Part 3
Nun ist Frau Kauz so ziemlich gesättigt. Auch hat sie jetzt Gewissensbisse, daß sie den Herrn Gemahl so treulos im Stich gelassen hat. Sie kehrt deshalb durch den Wald zum Nistbaume zurück. Stampfend eilt unter ihr ein Kaninchen in die Deckung, das den Schatten durch die Bäume hat streichen sehen. „Nanu, was ist denn das, die Karnickelmutter ist schon wieder guter Hoffnung“, faucht Frau Kauz, „dann wird es doch für uns auch Zeit, ans Eierlegen zu denken! Wenn die jungen Karnickel vor den Bauen spielen, dann gibt es immer was zu greifen zur Atzung für unsre Kleinen.“
„Nein, so haben wir nicht gewettet, du kriegst mich schon lange nicht“, das mag das juik bedeuten, das sie dem Männchen zuruft, das die Gattin endlich gefunden hat und spielend nach ihr stößt. Nun beginnt das ewig neue Spiel der Liebe, das spröde Fliehen, die verstohlene Annäherung des Weibchens, das stürmische Werben des Männchens. Hat er das Spiel satt und blockt ausruhend auf einem Aste, dann neckt sie ihn und stößt ihn von seinem Sitze, um dann vor dem Nacheilenden zu entfliehen und die Spröde zu spielen.
Nur wenige Wochen wird es noch dauern, dann sitzt Frau Kauz auf ihrem ersten, weißen Ei, nach ein paar Tagen sind es drei oder vier, die dann drei Wochen bebrütet werden müssen. Sind die Jungen ausgeschlüpft, dann hat aber das beschauliche Stillsitzen ein Ende. Dann heißt es arbeiten, denn die kleinen Schnäbel sind schwer vollzukriegen. Nur langsam wachsen die kleinen, weißen Dunenballen heran, langsam fangen Federn an zu sprießen und Wochen vergehen, ehe der erste zaghafte Versuch gemacht wird, die Nisthöhle zu verlassen. Das größte und gefräßigste wagt sich zuerst an den Eingang der Höhle. Aber Tage vergehen, ehe es sich bis zum nächsten Ast getraut. Dort sitzt es und bettelt mit leisen, hohen Pfeiftönen die Alten um Futter an.
Und die benutzten die Gelegenheit, auch ihre andern Jungen zum Ausfliegen zu bringen: sie füttern nur das ausgeflogene Kind vor den Augen der hungernden andern. Und siehe da, das Mittel wirkt. Am Nachmittag fliegt eines nach dem andern hinüber zum Aste, und dicht gedrängt sitzen bald die vier kleinen Wollknäuel auf dem Eichast und gieren nach Futter. Zwar dauert es nun nicht mehr lange, bis sie ziemlich gewandt fliegen können, aber selbständig werden sie erst viel später.
Sie müssen ja erst noch so vielerlei lernen. Sie müssen ihre Ohren üben, bis sie das Rascheln des Windes vom Knabbern der Maus unterscheiden können, ihre Schwingen müssen kräftig werden und ihre Fänge stark, daß sie leise schweben und kräftig zufassen können, um schließlich einen bissigen Hamster oder eine wehrhafte Ratte zu überwältigen.
Aber sie stellen sich nicht ungeschickt an, und im Laufe des Sommers lernen sie achten auf das Wischern der Mäuse, sie vernehmen das leise Atmen der Ammer im Fichtenhorst, sie trauen sich, Jungkaninchen zu schlagen, und scheuen sich auch nicht, eine junge Fasane im Walde, eine kleine Rebhenne im Felde zu greifen, kurz, es sind echte Waldkäuze geworden.
Ohreulen
Leben wir wirklich noch im Februar? Die Sonne lockt und lacht, daß die Knospen die Deckschuppen abwerfen, daß Stachelbeerbusch und Flieder zartgrüne Spitzen zeigen. Buchfink und Goldammer, Kohlmeise und Amsel jubilieren und begrüßen die erwachende Natur, die Lerche trillert, der Grünspecht lacht, es will Frühling werden. Jetzt wird auch den Menschen die Enge der Straßen und Gassen der Großstadt zu drückend, in Scharen ziehen sie hinaus, um die staub- und rußgequälten Lungen in der schmeichelnd warmen Luft zu baden.
