Segen der Erde: Roman

Part 30

Chapter 303,959 wordsPublic domain

Einige Tage lang war Isak niedergeschlagen. Das waren dunkle Tage. Er fühlte weder Lust noch Kraft in sich, mit dem Aufbau des Futterspeichers zu beginnen. Das wird einmal Siverts Sache sein, jetzt galt es, das Ausdinghäuschen fertigzustellen. Auf die Dauer konnte er es nicht vor Sivert verborgen halten, daß es ein Bauplatz war, den er hier am Waldrand rodete, und eines Tages offenbarte er die Sache: Das da ist ein guter Stein, wenn wir einmal wieder etwas mauern wollen, sagte er. -- Und das da ist auch ein guter Stein, sagte er. -- Sivert verzog keine Miene, er erwiderte: Prächtige Grundsteine. -- Ja, was meinst du? sagt der Vater. Wir haben nun hier so lange nach der zweiten Türschwelle gegraben, daß ein ganz schöner Bauplatz entstanden ist. Aber ich weiß nicht. -- Das wäre wirklich kein dummer Bauplatz, sagte Sivert und läßt seinen Blick über den Platz hingleiten. -- So, meinst du? Wir könnten ja hier ein kleines Häuschen bauen für Besuche, wenn jemand kommt. -- Ja. -- Es müßte wohl eine Stube und eine Kammer sein? Du hast ja gesehen, wie es war, als die schwedischen Herren das letztemal hier waren, und jetzt haben wir keinen Neubau für sie. Aber was meinst du, eine kleine Küche müßte doch auch dabei sein, falls sie kochen wollten? -- Ja, ohne eine kleine Küche könnten sie nicht sein, sie müßten uns ja auslachen, sagt Sivert. -- So, meinst du?

Der Vater schwieg. Aber der Sivert war doch ein wunderbarer Junge, wie schnell er begriff und einsah, was schwedische Herren alles notwendig brauchten; nicht eine einzige Frage stellte er, er sagte nur: Wenn ich du wäre, so würde ich an die Nordwand eine kleine Scheune anbauen. Es wäre sehr bequem für sie, wenn sie eine Scheune hätten, falls sie einmal nasse Kleider zum Trocknen aufhängen wollten.

Der Vater fällt sofort ein: Da hast du recht!

Nun schweigen beide und arbeiten an ihren Steinen weiter. Nach einer Weile fragt der Vater: Ist Eleseus noch nicht heimgekommen? -- Sivert erwidert ausweichend: Er kommt jetzt bald.

Die Sache mit Eleseus war die, er war sehr häufig fort, wollte beständig reisen. Hätte er denn die Waren nicht auch schriftlich bestellen können, statt selbst hinzureisen und sie einzukaufen? Er bekam sie allerdings viel billiger, aber wieviel kosteten die Reisen! Er hatte eine so merkwürdige Art zu denken. Und was wollte er denn mit noch mehr Baumwollstoff und seidenen Bändern für Taufhäubchen und schwarzen und weißen Strohhüten und langen Tabakspfeifen? Derartiges kaufte doch kein Ödlandbewohner, und die Kunden aus dem Dorf kamen nur nach Storborg herauf, wenn sie kein Geld hatten. Eleseus war in seiner Art recht tüchtig, oh, man mußte nur einmal sehen, wie geschickt er auf Papier schrieb oder mit der Kreide rechnete! Wenn ich nur deinen Kopf hätte! sagten die Leute bei solchen Gelegenheiten. Das alles war ganz richtig, aber er hatte zuviel Geld ausstehen. Diese Dorfleute bezahlten ja niemals, was sie schuldig waren, und selbst so ein Bettelmann wie Brede Olsen war im Winter nach Storborg gekommen und hatte Baumwollstoff und Kaffee und Sirup und Kerzen auf Borg erhalten.

