Part 10
Nördlich von Rom, mit fast geradem Rücken, in schwerem Massiv über die lieblichen Hügel dominierend, liegt der Monte Soracte. Wie lange schon zog er wieder und wieder meine Blicke und meine Sehnsucht auf sich -- ein wenig wegen seiner schwermütigen Gestalt, ein wenig wegen seiner Höhe -- etwa 700 m, aber direkt aus der Ebene aufsteigend, also doch eine bescheidene Bergpartie verheißend! -- Hauptsächlich aber, weil man hoffen durfte, dort nicht vielen Menschen zu begegnen! Den Passanten raubt der Ausflug zu viel Zeit -- ich bitte Sie, wenn man jede Statue in Rom gesehen haben will! -- die andern sind wohl zu bequem. Denn trotz des himmlischen Frühlingstages -- o Segen -- sind und bleiben wir allein, mein lustiger Begleiter und ich! Und wie wir uns fühlen, einmal wieder mit dem leichten Gepäck für eine Nacht im Rucksack -- fernab von Pensionen, Leuten mit Baedekern und der Gewißheit, abends beim Diner den Nachbar rechts und links und gegenüber seine Tageseindrücke nicht memorieren zu hören -- nein, ein echter, rechter Ferientag ist es, ein Schuleschwänzen in ewigen Vakanzen! »Da kann ich Sie gleich auf Ihre Bedürfnislosigkeit prüfen«, meinte der Hochtourist. Denn es war unsere erste »Bergtour«, und der Hochtourist, dessen seherischer Blick meine bergsteigerischen Fähigkeiten erst wenige Tage vorher am Turm des Kapitols entdeckt hatte, konnte noch nicht ahnen, wie glänzend sie sich entwickeln würden.
Nur wir entsteigen in Stimigliano dem Coupé; nur wir zwei laufen querfeldein bis hinab zum »=Bionde Tevere=«, dem blonden Tiber, der hier so köstlich ländlich aussieht, so recht wie ein gemütlicher Bauernfluß, nicht ein bißchen, als trüge er später die Weltstadt auf seinen Ufern; und ganz primitiv, außer uns nur von ein paar Frauen und Kindern benutzt, ist auch die Fähre, die uns ans jenseitige Gestade befördert.
Die Sonne brennt heiß auf den noch brachliegenden Boden nieder, aber da bekanntlich die Götter vor jeden Erfolg den Schweiß gesetzt haben, so tragen wir frohen Muts und unverdrossen die göttliche Prüfung -- sind wir doch des schönen Erfolges sicher!
Frühstücksstation: San Oreste. Weiten Rundblick gestattet es über die Sabiner- und die umbrischen Berge, aber »recht einladend«, wie es Gregorovius erschienen ist, der deshalb bedauert, es nicht besucht zu haben, ist es wirklich nicht. Ein Haufen eng aneinander gedrängter, unmalerischer Steinhäuser ohne die geringste Abwechslung oder Ausschmückung; und das Wirtshaus am Dorfeingang wohl noch genau so bescheiden wie zu den Zeiten jenes berühmten italienischen Spaziergängers. Aber das wenige, das man bekommt: Salami, Eier und Wein, so gut wie fast überall in den ländlichen Osterien. Die Befürchtung vieler Reisender, abseits der großen Heerstraßen »nichts« zu bekommen, ist wirklich überflüssig!
Und dann, nach kurzem Marsch, kommt ein Wald; ein schattenspendender, kühler Wald ernster Steineichen. Einmal mag der ganze Berg von ihnen bestanden gewesen sein -- aber auch dieser Rest ist noch ehrfurchtgebietend genug -- und so märchenhaft still -- man wartet, ob nicht Böcklins Einhorn langsam zwischen den dunklen Stämmen hervortrabt.
Wenige Minuten unterhalb des Gipfels taucht das Kloster San Silvestro auf, genannt nach dem Papst Silvester, dem der Kaiser Konstantin »das ganze Abendland« schenkte -- eine etwas unsichere Gabe! Und eine Zeitlang suchte Karlmann, Karl Martells kampflustiger Sohn, in diesen Mauern Ruhe -- bis auch ihn die Menge der Besucher, die nach Rom pilgerten, verscheuchten -- Gott sei Dank haben sie jetzt einen andern Weg gefunden!
