Part 31
Wenn eine Kaffeebohne im Hause wäre, so hätte ich dir einen Kaffee gemacht, sagte sie zu Barbro. Willst du noch weiter hinauf in die Berge? -- Nein, erwiderte Barbro. -- So, du willst nicht weiter hinauf? -- Nein. -- Nun, mich geht es ja nichts an, sagte Oline. Willst du wieder hinunter? -- Nein, auch das nicht, ich bleibe jetzt wieder hier. -- So, du willst wieder hierbleiben? -- Ja, so wird's wohl kommen.
Oline wartet eine Weile, sie gebraucht ihren alten Kopf, der steckt bereits voller Politik: Ja, sagt sie. Dann kann ich hier loskommen. Das freut mich sehr. -- So, ist Axel ein so scharfer Herr gewesen? sagt Barbro im Scherz. -- Scharf? Er? Geh doch und treibe nicht deinen Spaß mit einer alten Frau, die nur noch auf die Erlösung wartet. Er, der Axel ist wie ein Vater und eine höhere Fügung für mich gewesen, jeden Tag und jede Stunde, anders kann ich nicht sagen. Aber ich habe nun einmal niemand von den Meinigen hier in der Gegend, ich stehe einsam und verlassen auf anderer Leute Eigentum und habe alle meine Angehörigen auf der andern Seite des Gebirges.
Aber Oline blieb da. Sie war nicht eher als nach der Trauung zu entbehren, und Oline sträubte sich lange, sagte aber endlich ja, sie wolle ihnen die Gefälligkeit erweisen und das Haus hüten und für das Vieh sorgen, während sie getraut würden. Das nahm zwei Tage in Anspruch. Als aber die Neuverheirateten heimkamen, ging Oline doch nicht. Sie verschob es immer wieder, den einen Tag behauptete sie, es sei ihr nicht gut, den andern sah es aus, als ob es regnen wollte. Sie schmeichelte Barbro, es sei jetzt auf Maaneland mit der Kost ganz anders geworden und doch auch Kaffee im Hause! Oh, Oline scheute vor nichts zurück, sie fragte Barbro bei Dingen um Rat, die sie selbst viel besser wußte. Was meinst du, soll ich die Kühe nach der Reihe melken, wie sie im Stall stehen, oder soll ich Bordelin zuerst nehmen? -- Das kannst du halten, wie du willst. -- Ja, hab' ich es nicht gesagt! ruft Oline. Du bist draußen in der Welt unter hohen und vornehmen Leuten gewesen und hast alles gelernt. Mir armen Person ist's nicht so gut gegangen.
Nein, Oline scheute vor nichts zurück, sondern trieb Politik Tag und Nacht. Erzählte sie nicht Barbro, wie sehr gut Freund sie mit ihrem Vater, mit Brede Olsen, sei! Ho, sie habe manche vergnügte Stunde mit ihm verplaudert, er sei so ein netter und freundlicher Mann, der Brede, nie höre man ein unfreundliches Wort aus seinem Munde!
Aber es ging doch nicht auf die Dauer, weder Axel noch Barbro wollte Oline länger im Hause behalten, und Barbro nahm ihr alle Arbeit aus der Hand. Oline beklagte sich nicht, aber sie sagte mit einem gefährlichen Seitenblick auf die Hausfrau und mit leicht verändertem Tone: Ja, ihr seid jetzt große Leute, sagte sie. Der Axel hat letzten Herbst eine Reise in die Stadt gemacht, hast du ihn dort getroffen? Ach nein, du bist ja in den Bergen gewesen. Er hatte etwas in der Stadt zu besorgen, er hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug gekauft. Was sind die auf Sellanraa gegen euch? Gar nicht zu vergleichen!
Oline versetzte kleine Nadelstiche, allein auch das half nichts, die Herrschaft fürchtete sich nicht vor ihr, Axel sagte ihr eines Tages geradeheraus, daß sie jetzt gehen müsse. -- Gehen? fragte Oline. Wie denn? Muß ich kriechen? Sie weigerte sich zu gehen unter dem Vorwand, daß sie nicht recht gesund sei und die Beine nicht rühren könne. Und so schlimm mußte es wirklich gehen: als ihr die Arbeit abgenommen war und sie kein Feld der Tätigkeit mehr hatte, da fiel sie zusammen und wurde tatsächlich krank. Sie schleppte sich noch eine Woche lang umher, Axel schaute sie wütend an, aber Oline blieb aus lauter Bosheit, und zuletzt mußte sie sich zu Bett legen.
Aber nun lag sie keineswegs nur da und wartete auf ihre Erlösung, sie sprach im Gegenteil stundenlang davon, daß sie bald wieder gesund werde. Sie begehrte den Doktor, eine Großartigkeit, die im Ödland völlig unbekannt war. -- Den Doktor? sagte Axel fragend. Bist du nicht bei Trost? -- Wieso? fragte Oline sanft zurück und verstand rein gar nichts. Ja, sie war ganz sanft und mild und sprach sich so erfreut aus, daß sie niemand zur Last falle, sie könne den Doktor selbst bezahlen. -- So, das kannst du? sagte Axel. -- So, kann ich es vielleicht nicht? entgegnete Oline. Und außerdem werde ich doch nicht angesichts des Erlösers wie ein Tier hier verenden sollen? -- Jetzt mischte sich Barbro ein und fragte unvorsichtigerweise: Was fehlt dir denn? Ich bringe dir doch deine Mahlzeiten. Aber den Kaffee habe ich dir in guter Absicht versagt. -- Bist das du, Barbro? fragt Oline und dreht nur die Augen nach ihr hin. Sie ist sehr elend und sieht mit den verdrehten Augen ganz unheimlich aus. Es wird wohl so sein, wie du sagst, Barbro, daß ich von einem winzigen Tröpfchen Kaffee, einem Löffelchen voll Kaffee viel kränker würde. -- Wenn du wärest wie ich, so hättest du jetzt an anderes zu denken als an Kaffee, sagte Barbro. -- Habe ich es nicht gesagt? Du hast noch nie eines Menschen Tod gewollt, sondern daß er sich bekehre und lebe. Aber was -- was sehe ich? Bist du denn in der Hoffnung, Barbro? -- Ich! rief Barbro und fügte wütend hinzu: Du gehörst auf den Mist geworfen mit deinem Mundwerk!
Hier schweigt die Kranke einen Augenblick nachdenklich, und ihr Mund zittert, als ob er durchaus lächeln möchte und doch nicht dürfe. -- Ich habe heute nacht jemand rufen hören, sagt sie. -- Sie ist nicht bei sich! flüstert Axel. -- Doch, ich bin ganz bei mir. Es war gerade, als ob jemand riefe. Es kam aus dem Wald oder vom Bach her. Es war sonderbar, gerade wie das Schreien eines kleinen Kindes. Ist Barbro hinausgegangen? -- Ja, sagte Axel, sie will deine Narrheiten nicht länger mit anhören. -- Ich spreche keine Narrheiten, ich bin nicht so von Sinnen, wie ihr meint, sagte Oline. Nein, das ist nicht des Allmächtigen Wunsch und Wille, daß ich jetzt schon mit allem, was ich von Maaneland weiß, zum Thron des Lammes eingehen soll. Ich werde wohl wieder gesund. Aber du sollst mir den Doktor holen, Axel, dann geht es schneller. Was ist das für eine Kuh, die du mir geben willst? -- Was für eine Kuh? -- Die Kuh, die du mir versprochen hast. Ist es Bordelin? -- Du sprichst in den Tag hinein, sagt Axel. -- Du weißt, daß du mir eine Kuh versprochen hast, damals, als ich dir das Leben rettete. -- Nein, das weiß ich nicht.
Da hebt Oline den Kopf und schaut ihn an. Sie ist ganz kahlköpfig und grau, ihr Kopf sitzt auf einem langen Vogelhals, sie sieht hexenmäßig und fürchterlich aus, Axel fährt zurück und greift rückwärts nach der Türklinke. -- So, sagt Oline, du bist von der Sorte! Dann sprechen wir vorerst nicht mehr davon. Ich kann auch ohne die Kuh leben und werde sie nicht mehr in den Mund nehmen. Aber es ist gut, daß du dich genau als der Mann gezeigt hast, der du bist, so weiß ich es für ein andermal.
Aber in der Nacht starb Oline, zu irgendeiner Stunde in der Nacht, jedenfalls war sie bereits kalt, als sie morgens zu ihr hereinkamen.
Die alte Oline, geboren und gestorben ...
Es war weder Axel noch Barbro unlieb, daß sie Oline für immer begraben konnten, sie brauchten jetzt nicht mehr so auf der Hut zu sein, sie konnten vergnügt leben. Barbro klagt wieder über Zahnweh, sonst ist alles gut. Aber dieses ewige wollene Tuch um den Mund, das sie immer wegziehen muß, wenn sie ein Wort reden will, ist keine kleine Plage, und Axel kann das viele Zahnweh nicht begreifen. Er hatte wohl die ganze Zeit her ihre vorsichtige Art zu kauen beobachtet, aber es fehlte ihr doch kein Zahn im Mund. -- Hast du dir denn keine neuen Zähne machen lassen? fragt er. -- Doch. -- Ja, tun die denn auch weh? -- Spotte nicht so! erwidert Barbro erzürnt, obgleich er wirklich in gutem Glauben gefragt hatte. Und in ihrer Bitterkeit kommt sie dazu, bessere Auskunft zu geben: Du siehst doch, wie es mit mir steht.
Wie es mit ihr stand? Axel sieht etwas näher zu und bemerkt, daß sie bereits anfängt einen dicken Leib zu bekommen. -- Du bist doch nicht in der Hoffnung? fragt er. -- Doch, das weißt du wohl, erwidert sie. -- Etwas vor den Kopf geschlagen starrt er sie an. In all seiner Langsamkeit sitzt er da und rechnet eine Weile: eine Woche, zwei Wochen, in der dritten Woche. -- Weiß ich das? sagt er. -- Barbro ist sehr gereizt durch dieses Zwiegespräch und fängt an laut hinauszuweinen, ja gekränkt zu weinen. Du kannst mich nur auch gleich in die Erde graben, dann bist du mich los! ruft sie.
Merkwürdig, was die Weiberleute für Gründe zum Weinen finden können!
Nein, Axel will Barbro durchaus nicht in die Erde graben, er ist ein handfester Mann, der auf den Nutzen sieht; in einem Blumenflor zu waten, dazu hat er keine Lust. -- Dann kannst du im Sommer nicht auf dem Feld arbeiten? fragt er. -- Was, nicht auf dem Feld arbeiten? erwidert sie entsetzt. Und lieber Gott, worüber ein Frauenzimmer doch plötzlich wieder lächeln kann! Als es Axel auf diese Weise nahm, rieselte ein hysterisches Glücksgefühl durch Barbros Körper, und sie rief: Für zwei werde ich arbeiten! Du wirst sehen, Axel, daß ich alles arbeite, wobei du mich anstellst, und noch viel mehr. Ich will mich abrackern und noch vergnügt dabei sein, wenn du nur zufrieden bist!
Es gab noch mehr Tränen und Lächeln und Zärtlichkeiten. Die beiden waren allein im Ödland, niemand war zu fürchten, offene Türen, Sommerwärme, Fliegengesumm. Sie war so willfährig und hingebend, alles wollte sie genau so wie er.
Nach Sonnenuntergang ist Axel damit beschäftigt, seine Mähmaschine anzuspannen, er will noch ein kleines Stück abmähen für den nächsten Morgen. Barbro kommt hastig herausgelaufen, als ob sie etwas Wichtiges zu besorgen hätte, und sagt: Du, Axel, wie hast du überhaupt daran denken können, dir jemand aus Amerika kommen zu lassen? Sie wäre ja erst bis zum Winter hier gewesen, und was hättest du da noch mit ihr angefangen? -- Seht, auf diesen Gedanken war Barbro verfallen, und nun kam sie damit angelaufen, wie wenn das notwendig wäre!
Aber es war keineswegs notwendig, Axel hatte von der ersten Stunde an eingesehen, daß er eine weibliche Hilfe für ein ganzes Jahr gewann, wenn er Barbro wieder zu sich nahm. Dieser Mann schwankt nicht, und er träumt sich nicht zu den Sternen hinauf. Nun hat er die eigene Frau im Hause und kann auch die Telegraphenlinie noch eine Zeitlang behalten. Im Jahre macht das doch viel Geld aus, und das ist ihm sehr willkommen, solange er nicht viel vom Ertrag des Hofes verkaufen kann. Alles geht und fügt sich ineinander, er ist mitten in der Wirklichkeit. Und von Brede, der jetzt sein Schwiegervater ist, erwartet er auf der Telegraphenlinie keinen Überfall mehr.
Das Glück fängt an, Axel mit seinen Gaben zu überschütten.
11
Die Zeit vergeht, der Winter vergeht, es wird wieder Frühling. Natürlich mußte Isak eines Tages notwendig ins Dorf. Es wurde gefragt, was er dort wolle. Ich weiß es nicht recht, sagte er. Aber er putzte den Karren sehr rein, stellte den Sitz darauf und fuhr davon. Und natürlich hatte er verschiedentliche Eßwaren für Eleseus auf Storborg bei sich. Es fuhr ja kein Wagen von Sellanraa ab, der nicht irgend etwas für Eleseus mitnahm.
Wenn Isak das Ödland hinunterfuhr, so war das kein unbedeutendes Ereignis; er selbst tat es nur selten, Sivert pflegte es an seiner Statt zu tun. In den zwei ersten Ansiedlungen stehen die Leute unter der Gammentür und sagen zueinander: das ist der Isak selbst, ich möchte nur wissen, warum er heute fährt. Als er nach Maaneland kommt, steht Barbro mit einem Kind auf dem Arm unter dem Fenster, und als sie ihn sieht, denkt sie: das ist der Isak selbst!
Er kommt nach Storborg und hält an: Prrr! Ist Eleseus daheim? -- Eleseus kommt heraus. Jawohl, er ist daheim, er ist noch nicht abgereist, aber er will abreisen, er will seinen Frühlingsausflug nach den Städten im Süden antreten. -- Da schickt dir die Mutter etwas, sagt der Vater. Ich weiß nicht, was es ist, es wird weiter nichts Besonderes sein. -- Eleseus nimmt die Gefäße entgegen, dankt und fragt: Hast du nicht auch einen Brief oder so etwas? -- Doch, antwortet der Vater und sucht in seinen Taschen. Er ist wohl von der kleinen Rebekka. -- Eleseus bekommt den Brief, darauf hat er gewartet, er sieht, daß er schön dick ist, und sagt zu seinem Vater: Es ist sehr schade, daß du so früh kommst, zwei Tage zu früh. Aber wenn du ein bißchen warten willst, kannst du meinen Koffer gleich mitnehmen.
Isak steigt ab und bindet das Pferd an. Dann macht er einen Gang über die Felder. Der kleine Ladendiener Andresen ist kein schlechter Landwirt auf Eleseus' Grund und Boden, Sivert ist ihm allerdings mit den Pferden von Sellanraa zu Hilfe gekommen, aber er hat auch auf eigene Faust Moor entwässert und einen Mann zu Hilfe genommen, der die Gräben mit Steinen auslegte. In diesem Jahr braucht auf Storborg kein Futter gekauft zu werden, und im nächsten Jahr konnte sich Eleseus vielleicht ein eigenes Pferd halten. Das hatte er Andresens Freude an der Landwirtschaft zu verdanken.
Nach einiger Zeit ruft Eleseus, daß er seinen Koffer gepackt habe und fertig sei. Er selbst steht auch fertig da und will mitkommen, er hat einen schönen blauen Anzug an und trägt einen weißen Kragen um den Hals, Galoschen an den Füßen und einen Spazierstock in der Hand. Allerdings kommt er so mehr als zwei Tage zu früh für das Postboot, aber das macht nichts, er kann ja im Dorf solange warten; es ist ganz einerlei, wo er sich aufhält.
Vater und Sohn fahren ab. Der Ladendiener Andresen steht unter der Ladentür und wünscht: Glückliche Reise!
Der Vater ist besorgt für seinen Sohn und will ihm den Sitz allein überlassen, aber Eleseus lehnt sofort entschieden ab und setzt sich neben den Vater. Sie kommen an Breidablick vorbei, da fällt es Eleseus plötzlich ein, daß er etwas vergessen hat. Prrr! Was denn? fragt der Vater. Oh, es ist der Regenschirm, Eleseus hat seinen Regenschirm vergessen; das kann er nicht offen sagen, deshalb sagt er nur: Das hilft jetzt nichts, fahr zu! -- Wollen wir nicht umkehren? -- Nein, fahr zu! -- Aber es war eine verwünschte Sache, daß er auch so vergeßlich sein mußte! Das kam von der großen Eile, weil der Vater über die Felder wanderte und auf ihn wartete. Nun mußte sich Eleseus aber, wenn er nach Drontheim kam, einen neuen Regenschirm kaufen. Es tat ja auch nichts, wenn er zwei Regenschirme hatte. Aber er ist so ärgerlich auf sich selbst, daß er abspringt und hinter dem Wagen hergeht.
Auf diese Weise können die beiden nicht viel miteinander reden, weil sich der Vater nun bei jedem Wort umdrehen und über die Achsel reden muß. Der Vater fragt: Wie lange bleibst du weg? und Eleseus antwortete: Drei bis vier Wochen etwa. -- Der Vater spricht seine Verwunderung aus darüber, daß sich die Leute in den großen Städten nicht verirren, aber Eleseus sagt ihm, er sei selbst an die großen Städte gewöhnt, er habe sich noch nie verirrt. -- Nun meint der Vater, es sei eine Schande, daß er allein auf dem Wagen sitze, und er sagt: Mußt du eine Weile fahren, ich mag nicht mehr. Eleseus will jedoch seinen Vater um keinen Preis von dem Sitz vertreiben und steigt lieber selbst wieder zu ihm auf. Aber vorher halten sie eine Mahlzeit aus des Vaters schönem Mundvorrat. Dann fahren sie weiter.
Endlich kommen sie zu den beiden Ansiedlungen, die am weitesten unten im Tal liegen, und man merkt jetzt wohl, daß man in der Nähe des Dorfes ist; auf beiden Neusiedlungen hängen wahrhaftig an dem kleinen Stubenfenster, das nach der Straße geht, weiße Vorhänge, und auf dem Dachfirst des Heubodens ist eine kleine Stange für die Flagge zu Ehren des siebzehnten Mai aufgepflanzt. -- Das ist der Isak selbst, sagen die Leute der beiden Ansiedlungen, als sie die Reisenden sehen.
Endlich vermag Eleseus seine Gedanken so weit von seiner eigenen Person und seinen eigenen Angelegenheiten abzulenken, daß er fragt: Was hast du eigentlich heute vor? -- Hm! eigentlich nichts Besonderes, erwidert sein Vater. Aber Eleseus reiste ja jedenfalls ab, so konnte es also nichts schaden, wenn er erfuhr, was der Vater vorhatte. -- Die Jensine vom Schmied will ich holen, erklärte der Vater, ja, gesteht er wirklich zu. -- Mußt du dir selbst die Mühe machen; hätte denn nicht Sivert fahren können? fragt Eleseus. -- Seht, Eleseus verstand es nicht besser, er meinte also, Sivert werde Jensine mit dem Wagen wiederholen, nachdem sie einmal so hochmütig getan hatte und von Sellanraa fortgegangen war!
Nein, es war letztes Jahr mit dem Heumachen gar nicht gegangen. Inger hatte sich allerdings sehr darangehalten, wie sie versprochen hatte, Leopoldine tat auch ihre Arbeit, und dazu hatten sie auch den Heurechen, der von einem Pferd gezogen wurde. Aber das Heu war zum Teil schweres Timotheusgras und die Wiesen weit vom Hause entfernt. Sellanraa war jetzt ein großes Gut, die Frauen hatten dort anderes zu tun, als Heu zu machen; all das viele Vieh mußte versorgt werden, das Essen mußte zur rechten Zeit fertig sein, das Buttern und Käsemachen war zu besorgen, desgleichen das Waschen und das Backen, Mutter und Tochter schafften sich gar zu sehr ab. Einen solchen Sommer wollte Isak nicht noch einmal erleben, er bestimmte kurz und gut, daß Jensine wiederkommen solle, wenn sie zu haben sei. Inger hatte jetzt auch nichts mehr dagegen, sie hatte ihren Verstand wieder und sagte: Meinetwegen mach es, wie du willst. Oh, Inger war jetzt fügsamer geworden, es ist keine kleine Sache, wenn man seinen verlorenen Verstand wiederkriegt. Inger hatte keine heiße Glut mehr zu verstecken, keine innere Leidenschaft mehr im Zaum zu halten, der Winter hatte sie abgekühlt, sie hatte nur noch Glut genug für den Hausgebrauch. Sie fing jetzt an, an Körperfülle zuzunehmen, schön und stattlich sah sie aus. Es war merkwürdig, wie wenig sie alterte, sie wurde nicht stückweise alt und welk, vielleicht kam es daher, weil sie erst so spät aufgeblüht war. Gott mag wissen, woher alles kommt, nichts hat nur eine einzige Ursache, alles hat eine Ursachen_reihe_! Und hatte nicht Inger das größte Lob bei der Frau des Schmieds? Was konnte die Schmiedfrau ihr vorwerfen? Durch ihr verunziertes Gesicht war sie um ihren Lenz betrogen worden, später war sie in künstliche Luft versetzt worden, und dadurch waren ihr sechs Jahre ihres Sommers gestohlen; da sie aber doch heißes Blut hatte, mußte ihr Herbst wilde Schößlinge treiben. Inger ist besser als so eine Schmiedfrau, zwar ein bißchen beschädigt, ein bißchen verzerrt, aber eine gute Natur, eine tüchtige Natur ...
Vater und Sohn fahren weiter, sie fahren an Brede Olsens Herberge vor und führen das Pferd in den Schuppen. Es ist Abend geworden. Sie selbst gehen ins Haus.
Brede Olsen hat dieses Haus gemietet, es ist eigentlich ein Nebengebäude, das dem Kaufmann gehört, jetzt sind zwei Stuben und zwei Schlafkammern darin eingerichtet; es ist ganz erträglich, und die Lage ist gut, das Haus wird von Kaffeegästen besucht und außerdem von den Leuten in der Umgegend, die mit dem Postschiff fahren wollen.
Brede scheint wirklich einmal Glück gehabt zu haben, er ist auf den richtigen Platz gekommen, und das hat er seiner Frau zu verdanken. Bredes Frau kam auf den Gedanken, dieses Kaffeehaus und diese Herberge einzurichten, als sie während der Versteigerung auf Breidablick Kaffee verkaufte; das war damals sehr unterhaltend gewesen, es war angenehm, Münze zwischen den Fingern zu haben, bares Geld. Seit sie hierhergekommen sind, ist alles gut gegangen, die Frau verkauft jetzt im Ernst Kaffee und beherbergt allerlei Leute, die kein Dach über dem Kopf haben. Sie wird auch von den Reisenden recht gelobt. Natürlich ist ihre Tochter Katrine, die jetzt ein großes Mädchen und eine flinke Aufwärterin ist, eine gute Hilfe. Aber ebenso natürlich ist es nur eine Zeitfrage, bis wann die kleine Katrine nicht mehr im Hause ihrer Eltern sein und da aufwarten wird. Aber inzwischen geht es ganz ordentlich mit dem Umsatz, und das ist die Hauptsache. Der Anfang war entschieden gut gewesen und hätte noch besser sein können, wenn sich der Kaufmann genügend mit Brezeln und Spekulatius zum Kaffee vorgesehen hätte; da saßen nun alle Leute, die den siebzehnten Mai feiern wollten, und riefen vergebens nach Kuchen zum Kaffee: Kaffeekuchen! Da lernte es der Kaufmann, sich mit Backwaren für die Feste des Dorfes zu versehen.
Brede und die ganze Familie leben von diesem Betrieb, so gut es geht. Zu gar vielen Mahlzeiten gibt es nichts als Kaffee mit übriggebliebenem Kaffeekuchen, aber auch das hält Leib und Seele zusammen, und die Kinder bekommen davon ein feines, ja sozusagen ein verfeinertes Aussehen. Es haben nicht alle Kuchen zum Kaffee! sagten die Leute im Dorf. Der Familie Brede scheint es gut zu gehen, sie halten sogar einen Hund, der bei den Gästen herumschleicht, Bissen erschnappt und fett wird. Was ist doch so ein fetter Hund eine Anpreisung für die Verpflegung in einer Herberge!
Brede Olsen nimmt also die Stelle des Hausherrn in diesem Betrieb ein und hat sich auch nebenher emporgearbeitet. Er ist wieder der Begleiter und Amtsdiener des Lensmannes geworden und hatte in dieser Stellung eine Zeitlang viel zu tun. Aber letzten Herbst hat seine Tochter Barbro mit der Frau Lensmann Streit bekommen, wegen einer Kleinigkeit, geradeheraus gesagt, wegen einer Laus, und seit der Zeit ist auch Brede bei der Herrschaft nicht mehr gern gesehen. Aber Brede hat dadurch nicht viel verloren, er hat andere Herrschaften, die ihn, gerade um die Frau Lensmann zu ärgern, aufsuchen, so daß er als Doktorkutscher ein gesuchter Mann ist, und die Frau Pfarrer hat gar nicht so viele Schweine, als sie Brede gerne schlachten lassen würde -- das sind seine eigenen Worte.
Manchmal ist allerdings auch jetzt noch bei der Familie Brede Schmalhans Küchenmeister, und nicht alle sind so fett wie der Hund. Aber Gott sei Dank, Brede hat einen leichten Sinn: Die Kinder werden alle Tage größer, sagt er, obgleich auch immer wieder neue kleine dazukommen. Die Großen, die fortgezogen sind, sorgen ja nun für sich selbst und schicken zuweilen auch eine Kleinigkeit nach Hause. Barbro ist auf Maaneland verheiratet, und Helge ist beim Heringsfang; sie geben den Eltern Waren oder Geld, wenn sie es möglich machen können, ja, sogar Katrine, die zu Hause die Gäste bedient, hat im Winter einmal, als es recht trübe aussah, ihrem Vater einen Fünfkronenschein zustecken können. Das ist ein Mädchen! rühmte Brede, und er fragte nicht danach, von wem und wofür sie den Schein bekommen habe. So war es recht, die Kinder sollten ein Herz für ihre Eltern haben und ihnen beistehen!
Mit seinem Sohn Helge ist Brede nicht ebenso zufrieden; zuweilen steht er im Kaufladen und entwickelt allen, die ihm zuhören wollen, seine Ansichten über die Pflichten der Kinder ihren Eltern gegenüber: Nehmt zum Beispiel meinen Sohn Helge. Wenn er ein bißchen Tabak raucht und gelegentlich einmal ein Gläschen trinkt, so hab' ich gar nichts dagegen, wir sind alle einmal jung gewesen. Aber er soll uns nicht einen Brief um den andern schicken mit nichts darin als schönen Grüßen. Er soll nicht die Ursache sein, daß seine Mutter weint. Das ist unrecht. In früherer Zeit war es anders. In früheren Zeiten waren sich die Kinder nicht zu gut dazu, sie gingen in einen Dienst und halfen ihren Eltern. So sollte es immer sein. Haben nicht Vater und Mutter sie unter dem Herzen getragen und blutigen Schweiß geschwitzt, bis sie sie großgezogen hatten? Das sollten sie nie vergessen.
Es war gerade, als hätte Helge diese Rede seines Vaters mit angehört, denn eben jetzt kam ein Brief von ihm mit einem Geldschein, einem ganzen Fünfzigkronenschein. Und nun fing in der Familie Brede ein Herrenleben an; sie kauften in ihrem Übermut Fisch und Fleisch zum Mittagessen und eine Hängelampe mit Prismen dran in die beste Stube der Herberge.
So verging ein Tag nach dem andern, und was will man mehr? Die Familie Brede lebte weiter, lebte von der Hand in den Mund, aber ohne sich große Sorgen zu machen, und was will man mehr?