Part 9
Konny lachte mit. Auf der Leinwand stand sie selbst, hilflos und schwankend, in einer wenig vorteilhaften Kleidung: einem oben zu weiten und unten zu engen Beinkleid. Sachlich konstatierte der Doktor die Fehler ihrer Haltung, der Fußstellung, der Handhabung ihres Stockes -- und bewies auf allen folgenden Bildern, die immer nur wieder sie zeigten, daß sie ein vollkommen typischer Fall des Anfängertums sei. Darnach schien es ihr ja wirklich, als habe sie mit besonderem Instinkt alles und jedes verkehrt gemacht!
Ja, sie lachte fröhlich mit bei jedem Konterfei; und nur dem Architekten kam es ein paarmal vor, als zittere sie leicht. Aber sie mochte wohl übermüdet sein.
Wirklich erhob sie sich nach schicklicher Pause, als der Vortrag beendet war, und verabschiedete sich. Energisch lehnte sie die Begleitung des Architekten ab, doch er gab es nicht zu, daß sie den weiten Weg durchs Dorf allein machte. Zum Sprechen unterwegs aber konnte er sie nicht bewegen -- was fehlte ihr nur?
Erst auf der obersten der drei Steinstufen schien sie wieder Atem zu bekommen.
»Haben Sie Dank, Herr Architekt,« sagte sie mit merkwürdig ruhiger Stimme, »Sie haben mir eine gute Lehre gegeben! Durch Sie bin ich veranlaßt worden, am Kurs teilzunehmen -- durch Sie, meinen Rock abzulegen -- und ich irre mich wohl nicht, wenn ich Ihnen auch das hinterlistige Photographieren verdanke.«
»Aber ich schwöre ...«, fiel er ein.
»Ach was,« entgegnete sie hastig, »schwören! Nachdem man falsch und verräterisch und -- und -- schadenfroh gewesen ist! Sie haben ja gewußt, daß ich auch nicht das geringste von allem verstanden habe -- weder vom Bergbein noch vom Talbein -- und dennoch haben Sie sich über mich lustig gemacht! Pfui!«
Er starrte noch immer Frau Deixlmairs tannene Tür an, als sie schon längst hinter ihr verschwunden war. Ein merkwürdiges Mädel, diese Pfälzerin! Eigentlich dumm oder doch begriffsstutzig -- und wieder klug genug, um das einzusehen und noch mehr: um es sogar zuzugeben! Welche Frau tat das wohl sonst?! Gewiß nicht viele. Er pfiff zwischen den Zähnen und sah lange, lange die Tür an. Humor, wie sie alle gedacht hatten, besaß sie also nicht -- und doch Taktgefühl, ungeheuer viel Taktgefühl. Eine andere, der plötzlich über sich selbst und ihre Leistungen so öffentlich ein Licht aufgesteckt worden wäre, hätte vielleicht eine Szene gemacht oder geheult -- oder sonst irgend etwas. Diese da war sehr tapfer -- das hatte sie eigentlich schon den ganzen Tag bewiesen, an dem sie sich so redlich mühte und nicht die geringste Hilfe durch Überlegungen gehabt hatte -- schade! Denn nun würde sie natürlich nicht mehr wiederkommen! Schade! Der ganze Kurs war ihm verleidet.
Aber am andern Morgen stand sie tapfer wieder da, beim Treffpunkt. Und ihm nickte sie freundlich und harmlos zu.
»Donnerwetter,« dachte er wieder, »sie ist anders! Die meisten wären schmollend zu Hause sitzen geblieben oder hätten den Ärger benutzt, um sich zu drücken.«
Sie wurde auch keine Musterschülerin des Doktors. Aber menschlich gute Eigenschaften entdeckte der Architekt noch zahlreiche an ihr im Laufe des sechstägigen Kurses. Da fragte er sie zum Schluß, ob sie nicht auch weiterhin zusammen durchs Leben fahren wollten, sie seien so schön eingeübt. Womit er allerdings im stillen wohl meinte, daß sie an seine Hilfe beim Aufstehen gewöhnt sei. Ihre Kunst bestand eben -- im Hinfallen.
Aber auch diesmal las sie seine Gedanken und antwortete fröhlich: »Gut! Wenn du mich bei schwierigen Fällen nie fragen willst, ob ich nun das Talbein oder das Bergbein nehmen muß --! Das könnte ich nämlich nie entscheiden: aber Vertrauen mußt du haben, daß ich es schließlich doch recht mache.«
Und das Vertrauen besaß er.
Die Erfindung.
Immer wenn Frau Ellen Mahder von ihrer Arbeit aufsah, was allerdings nur geschah, um die Augen ein wenig vom Mikroskop auszuruhen, bemerkte sie, daß sich der Kopf ihres Nachbarn tief über seine Hände beugte -- nicht ein einziges Mal seit acht Tagen waren sich ihre Blicke begegnet. Aber diese scheinbare Unermüdlichkeit täuschte sie keinen Augenblick: ein so wenig ernsthafter Mensch, der wenigstens in ihrer Gegenwart noch kein vernünftiges Wort gesagt hatte, war nicht imstande, sich von seiner Aufgabe absorbieren zu lassen; sie mißtraute ihm und seinem wissenschaftlichen Eifer aufs höchste. Und ebenso ärgerte sie sich über sich selbst, daß sie an diesen »faden« Doktor Zerpfang einen Gedanken verschwendete -- und kehrte sofort mit aller Inbrunst zu ihren botanischen Untersuchungen zurück. Sie mußte ja auch doppelt pflichtgetreu und genau sein, um ihre Zulassung in die dunklen Räume der alten Akademie, die unter anderen auch der botanischen Station Aufnahme gewährt hatte, zu rechtfertigen. Denn die Frage dieses »faden« Doktors, ob sie studiert oder wenigstens das Gymnasium absolviert habe, mußte sie verneinen; aber sie interessiere sich nun einmal stark für Chemie und Botanik, und sie hoffte, ihre mangelnde Vorbildung durch Lerneifer -- --
Er hatte ernsthaft genickt und sie aussprechen lassen, trotzdem sie sich vor Verlegenheit ein wenig im Satzbau verwickelte. Als sie endlich fertig war, sagte er: »Na, da können S' mir am Ende gleich erklären, was das bedeutet: =C, A -- C, A, O=?«
Unsicher und zweifelnd hatte sie erwidert: »=C, A -- C, A, O=? -- =C= vielleicht Kohlenstoff, =A= -- Argentum, =O= Oxygenium --«
Ringsum war ein lautes Gelächter losgebrochen, so daß sie erschrocken mit der Zerlegung der chemischen Formel innehielt.
Mit heuchlerischem Ernst sagte der Doktor: »Ich würd's anders übersetzen: =C, A -- C, A, O= -- das ist Cacao.«
Sie brachte es zwar zuwege, über ihren Reinfall zu lachen, aber ganz vergeben konnte sie nach Frauenart dem Doktor diese Niederlage doch nicht. Und er mußte wohl ihre stille Abneigung fühlen, denn er begrüßte sie des Morgens nur mit stummer Verbeugung und verließ mittags den Saal erst nach ihr.
Als heute die Präparate für die kommende Woche verteilt wurden, sagte sie: »Ich danke, ich gehe auf ein paar Tage ins Gebirge.« Und auf den etwas erstaunten Blick des Professors setzte sie hinzu: »Ich bin überarbeitet -- ich brauche eine Luftveränderung.«
Ihr Ton klang gereizt. Konnte man sich nicht vorstellen, daß es für ihre Arbeit nur vorteilhaft sei, wenn sie mit frischen Kräften an sie hinanginge?
»Man« lächelte unmerklich und gab ihr den väterlichen Rat, sich nur nicht durch irgendeinen dummen Sport noch mehr herunterzubringen oder sich gar eine Herzschwäche zu holen, die bei der jetzigen Unvernunft und Übertreibung an der Tagesordnung sei. »Man« redete ihr zu, lange zu schlafen, kräftig zu essen und ein wenig in der Sonne zu sitzen.
Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, aber sie arbeitete nicht mehr.
»Geben S' nach -- bleiben S' da?« fragte eine Stimme neben ihr.
Sie schüttelte den Kopf, ehe sie sich noch Rechenschaft darüber gab, wer zu ihr spräche: ah, der »fade« Doktor! Mochte er sich ebenso über sie lustig machen wie die andern. Aber vorläufig sagte er gar nichts, sondern sann vor sich hin. Und dann bat er hastig und scheu: »Mögen S' meine Erfindung anschauen, an der ich gebastelt habe alle Tag'?«
Mein Gott, augenblicklich lag ihr die ganze Arbeit hier so fern! »Gestohlen werden kann sie mir«, hätte sie am liebsten gesagt. Doch zwang sie sich zu einem Lächeln und entgegnete: »Gewiß -- gern!«
Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.
Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao« fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie überhaupt nichts sagen -- denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese Erfindung bedeute.
Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt, sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren -- sehen S': in dem Tascherl da! -- praktisch -- und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat -- der sich nicht abschrecken läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' -- und das werden S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden -- kein Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' -- höchste Einfachheit, gepaart mit größter Solidität und Sicherheit --.« Das letzte sagte er hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. -- Ihr wurde heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen würde --! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor Augen gekommen war. Schlicht -- ja, das konnte sie zugeben, das war dieser Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen -- wenn sie nur geahnt -- wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich ein »Sehr hübsch -- sehr praktisch« über die Lippen.
»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke geboren -- so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift, dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt -- aber schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am Tisch!«
Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen, die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges. So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als verloren betrachten -- da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«
Er lachte. »Sogenannte« -- ist gut! Sie haben eine famose Art zu trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei gehalten.«
Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er keine präzisere Antwort von ihr verlangte.
Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe tragen würden!
Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da -- schauen S' mich an! Bin ich hoffärtiger worden -- oder gar stolzer?! Und bin doch ein großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«
Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen S', ich begleit' Sie morgen!«
Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern -- in diesem Jahr war sie noch kaum hinausgekommen --.
»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«
Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!
Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer Angst weidete -- oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so verbrachte sie keine erquickende Nacht.
Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des Himmels -- die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft zu bewundern. So ein Tag -- so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den brauchte man -- da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. -- Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung fesselte ihr Zunge und Sinn -- und ebenso die wachsende Erkenntnis seines Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft, am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder -- und doch so primitiv! Die Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.
Ehe es nun bergauf ging -- sie wollten zur »Rotwand« hinauf -- verlangte er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die Dornen zu den Rosen.
So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich gewesen -- nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war das zu verdanken!
»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann packten sie wieder zusammen.
Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«
Hier -- die Erfindung! Im Freien, im Schnee -- auf einer Skitour! Mein Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. -- Unmerklich trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie fortlaufen, um Hilfe rufen -- ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten -- --
Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.
»Da sehen S'! Ein Griff -- klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus -- Sie sollen die Erste sein -- wie mich das glücklich macht!«
Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert -- von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten könne. -- --
Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte. Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre Enttäuschung, ihre Empörung -- der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch -- also doch! Leichtsinnig, oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese Überflüssigkeit -- dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.
Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!
Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn niederzukämpfen -- ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken lassen.
Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer -- vielleicht, vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte -- um zu überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie alle -- alle wie der Eine!
Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft -- sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine Verbesserung zur Ausführung wünschte -- ein großer Erfinder, ein Genie hatte er sein sollen!
Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf -- alle Kraft gespart für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur --? Wahrhaftig: das mußte das Verdienst _seiner_ Erfindung sein! Und darüber war sie so böse gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten nicht auch sie ihre Berechtigung?
Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden -- mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?