Isak hat ja nun schon sehr viel Geld für Eleseus und sein Geschäft und seine Reisen ausgegeben, und so sehr viel von dem Reichtum, den er für den Kupferberg erhalten hat, ist nicht mehr übrig, und was dann? -- Wie glaubst du, daß das mit Eleseus weitergehen wird? fragt Isak plötzlich. -- Weitergehen? fragt Sivert zurück, um Zeit zu gewinnen. -- Es sieht nicht aus, als ob es gehen wollte. -- Er selbst ist voll der besten Hoffnung, sagt Sivert. -- So, hast du mit ihm darüber gesprochen? -- Nein, Andresen hat es gesagt. -- Der Vater denkt darüber nach und schüttelt den Kopf: Nein, es geht nicht, sagt er. Aber es ist schade um Eleseus!

Und der Vater wird immer finsterer und war doch schon vorher nicht allzu leichten Sinnes gewesen.

Da rückt Sivert mit einer Neuigkeit heraus: Es kommen jetzt noch mehr Ansiedler ins Ödland. -- Wieso? -- Ja, zwei neue Ansiedler. Sie haben sich noch weiter oben als wir angekauft. -- Isak bleibt mit dem Spaten in der Hand stehen, das war eine große Neuigkeit und eine gute Neuigkeit, eine von den besten. Dann sind wir zehn Ödlandbauern, sagt er. Isak bekommt nähere Auskunft, wo sich die neuen Ansiedler angekauft haben, er hat die ganze Geographie im Kopf und nickt: Ja, da haben sie recht getan, dort haben sie einen guten Wald für Brennholz und auch Hochstämme. Das Grundstück neigt sich gegen Südosten.

Nein, nichts konnte die Ansiedler zurückhalten; es kamen immer mehr neue Leute her. Der Bergwerksbetrieb hörte allerdings auf, aber das war ja nur zum Nutzen der Landwirtschaft, es war nicht wahr, daß das Ödland tot dalag, im Gegenteil, es wimmelte da von Leben, zwei neue Ansiedler mehr, vier Hände mehr, Äcker, Wiesen und Häuser. Ach, die freien, grünen Halden im Walde, Hütten und Quellen, Kinder und Tiere! Korn wächst auf den Mooren, wo zuvor nur Schachtelhalme gestanden hatten, blaue Glockenblumen nicken von den Hügeln, Sonnengold leuchtet auf dem blühenden Hornklee vor den Häusern. Und Menschen sind da und sprechen und denken und sind eins mit Himmel und Erde.

Hier steht nun der erste, der sich im Ödland niedergelassen hat. Als er kam, watete er bis an die Knie in Sumpf und Heide, er fand eine sonnige Halde und siedelte sich da an. Andere kamen nach ihm, sie traten einen Fußpfad durch die unbebaute Allmende, noch andere kamen, der Fußpfad wurde zu einem Fahrweg, nun fuhren sie mit Karren darauf. Isak muß sich zufrieden fühlen, Stolz muß ihn durchzucken, er hat den Grund zu dieser ganzen Ansiedlung gelegt, er ist der Markgraf.

Ja, ja, aber wir können nicht ewig hier auf diesem Bauplatz weiterroden, wenn wir in diesem Jahr noch den Futterspeicher aufrichten wollen, sagt er.

Und das sagte er wohl in einer plötzlichen frohen Laune, mit neuem Lebensmut.

10

Eine Frau wandert durch das Ödland hinauf. Es fällt ein milder Sommerregen, sie wird naß, aber darum kümmert sie sich nicht, sie hat anderes zu denken, sie ist sehr gespannt, ob -- es ist Barbro, und keine andere, Barbro, Bredes Tochter. Jawohl, sie darf wohl gespannt sein, sie kann nicht wissen, wie dieses Abenteuer ablaufen wird, aber sie ist von der Frau Lensmann entlassen und ist fort aus dem Dorf. So steht es.

Sie macht einen Bogen um alle Ansiedlungen im Ödland herum, denn sie möchte alle Menschen vermeiden. Jedermann würde ja gleich erraten, wohin sie will, denn sie trägt ein Bündel mit Kleidern auf dem Rücken. Jawohl, sie will nach Maaneland und will wieder dort bleiben.

