zärtlich gepflegten Blumen auf dem Tisch liegen. Er sann darüber nach, wie er ihr beibringen solle, daß er ihr Geschenk verachte. Einige Freunde störten ihn in seinen Meditationen.
„Sieh’ da! Sigismund unter Blumen, wie ein Frühlingsgott!“ rief der Eine.
„Und welche Flora hat Dich denn mit ihren Gaben überschüttet?“ fragte der Andre.
„Ja, ja! die Weiber kommen uns immer mit Aufmerksamkeit zuvor;“ sprach der Dritte. „Kaum graut der Tag und wir sind bei Dir .... aber eine Frau hat Dir schon früher ihren Glückwunsch in einem bedeutungsvollen -- gelt, sehr bedeutungsvollen Selam ausgesprochen.“
„Nun! heraus damit! wer ist diese Flora! nur keine Geheimnißkrämerei, Sigismund! Nun? Du wirst doch nicht den Verschwiegenen spielen wollen?“ riefen sie durcheinander.
„Ich kann nichts verschweigen, denn ich weiß nichts,“ antwortete Sigismund kurz.
„Holla! holla! wer Dir das glaubt!“
„Die Verschwiegenheit ist eine vortreffliche Eigenschaft den Weibern gegenüber; -- aber den Freunden?“ ....
„Wenn ich sage, daß ich nichts weiß,“ entgegnete Sigismund noch bestimmter, „so dürft Ihr Euch auf mein Wort verlassen: ich weiß nichts.“
Sigismund war heftig und leidenschaftlich wie ein Jüngling, und ungezogen wie ein Knabe; aber insolent -- fast hätte ich gesagt: wie ein Mann, -- war er nicht; und unter keiner Bedingung hätte er weder Toscas, noch irgend einen unbescholtenen Namen genannt, oder auch nur errathen lassen.
„Für die große Verschwiegenheit, die Du an den Tag legst, Freund Sigismund, behandelst Du aber dies _pretium affectionis_ sehr schlecht, indem Du es so herumliegen läßt“ -- sagte der Eine, raffte die Blumen zusammen und stellte sie -- in einen Fidibusbecher.
O arme Tosca! dieser Platz, und von fremder gleichgültiger Hand ihren Blumen gegeben! --
„Da ich nicht weiß, von wem sie kommen, so sind sie mir gleichgültig,“ antwortete Sigismund.
„Auf Ehre, lieber Bruder?“
„Gleichgültig! auf Ehre!“ sagte er.
„Da dürften wir uns wol die Blumen theilen?“ fragte der Andre, noch immer mißtrauisch und wie um Sigismund zu prüfen.
„Meinetwegen!“ erwiederte der; „wir wollen sie unter uns theilen, ich nehme die Rose.“
O arme Tosca! im Nu wurden die Blumen aus dem Fidibusbecher herausgerissen und in das Knopfloch von jungen, ihr wildfremden Leuten gesteckt. Dann sprachen sie von andern Dingen.