Ganz oben auf dem Berge erhebt sich eine kleine Kapelle über einer schönen, alten Krypta, in der uns der alte Aufseher auf die Zelle des heiligen Silvester aufmerksam macht. Bedürfnislos genug mag er gewesen sein, Geschmack besaß er jedenfalls! Denn die Aussicht von diesem höchsten Punkt ist einfach superb: die ganze Campagna liegt zu unseren Füßen, dem Lauf des Tibers folgt man bis zu Roms Mauern, das Meer schimmert stahlblau in der Mittagssonne zu uns herüber, Bracciano und den gleichnamigen See glaubt man mit der Hand erreichen zu können -- die weichen Linien der Albaner-, Sabiner- und umbrischen Berge umschließen das Bild nach Osten und Süden -- kurzum, das Ganze ist so schön, so abwechselungsreich, daß man sich schwer losreißen kann. Aber die Schatten werden länger, eilig geht es auf der Westseite bergab durch Weinberge und Olivenhaine. Von der Haltestelle San Oreste aus benutzten wir die Bahn und erreichen im Abenddämmern, nach entzückender Fahrt, unser letztes Ziel: Cività Castellana. Die Stadt liegt auf einer Felsplatte, zu der sich die Bahn in hübschen Serpentinen hinaufwindet, immer neue Ausblicke in die merkwürdig tief einschneidenden Flußtäler gewährend. Die Treja und der Rio maggiore umströmen die Stadt von drei Seiten, d. h. wenn man so sagen darf: ihr Piedestal. Fast senkrecht, aber mit dichten Schlingpflanzen und Gebüsch romantisch geschmückt, steigen die Uferwände empor, eine natürliche Verteidigung bildend, wie man sie nicht besser, und vor allem, nicht schöner denken kann. Und aus diesem Grunde -- der geschützten Lage wegen -- wurde die Stadt immer wieder aufgebaut, trotzdem verschiedene Eroberer, zuletzt die Sarazenen, sie zerstört hatten. Aber der Fleck Erde ist auch zu verlockend -- die Promenade um die alte Stadtmauer immer wieder überraschend an neuen Ausblicken. Freilich, im Hof der einst berühmten Zidatelle weiden nur noch ein paar Ochsen, nachdem das Gebäude jetzt nicht einmal mehr als Gefängnis benutzt wird. Die Zeit, wo hier mächtige Grafengeschlechter hausten und Päpste sich zum Sterben in das überaus pittoreske Städtchen zurückzogen, ist vorüber; nicht einmal mehr ein Räuberhauptmann, wie seinerzeit Gasparone, lebt in ihr. Ihr einziges, sehr sehenswertes Gebäude ist die Kathedrale Santa Maria mit romanischem Portal, gotischen Rundfenstern und Cosmatensäulen in der Vorhalle. Auf dem Platz vor der Kirche wurde abends ein Ständchen gebracht und am nächsten Morgen der Markt abgehalten, als wir auf einem mittelalterlichen Omnibus vorüberrumpelten, um uns nach Borghetto bringen zu lassen. Von der Bahnstation Cività Castellana, die anderthalb Stunden von der Stadt entfernt ist, benutzten wir die Bahn zur Heimfahrt nach Rom.
II. In den Sabinerbergen.
Wer hätte nicht von deutschem Besitz auf italienischem Boden gehört -- von dem berühmten Eichenhain, der Serpentara, der einst von deutschen Künstlern vor dem Ausroden bewahrt und schließlich von ihnen mit gesammeltem Geld angekauft wurde?! Auch mich lockte dieses kleine »Deutschland«.
Ganz früh, im unaufgeräumten Wartesaal des römischen Bahnhofs, tranken wir unsere Schokolade. -- Eine kurze Bahnfahrt bis Zagarolo -- von hier mit dem Omnibus bis Genazzano. Vorn neben dem Kutscher erwischen wir noch Plätze; die Bauern hinter uns unter dem muffigen Verdeck des Wagens können nicht begreifen, daß wir die angebotenen Ehrensitze in ihrer Mitte verschmähen! Wir aber blicken über den mächtigen Federbusch eines auf Urlaub für die Festtage gehenden Bersagliere -- der uns zu Füßen auf der Deichsel hockt, nach dem schönen Spruch: Besser schlecht gefahren als gut gegangen! -- in das sonnengetränkte, köstliche Land hinaus. Nicht tot mehr scheint die Erde -- duftend steigt es aus den braunen Schollen empor, in den Zweigen der Kastanien- und Ölbäume regt es sich leise, rötliche Augen zeigen sich an den Weinreben, die sich von Ulme zu Ulme ranken.
