Part 8
Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt, schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun -- und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll --!
»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie gelernt haben!«
Ich --? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün -- -- --
»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger --! Nur weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige --« -- Mein Gott, war ich das wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander und lehnte mich vornüber -- -- es ging nicht.
»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch -- -- --«
Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.
»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur Fürstalm hinunter.
Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer; es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen -- dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.
»Nur noch dreiviertel Stunden -- bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!« Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den Sport ein für allemal aufgeben. _Mir_ machte er keinen Spaß, das hatte ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen -- -- --
Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier gegessen -- Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen. Aber so dicht vorm Ziel umkehren -- das ist wirklich feige! Und was ich mir im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. _Ein_ Prinzip muß der Mensch doch haben.
Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.
Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als seien mir Flügel gewachsen.
Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt -- Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! -- Bis zu den Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken -- das sind nicht nennenswerte Kleinigkeiten! -- Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch überwunden. Aber dann -- die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe -- die hat's in sich! Und noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz, an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät, das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!
Aus der Winterfrische.
Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«. Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango -- und seine Seele zieht aus, um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, daß man auf Soupers und den berühmten -- bequemen Nachmittagstees kaum nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit -- aber diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer Harmonie zu stören!
Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die glitzernden Scheiben flimmert! -- der Tag ist dein, dein die Welt, die Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist Deutschland nicht verloren!« -- Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld -- und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der Offenbarung vollendetster Schönheit -- was kann dich noch treffen, dich niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!
Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: »Stemmfahren -- stemmfahren -- und nicht verzweifeln!« Endlich löste sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend -- eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern, nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die Welt« -- mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener Freuden im Winter ermöglicht.
Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle rodelnden Jungen -- und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen, seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! -- mit ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter -- die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd --, bei deren Anblick Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben Puff.
Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball, beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. »Geschuhplattelt is worden« -- und mit eisernen Mienen fanden sich die Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles -- niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und eigenem Takt ihren Part erledigten.
Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge -- es lebe der Winter!
Das Talbein.
Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels, von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte. Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.
Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf; aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen -- z. B. von der Alpspitz drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man nicht so allein wäre -- wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte -- --.
Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie werden ja sonst die Letzte -- man immer vorwärts!«
Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch -- wie immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich annahm, auch sie würde sich beteiligen. -- -- Und weshalb denn nicht? Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte sie. Also -- --. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die Skier -- sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?
»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu. Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte, umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem »Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon übernehmen -- er durft's schon wagen!
Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen -- nur Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber sie war nie stark im Behalten gewesen, -- und da sie ihnen keinen Sinn unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier anzuschnallen.
Auch Konny versuchte es. Doch ihr waren Glieder und Hände steif vor Kälte, von ihren Zehen hatte sie das deutliche Gefühl, sie seien aus Glas. Sie riß und zog an den Riemen und endlich stand sie hilflos auf den beiden schmalen Brettern da. Inzwischen hatte sich das Unglaubliche vollzogen: während sie noch mühsam nach Balance suchte, krabbelte schon eine Unzahl von Menschen den Abhang hinauf, dem Doktor folgend, der sie in langen, flachen Serpentinlinien aufwärtsführte. Da hinauf sollte sie auch --? Die Vorstellung war so überwältigend, daß sie sich erst mal rückwärts in den Schnee und zugleich auf die Kante der Skier setzte. Das tat weh, und im Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit blieb sie liegen.
Da erscholl aus den Lüften eine Stimme, mahnend -- aufmunternd -- ratend -- und Konny blickte sich um, wem wohl diese sich immer noch steigernde Teilnahme gelten mochte.
»Na, Sie da unten, Fräulein, wollen's denn anfrieren?«
Gelächter von nah und fern und dann dicht an ihrem Ohr eine flehende Bitte: »Stehen Sie doch endlich auf -- ich helfe Ihnen -- er denkt ja sonst, es ist Eigensinn, daß Sie sich nicht rühren -- --.«
Ach Gott, _ihr_ galt diese versuchte Beeinflussung von oben? Aber aus Eigensinn, nein wahrhaftig, saß sie hier nicht.
Mühsam rappelte sie sich empor, brachte die Spitzen der Skier übereinander und wäre wieder gefallen, wenn die Hand ihres Nachbars sie nicht gestützt hätte.
»Lassen Sie die Dame nur gleich das Wenden üben,« erscholl von neuem die Stimme, »und nehmen Sie sich ihrer etwas an, Herr Architekt, wir gehen inzwischen weiter.«
»Was soll ich?« fragte Konny verzagt. »Wenden? Aber ich habe ja keine Ahnung.«
»Der Herr Doktor hat's aber doch erklärt! Also sehen Sie mir einmal zu.«
Diese gewaltsame, ungeheuer schwungvolle Bewegung sollte sie nachmachen?
»Versuchen Sie's doch wenigstens mal!«
Jetzt endlich sah sie ihrem Helfer ins Gesicht -- bis dahin hatte sich ihre Aufmerksamkeit nur auf seine Beine konzentriert -- und sie entdeckte, daß der Architekt derselbe Herr sei, dessen Zuruf am Morgen sie zu dieser Tollkühnheit verlockt hatte. Dann mußte er auch einen Teil der Verantwortung tragen.
Halblaut fragte sie: »_Er_ ist ja schon so weit fort -- er merkt es am Ende gar nicht, wenn ich nicht übe.«
Der Architekt lachte und antwortete herzlos: »Er sieht alles, Fräulein!«
Und wirklich erscholl es in diesem Augenblick aus den Lüften: »Nun, die beiden dort unten -- wollen sich die denn gar nicht hinaufbemühen?«
»Bitte, bitte, einmal versuchen«, drängte der Architekt.
