Sigismund Forster

Part 2

Chapter 23,296 wordsPublic domain

Am andern Morgen schlug sich Sigismund Forster wegen des Kusses von Tosca Beiron, den er ~nicht~ wollte, mit seinem guten Freunde Hohenberg, verwundete ihn im Arm, und bekam von ihm eine Schmarre über die linke Wange.

Ein Paar Tage hindurch blickte Tosca Beiron umsonst zwei Minuten vor eilf Uhr auf die Straße hinab -- umsonst! denn Sigismund Forster ging nicht vorbei! und weder dann, noch Mittags, noch Nachmittags. Was war ihm widerfahren? sie hatte alle Zeit, sich mit Beantwortung dieser Frage abzuquälen, und tausend Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu ersinnen. Endlich! endlich! sah sie ihn die Straße herauf kommen, mit der Mappe unter dem Arm, und mit einem breiten schwarzen Taftstreif über die linke Wange. Sie freute sich so, daß sie die Hand über die Augen legte, um deren Jubel zu beschwichtigen. Allein sie hätte diese Vorsicht nicht nöthig gehabt, denn Sigismund Forster ging vorüber ohne aufzublicken, geschweige zu grüßen. Tosca glaubte sich getäuscht zu haben. Ganz verwundert dachte sie: Wie doch so ein schwarzes Band übers Gesicht verändert! Ich hätte darauf gewettet, ~er~ sei es .... und er war’s doch nicht .... o, unmöglich! -- Um zwölf Uhr kam er aus der Vorlesung zurück. Sie gab genau Achtung, sie erkannte ihn unwidersprechlich; er war’s, aber er ging vorüber ohne aufzublicken und ohne zu grüßen. Ihr sanken die Hände in den Schooß vor traurigem Erstaunen. Sollte er es übel genommen haben, daß ich mich neulich nicht mit ihm zum Tanz engagiren wollte? fragte sie sich heimlich. Seit dem Tage ist er zuerst verschwunden, und ~so~ wiedergekehrt. Ich hatte aber eine bessere Meinung von ihm. -- Sie suchte sich zu zerstreuen; sie stickte emsig, sie sang, und dazwischen tauchte immer die Hoffnung auf, daß sich auf dem Ball Alles erklären und ausgleichen werde. Ob Herr von Geldern, ob Friedrich, ob Graf Hohenberg ihr eine kleine Laune übel genommen hätten, darüber hätte Tosca muthwillig gelacht oder gleichgültig die Achseln gezuckt; aber Sigismund Forster? -- Sie war nicht im Stande, sich Rechenschaft darüber zu geben, weshalb sie grade ihn um keinen Preis verletzen möchte.

Am nächsten Morgen, als Sigismund vorüber ging, bückte sich Tosca tief auf ihre Arbeit, so daß er sie nicht gewahr werden konnte, wenn er etwa heimlich doch zum Fenster hinaufblickte. Dann hob sie rasch den Kopf -- und siehe! er ~hatte~ herauf gesehen, ihre Blicke begegneten sich. Aber blitzschnell wendete Sigismund den Kopf auf die andere Seite, und Tosca dachte: Richtig! er hat mir irgend etwas übel genommen ... aber in aller Welt was?

So vergingen die Tage bis zum Ball. Dadurch, daß Sigismund immer pünktlich an Tosca’s Fenster vorüber ging, zeigte er ihr, daß er sie nicht sehen wollte. Sie hoffte auf den Ball! sie traute sich zu, durch einige Worte die Mißstimmung zu vernichten, in welche Sigismund, sie begriff nicht, wodurch? ihr gegenüber gerathen war. Sie kleidete sich mit äußerster Sorgfalt an. Sie schmückte sich nicht, aber sie wählte die Blumen, die Farben, die ihr besonders gut standen, und zuversichtlich, freudig, betrat sie den Ballsaal. Sigismund stand der Eingangsthür zehn Schritte gegenüber und mit dem Gesicht ihr zugekehrt. So wie Tosca mit ihren Eltern erschien, fixirte er sie einen Moment ganz starr, und trat darauf in eine Gruppe hinein, ohne sie zu grüßen, ja, ohne nur zu thun, als ob er sie kenne. Eine unermeßliche Traurigkeit drückte Tosca’s Herz zusammen. Was habe ich ihm gethan? fragte sie sich heimlich; und dann setzte sie schnell hinzu: Er ist übermüthig; weil er besser aussieht, als jeder Andere, bildet er sich gewiß ein, ich würde mich sehr um seine Vernachlässigung grämen! doch daraus soll nichts werden. -- Sie nahm sich zusammen, sie empfing alle Ansprachen der Tänzer, sie war munter, ungezwungen, sie versprach ganz von selbst dem Herrn von Geldern den Cotillon; sie sah gar nicht hin nach Sigismund. Allmälig zwang sie sich nicht mehr zur Heiterkeit, sie wurde wirklich heiter, sie fühlte sich befreit von dem unbegreiflichen Interesse, welches sie bis daher für Sigismund ganz unwillkürlich empfunden. Nie war sie schöner gewesen, und nie anmuthiger. Es war, als ob sie sich in ihrer ganzen Lichtseite zeigen, und all ihre kleinen Sonnenflecke vergessen machen wollte.