Gegen Mittag ging Sigismund aus. Könnte ich ~ihr~ doch die Lehre geben, dachte er, daß es sich ganz und gar nicht für ein vornehmes Mädchen schickt, so dem Ersten Besten einen Blumenstrauß, und um nichts und wieder nichts zu senden. -- Er ging vor ihrem Hause vorbei und trug die Rose im Knopfloch. Tosca saß wie gewöhnlich am Stickrahmen im Fenster, während verschiedene Personen mit Neujahrsglückwünschen um den Sopha ihrer Mutter versammelt waren. Sie beachtete nicht deren Gespräch; sie dachte an ihre Blumen und an Sigismund. Da erkannte sie ihn und ihre Rose. Ihre Augen leuchteten auf, ein glänzendes Roth flammte wie ein Blitz über ihr schönes Gesichtchen. Er trug die Rose, also freute er sich ihrer. Er blickte nicht herauf, also ahnte er nicht, daß sie von ihr komme; oder wenn er es ahnte? -- so wollte er sie auf keine Weise in Verlegenheit setzen. Sie wußte ihm tiefen Dank, daß er sie nicht grüßte. Er hatte sie sehr gut bemerkt; doch mit rascheren Schritten ging er vorbei und auf ein hübsches Frauenzimmer zu, das ihm entgegen kam. Es war seine Hauswirthin, die Frau eines Buchbinders, für die er immer ein halb scherzendes, halb verbindliches Wort hatte. Er kehrte mit ihr um, er stattete ihr seinen Glückwunsch ab, er sagte, er habe ihr nichts Besseres zu bieten, als diese Rose, und darum müsse sie sie nehmen. Die hübsche Frau sagte, sie nehme sie sehr gern, denn eine Theerose sei etwas Seltenes. Sigismund gab sie ihr. Tosca saß ein Paar Minuten ganz versunken in ihre heimliche Freude da, und blickte noch immer auf die Straße hinab. Da fuhr sie zusammen; Sigismund kam zurück, ohne die Rose. Eine hübsche Frau ging neben ihm, und ~die~ hatte sie in der Hand. Tosca erbleichte und konnte die Augen nicht abwenden. Sigismund sprach lebhaft mit jener Frau. Grade als er unter Tosca’s Fenster war, blickte er rasch mit einer stolzen Wendung des Kopfes zu ihr auf, und grüßte sie tief, aber mit einem eisigen Ausdruck. Dann ging er weiter mit seiner Gefährtin. Tosca erwiederte nicht den Gruß. Er weiß Alles, und er verachtet mich! blitzte es ihr durch den Sinn. Sie sprang auf, ging in ihr Zimmer, kniete nieder und weinte bitterlich. -- Sigismund schloß sich den ganzen Tag in seinem Zimmer ein.
Nachmittags klagte die Generalin Beiron über Kopfweh und Uebelbefinden. Gegen Abend gesellte sich starkes Fieber dazu. Professor Zeller ward gerufen; er sprach seine Besorgniß vor einem Nervenfieber aus, und that Alles, um ihm vorzubeugen. Umsonst! nach drei Wochen starb Frau von Beiron. Tosca hatte ihre Mutter mit unglaublicher Treue und Ausdauer gepflegt, alle Nächte bei ihr durchwacht. Nach ihrem Tode brach die Kraft des jungen Mädchens zusammen. Nicht daß sie von einer großen Krankheit befallen wurde! das wäre besser gewesen, meinte der Professor Zeller; sie wurde nervenkrank. Ihr fehlte nichts, aber sie verblühte sichtlich und ihr sonst so fröhlicher Sinn war wie zerknickt. Sie klagte nie. Fragte man sie um ihre Krankheit, so antwortete sie nur: Ich bin nicht krank, aber ich gräme mich. Suchte man sie zu zerstreuen, schlug man ihr Gesellschaft und Bälle vor, die sie sonst so sehr geliebt, so gerieth sie in die heftigste Bewegung und bat dringend, sie damit zu verschonen. Sie verließ nicht das Zimmer. So verging der Winter und ein Theil des Frühlings. Im Mai trat der General eines Tages in ihr Zimmer und sagte:
„Tosca, übermorgen reisen wir nach der Schweiz, Du sollst erst in Gais die Molken- und dann am Leman die Traubenkur brauchen.“
„Gott segne Dich, Papa!“ rief Tosca jubelnd; „nun werd’ ich gesund!“
Als Tosca Beiron im Herbst blühend und frisch, fröhlich und schön nach Bonn zurückkam, war Sigismund Forster nicht mehr dort.
2. Unter den Linden.
Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen. -- Es giebt Momente, in denen wir Jahre verschwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung zu Momenten zusammenschrumpfen. Wie wir sie durchleben -- ob arm, ob reich: das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Krösus sich zu fühlen, im königlichen Pomp des Daseins, überschüttet mit allen Kronen des Lebens, seien sie von Damen, oder von Rosen, oder von Diamanten, oder von Lichtstralen -- das preßt die Essenz des Lebens in flüchtige Augenblicke zusammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder als ein Arbeiter sich zu fühlen, der pünktlich seine Aufgabe erfüllt und dafür seinen Lohn empfängt, von einem Tage zum andern, heute wie morgen, und der sich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet, recht blaß, recht steril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall -- das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange inhaltlose Epochen in schnellvergessene Augenblicke. Hier ist das Dasein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur Unscheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren .... so prächtig, so schwer, häufig ~zu~ schwer. So ist das Leben eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Mensch.
Es war in Berlin am Neujahrstage. Im ersten Stockwerk eines hellgrauen Hauses unter den Linden an der Ecke der Kirchgasse, saß ein noch junger Mann am Schreibtisch und schrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand; er blickte zuweilen hinein, lächelte und schrieb weiter. Zuweilen legte er die Feder hin, lehnte sich zurück und verfiel in Nachsinnen. Die Mittagssonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es sah sehr freundlich, sehr wohlgeordnet aus, ebenso entfernt von Confusion, als von übertriebener Zierlichkeit. Kissen in Tapisserie genäht, lagen auf dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübsche Lithographien, Blumen standen in den Fenstern.
Ein Wagen hielt vor dem Hause, und eine Dame stieg aus, begehrte mit der Besitzerin desselben zu sprechen, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig sagte:
„Nun, so werde ich selbst den Herrn darum bitten müssen! Sein Sie so gut, mich bei ihm zu melden.“
Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und während sie die Treppe heraufstieg, fragte sie ein wenig besorgt:
„Der Herr raucht wol sehr stark?“
„Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Antwort der Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raschem Anpochen hastig öffnete, und hineinsprach:
„Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünscht Sie zu sprechen.“
Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mechanisch nach der Brille, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und setzte sie auf, indem er sich erhob.
Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte, oder er trägt eine Brille. An diesen Wahrzeichen sind die Söhne unsers Jahrhunderts zu erkennen. Wem sie fehlen, der gehört, mit seltnen Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an.
„Da ist der Herr Regierungsrath Forster,“ sagte die Hauswirthin zu der Dame.
Tosca Beiron und Sigismund Forster standen sich gegenüber. Er erkannte sie auf der Stelle. Er wunderte sich, daß sie den Namen trug, den einst ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel. Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Physiognomie behalten: ihre beherrschenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene stolze Haltung; auch ihre Züge waren dieselben, nur ausgeprägter, schärfer, der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht mehr ganz frisch. Mit einem Blick übersah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß war sie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt sie einen großen Strauß der allerschönsten Frühlingsblumen. Sie sah magnifik aus, als sie so mitten in dem sonnenerleuchteten Zimmer stand. Sie erkannte ihn nicht; oder vielmehr -- sie dachte nicht daran, ihn zu erkennen. Sie hatte jetzt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund auch nicht mehr der schöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag ist das Leben eines Mannes, der seinen Weg auf ganz gewöhnlichem Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und Connexionen unterstützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente gehoben wird -- anstrengend und mühselig. Und Anstrengung zerstört die Schönheit -- die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht. Sigismund hatte scharfe Züge, und sah ernst und kalt aus, kalt sogar, wenn er verbindlich sprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einst Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen starken dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen hätten vielleicht die Strenge des Gesichts mildern können; aber die Brille verdarb sie, wie zu starker Firniß den Eindruck des schönsten Oelgemäldes schwächt. Bei dem Allen war etwas Festes und Klares in dem Gesicht, etwas, das Vertrauen weckte, und als er mit fester und tönender Stimme, und sich verbeugend, zu Tosca sagte:
