»Sie« am Seil

Part 7

Chapter 73,632 wordsPublic domain

»Gewiß -- aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr, da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei -- also?« Und auf mein Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:

»Am 24. September haben sie's eröffnet -- und wir waren noch nicht draußen!«

Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in die Ebene überrascht zu werden -- denn ein Badekostüm mit imprägnierter Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim ›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen -- nicht eine Minute eher, denn von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr -- dinieren wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte Limonade -- um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto -- das wissen's doch?«

Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt -- daher schweige ich.

In Kochel (sprich: Koh--chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns als einzige Passagiere herzlich willkommen, und -- o Wunder! -- es regnet nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem Nebel nieder. »Koh--chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig leeren Bäumen vorüber -- durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den und den Berg sehen« -- »da gäb's eine herrliche Talaussicht« -- die Phantasie bekommt Spielraum genug -- das hat auch sein Gutes. Den Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits seine Wasserkräfte für elektrische Werke -- man denkt an verschiedene Bahnlinien -- ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen, und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in Bayern noch recht wenig einig -- das Projekt jedoch wird verwirklicht und soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord -- nein, Verzeihung, es war doch ein Auto! -- gehen. Und dann noch drei Viertel Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees -- aber sehr einsiedelhaft in der jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am Ziel zu sein.

Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe; vorläufig kann's uns ja noch egal sein -- aber später! -- Eine gute halbe Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten --« und »es wird gebeten --«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl seiner Mitmenschen zu appellieren -- schon jetzt finden sich genug häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die »Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen, weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!

Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang anvertraut -- dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern, über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und an düsterblinkenden Wassertümpeln -- kurzum, eine echte, rechte Hochtour macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die »Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je gesehen, am interessantesten ist. -- Dann photographierten wir; der Mensch -- diesmal der Hochtourist -- ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung. Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen -- der neue Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder »etwas« geworden sind, ist fraglich -- daß wir froh sein konnten, den »Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder ans Tageslicht kamen -- es war nicht rosig, sondern blau und golden, von strahlender Schönheit! -- zog der übelriechende Rauch noch immer neben uns her.

»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst wirklich Fafners Höhle.«

Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken und Pappeln im zartesten Gelb -- silberne Herbstfäden über den harten Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die Lüfte zerreißend -- im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen wird.

II.

»Sie« auf Ski.

Bei den »Säuglingen«.

»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«

Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge. Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut -- die ich natürlich sonst habe! -- ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum Bühnenball wollen!«

Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld »vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut auch dem Vorgeschrittenen gut -- weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen -- denn nur zu leicht wird man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand, war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen -- falls sich ein besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen Stadt herunterkam -- es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich vorhanden -- kehrte schleunigst wieder um, angesichts des bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das »Abfahren -- marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw., angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos spannt sich der Himmel über den Wäldern -- da kommt mit dem ruhigeren Atem die Freude an all dem Schönen zurück -- und das Vergnügen, mit frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise: »Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen -- wer ein Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des Inhalts. Nun übernahm er die Wacht -- Männer können bekanntlich alles besser -- auch kochen! -- tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den Skier stößt, den --« Es kochte -- und auf die Sekunde warf er den ganzen Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube, es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.

»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata, die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über hundert Personen -- die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser Tagespartie abgefallen -- steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen kann -- noch anderthalb -- noch eine -- da heißt es: »Halt!« Gute Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« -- mit dem Gros der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen -- für die übrigen heißt es »abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen. Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab; denn sie ist -- nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen; die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. Aber der Mensch darf nicht alles wollen! -- Von niemand besser als von Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine »Säuglinge« -- ein größeres noch als seine Kunst, die uns die Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.

Die erste »Ausfahrt«.

»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch der Feigheit zu kommen -- dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht hätte -- was ja alle anderen auch müssen! -- auf den unzuverlässigen langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob, meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir nicht das geringste passiert.

Und doch herrschte nur _eine_ Stimme darüber, daß ich im Fallen den Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel: irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach der Art des Wunsches gefragt wird -- eines Tages wird er einem erfüllt, und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. -- Ich konnte jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen -- denn daß man zum Schluß _nicht_ hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu denen gehöre ich in keiner Beziehung.

Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.

Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert seien. Nicht gerade für mich -- aber mancher Unfähige konnte an diesen unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen -- kurzum, der Wald, der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist, schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.

»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig -- heute fühlt man den Rucksack kaum.« -- Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!

Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen:

»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang zu drehen, drittens -- --«

Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war -- schien es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht beizuspringen --? -- »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht! Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen --«

Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren, sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in Anspruch nahm, auf den Weg zurück.