Eine Schar Knaben wandert durchs Feld. Bunte Mützen decken die Köpfe, die von Sorge um Prüfungsarbeit und Versetzung heute nichts wissen wollen. Dem Walde streben die Jungen zu, um irgendeine bluttriefende Indianergeschichte in die Tat umzusetzen. Unter einer großen Eiche machen sie Halt zu ernstem Kriegsrat. Dabei fallen dem einen sonderbare, daumenstarke Ballen zu seinen Füßen auf. Aus grauem Filze scheinen sie gemacht zu sein und weißlich schimmern kleine Knochen daraus hervor. Trocken und appetitlich sieht das Zeug aus, da muß man doch einmal nachsehen, was das eigentlich ist.
Fest und dicht zusammengefilzte Haare bilden die Grundmasse, in die Knochen eines kleinen Tieres eingebettet sind. Sorgsam zerbröckelt der kleine Forscher seinen Fund, während die andern mit den sonderbarsten Vermutungen über das rätselhafte Ding nicht sparen. Jetzt kommt ein Schädel zum Vorschein, dem nur die Schädelkapsel eingedrückt ist, sonst ist er wohlerhalten. Der Größe nach ist es ein Mäuseschädel, die Schneidezähne stimmen auch dazu. Da die Knochen alle weiß und sauber sind, scheuen sich die andern Knaben auch nicht, die Ballen zu zerkrümeln. Bald hat jeder mindestens einen Mäuseschädel herausgefunden, auch ein Vogelschädel findet sich in den Haarpfröpfen, dazu ein paar große, schwarze Flügeldecken eines Käfers. Viel Kopfzerbrechen macht den Jungen ein kleiner Schädel, der mit kleinen, spitzen Zähnchen ausgestattet ist, und der vollkommen unversehrt und heil sich aus der Filzmasse ausschälen läßt. Soviel wissen die Knaben aus ihren Unterrichtsstunden, daß das kein Nagetierschädel ist, denn er hat gar keine Nagezähne, was mag das nur sein? Vielleicht ein Maulwurfsschädel, aber der sollte doch größer sein? Doch halt, die Spitzmäuse haben solch ein Raubtiergebiß, das ist ein Spitzmausschädel.
Die Frage ist zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst, noch bleibt aber die andere offen: wo stammen denn die Ballen her? Daß sie die Überreste vom Mahle eines Raubtiers sind, ist allen klar. Aber Kotballen sind es nicht, dazu sind sie zu sauber und geruchlos. Wiederum ist aber das Fleisch von den Knochen schon völlig abgelöst, also müssen sie schon einmal verschlungen gewesen sein.
Weiter wandern die Knaben, und es scheint, als sollten sie nie zur Lösung ihrer Frage kommen. Aber vergessen haben sie das Problem nicht, und jeder späht auf dem Waldboden nach neuen Filzballen, um doch vielleicht das Geheimnis lösen zu können. Unter einer Kiefer mit dichter Krone finden sich schließlich die rätselhaften Pfröpfe wieder, einige davon sind sogar noch feucht und schleimig, so daß keiner der Jungen sie anfassen will. Der Boden um den Baum herum zeigt ferner noch etwas Eigenartiges. Große Klexe einer kalkig-weißen Flüssigkeit sind umhergespritzt, haben auch den Stamm gefärbt, und auch einige Äste der Kiefer zeigen den weißen Überzug. Und oben, dicht an den Stamm gedrückt, hockt der Urheber dieser Unsauberkeit.
