Part 4
Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert -- je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa 2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen den Pfad -- und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen -- ganz oben sind sie noch in Knospen -- Seidelbast und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen -- von den monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde -- trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!
Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses alpines Können dazu, um ihn _mit_ Führer zu begehen. Wer ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat -- eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten =Dr.= Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne 1896 in achtstündigem Ringen -- später fand der ungeßliche Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern -- kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation -- nun herunter nach Imst in drei Stunden! Der Fuß eilt -- man drängt förmlich nach dem Stall -- denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und -- frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens« -- denn sie waren es wirklich und ich in ihrem Jagdrevier -- keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn die kriegt uns unter -- mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig ausgerückt sein --, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren konnte. »Kronprinzens« -- jung und schön beide wie der Lenz -- zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt wird, da fliegen Späne -- wer sich in »die Unwirtlichkeit der Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß siegen wir -- zwar mit zerzausten Federn -- aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel in die Lande« -- zu dem behält man sein Leben lang ein verwandtschaftliches Gefühl.
Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche -- nein, Schwimmer und Schwimmerinnen -- verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der stillen Kirche begrenzt -- ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? -- Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und der Hütte aus.« -- »Danke schön, ich weiß alles. Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort -- auf der ›drübern‹ Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. -- »So, Sie wissen? -- Dann freilich« --
Ich nicke -- der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt -- greife nach Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern lassen -- etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch auszufechten: um 8½ Uhr -- für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit -- tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer eingeräumt habe -- das war ich! -- sofort auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.
Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu, der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz (2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei -- für mich das Schönste von allem Bergsteigen! -- und oben herrschte köstliche Ruhe und Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, johlte und schrie -- eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem Jahr geht's ihnen ohnehin gut -- im Algäu brachten sie das dritte, prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren keine so gute Ernte gehabt hätten. -- Wieder ganz einsam -- denn die beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf -- zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet. Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist, versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der »Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«, einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit -- sie malte die Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus -- ließ sie später als Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte, ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen wohne. -- Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal, über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach vielstündigem Marsch der Atem aus -- und wir vertrauten uns einem kleinen Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein Postwagen -- zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen -- ein Auto -- Fabriken -- die Bahn -- -- kleinlaut steigt man ein und fährt für 20 Heller -- gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse nicht groß! -- bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man, bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde -- zu neuen, herrlichen Genüssen in der Bergwelt!
Vom Königspaar des Rhätikon.
Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die »Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba« genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen bei ihm auf schroffe Zurückweisung!
Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«, mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe -- der junge Führer als Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs Fenster funkelten die Sterne -- und die andern beiden Partien hatten »große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei -- und wie unbequem eine Dame --, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren Zeitangaben gewöhnlich schlagen.