Part 5
Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden -- Fuß vor Fuß, ohne Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil, um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt; zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen, der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach -- leider! Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann -- »treu und fest wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff -- fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine -- so rutscht einem plötzlich der halbe Berg entgegen -- und bildet man sich ein, man hätte einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken. Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab -- ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen »vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie, Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung -- in gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ Stunden vom Einstieg aus -- also im ganzen von der Hütte aus in 4½ Stunden -- den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich »zu ziehen«, wie ein lebloses Paket -- ein bei manchen Touristen nicht unbeliebtes Beförderungsmittel.
Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber genoß diesmal besonders die Ruhe -- und das Frühstück und befand mich glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft -- schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.
»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend, viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich »einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben -- ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen! Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen einfiel -- und dann entdeckte »man« -- ich sage »ich«, der Hochtourist »er«, der Führer »wegen meiner« -- die Idee eines Trittes an der Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte -- gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch -- die großen Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine Ruhepause und eine Erfrischung gab.
Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen und Männchen machen.
»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war -- die offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer -- man vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! -- und schöne Waschtische -- und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte -- nach elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.
Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den »Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit -- zur Scesaplana!« =Il faut obéir= -- mitgegangen, mitgehangen!
* * * * *
»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder hervorragend anstrengend noch schwierig -- dafür aber auch nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten -- der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum -- kehrt!« =Voilà= -- der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst -- der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe -- und immer Neues, Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf -- man hat das Gefühl, man stände recht im Herzen der Alpen! -- Nichts störte uns am Genießen; jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst wieder bergab -- allein in Stille und Schönheit und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« -- man beuge sich ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine kleine Bahn gegraben hat --, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras heißt --, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne -- Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach -- und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten -- es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus -- den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch Sennen -- und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht -- er ordnet sich der Stimmung unter.
Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!
Streifzüge in Südtirol.
Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste Nasenspitze sichtbar -- weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm -- jetzt wird gegangen!« Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde -- und sie sind dort grade nicht selten! -- neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in denen gefühlvoll statt des Schnees -- Regen einsetzte. Mit ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück -- inzwischen war es zehn geworden -- und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß -- die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter -- und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt Leonhard an -- und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast zum Morgen -- diese üppige Flora, diese angenehme Wärme -- endlich, endlich hat man sie gefunden!
»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes, um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken -- selbst das Steigen fällt bei der kühlen Temperatur nicht schwer -- und wer dennoch reine Höhenluft möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m bewältigt, eine großartige Leistung. -- Uns natürlich konnte das stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis zur Töll tief zu Füßen liegt. -- Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich -- wie immer -- eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen Ansprüchen an Bewegung durchaus! -- Schrecklich lang ist das Ultental, das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an -- und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:
»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin? Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin? Daß Keiner Dich liebt so wie ich? So steh doch still und grüße mich!«