„Heut ist Tosca Beiron wahrlich kein Dornenröslein,“ sagte Friedrich, nachdem er mit ihr getanzt hatte, ganz in Extase zu Sigismund, „sondern eine Rose ohne Dorn.“

„Wie Herr Walter von der Vogelweide bereits vor einem halben Jahrtausend von der Kaiserin Irene gesagt und gesungen,“ erwiederte Sigismund spöttisch und wandte sich ab.

Er langweilte sich. Hätte er Tosca anders als triumphirend gesehen, so würde es ihn interessirt haben, sie aufs genaueste zu beobachten; jetzt, in ihrem Uebermuth, wie er es nannte, hatte er nicht Lust dazu. Und doch mochte er nicht den Ball verlassen. „Sie könnte meinen, ich ginge gelangweilt fort, weil ich mich nicht mit ihr beschäftige,“ sprach er heimlich; „ich muß nur tanzen! Aber mit wem denn? wie sie Alle, Alle so unhübsch, ungraziös, unbedeutend neben ihr aussehen! Gleichviel! getanzt muß werden!“ --

Er wählte aufs Gerathewohl eine Tänzerin. Es war die junge Person, welche er auf dem vorigen Ball Grashüpfer genannt, und er trat mit ihr zum Tanz an -- er wußte selbst nicht, zu welchem Tanz. Es war eine Française, und Tosca tanzte ihm gegenüber. Alles ging charmant! Sigismund tanzte mit einem Ernst, als ob es gelte, ein Examen des Tanzes zu bestehen, und wendete nicht eine Secunde den Blick von seiner Tänzerin ab. Tosca tanzte wie immer; nur erschien ihre Gestalt noch graziöser, ihre Haltung noch schwebender neben den springenden und beweglichen Sätzen des kleinen Grashüpfers. Jetzt kam eine Tour im Contretanz, wo Tosca und Sigismund einander die Hand geben mußten, und da konnte er nicht vermeiden, den Kopf zu ihr zu wenden. Er that es mit einem peinlichen Gefühl, denn er wußte wol, daß sein Benehmen gegen Tosca nicht schicklich sei. Hätte sie ihn spöttisch oder nur schelmisch angesehen, so würde er sich dennoch in seinem guten Recht ihr gegenüber gefühlt haben; allein der traurig ernste Ausdruck seines Gesichts frappirte sie, und sie sah ihn sanft an, mit großen erstaunten Augen, die zu fragen schienen: Aber was fehlt Dir denn, daß Du so verändert bist? Das rührte ihn. Er schlug unwillkürlich die Augen nieder, um sie nicht freundlicher anzublicken, als er wollte, und seine Hand zitterte. Es lagen nur die Spitzen von Tosca’s Fingern in dieser Hand; allein sie fühlte es doch! ... Da wurden sie getrennt durch eine neue Tour.

Nach beendetem Contretanz ging Sigismund ins Büffetzimmer, hielt einige Freunde durch Champagner fest, und kehrte nicht in den Ballsaal zurück. Tosca blieb den ganzen Abend gedankenvoll. Sie konnte sich sein Benehmen nicht erklären. Wenn Uebermuth darin lag, so war es doch nicht der allein! das hatten ihr der traurige Blick und die zitternde Hand gesagt. Den Uebermüthigen würde sie sehr bald vergessen und ihn auf gleiche Weise behandelt haben. Der Traurige beschäftigte sie unablässig. Mit dem Gedanken an ihn blieb sie auf dem Ball, und kehrte erst in tiefer Nacht heim. „Der Ball war matt ... heute!“ sprach sie nachdenklich, als sie den Blumenkranz aus dem Haar nahm. „Ich glaube, ich werde schon zu alt für den Tanz. So recht großes Vergnügen ... wie neulich -- machte er mir nicht mehr.“ Sie entschlief und träumte von Sigismund.

Von nun an ging Sigismund Forster nicht mehr an Tosca Beirons Fenster vorüber. Sie grämte sich und er -- grämte sich noch mehr.

Woran hängen unsre Schicksale? Oft an Einflüssen, die, unabhängig von uns, um unsre Wiege gewaltet haben! oft an Eindrücken, die sich in unsre Seele ätzten, als sie sich zum ersten Mal dem Bewußtsein öffnete! oft an Begegnissen, die sich der reizbaren Empfänglichkeit eines Kindes unwiderstehlich bemeistern und ihm Zu- und Abneigungen einflößen, deren es dann in seinem ganzen Leben nicht wieder Herr wird. Es mögte interessante Aufschlüsse über manche Eigenthümlichkeiten der Menschen geben, wenn man wüßte, welcher Empfindung sie sich in der Kindheit zuerst bewußt worden sind. Die meine war Bangigkeit, ungeheure, namenlose, verzweiflungsvolle Bangigkeit. Ich war ganz klein damals, so klein, daß Jahre folgen, von denen ich nicht die geringste Erinnerung habe, also vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Es war in Remplin und ein großer Maskenball, und ich armes kleines Geschöpf dazwischen! Wie ich dahin gekommen, ob man mir einen Spaß machen wollte, ob ich selbst dahin verlangte -- ich weiß es nicht! Aber ich war da, zwischen den unheimlichen, fabelhaften, vermummten Gestalten, mit Gesichtern ohne Augen, zwischen der Musik, dem Gewühl, den Lichtern, dem konfusen Tumult solchen Festes. Ich war halbtodt vor Angst; ich weinte, zuletzt schrie ich Zeter; da ward ich denn fortgebracht. Und dann war ein Feuerwerk auf der großen Pelouse hinter dem Schloß, und mein Vater, der mich abhärten und meine Nerven stählen wollte, bestand darauf, daß ich es ansehen sollte. Nun war aber dies große, wilde, grelle Feuer, und die Detonation der Schwärmer und Raketen, und die Menschenmasse bald flammend beleuchtet, bald schwarz und finster, und wieder dieser Tumult -- etwas so Grauenvolles für mich, daß ich wieder in unerhörtes Geschrei ausbrach. Da aber mein Vater wollte, daß ich bleiben sollte, so blieb ich, und ertrug bis zum letzten Augenblick die Marter eines Festes, das wahrscheinlich allen übrigen Anwesenden großes Vergnügen machte. Mein Gott, das ist ein halbes Menschenleben her! Doch ich glaube, daß meine traurige Scheu vor Allem, was Lärm und Tumult, sogar der eines Festes und des Vergnügens ist, sich von jenem entsetzenvollen Moment herschreibt; und daß der Eindruck, welchen die Maskenball-Gesellschaft auf mich machte, mich durch mein ganzes Leben in der Gesellschaft begleitet hat, und begleiten wird. Ja, ja, das sind die Gesichter ohne Augen aus Remplin! Wie viel tausend Mal hab’ ich mir das ganz unwillkürlich und ganz überzeugt gesagt, wenn ich in einen Gesellschaftssaal trete. Nur wein’ ich nicht, so wie damals; o nein! ich lache eher, und wohl gar ein wenig spöttisch und hochfahrend, um mir die Larven nicht allzu nah kommen zu lassen, aber ob mir innerlich nicht ganz beklommen dabei zu Muth ist ... das ist die Frage! -- Ich erzähle diese kindische Geschichte nur als ein Beispiel von der Heftigkeit früher Eindrücke. Daß man diese regeln soll und beherrschen kann, weiß ich wohl; aber dennoch glaube ich, daß die Seele dadurch auf einen gewissen Ton gestimmt wird, möge sie auch, wie ein fügsames Instrument, Symphonien von Beethoven oder Walzer von Strauß auf sich spielen lassen.

Sigismund Forster ging nicht mehr an Toscas Fenster vorüber. „Sie ist eine hochfahrende Person, wie sie Alle sind!“ sprach er zu sich selbst. „Klagten die Uebrigen nicht sämmtlich über ihr hochmüthiges Benehmen? Ich will nicht warten, bis sie es auch gegen mich an den Tag legt. Und darum will ich sie auch nicht wieder sehen, nie wieder, und nicht vorbei gehen; ich würde es nicht lassen können, sie anzusehen -- und dann .... bekäme sie mich am Ende doch herum, mit ihren diabolisch himmlischen Augen. Seh’ ich sie aber nicht mehr, so bring’ ich’s vielleicht dahin, eine Andere anzusehen, und das wäre das Gescheuteste, was ich thun könnte ... das würde mich zerstreuen.“

Er versuchte dann auch diese Art von Zerstreuung, der arme Sigismund, während Tosca sich ganz vergeblich den Kopf zerbrach, ob Unglück oder Unheil, Verdruß oder Krankheit ihm zugestoßen sein könne. Zuletzt überredete sie sich, er sei zum bevorstehenden Weihnachtsfest in seine Heimath gereist, und das beruhigte sie über seine Schicksale. Aber zwischen Weihnachten und Neujahr begegnete sie ihm auf der Straße, mit mehren seiner Freunde. Alle kannten Tosca, alle grüßten sie; und Sigismund auch. Seinetwegen, oder seiner Gefährten wegen, wollte er sich nicht absichtlich auszeichnen. Es war sehr kalt, und er sah sehr bleich aus. Tosca bemerkte diese Blässe und seinen Gruß. „Ah! er ist krank gewesen!“ sagte sie sich fast erfreut; „wenn er nur übermorgen zu meinem Schwager kommt!“ --

Am Sylvesterabend gab der Professor Zeller einen kleinen Ball.

„Heut’ Abend wird’s lustig sein bei Zellers!“ sagte Friedrich beim Mittagsessen im Gasthof zum Stern.

„Nicht lustig genug für mich,“ entgegnete Sigismund. „Ich dächte, wir blieben unter uns.“

„Ich gewiß nicht!“ rief Friedrich.

„Ich auch nicht,“ sagte Hohenberg; „denn unter uns können wir ja alle Tage lustig sein. Und komm doch mit, lieber Bruder, es soll ein wunderhübsches Mädchen bei Zellers zum Besuch sein, -- eine Nichte oder Cousine von ihm.“ .... --

„Eine Schwestertochter von ihm ist es,“ sagte Friedrich, „und sie ist allerdings recht hübsch, wenigstens so lange sie allein ist. Aber neulich, sobald die Tosca Beiron eintrat .... o weh! wie sah das arme Ding aus! schwarz wie eine Zigeunerin und ungeschickt wie eine Küchenmagd.“

„Ah, sie ist schwarz!“ rief Sigismund eifrig; „das gefällt mir! Dann ist sie ganz gewiß schön. Schwarze Augen? schwarzes Haar?“

„Pechfinsterrabenschwarz, mein Junge!“

„Bravo! dann werden wir doch endlich mal eine wahre Schönheit zu sehen bekommen.“

„Ich sage Dir, sie ist keine Schönheit.“

„Nun, im Vergleich zu der faden Schönheit von .... gewissen Blondinen.“ .... --

„Wenn Du etwa Tosca Beiron meinst.“ .... --

„Ja, grade sie mein’ ich!“ brach Sigismund aus.

„So muß ich Dir sagen,“ fuhr Friedrich gelassen fort, „daß Du Dich irrst. Jenes kleine Mädchen, so munter und nett es auch ist, sieht neben ihr aus .... etwa wie ein schwarzes Hühnchen neben einem weißen Pfau.“

„Der Vergleich ist gut und passend!“ rief Sigismund laut lachend; „ja, ein Pfau! -- das ist sie.“

„Ein zarter, edler, seltner, weißer Pfau -- ganz gewiß!“ beharrte Friedrich.

