»Sie« am Seil

Part 2

Chapter 23,557 wordsPublic domain

Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch über den Regen -- wir sagen euphemistisch »Niederschlag« -- der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! -- Zwei Tage belagern wir den Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet noch immer in Italien --, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern -- oft nicht viel größer als ein Bettvorleger -- besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen das größere -- von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da -- eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere ist viel zu sehr =galant' uomo=, um einer Dame nicht Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere -- -- Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß --! Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen -- besser als die Prinzessin auf der Erbse.

Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »=manzo=«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt -- der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang -- wir sehen es durch die Glastür unserer =sala da pranzo= -- und verschwindet im Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich launenhaft!

Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« (Hof) -- er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen -- oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! -- Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln -- ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.

An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen -- oft führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt -- dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor -- wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf den Bock gerettet -- er zog die Launen des Wetters denen eines Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.

* * * * *

Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich --? Vielleicht erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.

Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht -- mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick -- man hat seine besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich -- ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!

Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« -- denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!

* * * * *

Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) brauchen wir vier -- im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam schwül ist uns zumute -- liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da -- ein furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze -- »vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe -- dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern -- man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt, um lange zu rasten -- auch der Führer kehrt um: an die Tour will er denken sein Lebenlang!

Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt -- und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir nun gemütlich schlendern -- doppelt wohltuend unsern Augen nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer freue, der dort für mich lagert -- und auf die Bäder im Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen Gipfeln verhelfen.

»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht genug sein?

Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen -- vorläufig muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt trägt seinen Namen -- für uns wenigstens -- nicht mit Unrecht.

Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein Bergtouren zu machen!

Spätherbst im Wilden Kaiser.

Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten -- als Residenz des Herbstes -- kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein -- vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden« -- nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze -- all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.

Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt -- man möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344 m Höhe -- also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! -- kann man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden -- in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte und -- Pflichten gibt -- seufzend macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.

Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen -- und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! -- Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage -- wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! -- möchte man sich doch wenigstens die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt bemerkbar -- --. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus -- wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« -- also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde -- eine gute halbe Stunde hin und zurück -- höchst amüsant.

Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die =pièce de résistance=, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen -- ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze Spitze der vorderen Goinger Halt herum -- und alle Berge umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so köstlich zartem Lichte.

Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber des Mondes in der Stadt niemals -- nur auf den Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und Gold verwandelt. -- Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg -- der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten der Menschen. -- Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder voll Petroleum -- es ist rührend! Oder ist man am Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? -- Doch in diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.

Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die Götter ...«

Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.