Mit knapp angelegtem Gefieder sitzt die +Ohreule+ auf ihrem Schlafbaum und starrt mit ihren roten Feueraugen hinunter auf die Knaben, die ihre Ruhe stören. Lang und dünn wie ein Aststumpf sieht der Vogel aus, langgezogen ist der Gesichtsschleier, die Federohren stehen nach oben, und dicht nebeneinander verlaufen die Reihen dunkler Spritzflecke auf der lichten Unterseite. Leise gehen die Knaben um den Baum herum, um auch den Rücken des Vogels zu betrachten. Doch siehe da, den gelbbraunen Hinterkopf bekommen sie nicht zu sehen. Als wäre er so angewachsen, zeigt der Kopf mit den Augen nach hinten, wenn die Knaben um den Baum herumgewandert sind. So oft auch die Jungen ihren Standpunkt ändern, immer glotzen sie die Eulenaugen an.
Da kommen sie auf einen pfiffigen Einfall. Sie wollen allesamt um den Baum herumwandern, immer in gleicher Richtung, dann dreht die Eule den Kopf immer nach ihnen und muß sich doch schließlich das Genick verdrehen und ihnen dann zur Beute fallen. Gesagt, getan. Die Prozession beginnt, und immer dreht die Eule den Kopf mit, aber ihr macht das keinen Schaden. Wenn die Knaben hinter dem Stamme verschwunden sind, dann wird mit einem Ruck der Kopf wieder zurückgedreht und starrt dann auf die Schlaumeier hinunter, wie zuvor. Bald sehen die Knaben ein, daß sie durch ihre Marschierübungen nichts erreichen. Um aber wenigstens ihren Ärger zu bezeugen, daß sie so für Narren gehalten worden sind, nehmen sie Kiefernzapfen und werfen nach der Eule, um sie zu verscheuchen. Bald haben sie auch ihre Absicht erreicht. Doch die Jungen sind förmlich erschrocken, daß die Eule so groß ist. Im Sitzen sah sie so klein aus, und jetzt, mit den ausgebreiteten Flügeln, auf deren fast weißer Unterseite ein schwarzer Fleck sich abhebt, kann sie beinahe mit einem Bussard sich messen.
Gewandt schwingt sich die gestörte Freundin der Nacht durch die hell beschienenen Baumzweige, um ziemlich weit entfernt in einer dichten Fichte sich einzuschwingen. Dort sitzt sie und träumt, bis die Sonne schlafen gegangen ist und der Abendstern am Himmel steht. Dann reckt und dehnt sie sich, knackt mit dem Schnabel, blinzelt mit den Augen und ruft. Sonderbar taktmäßig ertönt das tiefe Hu, im Atemtempo eines schlafenden Menschen. Aber lange vergnügt sich die Eule nicht mit ihren Gesangsübungen. Sie ist hungrig und fliegt hinaus auf die Felder, um die Raine nach Mäusen abzusuchen. Kommt ihr dabei ein schlafender Feldsperling im Gestrüpp, eine Goldammer oder Feldlerche zu Gesicht, dann wird der Vogel gleichfalls verspeist. Auch Mistkäfer und Heuschrecken werden verzehrt, wenn sie über den Weg krabbeln oder im Grase musizieren; doch an Insektenkost ist jetzt im Februar noch nicht zu denken.
Wohl aber würde es nichts schaden, wenn sich das Eulenmännchen einmal nach seiner Gattin umschaute, die auch in dieser Gegend sich jagend umhertreibt. Bald kommt der März und spätestens Anfangs April ist das erste Ei gelegt .... Doch auf Feld und Wiese ist von der Gattin nichts zu sehen, vielleicht sucht sie in der Fichtenpflanzung nach Nahrung. Lange braucht der kleine Uhu nicht umherzustreifen, bald sieht er die Gattin über der Waldblöße schaukeln. Eilig strebt er auf sie zu, um ihr für ein Viertelstündchen den Hof zu machen. So zierlich als es ihm möglich ist, umschwebt er das Weibchen, ruhig und taktmäßig die Flügel rührend, um sie mit lautem Klatschen unter dem Leibe zusammenzuschlagen. Aber die Angeschwärmte zeigt durch ihre Teilnahmslosigkeit, daß sie die Werbung für verfrüht hält, und auch er bekommt sein Spiel bald satt. Er schwebt einmal hinüber nach der Kiefer, in der der alte Krähenhorst steht, den sie schon jahrelang zur Aufzucht ihrer Kinder benutzten, seufzt einigemal sein Hu und fliegt dann wieder auf die Jagd.
* * * * *
~Oculi~ -- da kommen sie. Die Vögel mit dem langen Gesicht, die Schnepfen, die den alten Weidmann mit unwiderstehlicher Macht hinausziehen ins Revier, sie kommen aus dem Süden zurück in ihre nordische Heimat. Wenn der rußige Rotschwanz sein gepreßtes Lied vom Hausgiebel ertönen läßt, wenn die erste Singdrossel ihren Davidsruf singt, dann ist die rechte Zeit für den Schnepfenstrich. Allabendlich steht dann der alte Forstmann trotz Rheumatismus auf dem Anstande. Dort, wo die Fichtenschonung an die Blöße stößt, auf der Farnkraut und Brombeergestrüpp unter einigen jungen Birken und Eichen üppig wuchern, stellt er sich an. Treff, der rauhhaarige Jagdhund, ist auch dabei, er hat sich gesetzt und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Leise senkt sich die Dämmerung auf die Erde nieder, leise schnickert ein Rotkehlchen in den Fichten, eine Amsel warnt und schilt, allmählich verstummt auch dieser Vogellaut. Ganz still wird es, das leise Rauschen des Windes in den Fichtenzweigen ist kaum vernehmbar. Wiwiwiwi klingeln in sausendem Fluge ein paar Stockenten vorüber, die vom Teiche nach dem Bache streichen. Wieder ist alles still. Doch halt, was war das? Wie von einem Schlage getroffen, zuckt der Jäger zusammen, jetzt tönt es wieder, näher schon. Ein tiefes, dumpfes Quarren, ein hohes Puizen, und mit eulenartigem Fluge erscheint die Schnepfe über den Fichten. Ein Feuerstrahl, Donner und Rauch. Schon ist der Hund im Brombeergestrüpp, sucht hier und schnüffelt da, aber er findet nichts. Die Entfernung war wohl zu groß, die Schnepfe ist unverletzt entkommen.
Doch was ist das für ein Vogel über dem Hunde? In weichem, schaukelndem Fluge schwebt ein Vogel dort, schwenkt rechts und links und stößt mit kläffenden Rufen auf den verdutzten Hund. Immer kürzer schwenkt der Vogel herum, immer hitziger greift er an, bellender ertönt sein Käff -- Käff -- Käff. Langsam schreitet der Förster näher. Sollte das ein Weih sein, der soviel Kühnheit zeigt? Ein Raubvogel ist es jedenfalls, also einen Schuß Pulver wert. Rasch wirft der Förster einen Schuß nach dem Räuber, aber ohne Erfolg; denn er stößt ruhig weiter, als ginge ihn der Blitz und Donner nichts an. Zum zweitenmal schießt der Grünrock fehl dank der tiefen Dämmerung und der unstäten Bewegung des Ziels. Ein dritter Schuß endlich wirft den Vogel tot in das Farnkraut, und der Hund beeilt sich, ihn herbeizubringen. Doch wie erstaunt ist der Förster, als er schließlich eine Eule in der Hand hält, eine hellgefärbte Eule von der Größe einer Waldohreule, deren gelbe Augen noch im Tode feindlich funkeln. Ganz klein sind die Federn, die die Ohrbüschel darstellen.
Arme +Sumpfohreule+! In der weiten flachen Heide oder in der Tundra gar hat deine Wiege gestanden. Zwischen deckenden Gräsern bist du groß geworden im bodenständigen Neste. Kaum hattest du gelernt, die flinke Maus, den Lemming vielleicht, zu jagen, da zwang dich der Winter zum Wandern. Und hier, fern der Heimat, mußtest du den Schroten, die eine unkundige Hand nach dir schoß, erliegen. Hoffentlich geht es deinen Brüdern und Schwestern besser, daß sie glücklich wieder in ihre weite, friedliche Heimat kommen. Zwar vor dem Pfahleisen, dem grausamen Mordwerkzeug gewissenloser Menschen, sind sie ziemlich sicher, nur ungern benutzen sie ja Pfähle zum Ruhen. Aber wenn sie einen Uhu sehen, der noch in der Dämmerung neben der Krähenhütte sitzt, dann kann es leicht der ganzen Schar das Leben kosten, wenn ein schießwütiger Mensch dort auf Raubvögel wartet. Mögen ihre Brüder und Schwestern eine nach der andern unter Blitz und Knall tot zu Boden fallen, die Wut verleitet die Überlebenden immer und immer wieder, auf den großen Nachtvogel zu stoßen. Wer vermag zu sagen, was der Grund zu diesem blinden Hasse ist?
Rothals und Grauwange
Alljährlich, wenn die Taufrösche im Teiche murren, wenn das Schilf mit einem Wald von Spießen den Wasserspiegel umgibt, dann kommen sie aus dem warmen Süden wieder, Herr Rothals und seine Gattin Grauwange. Die Nächte durch sind sie geflogen, und eines Morgens kommen sie angeschnurrt mit vorgestreckten Hälsen, senken sich nieder zur Wasserfläche und fallen ungeschickt in ihr heimisches Element. Die Muskeln unter dem weichen lockeren Brustpelz schmerzen, die Flügel sind lahm, und deshalb fällt es den Rothalstauchern nicht ein, sich diesen Sommer noch einmal in die Lüfte zu wagen. Sie schaukeln sich auf den Wellen, stecken die schwarzen Schnäbel mit den gelben Mundwinkeln in das Rückengefieder und schlafen und träumen von weiten Reisen von Teich zu Teich, von Fluß zu See, bis sie hier auf ihren angestammten Wässern ankamen.
Reisen macht müde, wenn man auf eigne Kräfte angewiesen ist, reisen macht aber auch hungrig. Und der leere Magen weckt das Taucherpaar und verlangt gebieterisch seinen Teil. Grauwange krümmt den roten Hals, senkt den schwarzen Dolchschnabel zur Wasserfläche, und mit einem leichten Satze verschwindet sie in der Tiefe. Kräftig stoßen die graugrünen Füße mit den Zehen, an denen breite Lappen die Ruderfläche vergrößern; wie ein Unterseeboot mit der Flügelschraube, so saust der Taucher unter dem Wasser dahin. Da schwimmt er wieder auf der Oberfläche. Wie silberne Perlen rollen die Wassertropfen über seinen Rücken, ohne ihn zu benetzen. Ein glitzerndes Etwas zappelt im schwarzen Schnabel des Fischräubers. Zweimal ruckt der Kopf des Tauchers, und der kleine Gründling oder Hecht oder was es sonst war, ist verschlungen. Aber ein kleiner Bissen war es nur, der sättigt nicht. Wieder und wieder verschwinden bald Rothals, bald die Gattin unter dem Wasser, bald sind sie beide nicht zu sehen.
Aber schließlich sind sie doch gesättigt und machen Toilette. Immer und immer wieder ziehen sie die Federn von Rücken und Seiten durch den Schnabel, den sie mit dem Fett der Bürzeldrüse eingeölt haben. Dann kommt Bauch und Brust an die Reihe. Das erfordert allerlei Körperverrenkungen; ganz auf die Seite müssen sich die Vögel legen, um das Bauchgefieder einölen zu können, das wie Atlas in der Sonne glänzt. Ist eine Feder locker geworden und will sie sich nicht mehr einordnen in den Verband ihrer Schwestern, dann wird sie herausgezuft und -- verschlungen. Kein Wunder, wenn der Magen der Taucher von den Federn ausgekleidet ist, die sich mit den spitzen Kielen in die Magenwand einbohren und darin haften bleiben. Soll der Pelz im Magen Schutz gewähren vor den spitzen Flossen von Barsch und Stichling, soll er die Gräten abhalten, den Magen zu verletzen? Wahrscheinlich!
Doch was ist das für ein Geschrei, das über dem Wasser zittert? Ist es ein Waldhorn, dem ein Kindermund Mißtöne entlockt, plärrt ein Riesenfrosch im Schilfe? Nein, Rothals ist es, der von seiner Liebe singt! Nur Grauwange hat Verständnis für die Schönheit dieses Liedes, und eilig schwimmt sie hin zum Gatten, um mit höheren, leiseren Tönen in den Sang einzustimmen. Aber auch zweistimmig klingt das Lied der Rothalstaucher nicht sonderlich schön. Im April lassen sie es noch nicht so oft hören wie im Mai; wenn sie ans Nisten denken, dann schreien sie den ganzen Tag. Dafür sind sie bei ihrer Ankunft aber auch beinahe die einzigen Sänger am Teiche, wenn man das zankende Belfern der Bläßhühner und das Naken der Stockenten nicht für voll rechnet.
Nur ein kleiner Sänger, sogar ein Vetter des Rothals, läßt schon seine Stimme aus dem Schilfe erschallen, und deshalb machen sich die großen Taucher auf, und schwimmen dem Rohrwalde zu, wo ein trillerndes bibibibibi den +Zwergtaucher+ verrät. Der kleine schwarze Kerl mit dem roten Fleck auf Gurgel und Hals freut sich sehr über die ihm widerfahrene Ehre. Gern läßt er sich von Frau Grauwange erzählen von der weiten Reise, denn er kann sich so eine Flucht vor dem Winter nicht leisten. Bis zum nahen Mühlbach, der wegen seiner starken Strömung nicht zufriert, ist er gewandert und hat dort auch sein Weibchen kennen gelernt und sich mit ihr schlecht und recht durch den Winter geschlagen. Gewiß kann er auch fliegen, aber das strengt ihn mächtig an und er kommt außer Atem, deshalb bleibt er eben lieber da.
Was die Geschwister machen? Ja, da ist leider nicht viel Gutes zu berichten. Der eine, kleinste, war auf dem Dorfteiche, als er abgelassen wurde. Der kleine Dummrian hatte nicht ans Wegfliegen gedacht, war sitzen geblieben und dann auf dem Schlamme von den Fischern gegriffen worden. Seit der Zeit ist er verschollen, wer weiß, wo er ist. Schlimmer noch gings der Schwester. Die fand im Bache einen Drahtkorb, in dem es wimmelte von Ellritzen und kleinen Forellen. Dreimal versuchte sie, zu der zappelnden Beute zu gelangen, dreimal vergeblich. Endlich hatte sie verstanden, eine Klappe zu heben. Hei, da fuhr sie unter die Fischchen, die nicht entfliehen konnten. Rasch hat sie eins unter Wasser verschluckt und ein zweites gepackt. Mit dem will sie nach oben. Aber wehe! Wo ist der Ausgang? Hier dichter Draht, dort auch, dort ebenso, unten Draht, oben auch, nirgends Luft, nirgends ein Ausweg. Da war sie still geworden, hatte ruhig dagelegen in der Reuße, das silberne Fischchen im Schnabel, bis sie der Fischer in den Brustlatz der Schürze steckte. Silberpelz, die Spitzmaus, hat es dem Bruder erzählt, sonst wüßte niemand von dem Ende der kleinen lustigen Taucherin. Und die andern? Hierhin, dorthin verschlagen, geflohen vor dem Eise, das ihre Heimat in Fesseln schlug.
Soll trübe Stimmung die Taucher befallen, wenn die Sonne lacht und der Frühling webt? Stumm gehen sie auseinander, die Zwergtaucher ins Schilf, die Rothälse ins offene Wasser. Aber bald ertönen im Rohrwalde und auf dem Spiegel die frohen Liebesgesänge aufs neue, fein und trillernd hier, dort laut und grob.
