»Sie« am Seil

Part 3

Chapter 33,259 wordsPublic domain

Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen -- heute traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch nicht ganz gleichgültig zu sein. --

Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen -- nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, winzigen Felsblock steht -- bewegten uns kühn über die letzten, noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht vor der Hütte -- eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken. -- Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror man _und_ hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze -- und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde -- eine fast überflüssige Prozedur!

»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend -- in knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen -- vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! --, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst feuchter Kleider -- nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber -- bald wird ein neues Haus erstehen -- hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!

Wir warteten ein paar Stunden -- auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge, Täler, Ortschaften, Flußläufe -- Nähe wie Ferne -- alles ließ sich nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier liegen --«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen zu sehen -- es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.

Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. -- Ich aber als Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei --? Mein Junge puffte mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch: »Und Du willst eine Hochtouristin sein --?« Und dann stellten sie mir beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! -- Ich gab nach. Aber während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs Höllental.« Allgemeines Schweigen -- stille Hochachtung, wie ich annahm. Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei diesen Witterungsverhältnissen. -- Lächelnd widersprach ich: der Führer und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde -- außerdem wüßte er ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der Warner.

Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir bis an die Hüfte reichte -- ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne das Seil schon zweimal verloren gewesen --, erklang von oben dringendes Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen Abschiedsgruß zu -- verstehen konnte ich kein Wort mehr --. Wir kletterten abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich, er zerriß ganz plötzlich -- und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten, ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten »Brett« -- einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen -- Wasser stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten »Leiter« -- eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast -- behaglich war sie nicht! -- Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden -- jetzt nur noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch -- jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden von Bächen benutzt -- und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen -- von unten waren sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt -- und woher vor allem einen Wagen nehmen? --. Aber das Wunder, an das wir kaum zu hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an -- wir hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze -- und nur mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.

Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«

Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt -- und die merkt fei' nix!« -- Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen« Führern umzugehen.

Das Matterhorn von Ehrwald.

Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche, grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem Matterhorn oder der =Cimone della Pala=, freilich in verkleinertem Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen. Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden »Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus -- und tatsächlich ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. »Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder. Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des Kletterers, soll ihn nur _sichern_, ihm nur »moralische« Hilfe bieten, nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung durch des Führers Kraft dienen.

Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.

Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste -- also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit alle Jagden. Noch ein paar Minuten -- und, dem Blick anfangs durch einen Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt: »Wird das Wetter halten -- oder ist es auch morgen wieder nichts?!« Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das Barometer fiel sanft -- beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert sich's nochmal so leicht.

Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige höhnische Bemerkungen darüber -- ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, mich selbst ans Seil zu nehmen! --; aber da er mich auf meine Bitten hin photographieren soll -- Frauen können ja nie genug Bilder von sich bekommen! --, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst -- oder besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen. Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden -- von oben wird mein Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« -- aber Tiroler und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese »vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat -- keinenfalls hätte er sie mir geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt, wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch eine starke Zumutung ist. -- Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst -- denn den Bergsteiger, selbst den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann, sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen -- und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält: Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die »Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen, man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und kleinlichen Sorgen verschwindet -- der große Friede, die köstliche Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz einräumt. -- Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert Meter tiefen Abgrund -- für leicht von Schwindel befallene Menschen keine empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.

Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere Vorliebe besitze!

So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache Lösung bestände darin, schon wieder auf dem _anderen_ Fuß zu stehen, wenn der Schutt gerade unter dem _einen_ nachgäbe, so daß man mit dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam »mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.

Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr leicht sein muß -- ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.

»Solch ein Moment war's --« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine »fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!

Endlich werde ich »abgeknüpft«. -- Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen! Darauf verschmähe ich jede Antwort -- und sitze gleich darauf wie festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.

Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger, nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. -- Er ist geschlagen! --

Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird. Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze hinauf -- von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes Massiv.

Da oben war man -- ist's zu glauben?!

»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen: ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«

Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe --!

Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« ziehen wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser kann.

Quer durch die Lechtaler Alpen.