Seltsame Käuze

Part 5

Chapter 53,791 wordsPublic domain

Der September ist herangekommen. Die Papierburg der Hornissen in der Walkmühle hat sich mächtig verändert. Ein Bau, der weit größer ist als ein Männerkopf, hängt dort am Balken und ein gefährliches Brummen tönt hinter den dünnen grauen Papierwänden hervor. Wehe dem Unglücklichen, der jetzt in der Nähe des Nests den Zorn einer Hornisse erregt. Sie dringt unter eigenartigem Flügelsummen auf den Störenfried ein und versucht, ihn zu stechen. Aber während der Verfolgte noch die eine abwehrt, hat ihr zorniges Flügelsummen Gehilfen herbeigerufen. Zehn, zwanzig und noch mehr eilen herbei, und wenn man auch zehn abwehrt, so setzen sich doch andre zehn auf Arme und Beine, laufen umher und biegen den geschmeidigen Hinterleib. Und wenn sie an eine unbekleidete Stelle kommen, an Hals oder Gesicht, dann kneifen sie ihre Kiefer ein, halten sich mit sechs krallenbewehrten Beinen fest und bohren den langen, spitzen Giftstachel tief hinein ins Fleisch des Feindes. Was nützt es, wenn ein wuchtiger Schlag den kleinen, gelbgepanzerten Feind zu Brei schlägt. Zwanzig, dreißig Rächer stachelt der Blutgeruch zu rasender Wut an und Stich folgt auf Stich. Wer kann es dem Tapfersten verargen, wenn er vor den kleinen, gefährlichen Feinden eilig entflieht, oder sich zu Boden wirft in der berechtigten Hoffnung, daß die Hornissen ihn so nur schwer entdecken und sich bald beruhigen, so daß er unzerstochen entfliehen kann? Denn ein Hornissenstich ist ungemein schmerzhaft, eine riesengroße Beule ist noch wochenlang das Erinnerungszeichen. Es ist auch möglich, daß ein kleineres Tier, wie ein Hund, ja sogar ein Mensch, der nicht entfliehen kann, von den Hornissen getötet wird, obgleich es auch stark übertrieben ist, wenn der Volksmund sagt: Neun töten ein Pferd.

Doch der schmerzhafte Stich ist jetzt nicht die einzige Unannehmlichkeit der Hornissen. Sie schwärmen weithin über die Felder bis hinüber zum Dorfe. Dort schwelgen sie in den zartschaligen Gartenfrüchten, schroten die süßen Pflaumen und saftigen Birnen und verwüsten vor allem eine große Menge Weintrauben. Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen, und die Hornissen sind gerade solche Schleckermäuler, wie ihre kleineren Vettern. Doch ihre Gier nach Süßigkeiten ist auch ihr Verderb. Überall in den heimgesuchten Weinspalieren werden weithalsige Flaschen aufgehängt, in die verdünnter Sirup und Fruchtsaft geschüttet worden ist. Nun gärt das Gemisch, und der süßalkoholische Duft lockt die Hornissen an. Wenn sie dann in den Flaschenhals kriechen, werden sie von der Kohlensäure, die sich bei der Gärung bildet, betäubt, sie fallen hinein in den lockenden Saft und ertrinken.

Je mehr die kühlere Jahreszeit heranrückt, um so ruhiger wird es in der Papierburg. Zwar bis weit hinein in den Oktober trotzen die Hornissen der Kühle der Nächte. Junge, große Weibchen schlüpfen noch aus den Zellen und dickleibige Männchen. Sie schwärmen aus zum Hochzeitsfluge, doch je kühler es wird, desto seltener kommen die befruchteten Weibchen zum Neste zurück. Sie verkriechen sich in hohle Baumstämme, in Ställe und Scheunen, legen die Fühler an den Kopf und verfallen in den scheintoten Zustand des Winterschlafs.