Und welch eine Volksmenge, je mehr wir uns der kleinen Stadt Genazzano nahen! Der Tag irgendeines Heiligen ist es, der zum Jahrmarkt benutzt wird -- Frühaufsteher kommen uns schon mit ihren Einkäufen entgegen. Rechts und links am Stadttor hängen goldglänzende Kupfergeschirre an den Mauern; Bettladen, Wiegen und Truhen versetzen den Weg. Wir steigen aus und wandern durch den Ort, vorbei an einer Wallfahrtskapelle, die auch heute ihre Anziehungskraft beweist, vorbei am alten Palast der Colonna und den Überresten ihres Aquädukts, dessen von Efeu umsponnene Bogen malerische Rahmen für die Landschaft im Tal bilden. -- Der Weg nach Olevano, nicht über die bequeme Landstraße, sondern quer durch die Felder, ist sehr schön; auf allen kleinen Anhöhen alte Klöster und Burgen, in weiterer Ferne Schneehäupter der Abruzzen und ringsumher ein Land, dessen historischen Reichtum man ahnt und fühlt. In der klaren Sonne ist es, als könnte man mit einem Schritt zu all den kleinen Ortschaften hinüber, die sich nur durch eckige Konturen vom Felsboden, dem sie entwachsen, unterscheiden.
Olevano liegt ebenfalls an einem Bergabhang und hat steile und schmutzige Straßen; aber überaus malerisch ist es: der Marktplatz mit seinem Brunnen, an dem die Esel getränkt werden, und zu dem im Abenddämmern prachtvolle Frauengestalten, die kupferne Conca (Krug) auf dem Kopfe, heranschreiten. Die Bewohner von Olevano haben überhaupt einen besondern, kräftigen und schönen Typ, und sind durch den Umgang mit liebenswürdigen Malersleuten zutraulich geworden.
Etwa eine halbe Stunde nördlich von Olevano, am Wege nach Bellagra, liegt die Serpentara, der deutsche Eichenhain, ein Künstlerhaus mit deutschem Namen am Eingang. Wie merkwürdig das ist: plötzlich auf deutschem Boden zu stehen! Die Namen der besten vaterländischen Künstler sind mit diesem Fleck Erde verknüpft, unsere größten »Landschafter« haben hier studiert und gelernt. Ein Felsblock trägt das Relief unsres Kaisers, neben der 1887 gepflanzten »Kaisereiche« -- ein andrer das Viktor Scheffels, unter dem seine Worte prangen:
Hier im Zentrum des Gebirges Lesen wir die alte Keilschrift, Die der Haufe nie versteh'n mag, Das Gesetz des Ewigschönen.
Einmal also, durch deutsche Künstler, haben wir im Lande unsrer ewigen Sehnsucht ein eignes, wenn auch bescheidenes Besitztum erreicht!
Am nächsten Morgen wanderten wir nach Bellagra, dem unheimlich schmutzigsten Ort, der mir in Italien begegnet ist und _vielleicht_ durch diese Eigenschaft sehenswert, sonst nicht. Noch einmal steigen wir eine steile Anhöhe hinauf: nach Rocca San Stefano, dann geht es lange neben dem Anio, dem »immerkalten«, her, und ebenso lange liegt links vor uns auf einem Felsen, von einer Burg überragt, Subiaco. Die sechs Stunden von Olevano sind, ohne uns im geringsten zu ermüden, »vergangen«; das Land und die kleinen Orte, die wir durchschreiten, bieten so viel Reize und immer neue Abwechslung, daß man sich der Länge des Weges nicht bewußt wird.
Wer nun wirklich mit seiner Zeit geizen muß, lasse sich an dem äußern, reizvollen Eindruck Subiacos genügen und kehre eilig mit dem nächsten Zug über Tivoli nach Rom zurück. Vielleicht, um dort den Osterfeierlichkeiten in Sankt Peter beizuwohnen? Ach Gott, _diese_ Enttäuschung ist ein Kapitel für sich! Ich feiere meine Ostern stets draußen, in irgendeinem kleinen Nest -- weitab von den hastenden Touristen!
