Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben

Part 7

Chapter 73,523 wordsPublic domain

Einmal, es war nach dem Sieg über Lipstulian, hatte ich einen Anlauf genommen, mich meinen Eltern wieder zu nähern. Unter meinen alten Photographien finde ich ein verblichenes und abgegriffenes Bildchen, das ich damals auf dem Spielbudenplatz hatte anfertigen lassen als Meisterschaftsringer von St. Pauli. Auf der Rückseite steht mit meiner ungelenken Schrift: »Meinem lieben Vater zur freundlichen Erinnerung an seinen treuen Sohn Felix. Hamburg, den 1. 4. 1902.« Das Bild wollte ich als erstes Lebenszeichen nach der Flucht meinem alten Herrn schicken; er sollte sich seines stattlichen Jungen freuen, aber kaum hatte ich die Widmung geschrieben, entsank mir der Mut, der Abstand zu den Familienbildern daheim war doch zu groß. In späteren Jahren, als ich mich meinen Eltern wieder entdeckt hatte, trug mein Vater freilich gerade dieses Bild mit seiner Widmung bis an sein Lebensende in der Brusttasche.

In Lübeck hielt ich mich als einfacher Seemann zurück und verkehrte fast mit niemand. Außer dem Professor, dem ich es gesagt hatte, wußte also niemand, wer ich war. Der Grafentitel hinderte ja nur. Was nützt es, wenn man einen Namen hat und nichts ist? Aber man sah in jenen Tagen schon mehr auf sich selbst, auf reine Hände. Die teerigen Runzeln und Schwielen verschwanden allmählich. Man wurde richtig ein »fürnehmen Kirl«, die braunverbrannten Backen wurden schmäler, von Monat zu Monat mußte ich eine Kragennummer enger nehmen.

Die Hauptfächer waren für mich privatim vorerst einmal das große Einmaleins und grammatisch richtig Deutsch schreiben, dann Bruchrechnen. Die ganze liebe Familie Schulze half und sorgte mit. Den »Nenner des Ganzen« suchen, eine verfluchte Sache. Wie ich das mit eisernem Fleiß intus hatte, kam die Mathematik, der pythagoräische Lehrsatz, den ich von der Schule her zwar noch kannte, aber nicht beweisen konnte. Dann kam die höhere Mathematik, die sphärische Trigonometrie, von Sonne und Sternen, nautische Astronomie: Chronometerlängen, Monddistanzen ... Waren doch allein 21 astronomische Aufgaben beim Examen zu lösen! Die Seepraxis wurde ja vorausgesetzt, wenn man die Bescheinigung als Matrose hatte.

Ich habe nie geglaubt, daß ich so fleißig sein könnte, wie ich es in Lübeck war. Ich war stolz darauf, daß ich etwas verstand, das Zutrauen zu mir selbst wuchs bedeutend. Während der neun Monate, die bis zum Examen vergingen, habe ich etwa achthundert Mark verbraucht, einschließlich der Kosten für das Examen.

Ich ging ins Examen, nicht um es als erster zu machen, sondern um als letzter fertig zu werden! Denn ich wollte ganz sorgfältig alle Aufgaben durchrechnen. Wenn sich einer über meine Fortschritte freute, so war es der Direktor Schulze, der sich alle Mühe mit mir gegeben hatte. Ich fing damals an, etwas zu dichten und gestand ihm das. »Sie dichten auch, Phylax?« sagte er, »das ist ja wundervoll, dann können Sie Sonntag nachmittag mal zu mir kommen und mit mir dichten.« Ich ging hin und bildete mir auf mein Talent etwas ein. Da ging er mit mir hinunter zum Travekanal und sagte: »Nun kommen Sie mal, nun wollen wir mein Boot dichten, das ist leck.«

Als der Examenstag da war und alle die Herren prüfend im Frack bereit saßen, bekam ich doch etwas Angst. Ich hatte mir, um guten Eindruck zu machen, rote Tinte mitgenommen, um die Hauptresultate zu unterstreichen. Denn bei der Anfertigung einer Aufgabe ist ja die gute Übersicht die Hauptsache. Glücklicherweise gab es damals noch ordentliches Papier! Das heutige Kriegspapier hätte ich mit meiner schweren, ungeübten Hand ganz durchgeschrieben beim festen Aufdrücken. Ich gebrauchte den dicksten Federhalter, den ich erstehen konnte, fast so stark wie ein Spazierstock, der sich so in die Hand legte, daß ich sie nicht zuzudrücken brauchte. Nur konnte man ihn nirgends recht hinlegen, da er wie eine Birne war und überall herunterrollte. Es war ein Federhalter für Leute mit einem Schlaganfall, die mit zwei Händen schreiben.

