Part 1
Eva Gräfin von Baudissin
»Sie« am Seil
Verlag Walter Schmidkunz München und Wien 1·9·1·4
Druck: Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
Dem Hochtouristen, von dem in diesem Buch wenig Gutes und viel Böses erzählt wird
Inhalt
I. »Sie« am Seil. Seite Wie »Sie« Hochtouristin wurde 3
Hochtour mit allerlei Hindernissen 11
Spätherbst im Wilden Kaiser 25
Auf Deutschlands »Allerhöchstem« 31
Das Matterhorn von Ehrwald 39
Quer durch die Lechtaler Alpen 45
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz 51
Vom Königspaar des Rhätikon 57
Streifzüge in Südtirol 67
Hüttenleben 81
Eine unterirdische Hochtour 87
II. »Sie« auf Ski.
Bei den »Säuglingen« 95
Die erste »Ausfahrt« 101
Aus der Winterfrische 107
Das Talbein 113
Die Erfindung 123
III. »Sie« im Süden.
Osterspaziergänge in Latium
I. Der Monte Soracte 135
II. In den Sabinerbergen 139
Frühlingsfahrten im Bereiche der italienischen Seen
I. Locarno 145
II. Vom Lago Maggiore zum größten Kalvarienberg der Erde 150
III. Hochalpine Spaziergänge 157
IV. Im höchsten Tessin 168
I.
»Sie« am Seil.
Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle Dolomiten --, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes -- die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich betrübt um Rat fragte.
»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.
Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille -- und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf -- nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und mein Können -- an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. --
»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.
Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich denn noch nicht genug? -- Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder lose, die treulos unterm Fuß nachgaben -- ein wüstes, ödes, steinernes Meer -- --
»Nun?! -- Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe -- diese Stille -- heilig ist's wie in der Kirch'.« -- Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is -- da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht -- da geht eims Herz auf -- Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal -- aber schließlich, wissen möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« --
»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.
Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« --
»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung vor hundert Jahren -- von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.
Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band -- dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig -- zum ersten und einzigen Male im Leben.
In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.
Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte -- lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit bitter wurmte. -- Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am Felsen entlang -- zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis zum Gipfelgrat -- wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen -- mir war, als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön -- »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: ›Dies alles will ich dir geben‹« --
Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.
Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt -- auf dem Kapitol -- und mit dem sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden --! Es war erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde --
»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor -- bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin« geworden.
Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee trinken läßt -- und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös -- zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen -- hinauf möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam noch weniger -- Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten selbst abseilt -- und den nun das Schicksal ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge -- dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht -- wozu hat man einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur gelächelt -- und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag -- besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht müßig da -- und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!
Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht -- in der Gebirgssprache: der Morgen -- blüht schon der Handel in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen -- und mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den Süden -- auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei -- unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet nichts -- es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher zu bringen.
Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet -- ein schmerzlicher Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung -- und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu -- und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges =collier de chien= verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich auf meinen Hals genäht -- anfangs, als ich des Morgens erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen -- weiter nichts!
* * * * *
Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist klagte über seine Schulter -- bei dem Wetter kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu -- sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht -- auch uns! -- ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn -- in diesem Falle Gestrüpp und Bäche -- mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr -- also nach einer Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden -- sahen wir endlich im Gailtal Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht, sie ist braun und sehr behende -- meine Nachtruhe ist durchaus getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den Rucksack auf die Schultern lege -- mein Hochtourist hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.