Und Konny, die es einsah, daß es hier kein Schummeln gäbe, schleuderte mit letzter Energie ihr rechtes Bein in die Luft, sah ihren gefesselten Fuß mitsamt dem senkrecht stehenden Skier unstät hin- und herschwanken, fühlte sich in zwei gleiche Portionen gerissen -- und ließ sich auf die Seite fallen.
»Aber, aber,« meinte der Architekt, »das war ja alles verkehrt! Und da wir doch bergauf wollen, hätten Sie das obere Bein nehmen müssen, um gleich an Steigung zu gewinnen -- und nicht das Talbein!«
Konny sah resigniert auf ihre beiden, unter ihr gekreuzten Beine. Sie hätte im Moment gewiß nicht angeben können, welches ihr rechtes oder welches ihr linkes sei -- und nun sollte sie sogar den Unterschied zwischen Tal- und Bergbein wissen?!
Still begann sie sich zu entknäueln, stand endlich wieder aufrecht da und sagte zum Architekten: »Ich will es jetzt allein lernen, ohne Theorie. Sie stören mich nur -- gehen Sie nur voran.«
Langsam und vorsichtig, dennoch von unendlichen Stürzen unterbrochen, begann sie dann bergan zu klimmen -- er in mäßiger Entfernung vor ihr.
Plötzlich kam er zurück: »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?«
Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, sagte er: »Ihr Rock ist viel zu lang, der geniert Sie. Ziehen Sie ihn aus, ich nehme ihn in meinen Rucksack.«
Wenn's nur das sein sollte, was sie hinderte!
Sie zögerte eine Sekunde, dann zog sie mit seiner Hilfe den Rock aus, und zwar über den Kopf, da es über die Skier doch nicht gegangen wäre. Ganz heiß waren sie beide von der mühsamen Arbeit auf dem Hang und Konnys Unsicherheit geworden.
Dann stand sie in neumodischen Beinkleidern, aus demselben Stoff wie ihr Kleid, vor ihm; um die Hüften herum bildeten sie Tüten, an den Knien schlossen sie sich dagegen sehr eng, und er, dem ihre zarte Figur vorher so gut gefallen hatte, mußte ein Lächeln unterdrücken: etwas Rundes und Komplettes hatte sie angenommen und fast bereute er seinen guten Rat. Denn mit oder ohne Rock -- viel Talent zum Sport schien sie nicht zu besitzen.
Endlich, nach mehreren Stunden, erreichten sie die übrige Gesellschaft, die sich auf einem Schneefeld zum Frühstück gelagert hatte und schon wieder im Aufbruch war. Mit lautem Halloh wurden sie beide begrüßt. Der Doktor eilte auf Konny zu und fragte, wie es denn gegangen sei. Und sie, im Bestreben, nicht gar so dumm zu erscheinen, besann sich auf die vorhin verworfene Theorie und antwortete fröhlich und gänzlich ahnungslos über den Sinn der Bezeichnungen: »Danke -- mit dem Bergbein gut, mit dem Talbein schlecht!«
In das Gelächter ringsum stimmte sie harmlos mit ein -- nur daß sie einen guten Witz gemacht haben sollte, begriff sie nicht. Nach ihrer Meinung blieb ein- für allemal das rechte das Talbein, weil der Architekt es beim ersten Wenden so genannt hatte. -- Darauf, daß man so perfide sein könne, die Bezeichnung je nach der Richtung zum Berg zu wechseln, kam sie gar nicht.
Daß sie Humor verstände, schien allen, auch dem Doktor, eine ausgemachte Sache zu sein, und darauf bauend, gab er einem seiner Begleiter einen Auftrag.
Konny frühstückte inzwischen geschwind von den guten Sachen aus des Architekten Rucksack; sie selbst war ja mit nichts versehen und fand es schon fast selbstverständlich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Unten im Tal schied man endlich am späten Nachmittag in vollster Harmonie. Am Abend wollte der Doktor in einem einfachen Wirtshaus einen theoretischen Vortrag halten, und wenn Konny auch im voraus sicher war, wieder kaum etwas zu verstehen, so freute sie sich doch herzlichst auf das Zusammensein mit all den frischen, jungen Menschen. Hatte sie bisher als einzige Unterhaltung doch nur ihre Wirtin gehabt, deren ausgeprägten Dialekt sie überhaupt nur in besonders glücklichen Momenten verstand -- aber seit heute war ihr, als trete sie auch in ein besseres Verhältnis zur Natur; nichts mehr schien ihr fremd oder überwältigend, wie im Anfang, an dieser Hochgebirgsszenerie, und wie sie so zurückwanderte, den geschmähten Rock über der Schulter hängend, kam es ihr vor, als habe sie eigentlich ein neues Leben begonnen. Der Sport mußte doch von allgewaltiger Macht sein!
Am Abend, neben dem Architekten sitzend, hörte sie gespannt zu. Und da ihr Humor nun einmal fest anerkannt worden war, lachte er ungeniert über ihre leisen Bemerkungen, die sie in den Vortrag des Doktors einstreute, während Konny ein paarmal dachte, daß es, nach dem sinnlosen Lachen ihres Nachbars zu urteilen, in seinem Hirn nicht ganz richtig sein müsse.
Dann wurden Lichtbilder angekündigt. Der Doktor wandte sich verbindlich lächelnd an Konny, als wolle er ihre Zustimmung einholen -- oder auch ihre Verzeihung -- wies auf die weiße Leinwand und sagte unter lautem Gelächter ringsum: »Das Talbein«.