Das schriftliche Examen dauerte sechs Tage, und danach kam mit dem mündlichen erst die Hauptaufregung. Aber es ging vorbei, und nachher zwinkerte der Direktor mir zu, drückte mir die Hand und sagte, was er eigentlich nicht durfte: »Phylax, das Examen hast du in der Tasch'.« Da war ich aber froh! Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Wir haben derartig gefeiert, daß ich mich eines Morgens in einer Gartenlaube wiederfinde. Da ist ein Mann, der will seinen Garten sprengen und ist erstaunt, da einen verschwiemelten Steuermannsschüler liegen zu sehen. »Was liegen Sie denn hier?« Ich wußte nicht, was los war und vermochte nur zu antworten: »Was sprengen Sie denn hier?«

Donnerwetter, das war also das erste Examen! Am liebsten wäre ich gleich zu meinen Eltern hingelaufen. Mein Professor hatte ja heimlich nachgeforscht und festgestellt, daß meine Eltern lebten, und mein Bruder Fähnrich war. Alles das erfuhr ich unter der Hand. Aber ich verbiß mir noch einmal den Wunsch, heimzukehren, denn ich hatte seinerzeit gelobt, Kaisers Rock mit Ehren zu tragen. Nun setzte ich mir in den Kopf, erst wieder aufzutauchen, wenn ich sagen konnte, ich wäre Offizier.

Fünftes Kapitel.

Kaisers Rock.

Nach dem Examen suchte ich Stellung bei den größten Hamburger Reedereien und wurde von der Hamburg-Südamerika-Linie als Wachoffizier angenommen. So kam ich an Bord der »Petropolis«. Ich hatte mir jetzt an Stelle der Seekiste einen Koffer angeschafft und kam mir damit vor wie ein Kapitän. Ich hatte mir Glacéhandschuhe besorgt und weiße Schuhe und sehe mich noch, wie ich mir die ersten Manschettenknöpfe kaufe. Auch eine Extrauniform hatte ich neben der Freiuniform bestellt. Als ich in Uniform auf der »Petropolis« spazieren ging, fühlte ich mich wie ein junger Gott. Als ich zum letztenmal ein Schiff verlassen hatte, da war ich noch ein Matrose, mußte Rost schrapen und alles dergleichen. Jetzt kam mir der Unterschied so sonderbar vor. Ich ging an Deck auf und ab und hatte nirgends mehr Hand anzulegen.

Der Kapitän, Feldmann, war ein famoser Kerl, der sich meiner sehr annahm. Ich blickte öfters in den Spiegel und dachte: »Jetzt siehst du ihm schon ähnlicher.« Ich gab viel auf mein Äußeres, pflegte meine Hände, was höllisch schwer wurde, denn die alten Taudrücker waren doch recht vierkant geworden. Ich überlegte lange hin und her, ob es besser wäre, einen kurzen oder langen Schnurrbart stehenzulassen. »Mensch, Phylax,« dachte ich, »jetzt hast du es geschafft. Wie hast du dich verändert!«

Nachdem ich drei Wochen Wachoffizier gewesen war, ging die Reise los. Es kam nun darauf an, auf der Brücke Offiziersdienste zu leisten. Der Kapitän belehrte mich herzlich. Es würde mir wohl vieles neu vorkommen, aber jeder Anfänger, der vorher Matrose war, käme sich furchtbar dumm und ungeschickt vor; ich sollte darüber nicht untröstlich sein, sondern es als Erfahrung hinnehmen, die er bei allen jungen Offizieren gemacht hätte. Ich dachte: das ist ein vernünftiger Mann.

Die Fahrt ging elbabwärts. Ich sprach mit den Lotsen über dies und jenes. Die Manschetten rutschten mir noch, das Handanlegen an die Mütze kam mir komisch vor.

Dann kam die erste Navigation in der Praxis. Ich rechnete also los, mit dem Schulsystem, und brauchte dreiviertel Stunden. Da war ich schön überrascht, als die andern schon fertig waren, während ich noch rechnete und es überdies 50 Seemeilen verkehrt herausbekam! Man fragte aber merkwürdigerweise gar nicht nach meinem Ergebnis. So ging es Tage und Wochen; niemals wurde nach meiner Navigation gefragt. Endlich lernte ich mich aber ein und ging stolz meine eigene Wache. Ich fühlte mich auch nirgends wohler, als wenn ich allein auf der Brücke war und an frühere Zeiten denken konnte. Immer wieder tauchte die Sehnsucht nach den Eltern auf. Wenn die jetzt wüßten, wo du bist! Nie habe ich mehr die Elternliebe empfunden. Wie brutal kam ich mir vor, daß ich nicht zu meinen Eltern ging. Aber noch blieb ich dickköpfig.