Zehn Monate lang hat sie bei der Frau Lensmann gedient, und das ist keine kurze Zeit, wenn man sie in Tage und Nächte umrechnet, aber wenn man den Zwang und alle die hinausziehenden Gedanken bedenkt, dann ist es eine Ewigkeit. Im Anfang ging alles wirklich gut; Frau Heyerdahl war sehr besorgt um Barbro und gab ihr Schürzen und putzte sie heraus, es war eine Freude, in so schönen Kleidern in den Kaufladen geschickt zu werden. Barbro war ja schon als Kind hier im Dorf gewesen, sie kannte alle Leute von der Zeit her, wo sie hier in die Schule gegangen war und die Jungen geküßt und mit Steinen und Muscheln allerlei Spiele gespielt hatte. Ein paar Monate ging alles gut. Aber dann umsorgte die Frau Heyerdahl sie immer noch mehr, und als die Weihnachtsvergnügungen angingen, wurde Frau Heyerdahl streng. Aber wozu das alles, doch nur um das gute Verhältnis zu stören! Barbro hätte es überhaupt nicht ausgehalten, wenn sie nicht gewisse Nachtstunden für sich gehabt hätte: von zwei Uhr an bis morgens um sechs konnte sie ziemlich sicher sein, und sie gestattete sich manche verstohlene Freuden in diesen Stunden. Aber was für ein Mädchen war denn die Köchin, daß sie Barbro nicht anzeigte? Sie war das ganz gewöhnliche Dienstmädchen und ging selbst unerlaubterweise aus. Die beiden hielten abwechselnd Wache.

Es verging auch eine recht lange Zeit, ehe sie entdeckt wurden. Barbro war keineswegs so leichtsinnig, daß ihr an die Stirn geschrieben gewesen wäre, an ihr sei nichts mehr zu verderben. Verderben? Sie widerstand so viel als nötig war. Wenn ein Bursche sie zum Weihnachtstanz einlud, so sagte sie das erstemal nein, das zweitemal auch, aber das drittemal sagte sie: Ich will sehen, ob ich von zwei bis sechs Uhr kommen kann. Seht, so antwortet ein anständiges Mädchen und macht sich nicht schlechter, als sie ist, und läßt keine Frechheit sehen. Sie war ein Dienstmädchen und diente die ganze Zeit und kannte kein anderes Vergnügen als Ausgelassenheit. Das war auch alles, was sie begehrte. Die Frau Lensmann hielt ihr lange Reden und borgte ihr Bücher -- die Närrin! Barbro bildende Bücher leihen, die in Bergen gewesen war, Zeitungen gelesen und das Theater besucht hatte! Sie war doch nicht Gottes Wort vom Lande!

Aber die Frau Lensmann mußte doch Verdacht geschöpft haben, eines Morgens um drei Uhr steht sie vor der Mägdekammer und ruft: Barbro! -- Ja, antwortet die Köchin. -- Ist Barbro nicht da? Mach auf! -- Die Köchin schließt auf und gibt die zuvor vereinbarte Erklärung: Barbro habe ganz notwendig auf der Stelle nach Hause laufen müssen. -- Nach Hause, auf der Stelle? Es ist drei Uhr in der Nacht, sagt Frau Heyerdahl und hält mit ihrer Verwunderung darüber nicht zurück. Am anderen Morgen gab es ein großes Verhör; Brede wurde gerufen, und die Frau Lensmann fragte: Ist Barbro heute nacht um drei Uhr bei euch gewesen? -- Brede war nicht vorbereitet, aber er sagt sofort ja. -- Jawohl um drei Uhr in der Nacht. Wir waren sogar solange aufgeblieben, weil wir etwas Wichtiges zu besprechen hatten, antwortete Barbros Vater. -- Darauf verkündet die Frau Lensmann feierlich: Barbro geht bei Nacht nicht mehr aus! -- Nein, gewiß nicht, erwidert Brede. -- Solange sie in meinem Hause ist wenigstens nicht. -- Nein. Ja, da hörst du's, Barbro, ich habe es dir gleich gesagt! spricht der Vater. -- Du kannst zuweilen vormittags zu deinen Eltern gehen, bestimmt die Frau Lensmann.