Im Mutternest wird die Zahl der Bewohner immer kleiner. Die alte Mutter des Stocks stirbt, die Männchen fliegen fort und verenden draußen, und auch von den Arbeitern, den unfruchtbaren Weibchen, bleibt eine nach der andern weg. Wenn dann die ersten starken Fröste kommen, leben nur noch wenige, und auch von denen sieht keine den kommenden Frühling. Öde und verlassen hängt die große Glocke im Winter am Balken in der Walkmühle. Eine Anzahl tote Arbeiter liegen noch drinnen, in den Waben sind beinahe schlupfreife Larven erfroren, die Papierburg ist ausgestorben.

Doch wenn der Frühling kommt, dann lockt er die überwinterten Königinnen aus ihren Verstecken, und bald entstehen in hohlen Bäumen, in verlassenen Gebäuden neue Kolonien, neue Burgen der gelben Wegelagerer.

Hermännchen

Am Waldrande liegt eine alte Ruine, das „wüste Schloß“ heißt sie bei den Landleuten. Nur einige hohe, dicke Mauern stehen noch, einige Fensternischen sind noch erhalten, alles andre bildet einen großen Trümmerhaufen. Und jährlich geht die Zerstörung weiter. Da füllt tauender Schnee die Ritzen zwischen den Steinen mit Schmelzwasser, der Frost in der nächsten Nacht läßt das Wasser erstarren, und das Eis drängt und sprengt die Steine voneinander. Zwischen den Rissen sprießen die Holundersträucher hervor und Birken. Weit hinein senden sie ihre zarten Würzelchen in die Risse des Gemäuers. Aber die erstarkenden Wurzeln stemmen sich mit Titanengewalt gegen die fesselnde Enge der Gesteinsspalten, und der Mörtel, den Jahrhunderte gehärtet haben, muß nachgeben und bröckelt in die Tiefe.

Es ist nicht recht geheuer beim wüsten Schloß. Am Tage drohen fallende Steine den Wanderer zu verletzen, die eine geheimnisvolle Kraft von den Mauern loswuchtet und nach dem vorwitzigen Menschenkind hinunterwirft. Am Abend kann man deutlich wilde Schreie hören, Jauchzen und tiefes Pfeifen; dann wieder dumpfes Seufzen, hu, hu, hu, tönts aus dem alten Gemäuer. Schon am Tage kommt selten ein Mensch hierher und scheucht die zahlreichen Ringelnattern, die ein beschaulich ungestörtes Dasein führen. Am Abend sucht erst recht hier niemand einzudringen in das gruselige Geheimnis der alten Ruine. Deshalb spuken balzende Waldkäuze gern hier, und die Ohreule seufzt ihr schauerliches Liebeslied. Hier treffen sich im Winter die verliebten Füchse und lassen ihr heiseres Bellen erschallen, hier hört man im März das Fauchen und Kreischen liebestoller Stinkmarder, die durch einen schmalen Spalt hinuntersteigen in ihre Schlupfwinkel in den alten, verfallenen Kellern, sobald der Morgen graut. Von dem kleinen, schlanken Vetter, der etwas abseits unter einem großen Steinhaufen haust, hört man selten einen Ton. Das +Hermelin+ ist ein stilles, heimliches Tier.

März ist’s, und das Getreide beginnt zu schießen. Mit leisem Rauschen fährt der Abendwind durch das Gemäuer der alten Ruine. Da schlüpft ein schlankes Tier hervor unter dem Geröll, prüft mit den blauschwarz glimmenden Augen die Umgebung, schnuppert mit dem feuchten Näschen, setzt sich zierlich auf die Keulen und macht ein Männchen, um weitere Umschau zu haben, Hermännchen sichert und macht sich zum Jagdzug fertig. Mit zierlichen Sätzen geht’s durch den Wald auf einem glatten Wechsel, den es selbst ausgetreten hat, dann auf dem Fahrweg in dem Gleis, das die schweren Holzwagen ausgefahren haben, hinaus aufs Feld. Auf dem Grenzstein sitzt Hermännchen wieder ein Weilchen als langer Pfahl und späht nach etwas Genießbarem. Nichts ist zu sehen. Nun eilt das Wiesel in der Ackerfurche entlang, immer in weiten, eiligen Sätzen, denn hier ist keine Deckung und der Waldkauz wird bald auf Raub ausfliegen, vor dem muß man sich in acht nehmen, der hat gar spitze Krallen. Dem Bache eilt der kleine, braune Räuber zu. Schon ist er in den Büschen, die das Ufer säumen, angekommen und schlüpft durch das Gezweig, um eilig in einem alten Kaninchenbau zu verschwinden. Bewohnt ist er nicht, das weiß auch das Wiesel, aber es schlüpft stets in die alte Höhle hinein, wenn es übers Feld gekommen ist. Hier erst fühlt es sich wieder sicher nach dem unangenehmen Springen über den offenen und kahlen Acker.

