»Sie« am Seil

Part 6

Chapter 63,583 wordsPublic domain

Nach dreiundeinhalb Stunden -- _sehr_ heiß! Aber »man« ist ja nie zufrieden, womit ich gemeint sein soll -- Rast in Sankt Gertraud. Tiroler Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht, nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem, ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm -- und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt werden können -- sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in den Grünsee fließen --?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen -- er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt hierher zurück, ruht sich aus -- steigt wieder ins Tal --! Dabei der Weg so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie an -- und damit gut!« =Ce que homme veut= -- -- ich ergab mich. Als erstes fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil, dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde, _mich_ zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. »Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, »stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit, plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls -- nur daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe -- bis heute habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja, köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack -- wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre --! »Sehr einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei -- und erhält von dem in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und gehen S' weiter!«

Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen, d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch: ohne Führer -- und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen -- gar nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur eins: die Dolomiten!

Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran. Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller, von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar, den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! -- Da kommt der Mond über den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat, hat nichts gesehen! -- Gleich hinter der Hütte geht's steil empor über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel, wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der Grasleitenturm -- ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den »Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird! -- Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften -- wie hat sich der Maßstab geändert! -- und wirklich erscheinen sie von der Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß. In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht, strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar »hin« -- ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne Handschuhe --, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour ist außer Mode -- entthront durch den Grasleitenturm! -- und es fand sich deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, schrie: »Steinschlag!« -- und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit: »Kommt noch mehr -- und kommen noch größere?« Recht peinliche Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber -- man atmete auf -- und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt. Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen waren. Wirklich, eine schöne _und_ schwierige Tour war's, die man weniger wegen der Aussicht -- sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor -- als um der reinen Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber. Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.

Hüttenleben.

Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's »gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung »gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen -- worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter in Wahrheit viel Schweiß gesetzt -- er muß täglich aufs neue kämpfen, mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt, den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.

Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen. Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen -- alles aus Begeisterung für die Natur und ihren Sport --, in denen lebt noch etwas von dem echten, so oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. -- »Aber auf den Hütten, nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« -- Wie man's nimmt. Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen Erfolgen -- oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben -- man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht -- das ist alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann. Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr -- kein Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird -- wo man sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat -- ja, das scheint Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen Teller Erbssuppe gibt -- wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche, deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. -- Hat man dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man die Gaststube leer -- alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde, verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur -- ist versunken in den erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt -- im Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt -- die Wolken allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern -- und dann, von der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen, höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der Wind durch das magere, kurze Gras -- kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.

Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben -- vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war, was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der Berge auf das Menschenherz -- die hatte er voll erkannt.

Eine unterirdische Hochtour.

Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen und allen Sinnen.

»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein Hochtourist.

Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen -- und dann eine Hochtour?