Denn um Subiaco recht zu würdigen, bedarf man der Ruhe. Die drei Klöster von Santa Scolastica, »die Wiege des Mönchtums im Abendlande«, sind so reich an Schätzen und historischen Erinnerungen, daß es schade und nutzlos um einen kurzen Besuch wäre. Zur Zeit der Goten in Italien, als das römische Reich sich auflöste, gründete der heilige Benedikt hier eine Zuflucht für weltmüde Menschen, während des ganzen Mittelalters stand es da, »ein einsamer Leuchtturm der Wissenschaft«, wie Gregorovius es nennt, und Deutsche, Arnold Pannartz und Konrad Schweinheim, druckten hier im Jahre 1465 das erste Buch in Italien, den Donatus, ehe sie in Rom, im Palazzo Massimi alle Colonne, die erste Buchdruckerei errichteten. Auch jetzt noch sind die Klöster überreich an Inkunabeln und alten Handschriften, trotzdem die Abtei mehrmals, z. B. von den Sarazenen wie von den Ungarn, zerstört worden ist. Aber die Macht des Klosters wurde durch Schenkungen reicher Barone immer wieder hergestellt, die Stadt Subiaco selbst geriet allerdings erst im Jahre 1068, als der Abt Johannes V. die Burg erbaute, in den Besitz des Ordens. Seit dieser Zeit rivalisierten die Benediktineräbte neben den Orsini und Colonna auch auf dem Kriegsfeld und waren leider wegen ihrer erbarmungslosen Justiz berühmt. Deshalb entzog Urban VI. im Jahre 1386 den Mönchen das Recht, den Abt selbst zu wählen, und setzte zum Teil dadurch ihrem Übermut eine Schranke. Dennoch empörte sich, fast hundert Jahre später, das Volk von Subiaco gegen die Mönche, die an fünfzehn jungen Leuten eine Art Lynchjustiz ausgeübt hatten, verwüsteten das Kloster und mordeten die Mönche. Auch in den ferneren Jahrhunderten spiegelt sich in der Geschichte dieser Abtei im kleinen das ewige Auf und Ab von Größe und Verfall wieder -- und viel von dem steten Kampf zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern!
Ein steiler Weg von fünfundzwanzig Minuten führt weiter aufwärts nach San Benedetto, einer aus Ober- und Unterbau bestehenden Kirche, in deren Garten der heilige Franz von Assisi die Dornen, in denen der heilige Benedikt sich wälzte, um sich gegen verführerische Vorstellungen zu schützen, in Rosen verwandelte. Noch jetzt ist der Garten von Rosenbüschen erfüllt. Die Grotte, in der Benedikt lebte, ist mit einer Statue des Heiligen aus der Schule Berninis geschmückt.
Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen.
I. Locarno.
Eins wollen die seit undenklichen Zeiten an Italien-Sehnsucht krankenden Deutschen nie lernen: daß sie nämlich dieses Land, das wie kein anderes Sonne, Wärme und frisches Grün verlangt, stets viel zu früh aufsuchen und es gerade dann verlassen -- wenn es erst anfängt schön zu werden! Den früher so viel beklagten Übelständen: schlechten Heizungsmöglichkeiten, Steinböden usw., ist zwar längst, wenigstens in den besseren, internationalen Hotels und Pensionen, abgeholfen; es gibt überall Zentralheizung, Parkettböden, mit Teppichen ausstaffierte Hallen und Lifts und Wintergärten, und der Deutsche findet es mit steinerner Stirn: »ebenso wie zu Hause« -- aber natürlich, den echten, gemütlichen italienischen Albergos muß er aus dem Wege gehen, weil er eben in ihnen friert und sie deshalb für »unmöglich« hält. Das ist der zweite Nachteil seiner vorzeitigen Erscheinung jenseits der Alpen. Der erste, wie gesagt, die tote Natur. Eine nordische Landschaft kann durch schweren, bewölkten Himmel Ausdruck und Stimmung erhalten und malerisch wirken, die italienische wird ohne Sonne farb- und charakterlos. Und weshalb begnügt man sich mit ein paar warmen Mittagsstunden? -- In der Hauptsache wohl, weil es diese auch zu Hause nicht gibt. Jetzt dehnt man sich schon morgens im Bett mit dem wohligen Gefühl, zu einem echten, rechten Sommertag erwacht zu sein; durch das weitoffene Fenster zieht laue Luft, durchsetzt vom wundervollen Duft der Glyzinien, deren