Da guckt es wieder unter einer Wurzel hervor, nun steckt es Kopf und Hals weit hervor und sichert in alle Winde. Dann schlüpft es heraus, macht zum Überfluß noch ein Männchen, und dann geht es wieder am Bache entlang. Das Wasser hat die Ufer unterhöhlt und einen schmalen, halbverdeckten Pfad unter dem Ufer ausgespült. Den kennt Hermännchen und hüpft auf ihm dahin. Fast armstarke Höhlen führen von hier aus in den Bachdamm, in die schnuppert der kleine Räuber immer hinein. Das Loch ist leer, das dort auch. Weiter geht es. Da ist wieder eine Höhlung. Hier hält sich das Wiesel nicht lange mit Schnuppern und Spüren auf. Es ist wie umgewandelt und im Nu verschwunden in dem glatten, runden Loch. Einige Schritt weiter bachaufwärts ist noch eine Ausfahrt. Dort saust ein braunes Etwas heraus, plumpst ins Wasser und ist verschwunden. Gleich danach erscheint das Wiesel an der gleichen Stelle, stutzt einen Augenblick, und geht dann auch ins Wasser und schwimmt eifrig schnuppernd gegen die Strömung.

Zehn Schritt vor ihm taucht ein andrer Schwimmer auf. Eine Wanderratte, größer und dicker als das Wiesel, rudert dort aus Leibeskräften, denn sie weiß den Todfeind hinter sich. Kaum hat der kleine Räuber sein Wild erblickt, da ist er auch schon heraus aus dem Wasser und eilt in mächtigen Sätzen am Ufer hin. Schon ist er neben der Ratte und springt nach ihr. Das Wasser spritzt hoch auf, und dann sieht man von dem Räuber und auch von seinem gehetzten Wild nichts mehr.

Noch einmal ist es der Ratte gelungen, dem Verfolger zu entkommen. Schwer atmend sitzt sie unter dem Wurzelwerk der Erle und glotzt angstvoll nach dem Wasserspiegel. Naß kleben ihr die braunen Haare am Körper und lassen sie häßlich und abstoßend erscheinen. Nun endlich taucht auch Wieselchen wieder auf und schwimmt einigemal suchend und schnuppernd hin und her. Jetzt haben die scharfen Augen die zitternde Ratte erspäht und schnurstracks strebt das Hermelin auf sein Wild zu. Der Ratte ist der Weg zum Wasser abgeschnitten. Sie setzt sich auf die Keulen, hebt die zierlichen Vorderpfoten zur Abwehr und bewegt die Oberlippe zuckend auf und nieder, daß die meißelscharfen Nagezähne drohend aufblitzen.

Jetzt ist der Todfeind am Ufer, noch ein Satz und noch einer, dann wälzt sich ein quiekender und strampelnder Knäuel auf dem Schlamme, rollt hin und her, plumpst ins Wasser, aber löst sich nicht, kommt wieder aufs Trockne, wird ruhiger und stumm. Dann zerrt das Wiesel sein Opfer ganz aufs Ufer und kaut und zupft am Rattenhalse, bis es rot sprudelt und fließt, und dann leckt es und zupft wieder und kaut, bis kein Tropfen Blut mehr hervorsickert. Wiesel, mordgieriger Teufel, wie siehst du jetzt aus! Naß kleben die Haare am Körper, das Näschen und Mäulchen sind rot vom Blut, auch das weiße Vorhemdchen ist besudelt, und der weiße Bauch ist schwarz vom Schlamm!

Nur wenige Bissen reißt der kleine Räuber los von seiner erkaltenden Beute und kaut sie hinter, dann läßt er alles liegen, schwimmt durch den Bach und setzt sich drüben auf den umwachsenen Stumpf der Pappel, um sich ein wenig zu trocknen. Er schüttelt sich, daß die Haare starr nach allen Seiten stehen, dann beginnt er nach Katzenart sich zu säubern. Wieselchen leckt das weiße Vorhemdchen glatt, aber der rote Fleck will nicht verschwinden, immer und immer wieder taucht er hervor und wird breiter. Dort hatte wohl die Ratte gefaßt und eine Schmarre geschlagen. Unter stetem Lecken bringt das Hermelin das Blut schließlich doch zum Stehen, dann fährt es sich mit der Zunge noch einigemal über den Balg, juckt und kratzt sich, sträubt das Haar und schüttelt sich und ist beinahe wieder trocken.

Husch, ist es herunter vom Pappelstumpf und eilt in langen Sätzen dem Walde zu, aber diesmal oben, im Gestrüpp, nicht mehr am Wasserrande. Dort steht eine alte, hohle Weide. In Meterhöhe über dem Boden hat sie ein rundes Loch, das in den hohlen Stamm hineinführt. Das Wiesel reckt sich am Stamm in die Höhe, schnuppert und lauscht, dann krümmt es den geschmeidigen Rücken. Wie eine Feder schnellt der schlanke Räuber hoch am Stamm in die Höhe, klammert sich fest mit spitzen Krallen und steckt den Kopf in das Baumloch. Darin flattert es wild und zetert ängstlich, aber der Räuber läßt sich nicht bange machen. Bald hat er zugefaßt und springt mit dem erhaschten Feldsperling auf den Boden herab. Dann rupft und kaut das Wiesel, zermalmt den Schädel und frißt das Gehirn, leckt jedes Tröpfchen Blut auf, verzehrt etwas vom Muskelfleisch der Brust, dann leckt sich’s das Mäulchen und ist gesättigt. Dann schüttelt es sich einige Tautröpfchen aus dem Pelz und macht ein Männchen, um sich umzuschauen.

Der Wind scheint ihm eine interessante Witterung zugetragen zu haben, Hermännchen hüpft in zögernden Sätzen am Bachufer hin und macht öfter Halt, um prüfend die Luft einzuziehen. Dann bückt es sich zum Boden, tupft leise mit dem Näschen auf eine feuchte Stelle und zieht durch die gefitzte Nase den süßen Duft ein. Dann nimmt es die gefundene Fährte auf und folgt ihr auf allen Widergängen und Haken am Bache entlang, durch die Roggensaat, den jungen Klee, am Rain entlang in einen Steinhaufen, von da zur Steinbrücke am Feldweg, unter der es verschwindet. Da kommt es schon auf der andern Seite wieder hervor und rennt den Feldweg entlang. Doch nein, das ist unser Freund ja gar nicht, ein zweites, etwas kleineres, schlankeres Hermelin ist es, und unser Bekannter saust auf der Fährte des Weibchens dahin. Das aber scheint sich noch spröde der Werbung zu widersetzen, lange jedoch wird es nicht mehr dauern, da findet der stürmische Liebhaber Gehör.

Und richtig. Im Juli spielen fünf halberwachsene Wiesel mit der Mama in den Trümmern des wüsten Schlosses. Bald hier, bald da gucken die kleinen Schelmengesichter unter den Steinen hervor, hier und da huscht eins der geschmeidigen Kerlchen durch die Steinwüste. Und wie man den besetzten Fuchsbau schon in einiger Entfernung am Raubtiergeruch erkennt, so ist jetzt das ganze wüste Schloß durchduftet von dem süßlichen Parfüm der Hermelinfamilie. Sogar der Geruch der Speisereste, der Mäusefelle, Kaninchen- und Junghasenknochen wird verschleiert von diesem Duft.

Und die Zahl der Überbleibsel ist nicht gering. Eine so zahlreiche Familie will viel haben, ehe jeder satt ist. Da heißt es tüchtig arbeiten, hier ein Jungkaninchen hetzen durch dick und dünn, bis es in den Bau fährt und dort in einer Sackgasse nicht weiter kann oder bis es sich drückt, so daß es mit einem Sprung erreicht werden kann, dort einem Hasen auflauern und ihm an den Rücken springen. Und wenn ein Wiesel einmal gefaßt hat, wenn es die nadelspitzen Zähne eingehauen hat in die Nackenmuskeln, dann hilft kein Bäumen und Rennen, dann sitzt es fest, läßt sich hierhin und dorthin schleudern und macht einen Ritt mit auf dem Opfer. Und die spitzen Zähnchen arbeiten und reißen, bis eine Schlagader aufgebissen ist und der rote Lebenssaft rinnt. Dann ist der Widerstand der Beute gebrochen, seine Lebensgeister schwinden, und das Wiesel sitzt und trinkt, bis es vom Blut förmlich berauscht ist. Dann schleppt es die Beute den Kleinen zum Fraße zu.

Später begleiten die Sprößlinge die Mutter auch auf ihren Streifzügen, bis sie allmählich selbständiger werden und gegen den Herbst hin sich in die Umgegend verstreuen. Sie beginnen umherzustreifen, messen sich bald auf den Stoppelfeldern mit jungen Hamstern, bald fangen sie die braune Wühlmaus im Walde. Sie kehren auch zu Zeiten mal wieder in den Trümmerhaufen des wüsten Schlosses zurück, aber bestimmt kann man sie nirgendwo antreffen, unstet betreiben sie bald hier, bald da ihre Jagd. So kommt es, daß hier eins vom Jagdhund gewürgt wird bei der Hühnersuche, dort eins im Stall des Bauern erschlagen wird, weil es sein Interesse für Kaninchenbraten allzu unverblümt gezeigt hat.

Mögen auch einige einen frühen Tod sterben, die Mehrzahl schlägt sich doch durchs Leben, ihre Vorsicht und Schlauheit bewahrt sie doch meist vor einem Unglück. Und wenn dann der Winter kommt und mit weißen Flocken Mutter Erde einhüllt, dann zieht auch das Hermelin eine weiße Jacke an, und die schwarze Schwanzspitze guckt noch darunter hervor. Gegen den Frühling, wenn es wieder wärmer wird, dann legt es auch stückweise den alten Rock wieder an, ist eine Zeitlang weißbraun gefleckt, bis es wieder den braunen Sommerflaus trägt, der es verschwinden läßt auf dem braunen Acker, auf dem laubbedeckten Waldboden.

Ein Räuber ist das Wiesel, ein blutgieriger sogar, aber kein Naturfreund kann ihm dauernd gram sein, dazu ist es viel zu hübsch, man verzeiht ihm immer wieder auch die blutigste Übeltat.

Raubritter

Eine milde Märznacht beginnt zu weichen. Noch läßt der Waldkauz seine jauchzende Balzarie hören, noch tönt das „Guuk“ des Käuzchens aus den Kopfweiden am Bachufer. Doch bald verstummt das nächtliche Konzert. Im Dorfe kräht ein Hahn, bald antwortet ein zweiter, der östliche Himmel schmückt sich mit rosigen Tinten. Vom Kirchendache begrüßt der Hausrötel den erwachenden Tag mit seinem komischen Liede, am Bachufer erwacht das Rotkehlchen und schnickst traumverloren. Jetzt erwacht auch der Frühwind und fährt flüsternd durch das Laub der Steineiche, dann knarrt er ein wenig mit ihrem losen Aste, bläst in den Kobel des Eichhorns, verkündet ihm einen neuen Tag und eilt weiter, andre Schläfer zu wecken. Zum Spechtloch bläst er hinein, aber die Meise will noch nichts vom Aufstehen wissen, auch der Feldspatz im hohlen Apfelbaume plustert sich nur noch etwas mehr auf beim Morgengruß des Windes und schilt leise über die Störung. Und weiter eilt der lose Geselle. Dort nimmt er der Waldmaus das dürre Eichenblatt weg, unter dem sie eben eine keimende Nuß zerknabbern wollte, dann wirbelt er ein wenig im Stangenholze und verdirbt Langschwanz, dem Fuchs, die Jagd. Stampfend schlüpft das Kaninchen in den Bau, das noch rechtzeitig die Witterung des Schleichers in das wachsame Näschen bekam. Rastlos weiter eilt der Wind hinaus auf die Wiese, jagt die Nebelschwaden durcheinander, kost der jungen Magd des Försters die Wangen und spielt mit ihren Löckchen, dann geht es zum Feldgehölz. In den Fichten schlafen die Goldhähnchen und wollen geweckt sein, einer Elster ist eine wichtige Botschaft auszurichten, und vor allem der Herr Baron muß begrüßt werden, der dort seine Wohnung hat.

Ärgerlich über den dummen Wind, der ihm so unzart die Nackenfedern zaust, öffnet der +Sperber+ seine gelben Augen. „Wahrhaftig, es ist schon ganz hell, die Sonne geht schon auf“, so denkt er. Er schüttelt sein Gefieder, reckt die runden Fittiche, fächert den gebänderten Stoß, ordnet die rostbraunen Federn der Brust, juckt in den blaugrauen Schulterfedern und bringt einige quälende Federläuse zur Ruhe, -- der Herr Baron macht Toilette. Jetzt wäre eigentlich ein kleines Frühstück am Platze, aber wo ist das am leichtesten zu holen? Die Lerche, die sich soeben singend von der Scholle aufschwingt, wäre ja ein ganz guter Bissen, aber sie ist zu schnell in den Wolken verschwunden, und man muß sich mächtig anstrengen, um sie zu fangen. Meisen wieder sind leicht zu fangen, wenn sie über freies Feld fliegen, aber das tun sie selten; die Sperlinge im Dorfe sitzen noch im Weinspalier an der Pfarre und machen Frühkonzert, sehr fraglich, ob man da einen kriegt. Aber halt, an der Feldscheune waren gestern Ammern und Finken, dort ist es nicht allzu schwer, einen plumpen Finken zu fangen. Zur Not wimmelt es dort von Feldmäusen, sie schmecken zwar nicht besonders, aber sie machen auch satt. Also auf zur Feldscheune!

Mit einem raschen Schwunge wirft sich der Sperber von seinem Aste, und tief am Boden streicht er dahin, quer über die Felder zunächst, dann am Raine entlang. Gedeckt durch einen Rosenstrauch, kommt er ungesehen in die Nähe, aber als er sich in jähem Bogen unter die vermeintlichen Opfer stürzen will, findet er sich in seiner Berechnung betrogen: keine Ammer, kein Fink, nicht einmal eine lumpige Maus ist zu sehen. Geduldiges Abwarten verhilft vielleicht eher zu einem Frühstück. Dort der Balken ist ein schönes Ruheplätzchen, die Sonne scheint so warm dorthin, und versteckt sitzt man dort auch; dort setzt sich der Sperber hin und reckt und räkelt sich in der Sonne. Sein Sonnenbad gefällt ihm so, daß er fast seinen knurrenden Magen vergißt. Eine wispernde und raschelnde Feldmaus erweckt kaum seine Aufmerksamkeit. Doch plötzlich ruckt er zusammen. Gääb, gääb, lockt es aus der Luft. „Ei, fette Böhämmer“, denkt der Sperber und sitzt stockstill. Wirklich, eine Schar Bergfinken kommt im hüpfenden Bogenflug herbei und schwenkt über der breitgewehten Spreu. Gierig funkeln die gelben Augen des Strauchritters auf dem Balken, tief zwischen die Flügelbuge eingezogen ist der Kopf, jeder Muskel in den langen gelben Fängen (Beinen) strafft sich. Jetzt nahen sich die arglosen Finken wieder und lassen sich einzeln auf der Spreu nieder, da fährt in brausendem Fluge der Todfeind unter sie. Erschreckt stieben die Fremdlinge aus Lappland auseinander; doch zu spät. Ein prächtiges Männchen mit schwarzem Kopf, rostgelber Brust und schneeweißem Bürzel bildet ein gutes Ziel. Schon ist der Räuber neben ihm, jetzt eine kurze Drehung, ein sicherer Griff von der Seite her, und ein letzter Angstlaut des Opfers erstirbt unter dem furchtbaren Drucke.

Der glückliche Jäger eilt mit seiner Beute einem verborgenen Fleckchen zu, um ungestört kröpfen (fressen) zu können. Dort am Raine, wo Rainfarn und Disteln mit ihren überwinterten dürren Stengeln sich über die Ackerfurche neigen, kann keine Krähe so leicht dem Schmause zuschauen; dort läßt sich der Sperber nieder. Hastig rupft er die langen, schwarzen Schwanzfedern, die Schwungfedern, die gelben Unterflügelfedern ab, dann verschlingt er Kopf mit Schnabel, auch die Beine des Bergfinken wandern in den Kropf, dann etwas von den Eingeweiden, ein wenig Brustfleisch, und der Räuber ist für den Augenblick gesättigt.

Die warme Luft, der Sonnenschein, das leckere Mal, dies alles stimmt den Sperber froh; er schwingt sich auf und schraubt sich hoch und höher, um sich an Flugspielen zu ergötzen und ein wenig nach der Gattin auszuschauen, die im Nachbarrevier den Winter über der Jagd oblag. Ja, besonders fest sind außer der Brutzeit die ehelichen Banden der Familie Sperber nicht, aber jetzt fühlt der Gatte das Herannahen der Minnezeit in allen Gliedern, es treibt ihn fort, die Gemahlin zu suchen. Doch, siehe da, auch sie scheint die gleichen Empfindungen zu hegen; dort naht sie in raschem Fluge. Sogar zum Spielen ist sie heute aufgelegt, in elegantem Bogen stößt sie auf den Herrn Gemahl, der gewandt ausweicht, dann selbst zum Angreifer wird. Hin und her geht das Necken, oft durch längeres Kreisen unterbrochen. Voller Stolz ruht das Auge des Männchens auf seinem Weibchen. Wahrhaftig, eine stattliche Schöne! Fast doppelt so groß wie ihr Gemahl erscheint sie; die lichte Brust ist mit schmalen, dunklen Binden verziert, der Rücken in stumpfes Grau gekleidet.

Doch lange hält die Lust zum Spielen nicht an; eine trübe Wolke schiebt sich vor die Sonne, die Luft geht etwas kühler, und eilig entfliehen alle Liebesgedanken. Vor dem Mai denken ja die Sperber noch nicht an Nestbau und Kindersegen. Ein neuer Jagdzug beginnt. Frau Sperber hat bis jetzt noch nicht viel im Magen. Einen Sperling schlug sie im Pfarrgarten; doch sie hatte nur eben erst mit dem Frühstück begonnen, da schob sich zu einem offenen Fenster ein schwarzes Rohr heraus, ein Knall ertönte, und dicht neben ihr spritzte die Erde auf -- da war sie eilend geflohen und hatte den Sperling liegen lassen. Pastors Hans aber hatte ärgerlich sein Teschin beiseite gestellt; wieder war seine schöne Trommeltäubin ungerächt geblieben, die gestern Madame Sperber eben noch erwischte, als sie sich im Schlage vor dem hitzigen Verfolger retten wollte. Da hatte kein Pfeifen, kein Schreien des Besitzers etwas genützt, der geworfene Stein pfiff weit vom Räuber durch die Luft, der mit seiner schweren Beute mühsam dem Walde zustrebte. Hei, das war ein Streich, eines starken Sperberweibs würdig, noch heute freute es sich über die ohnmächtige Wut des Menschenkindes; aber allzuoft darf man die Tauben nicht heimsuchen, denn wenn die Klagen zu des Försters Ohren dringen, dann ist die Gefahr groß.

Deshalb soll der nächste Beutezug hinausgehen aufs Feld. Dort beginnt der Stoppelklee sich von den Schäden des Winters zu erholen. Plumpe Feldmäuse knabbern an den jungen grünen Blättern, Lerchen suchen dort nach Räupchen, Stare laufen hastig mit nickendem Kopfe durch die Pflanzen, um Eulenraupen und Regenwürmer zu suchen oder einen hurtigen Laufkäfer zu haschen. Dort ist Aussicht auf einen guten Braten.