Als das Rotwandhaus mit seiner wehenden Flagge in Sicht kam, stand sie still. Nicht ein Wort hatte sie ihrem Begleiter auf dem ganzen Weg gegönnt -- sie mußte es wieder gutmachen.
Aber als er sie erreichte, sagte er: »Famos sind Sie, Frau Kollega! Nicht geschwätzt beim Bergauf, das lernen die meisten Frauen nimmer!«
»Ich gebe das Lob zurück«, antwortete sie. »Und Ihre Erfindung ist großartig, Herr Doktor -- ich gratuliere.«
Er warf die Mütze in die Luft und jauchzte.
»Famos sind Sie«, wiederholte er. »Nix geschmeichelt, nix schöngetan -- 's Maul gehalten, Sie verzeihen! still ausprobiert, Erfahrung gesammelt -- dann erst anerkannt, des nenn' ich gründlich! Ja, die Frauen von heuzutag' -- des is was!«
Ellen Mahder fand es nicht an der Zeit, ihn aufzuklären, weshalb sie so lange geschwiegen. Einmal -- es kam ihr vor, als würde es nicht mehr unerträglich lange bis dahin sein -- wollte sie ihm die Wahrheit gestehen: ihre Enttäuschung über ihn -- und ihr Zurückfinden. -- Still und glücklich glitten sie nebeneinander her, bis sie das Haus mit der fröhlich wehenden Flagge erreicht hatten.
III.
»Sie« im Süden.
Osterspaziergänge in Latium.
I. Der Monte Soracte.
Die Gabe, Kunst ernsthaft zu studieren und zu genießen, ist recht verschieden bei uns armen Sterblichen verteilt; nirgends läßt sich diese Behauptung besser und einwandfreier beweisen als in Italien -- und hier vor allem wieder in Rom. Florenz gestattet ein stilles, beschauliches Genießen, es gibt keine Entfernungen, man braucht fast immer nur von Haus zu Haus zu gehen. Rom bringt zu seiner kolossalen Ausdehnung und dem Übermaß seiner Sehenswürdigkeiten, die über sein ganzes Areal verstreut sind, noch die Unruhe und Hast der Großstadt -- man ist immer auf der Eulenflucht, und hätte man auch lange Wochen zum Besuch der »Ewigen« vorgesehen. Darum hört man nicht selten -- am häufigsten von unsern Landsleuten, die in 10-14 Tagen »alles« sehen möchten -- den Stoßseufzer: »Gottlob, daß wir abreisen! Ich kann nicht mehr!«
Ich bemitleide diese Menschen nicht; ich bewundere sie. Denn ich hätte schon längst nicht mehr gekonnt! Für meine Aufnahmefähigkeit sind drei fleißige Museumsstunden schon ein gerüttelt Maß -- darüber fort versagt sie vollständig. »Wie schade, nicht wahr, so viel Zeit zu verlieren -- und womit füllen Sie sie dann aus?« -- Ich gehe spazieren; ich laufe stundenlang durch die Campagna, ich suche zu Fuß all die kleinen Ortschaften auf, die wie leuchtende Punkte in der mächtigen Ebene verstreut liegen, ich klettere auf die Hügel- und Bergketten, die überall den Horizont in weiter Linie umsäumen, und ich entdecke, daß ihre Hänge mit Dörfern und Städtchen besetzt sind, grau und monoton, wie der Boden, aus dem sie emporwachsen, und doch ein jedes von ihnen stimmungsvoll -- architektonisch schön -- oder voll geschichtlicher Reminiszenzen, die ihre Patina auf verfallene Burgen und Paläste geworfen haben. Das ist meine geistige und körperliche Erholung, mein Schutz gegen allmähliches Abstumpfen angesichts Roms erdrückendem Reichtum: ein stunden- oder auch tagelanger Spaziergang und von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausflug, der die überreizten Sinne ausruhen läßt und uns das herrliche Land trotzdem näher bringt, weil wir seine Natur lieben lernen.