„Was verschafft mir die Ehre, Sie hier zu sehen, gnädigste Frau?“
Da entgegnete sie zuversichtlich:
„Die Hoffnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht abschlagen werden.“
Sie setzte sich und fuhr fort, als er sie schweigend und erwartungsvoll ansah:
„Mit zwei Worten: ich wünschte, daß Sie mir diese Ihre Wohnung abtreten und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich ist, nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand mit dieser Bitte belästigen; ob ich eine Treppe oder drei steige, ist mir einerlei, und eben so, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden liegt. Aber mein Mann ist krank, sehr krank; jeder Schritt wird ihm schwer, und mit der, den meisten Kranken eigenen Laune behauptet er, grade diese Wohnung, eine Treppe hoch, Südseite, und in der wir schon vor einigen Jahren gewohnt haben, sei ihm die bequemste, ja mehr! die heilsamste in ganz Berlin. Wir wohnen in British Hotel; es hat dieselbe Lage, allein das Geräusch des Gasthofs ist ihm unerträglich. Da drüben ist ein Haus ganz zu unsrer Disposition; er behauptet, durch die Lage nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen Südseite der Linden ist in keinem Privathause eine Miethwohnung frei, außer hier im zweiten Stockwerk -- und die Linden .... verlassen Fremde so ungern“ .... --
„Gnädige Frau,“ sagte Sigismund, „diese Wohnung steht Ihnen sofort zu Befehl.“
„O Sie sind gütig!“ rief sie lebhaft.
„Es ist mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel Stufen ich zu meinem Zimmer zu steigen habe,“ sagte er ruhig.
„So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu bringen haben, indem Sie den Wunsch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete sie sanft. „Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, diese Wohnung verlassen können?“
„Das Zelt eines einzelnen Mannes ist eben so leicht abgebrochen als wieder aufgeschlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und sogleich thun .... denn Ihr Herr Gemahl mag schon ungeduldig sein.“
Tosca stand auf und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand geben; aber, sich besinnend, drückte sie beide Hände gefalten vor die Brust und sagte mit großer Herzlichkeit:
„Ach, ~daß~ Sie es thun würden, wußt’ ich wohl, aber ~wie~ -- das konnt’ ich freilich nicht ahnen.“
„Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im Voraus die Gewißheit meines Gehorsams gab?“
„O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft, „die Außergewöhnlichkeit meiner Bitte! eine so extraordinäre Insolenz von meiner Seite muß durch einen sehr gewichtigen Grund motivirt und entschuldigt werden -- und das wird der begreifen, dem ich meinen Wunsch ausspreche, und ihm willfahren; -- so dacht’ ich. Allein, das ~Wie~ liebenswürdig zu finden .... darauf durft’ ich nicht rechnen.“
Sie ging der Thür zu, stand still, sah sich rings im Zimmer um und sagte:
„Ach, es ist freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie unbarmherzig, und machen Ihnen gar heute den Festtag zu einem recht unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünsche.“
„Das glaub’ ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, trat ans Fenster und sah sie in den Wagen steigen, der die Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, so, als habe er die knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie sie schön ist, wie beherrschend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr nachblickte; eine prächtige Erscheinung -- ganz, wie sie zu werden versprach. -- Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca gesessen, lag eine Tazettenblüthe, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die Erde gefallener Stern. Sigismund hob sie auf und legte sie in sein Portefeuille. Dann begann er seine Uebersiedelung. Damit verging der Tag. Am Abend saß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am Schreibtisch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Toscas Eintritt gestört worden war. Drei Seiten waren beschrieben. Auf die vierte schrieb er:
„Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es thut nichts, denn ich hoffe nächstens auf ein Paar Tage nach Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plaudern nach, was ich heut mit Schreiben versäumen mußte. Diese Aussicht macht Deine lieben freundlichen Augen noch freundlicher -- nicht wahr? Gott segne diese lieben Augen, meine Agathe, damit sie nichts als Freude, Glück und Liebe auf der Welt sehen, und mir ins Herz blicken mögen.“ S. F.
Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeschrieben. Sigismund couvertirte den Brief und trug ihn selbst auf die Post. Er ging an British Hotel vorüber und sah zu einigen hellerleuchteten Fenstern im ersten Stockwerk empor. Da wohnt sie gewiß, dachte er, und mit einem kranken Mann! -- Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren seit jenem Tage in Bonn, wo er sie so muthwillig gekränkt, und zum letzten Mal ihr schönes Gesichtchen, aber erbleichend und traurig, zwischen den Blumen im Fenster gesehen hatte. Am Abend spät war er wieder vorbei gegangen, und mehrmals auf und ab; seine Ungezogenheit that ihm gar so leid! Er wünschte glühend, sie gut zu machen, Tosca um Verzeihung zu bitten .... aber er sah sie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter starb, sie erkrankte, sie reiste; er trauerte mit ihr, um sie. Wie ein Meteor, das man ein Mal sieht und nimmer wieder, so war sie aus seinem Horizont verschwunden. Jahre lang dachte er an sie. Wenn er eine schöne Blondine sah, so flüsterte eine Stimme ganz heimlich in ihm: „Fast so schön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, sein Vater starb und hinterließ seine Familie unbemittelt. Es folgten eiserne Zeiten voll Sorge und Anstrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er sich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hoffnung und Liebe auf ihn. Er war ihr Trost, ihre Zuversicht, ihre Freude. Und so ging es ihm denn allmälig besser, und zuletzt gut. Jetzt hatte er im Hause seiner Schwester, die in Magdeburg mit seinem Universitätsfreund Friedrich verheirathet war, ein junges Mädchen kennen gelernt, das er herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er sie heirathen. Toscas Bild war erst blaß und nebelhaft in ihm geworden, dann verschwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauscht darüber hin, und deckt es zu, und nimmt uns so in Anspruch, daß wir nicht Zeit haben, an unsre Todten zu denken. Ständen sie aber auf aus ihrem Grabe, in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, so würden sie uns wieder beherrschen, wenn sie uns je beherrscht haben; denn begraben können wir viel, aber tödten nichts.
Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen ging. Er versuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetisch zogen ihn die Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Agathe, zu Dir!“ sagte er halblaut. -- --
Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in Besitz, welche Sigismund verlassen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Brustwassersucht. Ein junger Mann, der schon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwerkern und Trägern mit vielen Meublen und Geräthschaften gekommen war, empfing ihn und Tosca, und sagte:
„Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen Anordnungen sein werden, und daß meine schöne Tante ein andres Wort, als ein spöttisches für mich hat.“
„Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ sagte der General freundlich, und gab ihm die Hand.
„Das wollen wir sehen, Ignaz,“ sagte Tosca und ging durch die Zimmer. Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte lachend:
„Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern ist etwas ganz Wesentliches vergessen. Hier im Salon ein Schachbrett-Tisch, im Zimmer meines Mannes Sophapolster, und in meinem Zimmer Blumen.“
„Sie sehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig über die eiserne Unnachsichtigkeit meiner schönen Tante zu grämen. Gestern waren alle Magazine geschlossen; heute war’s bis früh acht Uhr Nacht. Ich schmeichelte mir, in zwei Stunden geleistet zu haben, was in menschlicher Kraft steht .... aber nein!“ ....
„Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca; „denn Sie haben mich bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienst mehr als menschliche Kräfte zu Gebot ständen.“
„Ist sie liebenswürdig?“ sagte der General lächelnd zu seinem Neffen.
„Ach, ich bin unglückselig!“ rief Ignaz. „Eine solche Aeußerung müßte mir ja wenigstens Flügel und Zauberstab verleihen, und statt dem Allen steht mir nichts zu Gebot, als ein Miethwagen .... und mein guter Wille.“
„Mit dem guten Willen macht man hübsche Phrasen und weiter nichts!“ sagte Tosca lachend.
„Ich gehe schon, ich gehe!“ rief Ignaz; „aber gestehen Sie, daß es hart ist, nie ein Wort der Zufriedenheit zu hören .... wenigstens kein directes.“
Er verließ das Zimmer. Tosca blickte ihm seltsam nach, und der General sagte: