Seltsame Käuze

Part 2

Chapter 23,795 wordsPublic domain

Am andern Tage beginnt das Füttern; immer muß abwechselnd eins der Eltern wärmen, das andere Futter suchen. Sie überbieten sich gegenseitig in Liebe gegen ihre Brut. Kein Engerling, keine Raupe scheint ihnen zart genug für die kleinen Magen, doch denen scheint es mehr um die Menge zu tun zu sein als um die Zartheit. Sie werden gar nicht müde, immer aufs neue den gelben Rachen aufzureißen und ihn auf zitterndem Halse den Ernährern entgegenzustrecken. Bei so viel Gefräßigkeit auf der einen, und Fürsorge auf der anderen Seite macht die körperliche Entwickelung der Kleinen riesige Fortschritte. Mit besonderer Freude wird das erste Öffnen der Augen, dann der erste Schrei, das Sprießen der Federn, das Üben der Schwingen von den Alten begrüßt. Der Unterricht tut das Seine, und eines Tages sitzt die junge Gesellschaft aneinandergedrängt auf einem wagrechten Aste der Kiefer und glotzt mit ihren blauschwarzen Augen die Welt an.

Daß sie einer gemischten Ehe entstammen, sieht man auf den ersten Blick. Keins ist eine echte Nebelkrähe, keins trägt aber auch ein Rabenkrähenkleid. Das eine gleicht zwar fast völlig der Mutter, aber auf dem grauen Kleide sind wie Tintenspritzer schwarze Federn verteilt. Das andere wieder gleicht dem Vater ziemlich, aber die schwarzen Federn sind grau gesäumt, und der Bauch sieht völlig grau aus. Hübsche, starke Kerle sind sie allesamt, und das ist kein Wunder, sie haben gar nahrhafte Bissen bekommen.

In der Fasanerie gleich beim Dorfe ist alle Tage großer Lärm. Wacholderdrosseln schackern, Amseln warnen, Zaunkönige zetern. Kommt man dann näher, dann sieht man in eiligem Fluge eine Krähe verschwinden, einige leere Eierschalen verraten, was sie hier getrieben hat. Mag der Förster auch eilen mit seinem Schießprügel, er kommt gewiß zu spät. Er weiß nicht, wie es kommt, aber immer sieht er gerade den Störenfried noch wegfliegen, wenn er auch noch so leise und gedeckt sich herangepürscht hat. Er weiß ja nicht, daß in der hohen Fichte, die den Plan beherrscht, ganz oben im Gipfel der andere Krähengatte sitzt und aufpaßt. Dessen Abstreichen ist stets das Zeichen zur eiligen Flucht für den andern.

Und doch ereilte an einem Tage die ganze Familie der Tod durch das rächende Blei. Des Försters Sohn kam in die Ferien und hatte, durch den nötigen Überschuß an freier Zeit unterstützt, binnen zwei Tagen das ganze Geheimnis erforscht. An die hundert Schritte von der Fichte entfernt setzte er sich auf die Lauer, während der Förster unter dem Baum mit den Jungkrähen ein Versteck bezog. Die Geduld der Jäger wurde auf keine allzu harte Probe gestellt. Das Pärchen kam, er flog auf die Fichte, sie auf die Suche nach Eiern. Wie ein Peitschenknall tönte die Fernrohrbüchse des Förstersohnes, und wie ein nasser Sack fiel der Schwarze zu Boden. Nach wenigen Minuten dröhnte vom Feldgehölz der Schrotschuß, der die Graue und zwei Junge tötete, einige weitere Schüsse kündeten das Ende der überlebenden Jungen.

Unser Eisvogel

Naßkalt und unfreundlich ist der Wintertag. Kein Vogel im Dorfe ist zu sehen, der eine lustige Miene machte. Die Sperlinge sitzen in der Hecke und schütteln von Zeit zu Zeit einmal die Nebeltropfen aus dem Gefieder. Ein paar Meisen fliegen vom Hühnerhofe zum Birnbaum und wieder zurück. Sie stibitzen den Hühnern Haferkörner und zermeißeln sie auf dem Baume, aber muntere Töne und Lockrufe hört man heute nicht von ihnen. Und draußen im Freien ist es gerade so. Faul sitzen die Krähen auf den tropfenden Bäumen oder suchen die unverdauten Körnchen aus dem Mist auf den Feldern. Die Fichten schütteln von Zeit zu Zeit ihre Äste und lassen einen nassen Schauer zu Boden fallen und die Birke schwenkt ihre dünnen Zweige wie ein Mann seine frierenden Arme. Stumm und emsig nach Kerfen suchend, durchstöbert der kleine Zaunkönig die Baumstümpfe und sperrigen Wurzeln am Bachufer. Heute trägt er sein Schwänzchen nicht so kokett steil aufgerichtet, nicht einmal zum Schnarren und Warnen hat er heute Lust.

Da tönt ein hoher, heller Pfiff, kurz und laut, dann noch einer und in schnurgeradem Fluge fliegt ein Vogel über dem Bache dahin. Genau mitten über dem Wasserspiegel hält er sich und setzt sich dann auf den Weidenzweig, der über den Bach ragt. Korallenrote, kleine Füßchen umklammern den schwankenden Sitz, tief rostbraun ist die Brust, smaragden glänzt der Rücken des Eisvogels. Einen schöneren Schmuck kann sich der Weidenbaum nicht wünschen als den in tropische Farben gehüllten Vogel. Und der scheint zu wissen, wie hübsch er ist. Als wollte er den blaugrünen Scheitel mit den moosgrünen Mondflecken auf jeder Feder recht bewundern lassen, dreht er den Kopf bald nach rechts, bald nach links. Den rostbraunen Zügel durchs Auge, den weißen Ohrfleck, kurz seine ganze Pracht läßt er betrachten. Jetzt blickt er hinunter ins Wasser. Will er im klaren Spiegel seine Schönheit bewundern? Nun fliegt er ab vom Zweige und hält sich rüttelnd wenige Spannen über dem Bache. Doch mit einem Schlage ist er verschwunden, und nur das aufspritzende Wasser zeigt, wo er steckt. Ehe wir noch im klaren sind, was das zu bedeuten hat, erscheint er schon wieder flügelschlagend auf der Wasserfläche, schüttelt sich und fliegt wieder hinauf auf seinen Weidenzweig. In seinem langen, spitzen Dolchschnabel glitzert silbern ein schwänzelndes Fischchen. Zweimal schlägt der glückliche Fischer seine Beute gegen den Sitz, daß es schallt und klatscht und die zuckenden Schwanzschläge aufhören, dann hebt er den Kopf ruckweise nach oben. Noch einmal und dann zum drittenmal führt er die Bewegung aus, dann hat er erreicht, was er will. Mit dem Kopf nach innen hat er das Fischchen im Schnabel und schlingt es mühsam hinunter. Dann streicht er ab, einem andern Lieblingsplatze zu.

In milden Wintern ist es diesem schönsten unsrer Vögel nicht schwer, sich durchzuschlagen, anders, wenn eine Eisdecke die Gewässer verschließt oder wenn fortwährende Regengüsse das Wasser trüb und undurchsichtig machen.

Da sitzt er wieder, der funkelnde Brillant, auf einem Rohrhalm und starrt hinunter in die Flut. Eine dichte Schneedecke bedeckt die Felder, und über alle Bäche und Teiche hat der Frost feste Brücken geschlagen. Doch dem kleinen Fischer sinkt der Mut nicht. Er weiß die Stellen, wo das strudelnde Wasser sich nicht in Eis verwandeln läßt und wo die Forellenbrut hinkommt zum Luftschnappen. Zwei der winzigen Dinger hat der Eisvogel schon im Kropf, er ist schon ziemlich satt und sieht nur zum Zeitvertreib oder aus Gewohnheit hinunter in das Wasser, das glucksend und gurgelnd unter dem Eise dahinströmt. Da ruckt er zusammen und legt das Gefieder glatt. Den Pfiff eines Artgenossen hat er gehört. Jetzt pfeift es näher, und nun hat er den frechen Eindringling, der die Rechte des Eingesessenen verletzen will, erspäht. Schrill und herausfordernd ertönt sein Pfiff, da kann der rechtmäßige Bewohner seine Kampflust nicht mehr bezähmen. In surrendem Fluge saust er dem fremden Fischer entgegen. Doch so leicht läßt der sich nicht vertreiben, der Hunger macht ihn mutig und läßt ihn den Kampf wagen. Wie zwei Ritter in blitzenden Gewändern fahren die Kämpen aufeinander los. Ganz dicht am Kopfe des Gegners fährt der scharfe Dolchschnabel vorüber, und rasch wenden beide um, und wieder sausen sie sich entgegen. Ein herrliches Schauspiel! Aber mehr als ein Schauspiel, ein Zweikampf mit tödlichen Waffen ist es. Zwei- oder dreimal wiederholt sich der Angriff, bis schließlich einer mit einer schweren Verletzung am Kopfe zu Boden taumelt und dann eilig das Weite sucht. Der andre folgt ihm am Bache entlang ein Stück, dann pfeift er seinen Siegespfiff und setzt sich wieder auf dem schaukelnden Rohrhalme nieder.

Im wunderschönen Monat Mai jagen sich wieder zwei Eisvögel am Bache. In rasendem Fluge geht es über dem Wasser dahin, und die hellen Pfiffe wollen den ganzen Tag nicht aufhören. Doch nicht ernsthafter Kampf und Streit auf Leben und Tod beseelt die Herzen der schillernden Vögel. Hat der Verfolger den andern erreicht, dann zaust er ihm nicht mit wütenden Schnabelstößen die Federn, dann neckt er ihn nur durch einen leichten Flügelstreich und versucht ihn aus seiner Bahn zu drängen. Liebesspiele und Neckereien sind die lustigen Turniere. Vor einigen Wochen allerdings mußte ein Rivale durch eine blutige Kopfschramme und einen Schnabelstoß in die Brust belehrt werden, daß Ehebruch streng bestraft wird. Ob der Gegner seinen Wunden erlegen ist, ob er sich ausgeheilt hat und in einem andern Reviere doch noch eine ledige Eisvogelfrau gefunden hat, wer weiß.

Nun ist es auch höchste Zeit, an den Bau einer Nisthöhle zu denken. Doch bachauf und bachab ist nirgends ein genügend hohes Ufer zu finden, in dem der Bau einer Nisthöhle möglich wäre. Auch der nahe Teich hat sumpfige Ufer und keine Steilränder, da ist das Eisvogelpärchen in großer Verlegenheit und weiß nicht, was tun. Tagelang durchstreift es die Gegend, jeder Bach wird in seiner ganzen Länge abgesucht, doch entweder er ist ungeeignet wie das eigne Gebiet, oder er ist schon besetzt, und man wird nach erbittertem Kampfe vertrieben. Endlich streicht einmal das Männchen über das Feld, um vielleicht in weiterer Entfernung etwas Passendes zu finden. Da findet es, wohl drei Kilometer vom heimischen Bache, einen verlassenen Steinbruch im Felde. Ein kleiner Teich hat sich darin gebildet, an dem schon Schilf und Rohr sich angesiedelt hat, auch Weiden und einige Birken stehen dort. Was aber das schönste ist, die Ufer fallen steil zum Wasser ab und bestehen wenigstens in der oberen Hälfte aus sandigem Lehm. Schleunigst wird das Weibchen herbeigeholt, und auch dieses ist nach eingehender Betrachtung des Geländes der Meinung, daß hier der Platz geeignet ist zur Anlage der Kinderstube.

Bald hier, bald da klammern sich die Eisvögel an die Lehmwand, finden hier den Boden zu hart und steinig, dort wieder scheint er ihnen zu bröckelig. Endlich einigen sie sich auf eine Stelle, wo ein größerer Stein sich losgelöst und eine kleine Vertiefung zurückgelassen hat. Hier machen sie sich an die Arbeit. Mit den langen Schnäbeln hacken und bohren sie, kratzen mit den Füßen das losgearbeitete Material weg und bringen schließlich eine spanntiefe Höhle zustande. Damit geben sie sich für heute zufrieden.

Fröhlich tönen ihre Pfiffe, neckend jagen sie sich am Teiche und streichen dann wieder über die grünenden Saaten ihrem Bache zu. Am andern Morgen gehen sie wieder an ihre Erdarbeit. -- Ist es nur das Männchen oder nur die Gattin, die an der Höhlung arbeitet, oder teilen sie sich in die Mühe, wer weiß es, tragen sie doch beide ein fast ganz gleich buntes Kleid und sind daher von weitem nicht zu unterscheiden. Doch, ob er oder sie oder auch beide arbeiten, fleißig nimmt der kleine Minierer das schwere Werk auf sich. Ja, wenn die Röhre noch kurz ist, mag es gehen. Aber ist sie einmal einen halben Meter tief, dann gehen die Strapazen erst richtig los. Jedes kleine Klümpchen muß mit dem Schnabel hinausgetragen werden vor die Höhle. Kein Wunder, wenn gar bald die kleinen roten Beinchen ermüden und gebieterisch nach einer Ruhepause verlangen. Sie sind ja das Marschieren gar nicht gewöhnt. Immer sitzt ja der Eisvogel und bedient sich zur kleinsten Platzänderung seiner Flügel. Sogar beim Rudern unter Wasser, beim Fangen der kleinen Fischchen dienen in erster Linie die Flügel der Fortbewegung, wenn auch die Beinchen mithelfen.

Kaum eine halbe Stunde vermögen sie daher beim Bau der Nesthöhle Dienst zu tun, dann sitzt der kleine Erdarbeiter auf einem neuerworbenen Lieblingsplatze, einem Baumstumpf am Steinbruchteich und ordnet sein zerzaustes und mit Lehmstaub verunziertes Prachtkleid. Dann eilt er rasch zum Bache, um etwas für den hungrigen Magen zu sorgen und nach längerer Erholungspause nimmt er dann seine Arbeit wieder auf. Volle vierzehn Tage dauert es der vielen Unterbrechungen wegen, bis eine meterlange Röhre vollendet ist. Noch ein oder zwei Tagewerke sind erforderlich, um am Ende eine backofenförmige Erweiterung herzustellen, den Nestraum.

Nach einigen Tagen liegt das erste Ei darin, blendendweiß ist seine dünne, durchscheinende Schale, es ist auch ziemlich groß für einen nicht einmal stargroßen Vogel. Nach etwas mehr als einer Woche ist das Gelege mit sieben Stück vollzählig und nun muß das Weibchen fünfzehn Tage lang stillsitzen und brüten. Der Gatte mag von der langweiligen Beschäftigung nichts wissen, aber er sorgt dafür, daß die Frau wenigstens nicht zu hungern braucht. Emsig trägt er ihr Fischchen zu und legt sie ihr vor. Dabei wird ihm aber täglich immer mehr klar, daß sie sich eine reichlich schwere Aufgabe zugemutet haben, dadurch, daß sie im Steinbruche brüten.

Im Tümpel ist auch nicht ein einziges Fischchen zu erspähen, höchstens einige Libellenlarven kriechen langsam über den lehmigen Grund dahin. Da heißt es jeden einzelnen Bissen kilometerweit herbeiholen. Frau Eisvogel hat sogar Sorge, sie könnte während des langen Stillsitzens das Fischen verlernen, bis zum Bache wagt sie nicht zu fliegen, damit die Eier nicht verkühlen, und hier im Steinbruchtümpel sucht sie vergeblich nach Wild. Nur gut, daß Er für Nahrung sorgt, sonst stände es schlimm um sie.

Langsam kommt der Tag näher, an dem die Jungen ausfallen sollen. Erst lagen sie auf dem bloßen Lehmboden, denn vom Eintragen von Nistmaterial halten Eisvogels nichts, jetzt aber sind sie auf eine ansehnliche Lage dünner Fischgräten gebettet. Wo kommen die her? Nun sie stammen aus den Gewöllen (Ballen unverdaulicher Speisereste), die die Eisvogelgattin beim Brüten ausgespien hat. Kein Wunder, daß ein traniger Fischgeruch der Höhle entströmt. Im übrigen aber ist Familie Eisvogel reinlich in ihrer Wohnung, der Kot wird stets draußen abgesetzt und auch die Kinder werden reinlich erzogen, ihre Stoffwechselprodukte werden von den Alten aus der Höhle geschafft. Aber wenn sie auch sauber sind, hübsch sehen junge Eisvögel vor dem Ausfliegen doch nicht aus. Ganz nackt sind sie zunächst und der große dicke Kopf baumelt auf einem dünnen, schwächlichen Halse hin und her. Der Leib ist kugelig und dick aufgetrieben, die Därme schimmern durch, kurz, recht unästhetische Gebilde sind die kleinen Dinger. Doch die Eltern sind zufrieden mit ihnen und füttern sie reichlich, mit Libellen zunächst und dann mit Fischbrut, so daß sie rasch heranwachsen. Aber hübscher werden sie zunächst nicht. In langen Reihen beginnen sich stachelartige Gebilde auf ihnen zu entwickeln, die starr nach allen Seiten abstehen vom Körper. Es sind die Federn, die lange in der Federscheide stecken bleiben, so daß man nicht sieht, was eigentlich daraus werden soll.

Kriechen die Jungvögel aber einmal heraus aus ihrem engen Gefängnis, dann sieht man nicht mehr, was für eine Entwicklung sie hinter sich haben. Dann sind sie echte kleine Eisvögel, nur der Schnabel ist kürzer als bei den Alten und die Federn sehen dunkler und kräftiger gefärbt aus als die an der Sonne verschossenen Kleider der Alten. Noch mehrere Wochen vergehen, bis sie das Handwerk ihrer Ahnen ausüben können. Zum Herbste aber werden sie selbständig.

Möge ein gütiges Geschick sie vor der Mordspritze habsüchtiger Menschen bewahren, die ihnen die winzigen Fischchen nicht gönnen und die sich nicht denken können, daß jemandem der Anblick eines Eisvogels mehr Freude macht als die paar armseligen Barsche, die sie verzehrt haben.

Waldkauz

Am Franzosengrab, hundert Schritte waldeinwärts, steht eine alte, knorrige Eiche. Zackig ragen ihre alten, abgestorbenen Wipfeläste gen Himmel, und knarrend bewegt der Wind ein Stück abgestorbene Baumrinde. Dort ist es nicht recht geheuer. Allabendlich, wenn alles stumm und still in der Runde, da beginnt hier ein nächtlicher Spuk.

Mit einem verhaltenen Pfiffe beginnt es; einen entfernten Signalpfiff einer Lokomotive vermeint der nächtliche Wanderer zu vernehmen. Aber bald sieht er sich getäuscht. Ein Mensch ist wohl auf die hohle Eiche gestiegen, ganz deutlich klang sein Räuspern von dort. Doch wieder klingt der Pfiff, lauter, näher ertönt er, jetzt geht er in einen jauchzenden Triller über, wieder der Pfiff und nun ein röchelndes Krächzen. -- Dem Wanderer wird es kalt auf dem Rücken, was war das nur? Doch gewiß ein Tier, sucht er sich Mut zu machen und geht weiter, bis aufs neue die rätselhaften Töne erklingen oder ein schwarzer Schatten geisterhaft an ihm vorbeihuscht. Da ist das letzte bißchen Mut verschwunden. Überall scheinen dunkle Schemen vorüberzugleiten, bald nahe, bald ferner ertönt der wilde Juchzer, kein Wunder, wenn der Wanderer mit doppelt eiligen Schritten seinen Weg fortsetzt.

Er weiß es ja nicht, daß hier der Waldkauz seiner Gattin von seiner Liebe singt. Er brauchte nur heranzuschleichen an die große Eiche und zu beobachten, dann würde seine Ängstlichkeit gewiß bald in Freude über das sonderbare Gebaren der Vögel verwandelt sein. Auf dem dicken Aste der Eiche zeichnet sich der Umriß des Sängers gegen den Himmel ab. Wie eine abgedrehte Kegelkugel, so rund ist der Kopf und mächtig groß im Vergleich zum Körper. Gerade als wolle er prüfen, wie fest wohl der Kopf auf dem Halse sitzt, wackelt der Kauz damit hin und her, dehnt und verkürzt den Hals und macht Bücklinge. Dann pfeift er wieder sein tiefes und sehnsüchtiges Hu, dem der ansteigende und abschwellende Triller folgt.

Jetzt scheint das Weibchen zu nahen. Mit unhörbaren Flügelschlägen fliegt ein zweiter Waldkauz herbei und läßt sich auf der Eiche nieder. Doch kein Weibchen ist es, ein Nebenbuhler versucht den Familienfrieden zu stören. Auch er beginnt, mit tiefer Stimme seine Balzarie vorzutragen, der erste fällt ein und sucht den Störenfried zu überschreien --, ein wunderlicher Sängerkrieg entbrennt. Immer hitziger werden die verliebten Käuze, die Triller tönen immer lauter, heulender, dazwischen fauchen und schnarchen sich die nächtlichen Liebhaber an, kreischen auf und stürzen schließlich aufeinander los. Gerade als hätten sie die lange Rederei satt, gehen sie zu Tätlichkeiten über. Zwar möchte jeder dem andern eins auswischen, aber auch selbst nicht mit den nadelspitzen Krallen des andern in allzu nahe Berührung kommen. Bald schwingt sich der eine fliehend durch die dichten Äste der Bäume, hitzig verfolgt vom andern, bald wieder geht er zum Angriff über und treibt den andern vor sich her. Geräuschlos geht der Streit natürlich nicht ab. Zwar von den Flügelschlägen vermag auch das feinste Ohr nichts zu vernehmen dank der weichen Federn, aber wenn der eine dem andern zu nahe kommt, geht ein Gekrächze und Gekreische los, daß man glaubt, wenigstens einer müsse sein Leben lassen. Aber nur einige Federn rupfen sie sich aus.

Das Weibchen hat eine Weile teilnahmslos auf der Eiche gesessen dicht vor der Baumhöhle, die sie als Nistplatz erwählt hat. Der Streit der Männchen läßt sie kalt, sie kämpfen um ihren Besitz, doch sie tut gar nicht dergleichen. „Mögen sie sich nur raufen, mich geht das nichts an!“ denkt die herzlose Schöne, schwingt sich ab vom Nistbaume und streicht auf Nahrungssuche aus.

Rund und mollig sieht der sitzende Waldkauz aus mit seinem seidenweichen Gefieder, und auch im Fluge prägt sich die Weichheit aus. Rund sind die großen Schwingen, rund der Kopf, sanft und ohne Ecken werden die engsten Kurven beschrieben, dann wieder ein Stück geschwebt und dann wieder mit den Flügeln gerudert. Dabei spähen emsig die schwarzen Augen hinunter in das Gewirr der Grashalme auf die Wiese, die nur schwach vom fahlen Sternenschimmer erhellt sind. Der Gesichtsschleier aus dünnen borstenartigen Federn ist aufgerichtet, so daß er nur lose die mächtigen häutigen Ohren deckt.

Und wie scharf ist das Gehör der jagenden Eule! Auf hundert Schritt noch hört sie das leise Piepen sich zankender Mäuse, ja sogar die genaue Richtung und Entfernung hat sie mit fast unfehlbarer Sicherheit beim ersten Tone gemerkt. Man braucht nur einmal die Probe zu machen, wenn man beim nächtlichen Anstande in gut verdeckter Stellung sitzt und einen Waldkauz jagen sieht. Beim ersten „Mäuseln“ schwenkt er herum und kommt schnurgerade auf das Versteck zu. Vermag er vom Beobachter nichts zu entdecken, dann fliegt er ihm sicher in Meterhöhe über den Kopf, schwenkt herum und kreist einige Male über der Stelle, wo das Piepen der Lieblingsbeute ertönte. Dann setzt er seinen Jagdzug fort, aber immer wieder kehrt er zurück und sucht das Versteck der Maus zu erspähen.

Unser Waldkauz hält sich auf der Suche nach „Wild“ auf der Wiese nicht lange auf. Er kennt sein Revier und weiß, daß hier die Aussicht nicht besonders groß ist. Deshalb schwebt er am Waldrande entlang dem Wildgatter zu. Dort wird den Fasanen und Hirschen an verschiedenen Stellen Futter geschüttet, da stellen sich die kleinen Nager gern zu Gaste ein. Auf dem Dache der Blockhütte setzt sich die Eule nieder und dreht und wendet den Kopf bald rechts und bald links. Schon haben auch die scharfen Ohren ein leises Wispern und Rascheln vernommen, eine Waldmaus hüpft unter dem Balkenwerk hervor und faßt ein Haferkorn, um damit in ihr Schlupfloch zurückzurennen. Da ist ein schwarzer Schatten über ihr, vier nadelscharfe Krallen fahren ihr durch den Leib und ersticken ihr angstvolles Quieken. Der Waldkauz aber fliegt wieder hinauf auf den Balken, dreht den Kopf rechts und links, nimmt schließlich die Maus aus dem Fange und schluckt sie hinab. Wieder sitzt er und lauert. Lange Zeit regt sich nichts; der leise Todesschrei ist doch nicht ungehört verhallt und hat die Artgenossen gewarnt. Endlich, nach einer halben Stunde etwa, geht das leise Rascheln wieder los unter dem Stroh. Wieder spannt der Waldkauz und schwebt nieder zum Boden. Doch diesmal mißglückt die Jagd. Nur eine Spanne weit war die Maus aus dem Loche gefahren und dann mit einem Ruck in das sichere Loch zurück, so daß die todbringenden Krallen fehlgriffen. Wieder blockt der Waldkauz auf seiner Warte, aber nun läßt sich keine Maus mehr sehen. Viel sind überhaupt nicht mehr da, allzuoft ist schon Jagd auf sie gemacht worden. Darum auf hinüber zur Fasanenfütterung!

Mit gleichmäßigen Flügelschlägen strebt der Kauz dem Walde zu. Obgleich er gar nicht an Jagd denkt, sind seine Sinne doch auf der Wacht wie immer. Am Waldrande schwenkt die Eule mit einemmal und setzt sich auf einen niedrigen Eichast. Auf der Wiese regte sich etwas, was mag das gewesen sein? Eine Lerche kann es nicht sein, die kommen doch nicht auf die Waldwiese, eine Maus war es auch nicht, es raschelte nur einmal, also was war es? Scharf spähen die schwarzen Kugelaugen auf die Wiese hinüber, und nun haben sie auch gefunden, was sie suchen. Ein Maulwurfshügel hebt sich ruckweise, und nun ertönt das Geräusch wieder, ein Erdklümpchen rollt in das raschelnde Gras. So leise das Geräusch auch gewesen war, der Kauz hatte es doch vernommen, ja er hatte sogar gehört, daß es anders klang als das leise Lispeln des Windes im Grase, daß es von einem Tiere herrührte.

Wieder stößt der schwarze Wühler Erde empor und arbeitet emsig, wühlt mit breiten Vorderpfoten und scharrt mit den Hinterbeinen die Erde nach außen. Jetzt erscheint das kurze, borstige Schwänzchen über der Erde, sogar der Samtpelz des Hinterleibes wird sichtbar, und darüber schwebt der Tod. Vier Dolche durchbohren das glatte Fell, vier Eulenzehen schließen sich zur todbringenden Umklammerung. Armer Maulwurf! Dein Todesschrei vermag das Räuberherz nicht zu schrecken, dein Strampeln und Kratzen nützt dir nichts. Das Erdreich ist locker, so daß alles Einstemmen der muskulösen Vorderbeine nichts nützt. Mit einem Ruck hat der Waldkauz seine Beute aus dem Loche gerissen, der zweite Fang greift in die Brust und der Schnabel zermalmt die empfindliche Nase des Opfers. Dann beginnt das Mahl. Das ist nicht so leicht als das Verzehren einer Maus, die einfach verschluckt wird. Mehrmals reißt und rupft die Eule, ehe sie die Haut am Bauche zerrissen hat, aber dann geht es rasch, und nicht ein Stückchen Wolle bleibt zurück, alles wird hinabgeschlungen.