Auf der »Petropolis« fuhr ich dreiviertel Jahr. Jetzt konnte ich als Einjähriger zur Kriegsmarine gehen. Als am 1. Oktober Einstellung war, meldete ich mich. Auf der »Petropolis« hatte ich mich in manches gute Buch vertieft, wenn ich auch nicht viel davon verstand. Jetzt fuhr ich also mit einem Kameraden von der Navigationsschule zusammen nach Kiel. Zum erstenmal in meinem Leben leistete ich mir eine Fahrkarte zweiter Klasse. Wir kamen uns vornehm vor; uns gegenüber saß ein Herr mit einem Spitzbart, das mußte unserer Meinung nach unbedingt ein Marineoffizier sein. Deshalb benahmen wir uns angestrengt reserviert.

Dann kam die Einstellung. Die ersten Tage wurden wir tüchtig auf dem Kasernenhof umhergehetzt. Als wir so eines Tages langsamen Schritt übten, was mir meines gebrochenen Beines wegen saure Schmerzen bereitete, kam eine Ordonnanz von der Station und fragte den Oberleutnant, ob hier ein Einjähriger Graf Luckner wäre? Großes Aufsehen. Der Oberleutnant fragte mich, ob ich einen Verwandten auf der Station hätte? Ich meldete: Nein. Dann wurden mir zwei Unteroffiziere mitgegeben, die sollten mich erst einkleiden, denn wir hatten ja bisher nur Drillichzeug getragen.

Während ich schön gemacht wurde, ging mir die »Station« im Kopfe herum. Was ist das, Polizeistation, Wachstation? Was mochte jetzt von meinem Sündenregister herausgekommen sein, die Marine kriegt ja alles heraus.

Schließlich kamen wir zu einem roten Gebäude. Ich lese in meiner Beklemmung die Aufschrift: Ackermann, Adjutant. Der eine Unteroffizier trat ein und meldete. Dann mußte ich eintreten. Ich soll zum Admiral Graf Baudissin kommen. Ja, wie wird denn solch ein hoher Herr angeredet? dachte ich bei mir; die Hauptsache ist wohl: immer stramm stehen. Drinnen sitzt der Admiral mit großen goldenen Streifen. Ich stehe da, die Ellenbogen und die Hände fest angelegt.

»Sagen Sie mal, was sind Sie für ein Luckner?«

»Der Sohn von Heinrich Luckner.«

»Wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Felix.«

»Aber der ist doch verschollen.«

»Nein, das bin ich.«

»Wie kommen Sie denn hierher?«

»Ich bin in der Schule nicht versetzt ... Hatte meinen Eltern versprochen, durchs Einjährige zu kommen ... habe ich versucht, mit eigenen Kräften mein Versprechen in Erfüllung zu bringen.«

»So, und was soll nun hier werden?«

»Ich habe mein Steuermannsexamen gemacht, was zum einjährigen Dienst berechtigt; ich wollte Reserveoffizier werden durch gute Führung.«

»Warum haben Sie Ihren Eltern nicht geschrieben?«

»Ich wollte nicht vorher kommen, weil ich da nicht für voll angesehen worden wäre und wollte auch nicht vorher schreiben, weil es dann geheißen hätte: Matrose, weiter ist aus dir nichts geworden? Ich glaubte meinen Eltern ein größeres Vergnügen bereiten zu können, wenn ich als gemachter Mann käme.«

»Wovon wollen Sie denn das bestreiten?«

»Ich habe mit allen Auslagen und Wiederzuverdientem imganzen noch 3400 Mark.«

»Soviel haben Sie verdient?«

»Ja.«

Da sagte der Admiral: »Ich bin Onkel Fritz.«

»Wat,« denk ich, »einen so vornehmen Onkel?«

Ich hatte von dieser Verwandtschaft vorher nie gehört, gucke rechts und links und denke fast, ich soll ihn gleich Onkel nennen, weil ich einen so guten Eindruck auf ihn gemacht habe. Ich sagte: »Exzellenz« -- in Wirklichkeit war er noch gar nicht Exzellenz -- »ich möchte gern vermeiden, daß meine Eltern vor der Qualifikation etwas von meinem Hiersein erfahren.«

Da antwortete er: »Vorausgesetzt, daß ich dir, was Diensttüchtigkeit anbelangt, nicht behilflich zu sein brauche, will ich dir gern zu Gefallen sein. Aber in dienstlicher Hinsicht hast du keinen Freund an mir.«

Ich konnte doch nicht sagen »Onkel«, ich beteuerte also nur: »Nein.«

»Und dann, Felix, kannst du zweimal die Woche zu mir kommen. Meine Tochter soll dir etwas Aufsatz beibringen, denn Junge, Junge, du sprichst ja ein fürchterliches Deutsch.«

Ich hatte mich schon für einen ganz gebildeten Menschen gehalten, aber mein »mir« und »mich« muß doch anderen noch auf die Nerven gefallen sein, und bei den Aufsätzen war die Kritik immer: Deutsch mangelhaft. Jetzt fing ich aber an zu lernen: »Mit, nach, nächst, nebst, samt, bei, seit« usw., und legte es mir zurecht, wann »mir«, wann »mich« zu setzen wäre. Einen Lebenslauf sollte ich jetzt verfassen, obwohl ich in meinem Leben noch nie einen Brief geschrieben hatte. In dem »Lebenslauf« habe ich sie aber tüchtig verkohlt, denn ich konnte doch nicht schreiben, daß ich bei der Heilsarmee war oder Leuchtturmwärter. Meine ganze Laufbahn hätte ich mir damit verdorben.

Ich lebte mich schnell bei der Marine ein und die Sache ging gut als Rekrut zuerst, dann auf dem »Mars« zum Artilleriekursus. Als ich von dort in die Flotte kam, stieß mir bald ein schwerer Unfall zu. Ein Boot mit Beurlaubten, das zum »Kaiser Wilhelm dem Großen« zurückfuhr, war im Begriff, in das unglücklicherweise ungeheißte Fallreep des Kriegsschiffes hineinzufahren, als ich gerade auf diesem die Wache ging. Ich versuchte, das Boot mit Hilfe seiner Vorleine zu stoppen, und verließ mich dabei zu sehr auf meine eigene Kraft. Ich erreichte auch, daß der Zusammenstoß stark gebremst wurde, aber das Fahrtmoment war doch viel zu schwer, und das Boot zog mich gegen das Kettengeländer, wo eine eiserne Stütze war. Diese ging mir durch den Leib und durchriß den Darm zweimal. Die Operation durch Professor Helfferich gelang vorzüglich; als ich aber nach acht Tagen aus dem Zimmer der Schwerkranken in das Leichtkrankenzimmer überführt worden war, habe ich eine große Dummheit begangen. Ich ahnte gar nicht, wie zerrissen mein Darm war, und fühlte mich durch das lange Fasten so ausgehungert, daß ich mir eines Sonntags, als mein Bettnachbar von Besuchern Pflaumen bekam, auch davon ausbat. Als Einjähriger hätte ich mich ja mehr beherrschen sollen, aber die Pflaumen taten mir wohl. Als aber der Verband am nächsten Tag erneuert wird, schlägt der Stabsarzt die Hände überm Kopf zusammen, denn da lag die ganze Pflaumengeschichte im Verband. Ich hatte nicht gewußt, daß der Darm abgebunden war; der war nun gerissen. Ich sollte sofort in Arrest kommen, wenn ich gesund wäre, und bekam zunächst mal eine Wache, damit ich nicht wieder »in die Plum« ginge.

Die im Lazarett verlorene Zeit wurde mir infolge meiner zufriedenstellenden Leistungen an Bord geschenkt. Ich wurde Unteroffizier; dann kam der Tag, wo ich die Übung als Vizesteuermann machen durfte, und nun wurde ich als Leutnant zur See der Reserve entlassen. Da mußte ich nochmals bei Onkel Fritz antreten, der mir Anweisung gab, wie ich es machen sollte, wenn ich nach Hause käme.

Ich zog mir kleine Uniform an, kaufte mir einen Dreimaster, Epauletten, Säbelschärpe und Visitenkarten und ging nach so viel Jahren zum erstenmal »to hus«.

In Halle a. Saale angelangt, stellte ich mein Zeug in einem Gasthof unter und zog mich sorgfältig an. Ich gehe zu dem stillen Haus auf der »Alten Promenade«; es hat sich in all den Jahren nichts verändert. Ich steige die Treppe hinauf und gebe die Karte ab.

Da höre ich die wohlbekannte Stimme des alten Herrn: »Leutnant zur See Felix Luckner? Gibt's ja gar nicht, aber ich lasse den Grafen bitten.«

Nun trete ich ein und sage ganz kurz: »Tag, lieber Vater! Glaube meine Äußerung verwirklicht zu haben, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«

Der alte Herr weiß nicht, wie ihm ist und was er machen soll. Marineoffizier? Der Bengel ist nicht versetzt, man wäre froh, wenn er Armeeleutnant geworden wäre und jetzt im kaiserlichen Rock?! Alles das saust ihm durch den Kopf, und ich höre nur, wie er mit erstickter Stimme ruft: »Alte!«

Die Mutter kommt, sieht mich, setzt sich vor Schreck auf die Treppe und fällt mir dann in die Arme, und wenn ich in der Erinnerung nachsuchen soll, so ist es mir, als ob sie eine halbe Stunde darin gelegen hätte.

Dem alten Herrn laufen jetzt auch die Tränen herunter. Nun mußte ich erzählen: Wie hast du gelebt? Was hast du getan? Das waren so viele, viele Fragen, ehe ich überhaupt geantwortet hatte. Aber nachdem sich der alte Herr etwas gefaßt hatte, fing er gleich sich zu brüsten an: »Siehst du, Alte, ich hab' es doch immer gesagt! Ist es ein Luckner, so wird etwas aus ihm, da braucht man keine Bange zu haben. Und geht er verloren, dann ist es auch kein Luckner. Dann ist es kein Schade. Und was ist er? Ein Luckner.«

Überall wurde nun hintelegraphiert zu den Geschwistern, Vettern, Onkeln, Klostertanten. Ich wurde von den Lehrern in den Schulen als gutes Beispiel hingestellt! Man hatte überall nach mir geforscht, hatte sich den Kopf zerbrochen, auf welche Weise das Kind wohl untergegangen wäre. Leben konnte es ja nicht mehr, denn sonst hätte es ein Lebenszeichen gegeben. Und jetzt stand ich vor ihnen, der ewige Tertianer, der, ohne Kadett geworden zu sein oder das Einjährigenexamen gemacht zu haben, auf den Schiffsplanken Offizier geworden war.

Seit dieser Zeit war ich nicht mehr das Sorgenkind, sondern der Verzug. Keine Mutter hat je ihr Kind so umsorgt, wie die meinige.

Das war der Abschluß meiner Wanderjahre. Jetzt kamen die Jahre, die normal verliefen.

In den Schoß der Familie aufgenommen, wurde ich auch in die Familiengeschichte eingeweiht. Dabei entdeckte man einiges, was auf die eigene Entwicklung Licht warf. Man war doch nicht so aus der Art geschlagen, wie man gedacht hatte. Unser Stammvater Nikolaus Luckner, 1722 in Bayern geboren, erhielt als Schüler im Passauer Jesuitenkollegium »wegen einigen Leichtsinns und Wildheit« den Beinamen Libertinus. Er entlief aus nicht näher bekannten, aber sicher zwingenden Gründen mit fünfzehn Jahren der Schule, trat in ein bayrisches Infanterie-Regiment und kämpfte gegen die Türken. Dann wurde er, da ihm das Zufußgehen zu langsam ging, Leutnant in einem Husarenregiment, das aus dem bayrischen Dienst 1745 als gemietete Truppe in den holländischen übertrat. Der Deutsche hatte damals ja leider noch kein Vaterland, bestenfalls Vaterländer. Als aber der alte Fritz gegen die Franzosen kämpfen mußte, übernahm Major von Luckner 1757 die selbständige Bildung eines hannöverschen Husarenkorps, das unter preußischem Oberbefehl focht. Die Lucknerhusaren, die der Ahnherr Mann für Mann nach Ablegung einer Mutsprobe persönlich anwarb, waren bald in ganz Norddeutschland durch unzählige Waffenstreiche berühmt, und ihr Führer wurde der Ziethen des westlichen Kriegsschauplatzes. Als aber nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges das Regiment durch seinen Landesherrn, den englischen König, aufgelöst wurde, entgegen den Versprechungen, die man ihm gegeben hatte, nahm General v. Luckner gekränkt seinen Abschied aus hannöverschen Diensten. Der Feind wußte seinen Degen besser zu schätzen: der König von Frankreich bot dem sagenumwobenen Kämpfer ein neues Wirkungsfeld. Sein Herz schlug deutsch wie das eines Johann von Weerth oder Derfflinger; aber Deutschland hatte für sein Soldatenblut keine Verwendung. So wurde Herr Nikolaus, der einmal in der Schlacht inmitten eines französischen Regiments einen Überläufer erkennend, in die enggeschlossenen Glieder hineingesprengt war, um dem Ausreißer den Kopf zu spalten, selber ein Söldner des Auslandes, nicht der erste und leider auch nicht der letzte deutsche Haudegen, der diesen Weg gegangen ist. Er, der kaum französisch konnte, als er übertrat, mußte nun zuletzt als Marschall von Frankreich und Führer der französischen Nordarmee 1792 gegen Österreicher und Preußen kämpfen. Er hatte aber als »Franzose« ebensoviel Unglück, wie er früher als preußischer Parteigänger Glück entwickelt hatte, und als der Greis 1794 nach Paris fuhr, um seine Pension abzuholen, die ihm die Republik nebst vielen Vorschüssen an seine Armee schuldig geblieben war, legte man seinen Kopf unter die Guillotine, ungeachtet dessen, daß der Dichter der Marseillaise sie ihm gewidmet hatte.