schwere lila Trauben einen undurchdringlichen Baldachin über der Terrasse bilden. Man hat geschlafen, gewiß; aber bis in den Traum hinein hat man die Nachtigall gehört, die die Nacht durchschluchzte, und von der man ohne weiteres annimmt, daß sie poetisch genug war, ihr kleines Nest im Kamelienbaum aufzuschlagen; über und über bedeckt ist er mit leuchtenden, roten Blüten -- und die Nachtigallenkinder werden ihr Leben lang vollauf zu tun haben, wenn sie auch nichts anderes lernen wollen, als ihn würdig zu besingen. Man lächelt vor sich hin, wenn man nun ans Fenster tritt und nach stillem Blick über den stahlblauen Spiegel des Sees die Wunder in der Nähe betrachtet: die Kletterrosen mit ihren Tausenden zartweißen, rosa oder gelben Knospen und Blumen, die prangenden Rhododendrons, die köstlich gefärbten und duftenden Azaleen, die alle in jeder Nacht an ihrer Vervollkommnung weiter arbeiten -- aber mischte sich nicht in die langgezogenen Seufzer der Bülbül ein merkwürdig nüchterner Ton?! Man erinnert sich plötzlich: der Hahn war es, den die Kunst der grauen Sängerin nicht schlafen läßt, und der es in Locarno für nötig hält, noch vor Mitternacht die Menschheit an sein Dasein zu mahnen. Aber hier versteht man das; in diesem Zauberreich müssen die ältesten Gesetze ihre Kraft verlieren und aufgehoben werden. Die Natur befreit sich von allen Fesseln, und in ihrer unerhörten Verschwendung verleiht sie auch dem bescheidenen Haushahn die Gabe, über seine eigentliche Bestimmung hinaus zu krähen.
Drunten pfeift der erste Dampfer, deutlich kann man verfolgen, wie von allen Seiten Omnibusse heranrollen, etwas Gepäck verladen wird und einige Pärchen Hand in Hand den Weg, der zum Schiff hinüberführt, betreten. Der Dampfer gibt ein zweites, wehmütiges Signal: aber niemand kommt mehr. Schwerfällig legt er ab. Und der junge blonde Kontrolleur, der seit fünf Jahren täglich vom Morgen bis zum Abend die zwölf Dampfer seiner Linie kontrolliert, wird keine zu große Arbeit haben. Diese da, die letzten, allerletzten deutschen Hochzeitsreisenden haben richtige Billette, sitzen in der ihnen zukommenden Klasse, verlassen das Schiff ordnungsgemäß an der =Isola bella=, durcheilen Hand in Hand Schloß und Garten und stehen nach zwei Stunden Hand in Hand wieder bereit, um die Rückfahrt anzutreten. Nicht einen Schritt vom vorgeschriebenen Wege tun diese Leute -- nichts sehen sie als die im Reisehandbuch verzeichneten Merkwürdigkeiten, und ohne Aufenthalt setzen sie ihre Tour fort: nach Lugano hinüber, oder gleich zurück über den Sankt Gotthard -- und ahnen nicht, daß sie an den Hauptschönheiten vorübergegangen sind und sich ihnen nur eine Spalte des Allerheiligsten geöffnet hat! Nein, ich fahre nicht über den See; ich warte, bis auch die letzten Hochzeitsreisenden fort sind und sich die braven Italiener, die dann mit schwatzenden, lachenden Kindern Vor- und Hinterdeck in Beschlag nehmen, sich nicht mehr über die fabelhafte Ungeniertheit der Jungvermählten chokieren. Und abends kehre ich erst heim, wenn das Mondlicht ein glitzerndes Netz übers Wasser wirft und all die kleinen Uferstädte nur mehr durch die Perlenreihe der Lichter erkennbar sind und nach kurzem wieder in mystisches Dunkel zurücksinken. Jetzt wandere ich lieber die Höhen hinauf, in der tröstlichen Gewißheit, keiner Seele mehr zu begegnen, sobald ich den Stadtrayon verlassen habe. Am wilden Garten der Madonna del Sasso, die sich eher wie eine Festung als wie eine Kirche auf steilem Fels inmitten einer Schlucht erhebt, schlendere ich vorbei, über Orselina Brione und Contra bis zu dem entzückenden, weltvergessenen Mergoscia im Tal der Verzasca, die sich nicht genug tun kann an größeren und kleineren Fällen; oder zur anderen Seite nach dem malerischen Ascona, das noch seinen besonderen Reiz durch die Gruppe der »Naturmenschen« erhält, die sich auf der Höhe des Monte