Tage und Nächte vergehen, die Sonne steigt höher. Auf dem See ist eine dritte Taucherart angekommen. Die stolzen, vornehmen +Haubentaucher+ schwimmen still und unnahbar mitten auf dem Wasser und rufen laut ihren Balzruf, daß es schallt. Gröck gröck gäg gäg kruorr. Dabei tragen sie stolz auf elfenbeinweißem Halse ihren helmverzierten Kopf, prangen mit der atlasweißen Brust und schwimmen hoch wie ein Kork im Wasser, wenn sie mitten im See sind, tief tauchen sie ein am unsichern Ufer, daß der braunschwarze Rücken nur wie ein schmaler Strich über den Wellen liegt.
Mit den Krontauchern haben die Rothälse wenig Verkehr, ihm sind sie zu stolz, sie mag nicht ihre eigne Schönheit mit der größeren der Vettern vergleichen lassen und meidet deshalb ihre Gesellschaft. Dagegen halten sie sich gern in Gesellschaft der liebenswürdigen +Schwarzhalstaucher+ auf. Das sind auch sehr hübsche Kerle mit ihren goldenen Pausbacken, aber vor allem sind sie gar nicht stolz, wenn sie auch mit ihresgleichen mehr zusammenhalten als mit den Rothälsen, denn sie brüten in einer Kolonie von fünf oder sechs Paaren auf dem See.
Unter Necken und Spielen, Balzen und Fischen eilen die Tage dahin. Da kommt der Mai und mit ihm die Brütezeit. Jetzt klingen die Liebeslieder den ganzen Tag. Die Gatten umspielen einander, necken und jagen sich, bis sie sich schließlich unter lautem Geschrei mit den Hälsen umschlingend aneinander aufrichten, daß die weißen Bäuche sich berühren. Jetzt gilt es auch ein Nest zu bauen. Dem Rohrsänger, der über ihnen in den Halmen lärmt und dort seine kunstvolle Kinderwiege aufhängt, haben die Taucher die Nestbaukunst nicht abgesehen und auch bei der Stockente, die mit weichem Bauchgefieder das Nest unter dem Brombeerstrauche polstert, sind sie nicht in die Schule gegangen. Sie bauen nach eignem Gutdünken. Sie drücken einige Rohrhalme nieder, schichten andre, trockene darauf, so daß ein an den Rohrhalmen verankertes Floß entsteht. Soweit könnten’s die Taucher auch der zänkischen Blässe abgesehen haben. Aber nun kommt eigne, unpatentierte Erfindung. Auf das schöne, trockene Floß kommen nasse Schilfhalme und Blätter, die Frau Grauwange vom Grunde heraufholt. Und in dieses faulende, nasse Halmennest legt sie dann ihre weißen, grobschaligen Eier, fünf an der Zahl, setzt sich darauf und brütet.
Ab und zu kommt auch Rothals, der Gatte und löst seine Gemahlin ab, daß sie sich Fischchen fangen kann und die steifgewordenen Glieder dehnen. Wenn eine Störung naht, dann taucht der brütende Vogel eilig auf den Grund, deckt nasse Halme auf die Eier und stiehlt sich unter Wasser fort. Dann kann man dem Pflanzenhaufen nicht ansehen, was er verbirgt, die Eier bleiben unentdeckt. Wenn sie einige Zeit bebrütet sind, ist allerdings die Bedeckung nicht mehr so unbedingt nötig, es entwickelt sich nämlich auf den ursprünglich weißen Eiern eine gute Schutzfarbe: die faulenden Pflanzenteile färben sie braun und fleckig, wie ihre Umgebung.
Drei Wochen sitzen die Taucher abwechselnd auf den Eiern; die Wärme, die die faulenden Pflanzenteile entwickeln, hilft tüchtig mit brüten, und eines Tages tönt ein leises Piepen unter dem Brustgefieder von Frau Grauwange hervor. Ein Junges arbeitet lebhaft mit dem harten, weißen Eizahn auf der Spitze seines Schnabels, bis es die Schale durchbrochen hat und es heraus kann aus dem engen kalkigen Gefängnis. Ein kleiner schwarzer, weißgestreifter Wollball arbeitet sich ans Licht. Vier andre junge Dunentaucher tun das nach und am Abend sitzen fünf piepende allerliebste Kinder im Nest und lassen sich von der Mama trocken wärmen.