Er selbst war willens gewesen, sein Leben in Holstein zu beschließen, wo er durch Heirat Gutsherr geworden war. Schiffskapitäne und Husarenoffiziere, die leichtbeweglich sind und viel durch die Welt streifen, siedeln sich auf ihre alten Tage gern dort an, wo auf ihren Wanderzügen ihr Herz hängen geblieben ist. So kamen die Luckners nach Holstein und wurden dänische Grafen. In Holstein ist mein Vater geboren. Als er das kritische fünfzehnte Jahr erreicht hatte -- es war gerade im Jahre 1848 -- lief auch er von der Schule weg. Er wollte gegen die Dänen fechten, nahm jahrelang an allen Kämpfen teil und kehrte 1850 als Dragonerleutnant nach Hause zurück. Den Geschmack an den Studien hatte er verloren. Er wurde Landwirt und war bald in ganz Holstein durch Gastfreundschaft und allerhand lustige Streiche bekannt. In Bramstedt wird noch das Denkmal gezeigt, dessen Sockel der »tolle Luckner« auf dem selbstgezüchteten, edlen Hengst im Sprunge nahm. So oft der König rief, 1864, 1866, 1870, trat mein Vater in die Armee ein. Aber nach beendetem Kriege kehrte er jedesmal nach Hause zurück. Er wollte im Frieden nicht Soldat sein, nur Schütze und Jäger. Gute Freunde nutzten den liebenswürdigen Herrn und seine Sportleidenschaft aus; er verlor schließlich seine Besitzung und siedelte nach Dresden über, wo sein Vetter lebte, der gleichfalls nur der »tolle Luckner« hieß. Dieser fuhr gern mit knallroter Equipage sechsspännig durch Dresden -- auch hinderten ihn dabei nicht die Stufen der Brühlschen Terrasse --, und als ihm der König das Sechsspännigfahren verbot, nahm er fünf Pferde und einen Maulesel. Eines Tages saß er mit einem Freund im Gasthof bei Tisch, als eine schöne junge Dame, Gräfin X, den Saal betrat. Mein Onkel, der ihr noch nicht vorgestellt war, fing Feuer und wettete sofort mit seinem Freund um ein Rittergut, daß er sich die Hand der Dame erringen werde. Wenige Wochen darauf war das Paar aufgeboten; er hatte aber inzwischen bei näherer Bekanntschaft die Lust verloren und zog es vor, anstatt zur Trauung auf die Festung Königstein zu wandern, um wegen Pistolenzweikampfs mit einem Verwandten der Dame in Haft zu büßen. Auf Königstein war es langweilig, und so vertrieb er sich die Zeit, indem er in die vorbeifließende Elbe mit Talern warf, um herauszubekommen, ob sie »rikochierten«.

Kavalleristisch galoppiert es durch die Lucknersche Familiengeschichte. Einsetzen der Person und ein fröhliches Lachen ist vom Ahnherrn erblich; irdische Güter sind gekommen und gegangen, das Herz ist auf dem alten Fleck geblieben. Viel deutsche Geschichte drängt sich schon auf den wenigen Blättern unserer Familienchronik durcheinander. Aber sollte Deutschland noch einmal ums Dasein kämpfen müssen, sind hoffentlich auch die Luckners wieder zur Stelle.

Sechstes Kapitel.

Offizier und immer mal wieder Matrose.