Verità in verlassenen Bauernhäuschen angesiedelt haben und ihren Individualismus durch vegetarische Kost, flatternde Haare, wenig Bekleidung und größte Saloppheit dartun. Ich nehme mir aber bestimmt vor, sobald es noch heißer wird, mich wenigstens »vegetarisch« zu frisieren und alle künstlichen Unterlagen fortzulassen. Ascona ist auf dem Land erbaut, das die Maggia angeschwemmt hat; in ihrem langen Tal ist wohl der schönste Punkt bei Ponte Brolla, wo der Bach durch schroffe Felsen bedrängt wird, und später bei Visletto. In Cevio mündet ein neues Tal ein, das Valle di Campo, von der klaren Rovana durchströmt, von dessen verschiedenen Ortschaften aus über zahlreiche Pässe leichte und etwas schwierige Touren sich nach Gefallen und Wanderlust ausführen lassen. Aber sieh, das Beste liegt so nah! Der köstliche Weg von Locarno nach Ronco, hoch überm See, mit stetem Blick auf seine Fläche und die anmutigen Inseln bei Brissago, führt durch schattenspendenden Wald; nicht durch immergrünen mit hartem, dauerhaftem Laub, sondern unter den zartgrünen Zweigen von Ulmen, Buchen und den lichten Schleiern der Birken hin. Und über allen Vorbergen, die im April noch so plump in ihrem farblosen Massiv dastehen, haben die Birken ebenfalls ihr beständig flimmerndes Grün geworfen; auf den höheren Gipfeln leuchtet noch der Schnee, von den Abhängen erstrahlen die Obstbäume in blendender Pracht, und die Weinreben strecken sich von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum grüne Blättchen auf verlangend wachsenden Armen entgegen. Ein reizender Winkel, verfallende, verlassene Bauernhäuschen, durch dichten Efeu zu malerischsten Ruinen umgewandelt, ist Fontana Martina, noch hinter Ronco gelegen und von Brissago aus über einen mörderisch steilen Pfad zu erreichen. Ein Deutscher wohnt hier einsam in dem toten Gemäuer, das für jemand, der wirklich Ruhe sucht, ein Dorado sein muß. Aber diese Jemande scheinen seltener zu sein, als man im allgemeinen annimmt: kein Liebhaber oder Räuber meldete sich bis jetzt, und der Deutsche, der ein wenig auf die Eigenbrödelei seiner Landsleute gerechnet hat, folgt am Ende eines schönen Tages -- die hier ja nicht selten sind! -- dem Beispiel seines Vorgängers und zieht sich mit einer reichen Frau in das Weltgetöse Mailands zurück. Die Kontraste liegen im Leben ja meistens dicht nebeneinander.
Auch hier. Denn neben den Kindern heißerer Sonne, den hohen Fächerpalmen mit ihren kraftstrotzenden, sich eben öffnenden Blütenkolben sendet unser nordischer Flieder seine lila und weißen Sternchen im leisen Wind hinüber zu dem unendlichen Reichtum der Mimosenbäume; die zarten Kerzen des Kirschlorbeers strecken sich neben den derberen der Kastanie vor, die Orangenblüten erstrahlen doppelt neben den schwarzen Kugelfrüchten der Zypressen, die Iris gesellt sich zum Calicanthus, dem »Erdbeerbaum« unserer Kindheit, und zu Füßen des spielerischen Bambus und des selbstbewußten Eukalyptus sehen uns unsere Stiefmütterchen mit ernsten und etwas größeren Augen als zu Hause an.
Ich will dem deutschen Frühling nicht seine Schönheit bestreiten; er hat längere Frist, sich zu entwickeln, und muß heftig genug um die hartgefrorene Erde und mit seinem Todfeind, dem Nachtfrost, ringen. Das mag seinen Kräften nur förderlich sein. Hier kommen sich Sonne und Erde in langem, heißem Kuß entgegen, es gibt kein Verweilen, nur ein Vorwärtsdrängen, ein Entfalten, Sprießen und Wachsen von Stunde zu Stunde. Und unter den glücklichsten Verhältnissen, vom hehren Rahmen der Berge umfaßt, lacht aus betörender Farbenpracht mit tausend Augen der Sommertag, und klingt sein Herzschlag aus dem Lied der Amsel und dem unablässigen Zirpen der Grillen.
Auf meiner Fensterbank liegt eine smaragdgrüne Eidechse. Sie genießt die Wonne ihres Daseins -- sie ist wunschlos glücklich!
II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde.