Segen der Erde: Roman

Part 32

Chapter 323,882 wordsPublic domain

Das ist einmal ein seltener Besuch! rief Brede und führte Isak und Eleseus in die Stube mit der Prismenlampe. Aber was sehe ich! Du, Isak, wirst doch nicht verreisen wollen! -- Nein, ich habe nur beim Schmied etwas zu besorgen. -- So, dann ist es wohl Eleseus, der wieder seine Reise in die Städte antritt?

Eleseus ist an das Leben in Gasthäusern gewöhnt, er macht sich's bequem, hängt seinen Überzieher und seinen Stock auf und verlangt Kaffee. Etwas zu essen hat der Vater mit. Katrine kommt mit Kaffee. -- Nein, ihr dürft nichts bezahlen, erklärt Brede. Ich bin schon sooft in Sellanraa bewirtet worden, und bei Eleseus stehe ich auch im Schuldbuch. Du nimmst keine Öre, Katrine! -- Aber Eleseus bezahlt, er zieht den Beutel und bezahlt und gibt noch zwanzig Öre Trinkgeld. Nichts da! Kein Geschwätz!

Isak geht zum Schmied, und Eleseus setzt sich wieder.

Mit Katrine spricht er das Notwendigste, aber nicht mehr, er unterhält sich lieber mit ihrem Vater. Nein, Eleseus macht sich nichts aus den Mädchen, er ist einmal von ihnen schlecht behandelt worden, und jetzt will er nichts mehr von ihnen wissen. Vielleicht hat er überhaupt nie einen Liebesdrang gehabt, der der Rede wert gewesen wäre, da er sich gar nicht um sie kümmert. Ein wunderbarer Mann im Ödland, ein Herr mit schmächtigen Schreiberhänden und ganz weiblichem Sinn für Putz und Regenschirm und Spazierstock und Gummischuhe. Verschroben, verdreht, ein unverständlicher Junggeselle. Auf einer Oberlippe will nicht einmal ein rechter Bart wachsen. Aber vielleicht hatte dieser Junge einmal gute Anlagen gehabt, war einmal von Natur ordentlich ausgesteuert gewesen, war aber dann in unnatürliche Verhältnisse gekommen und zum Wechselbalg geworden. Ist er so fleißig auf einem Büro und in einem Kaufladen gewesen, daß all seine Ursprünglichkeit verlorengegangen ist? Vielleicht war es so. Jedenfalls ist er nun da, gewandt und leidenschaftslos, etwas schwächlich, etwas gleichgültig, und geht weiter und weiter auf seinem Abweg. Er könnte jeden einzelnen Mann im Ödland beneiden, allein nicht einmal dazu ist er imstande.

Katrine ist daran gewöhnt, mit den Gästen zu scherzen, und nun zieht sie ihn auf, er wolle wohl wieder gen Süden zu seiner Liebsten? -- Ich habe andere Dinge im Kopf, erwidert Eleseus. Ich will Geschäfte machen, Verbindungen anknüpfen. -- Du mußt besseren Leuten gegenüber nicht so zudringlich sein, Katrine, ermahnt sie ihr Vater. Oh, Brede Olsen ist sehr höflich gegen Eleseus, ganz ungeheuer respektvoll. Das darf er auch wohl sein, es ist klug von ihm, er ist auf Storborg Geld schuldig und steht seinem Gläubiger gegenüber. Und Eleseus? Ho, ihm gefällt diese Höflichkeit, und er ist dafür gut und gnädig. Hochverehrtester! heißt er Brede im Spaß und spielt sich auf. Er spricht davon, daß er wieder seinen Regenschirm vergessen habe. Gerade in dem Augenblick, als wir an Breidablick vorbeifuhren, fiel mir mein Regenschirm ein! -- Brede fragt: Ihr werdet wohl heute abend bei unserm kleinen Kaufmann ein Glas Toddy trinken? -- Und Eleseus antwortet: Ja, wenn ich allein wäre! Aber ich habe meinen Vater bei mir. -- Brede tut ganz behaglich und plaudert weiter: Übermorgen kommt ein Mann hierher, der wieder nach Amerika zurück will. -- Ist er zu Besuch daheim gewesen? -- Ja. Er ist vom Oberdorf. Er ist eine lange Reihe von Jahren drüben gewesen, aber nun hat er den Winter daheim zugebracht. Sein Koffer ist schon mit einer Fuhre heruntergekommen, das ist ein Riesenkoffer. -- Ich hab' auch schon daran gedacht, nach Amerika zu gehen, sagt Eleseus aufrichtig. -- Ihr? ruft Brede. Ihr habt das doch nicht nötig. -- Ich bliebe wahrscheinlich auch nicht für Zeit und Ewigkeit drüben, ich weiß nicht. Aber ich habe schon so viele Reisen gemacht, da könnte ich auch diese einmal machen. -- Gewiß. Und man muß drüben in dem Amerika wüst Geld verdienen. Nehmen wir nur einmal den Mann an, von dem ich vorhin gesprochen habe. Er hat jetzt im Winter droben im Oberdorf ein Weihnachtsvergnügen nach dem andern bezahlt, und wenn er zu mir kommt, so sagt er: Ich will einen ganzen Kessel Kaffee haben und allen Kaffeekuchen, den du hast! Ja, so sagt er. Wollt Ihr seinen Koffer sehen?

Sie gingen in den Gang hinaus und betrachteten den Koffer. Ein wahres Weltwunder, glänzte auf allen Seiten von Metall und Beschlägen, mit drei Schnappschlössern dran, noch außer dem eigentlichen Schloß. -- Diebssicher! sagte Brede, wie wenn er den Versuch gemacht hätte.

Sie gingen wieder ins Zimmer hinein, aber Eleseus war still geworden. Dieser Mann aus dem Oberdorf machte ihn völlig zunichte, der trat auf Reisen wie der größte Beamte auf; Brede war augenscheinlich ganz von diesem Menschen erfüllt. Eleseus verlangte noch mehr Kaffee und versuchte auch reich zu tun; er verlangte Kuchen zu seinem Kaffee und fütterte den Hund damit. Ach ja, aber er fühlte sich dennoch gering und niedergeschmettert. Was war sein eigener Koffer diesem Wunderwerk gegenüber? Da stand er, schwarzes Wachstuch, die Ecken verstoßen und weiß geworden, ein Handkoffer -- bei Gott, er wollte sich einen prachtvollen Koffer kaufen, wenn er hinunterkam -- paßt nur auf! Gebt doch dem Hund nichts! sagte Brede. -- Aber Eleseus war wieder ein bißchen Mensch geworden und spielte sich auf. Das ist einmal ein riesig fetter Hund! sagte er.

Von dem einen Gedanken kam er auf den andern, er brach die Unterhaltung mit Brede ab und ging hinaus, ging in den Schuppen zu dem Pferd. Dort machte er den Brief auf, den er in der Tasche hatte. Er hatte ihn nur eingesteckt und nicht nachgesehen, wieviel Geld er enthielt; er hatte solche Briefe von zu Hause schon öfters erhalten, und es waren immer verschiedene Geldscheine darin gewesen, eine Beisteuer zu der Reise. Was war aber jetzt das? Ein großes Stück graues Papier, über und über bemalt von der kleinen Rebekka für ihren lieben Bruder Eleseus, dabei ein Briefchen von der Mutter. Was sonst noch? Nichts mehr. Kein Geld.

Die Mutter schrieb, sie habe den Vater nicht mehr um Geld bitten können, denn es sei jetzt von dem Reichtum, den sie seinerzeit für den Kupferberg bekommen hätten, nicht mehr viel übrig. Das Geld sei für den Ankauf von Storborg und seither für alle die Waren und für die vielen Reisen draufgegangen. Nun müsse er versuchen, sich das Geld für die Reise diesmal selbst zu beschaffen, denn das Geld, das jetzt noch da sei, müßten seine Geschwister bekommen, die dürften auch nicht ganz leer ausgehen. Glückliche Reise und herzliche Grüße!

Kein Geld.

Eleseus hatte selbst nicht genug Geld für die Reise, er hatte seine Ladenkasse umgekehrt, aber nicht viel darin gefunden. Ach, wie dumm war er gewesen; er hatte erst neulich seinem Lieferanten in Bergen einen Geldbrief geschickt und einige Rechnungen bezahlt. Das hätte warten können. Natürlich war es auch allzu sorglos von ihm gewesen, sich auf den Weg zu machen, ohne vorher den Brief zu öffnen, da hätte er sich die Wagenfahrt ins Dorf mit seinem elenden Koffer sparen können. Jetzt stand er da ...

Der Vater kam vom Schmied zurück mit wohlgelungener Besorgung: Jensine wollte morgen mit ihm kommen. Seht, Jensine war durchaus nicht querköpfig gewesen und hatte sich nicht lange bitten lassen, sie hatte sofort begriffen, daß man auf Sellanraa eine Hilfe für die Sommerarbeit brauchte und hatte nichts dagegen, wiederzukommen. Wieder ein glatter Bescheid.

Während der Vater erzählt, denkt Eleseus über seine eigenen Angelegenheiten nach. Er zeigt dem Vater den Koffer des Amerikaners und sagt: Ich wäre froh, wenn ich da stünde, wo dieser Koffer hergekommen ist! -- Und der Vater erwidert: Ja, das wäre noch nicht das schlimmste ...

Am nächsten Morgen macht sich der Vater zur Heimfahrt bereit; er frühstückt, spannt an und fährt beim Schmied vor, um Jensine und ihre Truhe abzuholen. Eleseus sieht ihnen lange nach, und als der Wagen im Walde verschwunden ist, bezahlt er in der Herberge und gibt wieder ein Trinkgeld. Laß meinen Koffer da stehen, bis ich zurückkomme, sagt er zu Katrine und geht fort.

Wo geht Eleseus hin? Er hat nur einen Ort, wo er hingehen kann, er dreht um, er muß in sein Heim zurückkehren. Er nimmt den Weg hinauf unter die Füße und gibt sich Mühe, dem Vater und Jensine so nahe als möglich zu bleiben, ohne von ihnen gesehen zu werden. Er geht und geht, und jetzt fängt er wirklich an, jeden einzelnen Ödlandbauern zu beneiden.

Es ist schade um Eleseus, er ist vom Leben so verdreht worden.

Betreibt er denn nicht auf Storborg einen Kaufladen? Jawohl, aber dort Herr zu sein, das will doch gar nichts heißen, er macht zu viele vergnügliche Reisen, um Geschäftsverbindungen anzuknüpfen, die kosten zuviel, er reist nicht billig. Nur nicht kleinlich sein! sagt Eleseus und gibt zwanzig Öre Trinkgeld, wo zehn auch genug wären. Diesen flotten Herrn kann sein Geschäft nicht erhalten, er braucht Zuschuß von zu Hause. Jetzt erntet man auf Storborg Kartoffeln, Heu und Korn für den Haushalt, aber der Belag aufs Brot muß von Sellanraa kommen. Ist das alles? Sivert muß alle Waren umsonst von der Küste herauffahren. Ist das jetzt alles? Die Mutter muß ihm vom Vater das Geld zu seinen Reisen verschaffen. Ist das jetzt alles?

Das Schlimmste kommt noch.

Eleseus betreibt sein Geschäft wie ein Narr. Er fühlt sich so geschmeichelt, wenn die Leute aus dem Dorf zu ihm heraufkommen, um einzukaufen, daß er ihnen gern auf Borg gibt. Und als das einmal bekannt wird, kommen mehr und immer mehr und kaufen auf Borg; Eleseus ist entgegenkommend und borgt, sein Laden wird leer und füllt sich wieder. Das alles kostet Geld. Wer bezahlt? Der Vater.

Im Anfang war die Mutter seine gläubige Fürsprecherin: Eleseus sei der helle Kopf in der Familie, man müsse ihm ordentlich vorwärts helfen. Bedenke nur, wie billig er Storborg bekommen hat, und wie er gleich haarscharf sagte, was er dafür geben wolle! Wenn der Vater meinte, Eleseus' Geschäft sei allmählich die reine Komödie, so erwiderte seine Mutter: Was ist das für ein Geschwätz! und sie gebrauchte so deutliche Redensarten, daß es war, als sei der gute Isak Eleseus gegenüber doch gar zu familiär geworden.

Seht, die Mutter war selbst weggewesen und hatte Reisen gemacht, sie begriff, daß Eleseus hier im Ödland nicht recht gedeihen konnte, er war an feinere Sitten gewöhnt, hatte sich in allerlei Gesellschaftskreisen bewegt, und hier fehlten ihm Ebenbürtige. Allerdings, er borgte armen Leuten zuviel; aber das tat Eleseus nicht aus Bosheit und um seine Eltern zu ruinieren, er tat es aus guter und vornehmer Veranlagung, er hatte den Drang, den Leuten, die unter ihm standen, zu helfen. Du liebe Zeit, er war der einzige Mensch im Ödland mit einem weißen Taschentuch, das fortwährend gewaschen werden mußte. Wenn sich die Leute vertrauensvoll an ihn wandten und um Kredit baten und er hätte nein gesagt, so hätte das mißverstanden werden können, als sei er nicht der ausgezeichnete Mensch, für den er galt. Außerdem hatte er auch Pflichten als der Städter und das Genie unter den Bewohnern des Ödlandes.

Dies alles zog die Mutter wohl in Betracht.

Aber der Vater, der davon keinen Deut begriff, öffnete ihr eines Tages die Augen und die Ohren und sagte: Sieh her, das ist jetzt der Rest von dem Geld für das Kupferbergwerk. -- So, so, sagte sie. Und wo ist denn das andere hingekommen? -- Das hat alles Eleseus bekommen. -- Dann soll er endlich einmal seinen Verstand gebrauchen!

Armer Eleseus, er ist zerfahren und verpfuscht. Er hätte Ödlandbauer bleiben sollen, jetzt ist er ein Mensch, der Buchstaben zu schreiben gelernt hat, er hat keinen Unternehmungsgeist, keine Tiefe. Aber ein kohlschwarzer Teufelskerl ist er auch nicht, er ist nicht verliebt und nicht ehrgeizig, er ist eigentlich gar nichts, nicht einmal ein großer Übeltäter.

Der junge Mann hatte etwas Unglückliches, etwas Verurteiltes an sich, wie wenn er in seinem Innern Schaden genommen hätte. Der gute Bezirksingenieur aus der Stadt hätte ihn lieber in seiner Jugend nicht entdecken, ihn nicht zu sich nehmen und nicht etwas aus ihm machen sollen, da wurden dem Kinde die Wurzeln abgerissen, und es fuhr schlecht dabei. Alles, was er jetzt vornimmt, läßt einen Schaden bei ihm erkennen, etwas Dunkles auf hellem Grunde ...

Eleseus geht und geht. Die beiden auf dem Wagen sind an Storborg vorbeigefahren. Eleseus macht einen Bogen darum herum und wandert auch an Storborg vorbei; was sollte er daheim in seinem Kaufladen? Die zwei auf dem Wagen kamen mit Anbruch der Nacht auf Sellanraa an, Eleseus ist ihnen dicht auf den Fersen. Er sieht, daß Sivert auf den Hofplatz herauskommt und verwundert Jensine betrachtet; die beiden geben einander die Hand und lachen ein wenig, dann nimmt Sivert das Pferd am Zügel und führt es in den Stall.

Jetzt wagt sich auch Eleseus hervor, er, der Stolz der Familie wagt sich hervor. Er geht nicht, er schleicht, er trifft Sivert im Stall. Ich bin's nur, sagt er. -- Was, du bist auch da? ruft Sivert und ist von neuem verwundert.

Die beiden Brüder reden leise miteinander, es handelt sich darum, ob Sivert wohl die Mutter dazu bringen kann, Geld herbeizuschaffen, eine Rettung, Reisegeld. So wie jetzt könne es nicht weitergehen.

Eleseus habe es jetzt satt, er habe schon oft daran gedacht, und heute nacht solle es nun geschehen, eine lange Reise, Amerika, jetzt in dieser Nacht noch. -- Amerika! sagt Sivert laut. -- Pst! Ich habe schon oft daran gedacht, jetzt mußt du die Mutter dazu bringen, es geht so nicht weiter, ich habe schon oft daran gedacht. -- Aber Amerika! sagt Sivert. Nein, das darfst du nicht tun. -- Unbedingt! Ich gehe auf der Stelle wieder zurück, ich erreiche das Postschiff noch. -- Du wirst doch wohl vorher etwas essen? -- Ich bin nicht hungrig. -- Willst du nicht ein wenig schlafen? -- Nein.

Sivert will seinem Bruder wohl und sucht ihn zurückzuhalten, allein Eleseus ist standhaft, zum erstenmal standhaft. Sivert ist ganz verwirrt, zuerst, als er Jensine sah, war ihm schon ein wenig sonderbar zumut geworden, und nun will Eleseus das Ödland vollständig verlassen, sozusagen diese Welt verlassen. -- Was willst du mit Storborg anfangen? fragt er. -- Andresen kann es haben, antwortet Eleseus. -- Andresen kann es haben, wieso denn? -- Bekommt er denn nicht Leopoldine? -- Das weiß ich nicht. Doch das kann wohl sein.

Sie reden und reden immer leise weiter. Sivert meinte, es wäre am besten, wenn der Vater selbst herauskäme, so daß Eleseus mit ihm reden könnte; aber nein, nein! flüstert Eleseus zurück. Nein, das könne er nicht; er hat es noch nie vermocht, Gefahren von solcher Art ins Angesicht zu schauen, er hat stets einen Vermittler nötig gehabt. Sivert sagt: Du weißt ja, wie die Mutter ist. Mit ihr kommst du nicht weiter vor lauter Tränen und Zuständen, sie darf es nicht wissen. -- Nein, sagt auch Eleseus, sie darf es nicht wissen.

Sivert geht ins Haus, er bleibt eine Ewigkeit weg und kommt mit Geld zurück, mit viel Geld. Da sieh her, das ist alles, was er hat; meinst du, es sei genug? Zähl nach, er hat das Geld nicht gezählt. -- Was hat der Vater gesagt? -- Er hat nicht viel gesagt. Jetzt mußt du noch einen Augenblick warten, ich zieh nur noch etwas an und komme mit dir. -- Das darfst du nicht, du mußt schlafen gehen. -- So? Fürchtest du dich vielleicht, wenn du in der Dunkelheit eine Weile allein im Stall bleiben sollst? fragt Sivert mit einem schwachen Versuch zu scherzen.

Er bleibt nur einen Augenblick weg, kommt fertig angezogen zurück und bringt auch des Vaters Rucksack mit dem Mundvorrat mit. Wie sie hinausgehen, steht plötzlich der Vater vor ihnen: Was höre ich, du willst so weit fort? sagt er. -- Ja, erwiderte Eleseus, aber ich komme wieder. -- Ach, ich steh nur da und halte dich auf, murmelt der Alte und kehrt um. Glückliche Reise! ruft er noch mit sonderbar heiserer Stimme zurück und geht rasch seines Weges.

Die Brüder wandern zusammen den Weg hinunter, und nach einer Weile setzen sie sich und essen. Eleseus ist hungrig, er kann kaum gesättigt werden. Es ist die herrlichste Frühlingsnacht, auf allen Hügeln balzen die Auerhähne, und dieser heimische Laut macht den Auswanderer einen Augenblick verzagt. Es ist schönes Wetter, sagt er. Aber jetzt mußt du umdrehen, Sivert. -- So, sagt Sivert und geht weiter. -- Sie kommen an Storborg vorbei, an Breidablick vorbei, die Auerhähne balzen auf dem ganzen Weg auf dem und jenem Hügel; es ist keine Hornmusik wie in den Städten, nein, aber es sind Stimmen, das öffentliche Aufgebot, das den Frühling verkündigt. Plötzlich hören sie den ersten Singvogel vom Gipfel eines Baumes, er weckt auch andere, sie fragen und antworten von allen Seiten, das ist mehr als ein Gesang, das ist ein Lobgesang. Der Auswanderer fühlt etwas Heimweh in sich aufsteigen, etwas Hilfloses, er soll nach Amerika, niemand ist dazu so reif wie er. -- Aber jetzt mußt du umkehren, Sivert, sagt er. -- Ja, erwiderte der Bruder, da du es durchaus willst.

Sie setzen sich am Waldrand nieder und sehen das Dorf vor sich liegen, den Kaufladen, den Landungsplatz, Bredes Herberge. Beim Postschiff laufen einige Leute hin und her und machen sich zur Abreise fertig.

Ich habe keine Zeit mehr, noch länger hier sitzenzubleiben, sagt Eleseus und steht wieder auf. -- Es ist recht schade, daß du so weit fortgehst, sagt Sivert. -- Eleseus erwidert: Aber ich komme wieder. Und dann reise ich nicht bloß mit einem Wachstuchkoffer.

Als sie einander Lebewohl sagen, steckt Sivert dem Bruder ein kleines Ding zu, etwas, das in Papier gewickelt ist. -- Was ist das? fragt Eleseus. -- Sivert entgegnet: Schreib auch fleißig! dann geht er.

Eleseus macht das Papier auf und sieht nach: es ist das Goldstück, die zwanzig Kronen in Gold. -- Nein, das sollst du mir nicht geben! ruft er dem Bruder nach. -- Aber Sivert geht weiter.

Er geht eine Weile, dann dreht er um und setzt sich wieder am Waldrand nieder. Um das Postschiff her wird es immer lebhafter, er sieht, wie die Leute an Bord gehen, auch sein Bruder geht an Bord, und das Schiff fährt ab. Da reist Eleseus nach Amerika.

Er kam niemals wieder.

12

Ein merkwürdiger Zug kommt nach Sellanraa herauf, vielleicht als Zug ein bißchen lächerlich, aber doch nicht nur lächerlich: es sind drei Männer mit ungeheuren Lasten auf dem Rücken, mit Säcken, die ihnen über die Brust und den Rücken herunterhängen. Sie gehen im Gänsemarsch und rufen einander Scherzworte zu, aber sie haben schwer zu tragen. Der kleine Ladendiener Andresen geht als erster im Zug, übrigens ist es auch sein Zug; er hat sich selbst, Sivert von Sellanraa und einen dritten, Fredrik Ström von Breidablick, zu diesem Zug ausgerüstet. Ein verfluchter kleiner Kerl, dieser Ladendiener Andresen; seine Schultern sind fast bis zur Erde gebeugt, und seine Jacke ist ihm vom Hals heruntergezerrt, aber er schleppt, er schleppt seine Last.

Er hat nicht einfach Storborg und den Kaufladen gekauft, dazu hat er kein Geld, lieber wartet er eine Weile und bekommt dann vielleicht alles umsonst. Andresen ist kein unbrauchbarer Mensch, er hat einstweilen Storborg gepachtet und betreibt den Handel weiter.

Er hat den ganzen Warenvorrat durchgesehen und da eine Menge unverkäuflicher Sachen vorgefunden, von Zahnbürsten an bis zu gestickten Tischläufern, ja, bis zu kleinen Vögeln auf Drähten, die „piep” sagten, wenn man sie an der richtigen Stelle klemmte.

Mit all diesen Waren ist er jetzt auf die Wanderschaft gezogen, er will sie an die Grubenarbeiter jenseits des Berges verkaufen. Er hat von Aronsens Tagen her Erfahrung darin, daß Grubenarbeiter mit Geld in der Hand alles in der Welt kaufen. Jetzt ärgert er sich nur darüber, daß er sechs Schaukelpferde, die Eleseus auf seiner letzten Reise nach Bergen eingekauft hatte, zurücklassen mußte.

Die Karawane kommt in den Hofraum von Sellanraa herein, und die Männer legen ihre Lasten ab. Sie ruhen nicht lange; nachdem sie Milch zu trinken bekommen und zum Spaß ihre Waren allen Leuten auf dem Hof angeboten haben, nehmen sie ihre Lasten wieder auf und gehen weiter. Sie sind nicht bloß zum Scherz ausgezogen. In südlicher Richtung durch den Wald schwanken sie mit ihrer Last weiter.

Sie gehen bis zur Mittagszeit, essen zu Mittag und wandern dann weiter, bis es Abend wird. Dann machen sie ein Feuer an, lagern sich und schlafen eine Weile. Sivert schläft sitzend auf einem Stein, den er seinen Polsterstuhl nennt. Ja, Sivert versteht sich auf das Leben im Ödland, die Sonne hat den ganzen Tag auf den Stein gebrannt, und es ist gut darauf zu sitzen und zu schlafen. Seine Kameraden sind nicht so erfahren und nehmen auch keinen guten Rat an, sie legen sich ins Heidekraut und wachen frierend und niesend auf. Dann frühstücken sie und gehen weiter.

Jetzt fangen sie an, die Ohren zu spitzen, ob sie keine Schüsse hören, und sie hoffen, im Laufe des Tages auf Leute zu stoßen und an die Gruben zu kommen. Die Arbeit kann inzwischen wohl von der See her weit in der Richtung auf Sellanraa zu vorgerückt sein. Sie hören keinen Schuß. Sie gehen bis zur Mittagszeit und begegnen keinem Menschen, aber sie kommen von Zeit zu Zeit an großen Löchern in der Erde vorbei, die die Leute zur Probe gegraben haben. Wie hängt das zusammen? Es muß wohl so sein, daß das Erz auf dieser Seite des Berges ganz überaus reich ist; es wird also im reinen, schweren Kupfer gearbeitet, und die Arbeiter rücken von der See her kaum vor.

Nachmittags stoßen sie auf noch mehr Gruben, aber immer noch keine Menschen; sie gehen weiter bis zum Abend und erblicken schon das Meer unter sich, sie wandern durch ein Ödland von verlassenen Gruben und vernehmen keinen einzigen Schuß. Das ist doch gar zu merkwürdig, aber sie müssen noch einmal ein Feuer machen und sich wieder für die Nacht lagern. Sie beraten: Ist die Arbeit hier zu Ende? Sollen sie mit ihren Lasten wieder umkehren? Kein Gedanke! sagt der Ladendiener Andresen.

Am nächsten Morgen kommt ein Mann an ihr Lager, ein blasser und vergrämter Mann, der die Brauen runzelt, die Leute betrachtet, sie mustert. Bist du das, Andresen? fragt er. Es ist Aronsen, der Kaufmann Aronsen; er hat nichts dagegen, von der Karawane Kaffee und etwas zu essen zu bekommen, und läßt sich bei den Männern nieder. Ich hab' euern Rauch gesehen und wollte ergründen, was das sei, erklärt er. Ich dachte: du wirst sehen, sie nehmen Vernunft an und beginnen wieder mit der Arbeit! Und nun seid nur ihr es! Wo wollt ihr hin? -- Wir wollen hierher. -- Was habt ihr in euren Säcken? -- Waren! -- Waren? schreit Aronsen. Wollt ihr hier Waren verkaufen? Hier wohnt niemand. Sie sind am Samstag abgezogen. -- Wer ist abgezogen? -- Alle miteinander. Hier ist alles leer und verlassen. Und außerdem hab' ich Waren genug; den ganzen Laden voll. Ihr könnt bei mir kaufen.

Ach, nun ist der Kaufmann Aronsen wieder übel daran, mit dem Grubenbetrieb ist es zu Ende!

Sie beruhigen ihn mit noch etwas mehr Kaffee und fragen ihn dann aus.

Aronsen schüttelt ganz zerschmettert den Kopf: Es ist nicht zu sagen, es ist ganz unbegreiflich! sagt er. Alles war sehr gut gegangen, er hatte Waren verkauft und viel Geld eingenommen, das ganze Kirchspiel rund umher blühte und konnte sich weiße Grütze, ein neues Schulhaus und Lampen mit Prismen dran und städtisches Schuhwerk leisten. Da fanden die Herren plötzlich, daß es sich nicht mehr lohne, und sie machten Schluß. Lohnte es sich wirklich nicht mehr? Es hatte sich doch seither gelohnt, nicht wahr? Kam denn nicht das Kupfererz bei jeder Sprengung zutage? Das war einfach Betrug. Und sie bedenken nicht, daß sie damit einen Mann wie mich in die größten Ungelegenheiten bringen, sagte Aronsen. Aber es ist wohl so, wie behauptet wird, daß der Geißler wieder an allem schuld ist. Er ist genau in dem Augenblick gekommen, als die Arbeit stillgelegt wurde; es ist gerade, als ob er es gerochen hätte!

Ist Geißler hier?