Part 4
Doch am nächsten Tage sind sie schon nicht mehr auf dem faulenden Schilfhaufen zu finden. Im Gefieder der Mutter versteckt, schwimmen sie über das Wasser dahin, lassen sich füttern mit zarten Bissen, und leben sorglos in den Tag hinein. Naht Gefahr, geht der Teichaufseher mit seinem ewig geladenen Schießprügel am Schilfrande hin, dann klammern sich die Kinder fest am Gefieder der Alten, sie halten den Atem an und hopsa, geht es hinunter in die Flut und rasch hinein ins Schilf. Hier sind die Kleinen schon selbständiger, sie schwimmen ein wenig umher mit ungeschickten Ruderstößen, haschen hier ein winziges Krebschen aus dem Wasser und schnappen dort eine Mücke weg, die ihre Eier ins Wasser legen will.
Bei Haubentauchers sind jetzt auch Kinder angekommen, und doppelt stolz schwimmen die Eltern am Schilfrande. In ihrer Freude vergessen sie ganz ihre sonstige Wachsamkeit, sie liegen hoch im Wasser, und der Papa singt sogar seinen Kindern, die sich auf dem Rücken der Mama schaukeln, ein dröhnendes Wiegenlied.
Er hört nicht die leisen Schritte hinter dem Deichdamme, hört nicht das Knacken des Gewehrhahnes. Mit einem Male sieht er eine Bewegung am dicken Pappelstamme. Er dreht den helmverzierten Kopf und äugt scharf nach dem Baume. Da blitzt es und wie ein Schauer körniger Hagelstücke peitscht eine Ladung Schrote das Wasser, zerfetzt den Hauptschmuck des Tauchers, durchbohrt seinen Hals, zerreißt sein Lebensmark.
Es plumpst und plantscht im Schilfe, der Jagdhund schwimmt prustend hinüber zum Krontaucher, faßt ihn und bringt ihn zum Ufer. „So recht, mein Hund, hier bring ihn her. Setz dich brav!“ Dann nimmt der junge Jägersmann den Taucher und streicht ihm über die atlasweiße Brust. Der Lockenkopf seines Mädels taucht auf vor seinem Geiste, und ein Taucherbarett darauf, das muß fein passen zu den dunklen Locken und den frischen, roten Wangen. -- An das Taucherweib denkt er nicht und ihre Kinderschar, denen er Gatten und Vater entrissen.
Vom Hecht
„Frühling, Frühling!“ läuten die weißen Blüten des Schneeglöckchens. „Frühling!“ sagt der Haselstrauch und schüttelte leise seine gelben Kätzchen im Winde, daß Staubwölkchen ihnen entschweben. Mit zarten, roten Büschelarmen langen und tasten die weiblichen Blüten nach dem goldenen Staube, dem Liebespfande der Männchen. Wärmender, feuriger lockt von Tag zu Tag die Sonne, Leberblümchen und Veilchen ruft sie. Schmeichelnd badet sie ihre Strahlen im Waldteiche, sie lockt die Pflanzen und ruft die Tiere. Mit knurrenden Tönen schwört der Taufrosch seiner kalten Gattin ewige Liebe, und auch die stummen Fische spüren des Lenzes Macht.
Dort, wo die Ufer breit und sumpfig sind, wo das Wasser wärmer ist, als an den tiefen Stellen, da zeigen rasch laufende Wellen, daß Leben hier pulsiert. Grünhals, der Stockerpel, sucht mit hochgerecktem Kopfe zu ergründen, was hier vorgeht, während seine Gattin lieber die gefährlich scheinende Stelle ganz meidet. Doch die zwei, die sich dort tummeln, die denken jetzt nicht an Mord und Raub, so gefährliche Burschen sie auch sonst sind. Spielend reibt der Hecht seine breite Schnauze an den Seiten des Weibchens, drängt sich dicht an sie, biegt seinen geschmeidigen Leib im Kreise um sie und erweist ihr hundert Artigkeiten. Frisch und glänzend zeichnen sich die graugrünlichen Wellen- und Fleckenornamente auf seinem Körper ab, erscheinen bald heller, bald dunkler, bald schwärzlich, bald rötlich, je nachdem die Sonne ihr Gesicht hinter den Wolken verbirgt oder glänzend hernieder lacht. Abend wird es und noch immer dauert das Spiel, es wird Morgen, die Hechte stehen und spielen noch an der gleichen Stelle. Nach einigen Tagen aber sind sie verschwunden. Wo sie sich tummelten, liegen schleimige Klümpchen zwischen den Pflanzen.
Weiter lockt und wärmt die Sonne. Sie hat jetzt viel zu tun. Große Gallertklumpen liegen im Teiche und wollen gewärmt sein, damit die kleinen Kaulquappen sich gut in ihnen entwickeln. Kleine schwarze Schüppchen treiben auf dem Wasser, kleben an den Pflanzen oder liegen im Schlamme. Wintereier der Wasserflöhe sind es, die auch ausgebrütet sein wollen. Dazu kommt noch das Heer der Pflanzen, die ihre grünen Blättchen entfalten und hungrig die Lichtstrahlen auffangen, damit sie Stärke und Zucker bauen können. Der Wasserhahnenfuß mit seinen dünnen Fiederblättchen, der Fremdling aus Amerika, die Wasserpest, dazu das Heer von Millionen kleiner Kieselalgen, dünner Fadenalgen und rollender Volvoxkolonien, sie alle wollen Licht haben, Licht und Wärme. Und die Sonne strahlt und strahlt, und jeder bekommt sein Teil von ihrer Lebenskraft. In kurzer Zeit hat sie ein Heer kleiner Lebewesen hervorgebracht, die durcheinander hüpfen und schwimmen, krabbeln und klettern, daß es eine Lust ist, zuzusehen.
Was ist unterdessen aus den Schleimklümpchen geworden, die die Hechte am Teichufer liegen ließen? Kleine schwarze Pünktchen bildeten sich in ihnen, die wurden größer. Bald ließ sich ein kleines, zusammengeringeltes Fischchen in ihnen erkennen. Eines Tages sind die winzigen Dinger ausgekrochen, einige kleben noch an den Eihüllen, die andern sind zwischen den Pflanzen verschwunden. Nur selten verlassen die kleinen Hechte den dichten Pflanzenwald, hier finden sie ja alles, was sie brauchen. Wasserflöhe, Mückenlarven und Würmer bilden ihre Nahrung, bei der sie erstaunlich rasch heranwachsen. Einige Wochen mögen sie alt sein, da richten sie ihre begehrlichen Blicke schon auf junge Fischbrut. Ob junger Weißfisch oder Schleie, ob ein Freund der eignen Art, das ist gleich. Wenn er nicht zu groß ist, wird er gefangen und gefressen.
Ein spannendes Schauspiel ist die Jagd des Hechtes. Am Rande des Teichs, wo die plätschernden Fluten das Erdreich zwischen Erlenwurzeln herausgespült haben, so daß wunderschöne Verstecke und Schlupfwinkel entstanden sind, hat ein dreijähriger Hecht seinen Stand. Wochenlang bekommt man ihn nicht zu sehen. Da eines Tages ziehen drohende Gewitterwolken am Himmel hoch, die Luft ist schwül und drückend. Endlich geht unter Blitz und Donner ein erfrischender Platzregen nieder, die Luft vom Staube reinigend, die Gewässer ausgiebig durchlüftend. Das ist die Zeit, wann der Hecht jagt. Still steht er zwischen den Erlenwurzeln, leise spielen seine Kiemendeckel. Da geht es wie ein Ruck durch seinen glatten Körper. In schnurgerader Richtung ziehen Wellen auf ihn zu, eine Wasserratte durchquert den Teich. In gleichmäßigem Takte spielen die Brustflossen des Raubfisches, er richtet sich etwas auf und krümmt den Rücken. Jetzt ist das Opfer nahe genug, wie ein Pfeil schießt der Hecht vor, das Wasser spritzt auf und die Wasserratte ist zwischen den nadelspitzen Zähnen verschwunden, die kein Loslassen kennen.
Wieder steht der Räuber ruhig und lauert. Die Rohrdrossel lärmt im Schilfe, ein Wasserhuhn zieht vorüber, den Hecht stört es nicht. Schwalben fliegen über dem Wasserspiegel und trinken und baden im Fluge, aber auch die erregen die Aufmerksamkeit des Hechtes nicht. Im Fluge vermag er sie ja doch nicht zu erwischen. Aber im Herbst, wenn sie in Scharen im Röhricht einfallen, um zu nächtigen, da lohnt es eher, ein wenig auf sie acht zu geben. Zweimal schon ist es dem Räuber gelungen, ein niedrig sitzendes Schwälbchen vom Rohrhalme wegzuschnappen. Aber viel war an dem kleinen Federviehzeug auch nicht dran, also guckt der Hecht nach den Schwalben gar nicht mehr. Aber jetzt verrät er wieder Zeichen von Jagdlust, wieder spielen seine Flossen, wieder krümmt sich sein Rücken. Eine breite, leise Welle nähert sich, was ist das? Ein dicker Karpfen ist es sicher nicht, da ist die Welle zu leise und zu breit. Näher und näher kommt die Bewegung des Wassers, eine „Schule“ von fingerlangen Barschen zieht vorüber. Rot glänzen ihre Brustflossen, die stachligen Rückenflossen werden aufgestellt und umgeklappt, die dunklen Querstreifen auf dem Schuppenkleide machen sich leicht kenntlich. Wie ein Ungewitter fährt der Hecht unter die Barsche, daß sie wie Spreu auseinanderstieben und eiligst entfliehen. Leicht wäre es dem Räuber, mit der breiten Schnabelschnauze einen der kleinen Raubfische zu erhaschen, aber er tut es nicht. Barsche schmecken ihm zu stachlig, die nimmt er nur, wenn er sehr hungrig ist. Er hatte sie nur nicht erkannt mit seinen kurzsichtigen Fischaugen, sonst hätte er sich die Mühe und den Kleinen die Aufregung erspart.
Sonderbar, allemal wenn der Hecht Barsche sieht und ihre Stacheln erkennt, dann muß er immer wieder an den kleinen Fisch denken, der bei ihm in schmerzlicher Erinnerung steht. Es war im Frühjahr. Er hatte die Zeit der Liebe hinter sich und mächtigen Appetit nach der entbehrungsreichen Laichzeit. Da hatte er einen kleinen Fisch vor sich gesehen, der vor dem großen Räuber keine Angst zeigte. Leise war er herangeschlichen, genau hatte er gezielt und war dann vorgeschossen wie ein Pfeil und hatte den Kleinen erfaßt. Doch wehe! Scharfe, spitze Stacheln hatten sich in seinen weichen Gaumen eingebohrt, er hatte gespien und geschluckt, aber weder heraus noch herein war der kleine Stachelheld zu bringen. Nach langen, schmerzlichen Bemühungen war es ihm endlich geglückt, den Stichling auszuspeien. Nach denen schnappt er nicht wieder, das weiß er.
Und noch etwas Rätselhaftes war in diesem Jahre passiert. Er bummelte gemütlich über dem Teichgrunde dahin, schnappte hier nach einer Libellenlarve, dort nach einer Kaulquappe. Dann sah er einem Karpfen zu, der langsam und behäbig unter der Wasseroberfläche dahinschwamm und immerwährend schnappte, um sich mit winzigen Flohkrebsen zu mästen. Auf einmal war ein Schatten ins Wasser gefallen, es hatte laut geplatscht und gerauscht, dann war ein großer Vogel ein Stück unter Wasser getaucht, hatte mit acht scharfen Krallen dem Karpfen durch den Leib gegriffen und war dann wieder verschwunden und mit ihm der zappelnde Friedfisch. Aus Angst vor diesem Karpfenheber (Fischadler) hält sich unser Hecht lieber im tiefen Wasser auf, oder unter dem Schutz von Schilf und Baumwurzeln.
Doch vom Philosophieren wird man nicht satt, und ein Hecht von drei Pfund hat Hunger. Sieh da, ein glitzerndes Fischchen ist vorübergeschwommen, er hat es verpaßt. Doch da ist ja wieder eins, es dreht und schlängelt sich durchs Wasser. Mit einem Ruck fährt der Räuber zu und schnappt und schluckt. Doch was ist das? Hart wie Stein ist der Fisch und stachlig obendrein. Also heraus damit. Aber der Bissen sitzt fest. Und was ist denn das wieder Neues. Der Bissen zieht leise und vorsichtig nach dem seichten, sandigen Ufer zu. Mit kräftigen Schwanzschlage steuert der Hecht rückwärts und ruckt und reißt. Immer fühlt er dabei Widerstand, einen sonderbaren nachgiebigen Zug. Hält er ein mit Rucken und Zerren, dann wird er wieder langsam nach dem Ufer gezogen. Hin und her geht der Kampf. Aber schwächer und schwächer wird der Widerstand des Hechtes, noch einen Gewaltversuch macht er, aber um so rascher ermattet er. Schon ist er bis auf wenige Meter dem Ufer nahe, jetzt liegt er gar schon auf dem Sande. Mit letzter Kraft ruckt und schnellt der Hecht, aber zu spät. Ein dichtes Netz legt sich um seinen Leib, hebt ihn auf vom Sande und bringt ihn ins Trockene. Einen dumpfen Schlag fühlt der Hecht noch auf seinem Schädel, dann ist es aus. Zwar zucken seine Muskeln, wenn der kalte Stahl das Hirn durchbohrt, aber fühlen kann er seinen Tod nicht mehr.
Der glückliche Fischer aber löst den doppelten Hechthaken aus dem Maule des Raubfisches, prüft die dünne, feste Seidenschnur und die Rolle, die das Garn zwar auslaufen läßt, aber immer dabei bremst, so daß der gefangene Fisch viel Kraft vergeudet, ohne doch die Schnur zerreißen zu können. Dann legt er wieder den Kätscher bereit, streicht mit dem Messerrücken über den Blechlöffel, der den Fisch darstellt, damit er neuen Glanz bekommt, und wirft dann wieder seine Angel aus.
Ein Hecht hat zartes Fleisch und dabei wenig Gräten, er ist gut zu essen. Das wissen nicht nur die Angler, das wissen auch die Jungen auf den Dörfern, in deren Bächen sich Hechte aufhalten. Und gar schlau wissen sie die glatten Räuber zu fangen. Die Angel wird von den Knaben wohl nie benutzt, zum langen Warten haben sie wenig Geduld. Im März, wenn die Hechte „stehen“, da ist ihre Fangzeit. Da gehen sie zum Schirrmeister des Ritterguts und betteln sich einige lange Haare aus dem Schweife des Schimmels. Die flechten sie zu einer dünnen, straffen Schnur zusammen und ziehen hinaus vors Dorf. Am Bach schneiden sie eine lange dünne Weidenrute ab, binden ihre Roßhaarschlinge daran und gehen langsam am Bachufer hin. Wo sich die dicken Stämme der Erlen und Pappeln, der Weiden und Birken im Wasser spiegeln, da gucken sie und suchen sie. Da kann man bis auf den Grund des Baches sehen, während sonst die spiegelnde Oberfläche stört. Aber leicht ist ein Fisch zwischen den verwesenden Blättern, den toten Rohrhalmen und Ästen auf dem Bachgrunde nicht zu entdecken.
Endlich macht einer der Jungen Halt. Schnell sieht er noch einmal nach, ob die Schlinge fest an der Rute sitzt. Dann guckt er lange und genau nach dem Hecht, den er stehen sieht. Ja, was ist denn nur hier vorn oder hinten? Vom Kopf ist nichts zu entdecken, der steckt unter einem Blatt, der Schwanz auch. Ganz leise taucht der Knabe seine Rute ins Wasser. Leise schiebt er das Blatt vom Kopfe des Hechtes weg. Der bleibt auch wirklich stehen, aber geheuer ist ihm die Sache nicht, er bewegt die Brustflossen ziemlich rasch, lange wird er nicht mehr ruhig bleiben. Ein Blick nach der Schlinge zeigt, daß sie noch in Ordnung. Vorsichtig zieht sie der Knabe dem Hecht über den Kopf, langsam bewegt er sie nach den Kiemen des Fisches zu. Doch er tut einen Schwanzschlag und ist hindurchgeschwommen.
Wieder wird er aufgespürt. Diesmal steht er günstiger. Wieder taucht die Schlinge ins Wasser und rutscht über den Hechtkopf. Jetzt ist sie hinter den Kiemen; dicht vor den Brustflossen umgibt sie in weitem losen Bogen den Hechtleib. Mit einem Ruck, so rasch und kräftig er ihn tun kann, zieht der Knabe seine Rute aus dem Wasser, ein Hecht von zwei Spannen Länge zappelt in der unbarmherzigen Schlinge. Er kriegt einen Klaps mit dem Taschenmesser auf den Kopf und wird abgenickt. Dann kommt er in den Latz der blauen Schürze. Nach einer halben Stunde hat er einen Leidensgefährten oder zwei, wenn nicht unterdessen der Förster die Jungen erwischt und vertrieben hat. Denn erlaubt ist das Fischen natürlich nicht, deshalb schmecken die Hechte doppelt gut.
Die Papierburg
Einsam und zwischen hohen Pappeln versteckt liegt die Walkmühle da. Das Wasser plätschert und rauscht lustig an den alten Mauern, fröhlich springt es vorüber, da es das alte Schaufelrad nicht mehr zu drehen braucht; denn die Walkmühle ist schon lange nicht mehr im Betriebe. Holzläden schließen die glaslosen Fenster, aber ohne Mühe kann sie jeder öffnen, wenn er Lust hat, in das baufällige und verschmutzte Gemäuer einzudringen. Eine Anzahl Fledermäuse stieben erschreckt auf und umflattern den Eindringling, wenn er etwa die knarrende Holzstiege hinaufklettert zum Oberboden der Mühle, und das Käuzchen schwingt sich zur Dachluke hinaus, wenn Menschenschritte es aufscheuchen. Aber selten genug kommt das vor.
Im Winter schaut die Sonne alle paar Tage einmal durch die Luke, schickt ein bleiches Bündel Licht in die Ecken des Bodens und schiebt es langsam von Stunde zu Stunde weiter. Je näher der Frühling kommt, desto goldener wird der Sonnenstrahl auf dem Boden der Walkmühle, desto kleiner der Weg, den er geht. Und wie die Sonne so suchend und wärmend über den Boden der Walkmühle wandert, so weckt sie nacheinander die Schläfer, die sich dort vor dem Winter verkrochen haben. Da sind zarte Mücken und grüne Florfliegen mit goldenen Augen, Kohlweißlinge und Pfauenaugen versammelt, die alle zur rechten Zeit geweckt werden, um dann ihr Sommerleben zu beginnen, wenn nicht die zarten Fesseln des Spinnennetzes am Mauerloche ihre schwachen Kräfte lahmlegen, so daß die Hausspinne die Wehrlosen töten und aussaugen kann.
Im März war es. Die Sonne schien warm, und ihr goldener Strahlenstab wanderte langsam über den Boden der Walkmühle. Zögernd glitt er über das Gerümpel, das dort lag, über die zerbrochenen Rohrstühle, das verstaubte Kinderspielzeug, beleuchtete die weißen Häufchen Mauersalpeter, die im Laufe der Zeit vom Dache gefallen waren, und kroch dann über den Haufen alter, morscher Lattenstücke.
Da traf er einen Winterschläfer und störte ihn in seiner Ruh. Zitternd fuhr sich die +Hornisse+ über ihre geknickten Fühler, putzte sich die großen Fazettenaugen, wischte sich den Staub aus den Punktaugen auf ihrer Stirn, bog und dehnte den Hinterleib auf und nieder und marschierte dann mit dem wandernden Sonnenstrahl weiter. Je länger die belebende Sonnenwärme auf den gelben, glatten Leib fällt, desto lebhafter wird sie, probierend hebt sie die braunen, knittrigen Flügel, brummt ein wenig damit und fliegt dann auf. Schwankend und unsicher geht der Flug dahin, bis die Hornisse an der Dachluke sitzt, so recht in der warmen Sonne auf dunklem, warmem Brette. Immer mehr weicht die Trägheit und Steifheit des langen Winterschlafs aus ihren Gliedern, die Fühler spielen, die Kiefer öffnen und schließen sich. Nun ist die Hornisse durchwärmt, sie summt mit den Flügeln und fliegt davon.
Der dürre Ast der alten Eiche, den der Wintersturm abriß und zu Boden warf, hat im Fallen den schlanken Stamm einer Birke getroffen und ein Stück der glatten, weißen Rinde abgeschlagen. Nun quillt der aufsteigende Lebenssaft aus der Wunde und rinnt als süße Träne zu Boden. Ein leiser Duft geht aus vom Birkensafte und zieht mit dem sanften Lufthauch davon. Die Hornisse schwärmt und fliegt durch die Duftwelle, die Fühler tasten in der Luft, und im Nu weiß die Gelbe den Weg zum süßen Tranke. Geradeswegs fliegt sie hin zur Birke, tanzt einmal auf und nieder vor der blutenden Wunde, und dann setzt sie sich hin auf die weiße Rinde zum leckern Mahle. Lange leckt und schlürft sie vom Birkensafte, bis sie gesättigt ist, dann putzt sie sich die Beine und Flügel und brummt in schwerem Fluge weiter.
Hinüber zur glatten Esche geht es. Dort setzt sich die Hornisse nieder und schrotet und schabt mit den scharfen Kiefern an der Rinde. Ein heller Streifen zeigt bald an, wo sie die dünne graue Schicht verwitterter Borke losgeschabt hat. Mit einem kleinen grauen Ballen Holzstoff in den Kiefern brummt dann die Hornisse zurück zur Walkmühle. Sie fliegt zur Dachluke hinein und läuft an den Balken umher. Zögernd macht sie hier einmal Halt und tastet mit den Fühlern, dann läuft sie weiter und wiederholt ihr Spiel. Endlich scheint sie gefunden zu haben, was sie sucht.
Der Balken, der sich quer über den Boden spannt, scheint ihr sehr zu behagen. Er ist halb im Dunkeln, trocken ist er auch, und von der Dachluke zieht ein leiser Lufthauch über ihn hin. Dort sitzt die Hornisse und kaut an dem Ballen Eschenrinde, den sie immer noch zwischen den Kiefern trägt. Dann klettert sie an die Unterseite des Balkens und klebt das gut durchgekaute Klümpchen daran fest, um darauf wieder durch die Dachluke davonzufliegen. Lange dauert es nicht, dann ist sie schon wieder da mit einem Ballen Holzstoff zwischen den Kiefern, kaut ihn und pappt ihn an den Balken. So geht es immer weiter, bis der Abend kommt und die Kühle der Nacht die Glieder der Hornisse steif werden läßt.
Doch kaum hat die Sonne am nächsten Tage den Tau von den Frühlingsblumen getrocknet, da macht sich die Hornisse wieder an die Arbeit. Bald an der Esche, bald am Fensterladen schabt sie Holzfasern los und kittet und klebt sie an den Balken. Nach einigen Tagen ist eine kleine Scheibe fertig, und auch schon einige sechseckige Zellen sind darauf gebaut. Aber nun will die Hornisse nichts mehr wissen von Papparbeit. Nun sucht sie auf den gelben Blüten des Löwenzahns etwas Blütenstaub zusammen, trinkt auch Nektar, wo sie dazukann, schleckt Birkensaft und gärendes Blut der Eiche. Das alles trägt sie zu ihrem Wabenbau, bricht es wieder aus und stopft es in die Zellen. Eine nach der andern wird so angefüllt, und dann legt die Hornisse ein Ei in die Nahrungsmasse.
Bis jetzt hat sie nur der Zukunft gelebt, nun genießt sie erst einmal ihr Leben. Um ihren Bau kümmert sie sich tagsüber nur wenig. Da schwärmt sie umher, und wo es nach Süßigkeit duftet, da ist sie zu finden. Alle Pflanzensäfte kostet sie, und sie bekommen ihr gut, beinahe feist wird sie bei ihrem Schlemmerleben. Des Abends kehrt sie zurück und setzt sich auf ihr Nest, guckt auch mal in die Zellen und freut sich, wie die Eier darin ausschlüpfen, die Larven fressen und heranwachsen und schließlich zu weißen Mumien werden. Man sieht durch ein weißes Kleid die Fühler und Beine an ihnen schon fertig entwickelt, noch kurze Zeit, und die jungen Hornissen schlüpfen aus.
Weiß und weich sind die jungen Weltenbürger zunächst und viel kleiner als die Mutter. Aber wenn sie ihr auch in wenig Tagen in der Farbe beinahe völlig gleichen, größer werden sie nicht und wenn sie noch so viel zu fressen finden. Das ist ja bei Insekten überhaupt nicht anders. Wenn sie als Larven tüchtig wachsen und eine große Puppe liefern, dann ist das fertige Tier groß, aber wenn es in der Entwicklung zurück war, kann es das Versäumte niemals wieder nachholen. So geht es den Hornissen hier auch. In ihrer Zelle war nicht allzuviel Nahrung zu finden, und deshalb mußten sie sich verpuppen, noch ehe sie völlig erwachsen waren.
Kaum sind die Flügel der jungen Hornissen richtig hart geworden, da fangen sie auch schon an zu arbeiten. Sie nehmen der Mutter alle Last ab, fliegen aus und holen Holzstoff zum Bauen und Nahrung zum Füllen der Zellen, die Mutter, die Königin, braucht nur Eier zu legen und ab und zu etwas Nahrung zu suchen, wenn sie nicht einfach die Zellen ausschleckt.
Bei dem emsigen Fleiße der kleinen Arbeiter wächst das Nest rasch heran. Erst war es nur eine einzige Wabe mit wenig Zellen und eine dünne Kugelhülle spann sich darüber. Jetzt wird an einigen Stielen über die erste Wabe eine zweite errichtet mit vielen Zellen, die schon etwas größer sind als die von der Königin gebauten. Wieder wird darüber eine weite Hülle aus Holzpapier gepappt und darüber eine noch weitere mit neuen Waben. Und alle Zellen werden mit Futter für die Larven vollgestopft, und die Königin legt dann ein Ei hinein.