„Eure Hühnerhof-Vergleiche für ein Paar hübsche Mädchen wollen mir gar nicht behagen,“ rief Hohenberg. „Komm nur heut’ Abend zu Zellers, Freund Sigismund, dann kannst Du doch wenigstens mit Kenntniß der Dinge reden und Dich überzeugen, ob die kleine Fremde wirklich Deine bereitwillige Bewunderung rechtfertigt.“

„Nein,“ sagte Sigismund, „ich mag nicht! Ich könnte mich in sie verlieben, und das würde mir grade jetzt sehr unbequem sein -- abgesehen davon, daß man immer Verdruß und Aerger in Hülle und Fülle dadurch hat.“

„Aerger und Verdruß? in Gottes Namen,“ sagte Hohenberg; „die gehören nun einmal dazu, wie Senf und Pfeffer zum Salat, der ohne das gar nüchtern und kalt sein würde. Aber was verstehst Du denn eigentlich unter unbequem?“

„Etwas, das mich stört und mich von den Gedanken abbringt, die ich haben mögte und sollte.“

„Und darf man in diese Gedanken eingeweiht werden, oder ihrer Richtung folgen?“

„Warum nicht?“ entgegnete Sigismund ernst; „sie sind sehr einfach und natürlich. Morgen werd’ ich einundzwanzig Jahr alt; seit anderthalb Jahren soll ich studiren, und habe nichts gethan, gar nichts! Nämlich, ich hab’ viel getrunken, viel gespielt, viel Schlägereien gehabt, und die Universitäten sind gewiß dazu auf der Welt, daß man das Alles aufs Gründlichste treibe! Hat man’s aber achtzehn Monat getrieben, so wird man’s überdrüssig und das ist jetzt mein Fall. Von morgen an wird gearbeitet .... und zwar eisern.“

„Da Du Dich entschlossen zu haben scheinst, vor der Zeit ein Philister zu werden“ -- sagte Hohenberg ärgerlich, der seit drei Jahren auf Universitäten nichts trieb, als -- nichts; „so wäre es viel passender, dächte ich, auf den Zellerschen Ball gesetzt und artig in Deine _vita nova_ überzugehen, als diese Nacht mit Wein und Karten zu durchschwärmen.“

„Aus dem Philister wird nichts, mein Junge!“ rief Sigismund lustig; „aus dem gesetzten Leben mach’ ich mir nichts, aber aus dem tüchtigen viel. Und ich sage Dir ja, es wäre mir unbequem, in meinen ernsthaften und arbeitsamen Projecten durch irgend ein Paar schwarze Augen gestört zu werden.“

„Paperlapapp!“ sagte Friedrich; „~die~ Augen thun’s halt nicht! Hast Du Dich doch tapfer gegen die von Tosca Beiron vertheidigt.“

„Ist er nicht possirlich mit seiner ewigen Tosca Beiron!“ rief Sigismund und lachte.

„Possirlich?“ entgegnete Friedrich gelassen; „mit nichten, mein Alter, nur beständig! und hauptsächlich .... beständig im guten Geschmack.“

Sigismund erröthete und fuhr auf: „Ein Geschmack, der mir zusagt, so oder anders, ist gut.“

„Charmant! charmant!“ erwiederte Friedrich noch ruhiger, „dasselbe meinte ich ja auch nur. Und übrigens wollt’ ich Dich nur aufmerksam machen, daß Du Dich vor übermächtigem Einfluß schöner Augen nicht sehr zu hüten brauchst. Du verstehst den Zauber zu brechen. Wenn ich bedenke, in welche Extase Du vor ungefähr acht Wochen, hier, zu dieser Stunde und in diesem Saal geriethest, als Du zum ersten Mal Tosca Beiron sahest“ .... --

„Wahrhaftig, da ist er wieder mit seiner Tosca!“ rief Sigismund und brach in ein so fröhliches Lachen aus, daß Hohenberg augenblicklich einstimmte, und Friedrich selbst lächeln mußte, als er seinen Satz zu Ende sagte:

„Und jetzt Deine Gleichgültigkeit gegen sie damit vergleiche, so beruhigt mich das ganz ungemein über Deine ferneren Herzensschicksale.“

„Falsch! falsch! mein Junge!“ sagte Sigismund noch immer lachend. „Damals wußte ich nicht, daß sie blaue Augen habe. Blaue Augen .... siehst Du -- die kann ich nicht vertragen. Dabei fällt mir immer der alte Spruch ein: Blaue Augen sind lieblich, aber sehr betrüglich.“

„Und den von den braunen kennst Du nicht? Braune Augen sind hübsch, aber tück’sch. -- Chancen giebt’s immer, und Sonne und Mond haben ihre Nachtseite. Graue Augen haben auch ihre Meriten, aber nicht die der Schönheit, sondern der Tugend; denn von ihnen heißt’s: Graue Augen sind gräulich, aber sehr getreulich.“

„Gefallen mir auch nicht sonderlich!“ rief Sigismund. „Da bleibt’s denn schon für mich bei den schwarzen Augen, welche von keinem Sprüchlein weder gepriesen noch getadelt werden. Aber es bleibt bei ihnen auf meine Weise. Kennt Ihr das bairische Schnoderhüpfeln?“

„Nein,“ antwortete Friedrich verwundert.