Aber die wachsame Frau Lensmann hat darum ihren Verdacht doch nicht ganz aufgegeben; sie läßt eine Woche verstreichen, dann macht sie um vier Uhr morgens eine Stichprobe. Barbro! rief sie. Oh, aber diesmal war die Köchin aus, Barbro war daheim, und die Mägdekammer glänzte in Unschuld. Die Frau mußte schnell einen Vorwand erfinden. Hast du die Wäsche gestern abend hereingeholt? -- Ja! -- Das ist gut, denn es fängt an zu stürmen. Gute Nacht.

Es war übrigens recht lästig für Frau Heyerdahl, sich von ihrem Mann in der Nacht wecken zu lassen und selbst zu den Mädchen hinüberzutappen, um nachzusehen, ob sie zu Hause seien! Geschehe, was da wolle, sie tat es nicht mehr.

Und wenn nun das Glück sie nicht im Stich gelassen hätte, so hätte es Barbro auf diese Weise das Jahr durch mit ihrer Herrin aushalten können. Aber vor einigen Tagen hatte es einen Krach zwischen ihnen gegeben.

Es war frühmorgens in der Küche. Zuerst hatte sich Barbro ein wenig mit der Köchin gezankt, ja, nicht nur so ganz wenig, sie sprachen lauter und lauter und vergaßen, daß Frau Heyerdahl kommen könnte. Die Köchin hatte sich schlecht benommen und hatte sich außer der Reihe fortgeschlichen, weil es Sonntagnacht gewesen war. Und womit entschuldigte sie sich? Sagte sie, sie habe fort müssen, um sich von einer teuren Schwester zu verabschieden, die nach Amerika reise? Keine Spur, sie entschuldigte sich gar nicht, sondern behauptete, sie habe diese Sonntagnacht gut gehabt. -- Daß du auch gar keine Ehre und Wahrhaftigkeit im Leibe hast, du Canaille! rief Barbro.

Da stand Frau Heyerdahl unter der Tür.

Sie hatte sich vielleicht ursprünglich nur eine Erklärung für dieses laute Geschrei ausbitten wollen, erwiderte auch noch den Mädchen ihren Morgengruß, aber dann sah sie plötzlich Barbro scharf an, sah Barbros Brusttuch an, beugte sich vor und sah noch näher zu. Das fing an unheimlich zu werden. Und plötzlich stößt Frau Heyerdahl einen Schrei aus und weicht zur Tür zurück. Was in aller Welt ist das? denkt Barbro und schaut an sich herunter. Lieber Gott, nichts als eine Laus! Barbro muß ein wenig lächeln, und da es ihr nicht ungewohnt ist, auch in außerordentlichen Umständen zu wissen, was sie zu tun hat, knipst sie die Laus weg. -- -- Was, auf den Fußboden! schreit die Frau Lensmann. Bist du verrückt! Gleich nimm das Tier auf! -- Ja, Barbro beginnt zu suchen und ist wieder rasch gefaßt, sie tut, als ob sie die Laus gefunden hätte und wirft sie großartig ins Küchenfeuer.

Wo hast du die her? fragt die Frau erregt. -- Wo ich die her habe? antwortet Barbro. -- Ja, ich will wissen, wo du gewesen bist und sie dir geholt hast. Antworte! -- Nun machte Barbro den großen Fehler, daß sie nicht sagte: Im Kaufladen! Das wäre das einzig richtige gewesen. Nein, sie wußte nicht, wo sie die Laus aufgelesen haben könnte, aber sie deutete an, sie habe sie vielleicht durch die Köchin bekommen. Da fuhr die Köchin plötzlich hoch auf: Du von mir! Du bringst es für dich allein fertig, dir Läuse zu holen! -- Aber du warst es doch, die heute nacht aus war!

Abermals ein großer Fehler, das hätte sie niemals sagen sollen. Nun hatte die Köchin auch keinen Grund mehr zu schweigen, und alles von den unglückseligen Nächten außer dem Hause kam an den Tag. Frau Heyerdahl ist in höchster Erregung; von der Köchin will sie nichts, ihre Erregung gilt Barbro, dem Mädchen, für das sie eingestanden ist. Und dennoch hätte vielleicht auch jetzt noch alles gerettet werden können, wenn Barbro ihr Haupt gebeugt hätte wie ein Schilfrohr, und zu Boden gesunken wäre und sich hoch und teuer verschworen hätte, es in Zukunft nie mehr zu tun. Aber nein, Frau Heyerdahl mußte schließlich ihr Kindermädchen daran erinnern, was sie alles für sie getan hatte, und da gab Barbro wahrhaftig Antwort, sie trumpfte auf, so dumm war sie. Ja, oder vielleicht war sie auch so klug, vielleicht wollte sie die Sache auf die Spitze treiben, um von da wegzukommen. Frau Heyerdahl sagte: Ich habe dich aus den Klauen des Löwen gerissen. -- Was das betrifft, erwiderte Barbro, so wäre es mir ebenso lieb, wenn Ihr es nicht getan hättet. -- Ist das der ganze Dank, den ich bekomme? rief Frau Heyerdahl. -- Ach, was soll das Gerede! sagte Barbro. Vielleicht wäre ich verurteilt worden, aber mehr als ein paar Monate hätte man mir jedenfalls nicht gegeben, und dann wäre ich die Geschichte los! -- Frau Heyerdahl ist einen Augenblick sprachlos, ja, eine Weile steht sie nur da, öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Das erste Wort, das sie herausbringt, ist die Kündigung. -- Ja, ganz wie Ihr wollt, ist alles, was Barbro erwidert.

Während der Tage, die seither verflossen sind, hat sich Barbro bei ihren Eltern aufgehalten. Aber dort konnte sie nicht immer bleiben. Oh, es ging ihnen nicht schlecht, die Mutter trieb jetzt einen Kaffeeausschank, und es kamen immer viele Leute ins Haus; aber davon konnte Barbro nicht leben, und sie konnte ja auch andere gute Gründe haben, warum sie wieder in eine feste Stellung kommen wollte. So nahm sie also heute einen Sack mit Kleidern auf den Rücken und wanderte ins Ödland hinauf. Nun kam es darauf an, ob Axel Ström sie wieder aufnehmen würde! Aber sie hatte am letzten Sonntag das Aufgebot verkünden lassen.

Es regnet, der Weg ist schmutzig, aber Barbro geht weiter. Es wird Abend, und da der Sankt-Olafstag noch nicht gewesen ist, wird es nicht dunkel. Arme Barbro, sie schont sich nicht, sie hat eine bestimmte Absicht, sie hat ein Ziel, und so nimmt sie den ersten Kampf auf. Sie hat sich im Grunde niemals geschont, ist niemals träge gewesen, darum ist sie auch ein schönes und feines Geschöpf. Barbro hat eine leichte Auffassungsgabe, gebraucht sie jedoch oftmals zu ihrem eigenen Verderben. Was war auch anderes zu erwarten? Sie hat gelernt, sich von einer Not in die andere zu retten, aber sie hat verschiedene gute Eigenschaften behalten; der Tod eines Kindes ist ihr nichts, aber ein lebendes Kind könnte es gut bei ihr haben. Außerdem hat sie ein sehr musikalisches Ohr, sie klimpert weich und richtig auf der Gitarre und singt mit etwas heiserer Stimme dazu, was angenehm und etwas wehmütig anzuhören ist. Sich selbst schonen? Ho, so wenig, daß sie sich selbst völlig weggeworfen und den Verlust nicht einmal empfunden hatte. Dann und wann weinte sie, und das Herz wollte ihr über dies und jenes in ihrem Leben fast brechen; das gehört dazu, das kommt von den rührenden Liedern, die sie singt, das ist die Poesie und die süße Wonne der Wehmut in ihr, sie hat häufig sich selbst und andere damit angeführt. Hätte sie ihre Gitarre mit sich nehmen können, so hätte sie heute abend Axel etwas vorgeklimmpert.

Sie richtet sich so ein, daß sie spät anlangt, und auf Maaneland ist alles still, als sie den Hofraum betritt. Sieh, Axel hat schon in der Nähe des Hauses mit dem Mähen begonnen und wahrhaftig auch schon etwas trockenes Heu eingefahren! Nun überlegt sich Barbro, die alte Oline werde drinnen in der Schlafkammer schlafen und Axel in der Heuscheune, wo sie selbst früher geschlafen hatte. Wie ein Dieb in der Nacht schleicht sie auf die bekannte Tür zu, dann ruft sie leise: Axel! -- Was gibt's? antwortet Axel sofort. -- Ich bin's nur, sagt Barbro und tritt zu ihm ein. Kannst du mich über Nacht hierbehalten?

Axel schaut sie an, er ist etwas langsam, er sitzt in seinen Unterkleidern da und schaut sie an. So, du bist's? sagt er. Wo willst du hin? -- Ja, das kommt nun zuerst darauf an, ob du eine Hilfe für die Sommerarbeit brauchst, erwidert sie. -- Axel denkt darüber nach und fragt: Bleibst du nicht mehr dort, wo du gewesen bist? -- Nein, bei Lensmanns hab' ich Schluß gemacht. -- Ich könnte recht gut eine Hilfe für die Sommerzeit brauchen, sagt Axel. Aber was soll das heißen, willst du etwa wiederkommen? -- Nein, du brauchst dich gar nicht um mich zu kümmern, wehrt Barbro ab. Morgen geh ich weiter, ich geh nach Sellanraa und über die Berge, dort hab' ich eine Stelle. -- So, du hast dich verdingt? -- Ja. -- Ich könnte wohl eine Hilfe für den Sommer brauchen, wiederholt Axel.

Barbro ist ganz naß, sie hat Kleider in ihrem Bündel bei sich und muß sich umziehen. Kümmere dich gar nicht darum, daß ich hier bin, sagt Axel und weicht nur ein wenig nach der Tür zurück. Barbro zieht die nassen Kleider aus, und währenddessen sprechen sie miteinander, und Axel dreht öfters den Kopf nach ihr um. -- Aber jetzt mußt du ein wenig hinausgehen, sagt Barbro. -- Hinausgehen? fragt er. Und es war auch wirklich kein Wetter zum Hinausgehen. Er steht da und sieht zu, wie sie immer nackter wird, er kann kein Auge von ihr abwenden; und wie gedankenlos Barbro ist, sie hätte gut immer ein trockenes Stück anlegen können, wenn sie das nasse abzog, aber das tat sie nicht. Ihr Hemd ist ganz dünn und klebt an ihrem Körper, sie knöpft es auf der einen Achsel auf und wendet sich um, sie ist sehr geübt. In diesem Augenblick schweigt Axel bumsstill und sieht, daß sie nur einen Griff oder zwei braucht, um das Hemd abzuziehen. Das ist prachtvoll gemacht, denkt er. Und da bleibt sie nun ganz gedankenlos stehen.

Später liegen sie im Heu und unterhalten sich. Jawohl, er brauche eine Hilfe für den Sommer, das sei schon wahr. -- Ja, so sagte man mir, stimmt Barbro bei. -- Er habe auch in diesem Jahr wieder allein mit dem Mähen und Heumachen anfangen müssen, Barbro könne wohl verstehen, wie ratlos er sei. -- Ja, Barbro verstand alles. -- Andrerseits sei es doch gerade Barbro gewesen, die damals davongelaufen sei und ihn ohne weibliche Hilfe zurückgelassen habe; das könne er nicht vergessen, und die Ringe habe sie auch mitgenommen. Und zu aller Schmach sei auch noch ihre Zeitung immer weiter gekommen, diese Bergensche Zeitung, die er gar nicht loswerden konnte, und er habe sie hinterher noch für ein ganzes Jahr bezahlen müssen. -- Das war ja ein schändliches Blatt, sagte Barbro und stellte sich die ganze Zeit auf seine Seite. Aber bei so großer Willfährigkeit konnte auch Axel kein Unmensch sein, er gab zu, daß Barbro Grund gehabt haben könnte, sich auch über ihn zu ärgern, weil er die Aufsicht über die Telegraphenlinie ihrem Vater weggenommen hatte. Übrigens kann dein Vater den Telegraphen wiederhaben, ich mache mir nichts daraus, es ist nur Zeitverlust. -- Ja, sagte Barbro. -- Axel überlegte eine Weile, dann fragte er geradezu: Ja, wie ist das, willst du nur den Sommer über bleiben? -- Ach, das soll so werden, wie du es haben willst, entgegnete Barbro. -- So, ist das deine aufrichtige Meinung? -- Ja, genau was du willst, das will ich auch. Du brauchst nicht mehr an mir zu zweifeln. -- So. -- Nein. Und ich hab' uns auch in der Kirche aufbieten lassen.

So. Das war keine schlimme Kunde. Axel blieb ruhig liegen und überlegte. Wenn es diesmal Ernst war und nicht wieder ein schändlicher Verrat, so hatte er die eigene Frau im Hause, und es war ihm für alle Zeit geholfen. -- Ich hätte eine Frau von daheim haben können, sagte er. Sie hat geschrieben, sie wolle mich haben. Aber ich hätte ihr die Rückreise von Amerika bezahlen müssen. -- Barbro fragt: So, ist sie in Amerika? -- Ja, sie ist voriges Jahr hingereist; aber es gefällt ihr nicht dort. -- Nein, du mußt dich nicht um sie kümmern! erklärt Barbro. Was würde sonst aus mir? fragt sie und beginnt zu weinen. -- Darum hab' ich es auch nicht fest mit ihr gemacht, sagt Axel.

Nun wollte Barbro aber auch nicht zurückstehen, sie bekannte, daß sie in Bergen einen Mann hätte haben können, er sei Bierführer bei einer gewaltig großen Brauerei, und ihm sei viel anvertraut. Und er grämt sich gewiß immer noch um mich, sagt Barbro schluchzend. Aber weißt du, wenn zwei Leute so viel miteinander gehabt haben wie du und ich, Axel, dann kann ich nicht vergessen, wenn du auch längst vergessen hast. -- Wer, ich? erwidert Axel. Nein, darum brauchst du nicht zu weinen, ich habe dich niemals vergessen. -- So.

Dieses Zugeständnis ist Barbro eine große Hilfe, und sie sagt: Unsinn, was willst du denn das viele Reisegeld ganz von Amerika herüber bezahlen, wenn du es doch nicht nötig hast. -- Sie rät ihm von der ganzen Sache ab, es würde zu teuer, und er sei doch nicht dazu gezwungen. Barbro schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, sein Glück selbst zu begründen.

Im Lauf der Nacht werden sie einig. Sie waren einander ja nicht fremd und hatten schon oft alles miteinander besprochen. Auch die notwendige Trauung sollte noch vor dem Sankt-Olafstag und der Heuernte vor sich gehen, sie hatten nicht nötig, sich zu verstellen, und Barbro drängte jetzt selbst am eifrigsten. Axel stieß sich nicht daran, daß Barbro es jetzt so eilig hatte, und es erweckte auch keinen Verdacht in ihm, im Gegenteil, ihre Eile schmeichelte ihm und feuerte ihn an. Jawohl, er war ein Ödlandbewohner, ein wetterfester Mann, er nahm es nicht so genau, war wahrlich nicht überfein, er war zu allerlei genötigt, er sah auf den Nutzen. Dazu kam noch, daß ihm Barbro wieder ganz neu und schön erschien, beinahe reizender als zuvor. Sie war ein frischer Apfel, und er biß hinein. Sie waren ja bereits aufgeboten.

Über die Kindsleiche und die Gerichtsverhandlung schwiegen alle beide.

Dagegen redeten sie von Oline, und wie sie sie loswerden könnten? Ja, sie muß zum Hause hinaus, erklärte Barbro. Wir sind ihr keinen Dank schuldig. Sie ist nichts als ein Klatschweib voller Bosheit. -- Aber es erwies sich als sehr schwierig, Oline loszuwerden.

Gleich am ersten Morgen, als Barbro zum Vorschein kam, ahnte Oline ihr Schicksal. Ihr wurde sofort schlimm zumute, aber sie verbarg das und nickte und bot Barbro einen Stuhl an. Es war doch auf Maaneland einen Tag nach dem andern gegangen. Axel hatte Wasser und Brennholz herbeigetragen und ihr die schwersten Arbeiten abgenommen, und den Rest hatte Oline fertiggebracht. Im Lauf der Zeit hatte sie sich entschlossen, bis zum Ende ihres Lebens auf der Ansiedlung zu bleiben, aber da kam diese Barbro und machte diesen Plan zunichte.