„Das lautet so,“ sprach Sigismund und sang:

„Gelt, Du Schwarzaugeli, Gelt für Di tauget i, Gelt für Di wär’ i recht -- -- Wenn i Di mögt!“

„Kellner! eine Flasche Champagner!“

Einige Stunden später übersahen Tosca Beirons blaue Augen mit einem Blick die ganze Gesellschaft im Hause ihres Schwagers, und senkten sich betrübt zu Boden -- denn Sigismund Forster war nicht da. Sie beschloß, um jeden Preis den Grund seiner Abwesenheit zu erfahren, und da fiel ihr nichts Besseres ein, als geradezu Friedrich zu fragen. Der hatte ihn bei ihrer Schwester eingeführt, folglich mußte der mit ihm in Verbindung sein und ihr Antwort geben können. Als sie mit Friedrich einen Walzer tanzte, ließ sie alle Tänzer mit irgend einer kleinen Anmerkung die Revue passiren und sagte dann plötzlich, als bemerkte sie jetzt erst seine Abwesenheit:

„Aber wo ist denn Herr Forster? meine Schwester sagte mir, er sei eingeladen. Er ist doch nicht krank? Er ist ein so guter Tänzer, wenn er tanzt!“ -- setzte sie hinzu, als wolle sie damit ihre Theilnahme entschuldigen und erläutern.

„Er ist allerdings nicht ganz wohl,“ erwiederte Friedrich, der diese kleine Unwahrheit auch schon gegen den Professor Zeller ausgesprochen hatte, weil Sigismund dadurch sein Nichtkommen entschuldigte.

„Und wol schon seit längerer Zeit?“ fragte Tosca.

„Nein .... ganz plötzlich .... heut’ Mittag.“

„Er sah doch schon vorgestern, als ich Ihnen begegnete, recht blaß aus.“

„Ach ja, ich erinnere mich .... es ist wol schon seit vorgestern!“ sagte Friedrich ein wenig verlegen, weil er nicht recht wußte, welchen Charakter er dieser improvisirten Krankheit geben solle.

„Sie sagen mir nicht die Wahrheit,“ rief Tosca schelmisch, „denn Sie sehen ganz verlegen dazu aus! Bitte, weshalb hat Herr Forster nicht herkommen wollen?“

„Nicht wollen? ach, der Arme! er kann ja nicht! Er hat ja den ganzen Tag zu Bett gelegen.“ .... --

„So? den ganzen Tag? Sie sagten doch eben -- heut’ Mittag, ganz plötzlich.“

„Gnädiges Fräulein, ich werd’ Ihnen die Wahrheit sagen,“ betheuerte Friedrich ernsthaft. „Er ist allerdings unwohl, und dann ist morgen ein wichtiger Tag für ihn, sein Geburtstag, an welchem er sich zu allerlei guten Entschlüssen von Studien und solidem Leben fest und stark machen will. Daher begreifen Sie gewiß, daß er den letzten Abend dieses Jahres nicht unter Tanzmusik hinzubringen wünschte.“

„O, das begreif’ ich!“ entgegnete Tosca sanft und nachdenklich. Hätte Friedrich ihr gesagt, daß Sigismund den Champagner mit einigen guten Freunden den tüchtigen Entschließungen weniger hinderlich finde, als den Ball beim Professor Zeller, so würde sich Tosca’s Theilnahme bedeutend abgekühlt haben. Aber das mußte er aus Rücksicht für den Professor verschweigen. Sie fragte weiter und mehr nach Sigismund. Sie erfuhr, daß sein Vater Präsident in Paderborn, daß er selbst der Aelteste von fünf Geschwistern sei. Jede Aeußerung Friedrichs interessirte sie tief: daß Sigismund so ausgelassen lustig sei, und dann wieder so ernst; scheinbar ganz hingerissen, ganz beherrscht, und dann plötzlich eisern fest. Zuletzt erschrak sie vor ihrer gar so großen Aufmerksamkeit, und wandte das Gespräch, allein ihre Gedanken blieben bei Sigismund.