Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben

Part 6

Chapter 63,675 wordsPublic domain

Wir malten nämlich jede Flasche Bier, die getrunken wurde, mit Kreide an die Wandtafel. Das ging auch ganz gut, solange wir selber nüchtern waren. Aber wenn die allgemeine Stimmung auf die Höhe kam, betätigte sich in der Stille irgendein guter Maat, indem er ein paar Striche einfach wieder weglöschte. Vier Wochen hatten wir die Wirtschaft, die Einnahmen waren gleich Null. Die zehn Prozent, die wir Mutter Schroth, wie vereinbart, abgeben mußten (was darüber war, durften wir behalten), gaben wir aus unserer Tasche und zogen uns aus der Branche wieder zurück.

Wenn Jan Maat an Land etwas unternimmt, so fehlt ihm meistenteils die Ausdauer. Er verliert, wenn er das Festland verläßt, auch den Zusammenhang mit dem meisten, was dort wichtig genommen wird. Kommt er nach Monaten in einen fremden Erdteil, so begehrt er Nachrichten aus der Heimat, die schon alt sind, wenn er sie erhält, aber die Neuigkeiten des betreffenden Landes interessieren ihn gar nicht. Er lernt philosophisch denken über den Wert der jeweiligen Gegenwart, ihrer Moden und ihrer Geschäfte, und empfindet, daß die See ihm als besondere Gunst immer wieder die Kraft gibt, von dem nichtigen Tagestreiben sich zu den einfachen, großen Stimmungen des Lebens emportragen zu lassen.

Kommt der Seemann nach langer Reise in die Heimat zurück, so sind inzwischen viele Begebenheiten, die die andern bewegten und von denen er nichts erfuhr, bereits wieder in Vergessenheit geraten. Blättert er einmal alte Zeitschriften durch, so findet er vieles, was ihm unbekannt ist, und er fragt: »Was habt ihr denn hier gemacht?«, worauf er die erstaunte Antwort erhält: »Das wißt ihr nicht?«, und jeder schüttelt den Kopf.

Auf der langen Fahrt sehnt sich der Seemann aber doch nach der Heimat und malt sich aus, was er alles tun will, wenn er an Land kommt. Das Unangenehmste, was ihm, besonders aber dem Kapitän, geschehen kann, ist Windstille, wenn das Schiff nach Hause fährt. Auch wenn sie nur ein bis zwei Tage anhält, werden alle Hilfsmittel in Bewegung gesetzt, denn, wie der Mensch ist, bildet sich der Kapitän in solchen Tagen ein, daß nun überhaupt nie mehr Wind kommen werde. Zunächst sieht er seine Ladungsprozente schwinden. Er hatte, solange es gut ging, angenommen, daß der vorige Wind überhaupt nicht aufhören und er mit der augenblicklichen Geschwindigkeit in der Heimat ankommen werde. Nun diese Stille! Er fängt an, zuerst den »Jonas«, den Unglücksraben an Bord zu suchen. Der nächste, an dem er seine Laune ausläßt, ist der Mann am Ruder. Er hat alles mögliche an ihm auszusetzen, ist innerlich überzeugt, daß, wenn der am Ruder steht, nie Wind kommen wird, weil er den Wind vertreibt. Schließlich nimmt er seine Mütze ab, tritt darauf vor Ungeduld und fängt an zu pfeifen, was an Bord eines Segelschiffes verpönt ist, weil es bedeutet, daß man den Sturm heranpfeife. Dann ruft er einen Schiffsjungen, der an dem Mast kratzen soll, weil dies auch Wind bedeutet, und wenn das nichts hilft, jagt er den Kajütenjungen aus der Kajüte, drückt ihm einen Besen in den Arm mit dem Befehl, sich auf den obersten Topp des Mastes zu setzen und den Himmel zu fegen. Schließlich nimmt er selbst eine alte Büx oder einen alten Stiefel und wirft ihn über Bord, um auch mit diesen Mitteln Wind heranzulocken. Dann geht er wieder runter, setzt sich einen Augenblick in seine Kajüte in der Hoffnung, daß mittlerweile Wind im Anzug ist. Wenn er wieder herauskommt und noch dieselbe Stille herrscht, macht er Krach mit dem Rudersmann, ärgert sich über das grinsende Gesicht dieses Jonas und ruft einen andern Mann ans Ruder: »Na, Jan, du büst doch 'n Keerl, süh du mal to, dat Wind kümmt, du steihst di doch sonst god mit Petrus.« Bestimmt erwartend, daß dies nun etwas genützt hat, geht er auf und ab. Tatsächlich: Da kommt ein leichter Luftzug. Man erkennt fern am Horizont ein Kräuseln des leicht dünenden Meeres. Einer atmet auf, der Kapitän. »Jan, du büst 'n fixen Keerl! hev ik dat nich seggt? Du salst ook en half Pund Tobak hebben.«

Monatelang sieht Jan Maat kein Geld und findet keine Gelegenheit, etwas auszugeben. So denkt er häufig an die Zukunft, da er an Land plötzlich eine große Summe in Händen haben wird. Schon an Bord beschäftigt sich die müßige Phantasie mit dem großen Augenblick, da er mit seinem Büdel voll Geld als Kapitalist die Schätze des Landes mustern wird. An Bord wird keine noch so veraltete Zeitschrift weggeworfen. Alte Modeblätter gehen von Hand zu Hand. »Du, Tedje, dat is en Anzug, do sühst du no wat ut.« Möglichst weiter Westenausschnitt, aus dem das sonntägliche weiße Vorhemd breit hervorquillt, wird bevorzugt. Die Kataloge der Warenhäuser werden sorgfältig gewälzt. »Wat, so 'n Grammophon blot vertig Mark, dat mut ik hem, mit all die feinsten Platten und Leeder.« Eine »Binnenreis'« wird geplant. »Na München mut ik mal hen, do sall dat ja grotartig sin.«

Wenn er dann an seinem vollgerundeten, tropenverbrannten Gesicht für jedermann kenntlich als einer der von »de lange Reis'« kommt, an Land gestiegen ist, zerrinnen die ganzen Pläne. Vieles Hin- und Herkreuzen an Land und insbesondere in Sankt Pauli nimmt ihn in Anspruch, und die Fata morgana, die ihm an Bord vorgegaukelt war, wird bald vergessen.

Wenn Hein und Tedje, welche auf einem andern Schiff angemustert haben und klar zur zweiten Reise sind, sich wieder begegnen, fragt Hein: »Na Tedje, wie süht dat in München ut?« Tedje, der überhaupt nicht auf die Eisenbahn und von der Wasserkante weggekommen ist, fragt nur dagegen: »Hest du din Grammophon?«

Nicht nur die Pläne, die der Seemann abends auf der Wache geschmiedet hat, zerflattern ihm jetzt. Er hält es auch selbst nicht lange an Land aus. Von seinen Maaten hat er Abschied genommen, die Menschen, mit denen er zusammenkommt, sind ihm fremd. Was sie ihm erzählen, interessiert ihn nicht, denn er ist ein Jahr weggewesen und versteht den Zusammenhang nicht. Das Telephonieren, das Hasten auf der Untergrundbahn, das ganze Hinundher des Stadtlebens mit seinen fortwährenden Unterbrechungen und unübersichtlichem Getriebe ist ihm zuwider. Der Städter ist auf Hetzprobe eingestellt, der Seemann auf Geduldsprobe. Ihm scheint es, daß der Städter das Warten nicht gelernt hat und daß es ihm schwer fällt, eine Sache ausreifen zu lassen. Auch auf See hat ja jeder sein Ziel, aber mit Drängen ist dort nichts gedient. So erscheint es dem Seemann bald einsamer an Land als auf See. Es fehlt ihm die gewohnte Plauderstunde abends an Deck, während das Schiff langsam dahin zieht. Dort wird die Unterhaltung nicht unterbrochen durch neu Hinzukommende, es bleibt immer gemütlich, Abend für Abend dasselbe, man kann plaudern, solange die Wache dauert.

Dazu kommt noch ein anderes: der Seemann ist harmlos, er kennt nicht die Schliche, womit man den andern betrügt. An Bord würde das die Kameradschaft nicht dulden, Diebstahl ist zwischen Maaten das größte Verbrechen, keine Seekiste darf abgeschlossen werden. An Bord herrscht die Selbsterziehung und das Vertrauen zu den Kameraden. So hat der Seemann wenig Menschenerfahrung, wenn sich die »Landhaie« an ihn heranschleichen. Sie benutzen es, daß er nicht viel Alkohol vertragen kann, und nehmen ihm heimlich sein Geld ab, welches er sich in monatelangem Kampf draußen mit den Elementen erworben hat. Was werden doch arglose Seeleute auf dem Lande geneppt! Ich kann auch ein Liedchen davon singen.

Nach 1½jähriger Seereise geht man in Hamburg an Land. Mit vollen Segeln sucht man nach St. Pauli zu kommen. Halloh, was ist denn hier los? Warum stehen hier so viele Menschen? Man tritt dazwischen und sieht, daß hier ein Pferd gestürzt ist, welches sich ein Bein gebrochen hat. Während man sich den Neugierigen angliedert, hört man plötzlich hinter sich jemand stöhnen. Ich drehe mich rum und nun sagt einer: »Guten Tag, junger Herr, können Sie mir nicht sagen, wie ich am schnellsten hier nach dem Leihhaus komme?«

»Nach dem Leihhaus, nein, ich bin noch nicht in die Verlegenheit gekommen.«

»Sie können Gott danken.«

»Was haben Sie denn?«

»Ich bin gezwungen, das letzte Erbteil meiner seligen Mama zu versetzen. Ich will es deshalb versetzen, weil einem immer Gelegenheit geboten wird, es wiederzubekommen.«

»Was ist es denn?« frage ich.

»Ein Diamantring.«

Er zieht den Ring vom Finger, denselben noch einmal küssend, reicht er ihn mir. Während ich ihn betrachte, tritt plötzlich ein gut gekleideter Herr auf mich zu mit den Worten: »Verzeihen Sie, daß ich so indiskret war, Ihr Gespräch zu belauschen. Es gehört aber wohl zu den Seltenheiten, daß ein Juwelier gerade da ist, wo jemand betrogen werden soll. Echte Brillantringe bietet man nicht auf der Straße an.«

Darauf sagt der erstere: »Sie können ganz unbesorgt sein, mit Gegenständen meiner Mutter treibe ich keinen Betrug.«

»Ich habe nichts mit Ihnen zu tun, ich unterstütze den jungen Mann.«

Ich reiche dem Juwelier den Ring, der ihn von allen Seiten betrachtet und bemerkt: »Das Gold ist echt« und mir leise zuflüstert: »Fragen Sie mal, was er dafür haben will.«

»Was wollen Sie dafür haben?«

»Ach, 10 Mark.«

Der Juwelier erwidert mir flüsternd: »Der Kerl hat den Ring gestohlen.« Mit einer Lupe betrachtet er den Brillant und sagt: »Der Stein ist echt. Geben Sie dem Kerl ruhig das Doppelte und kommen Sie nach meinem Geschäft, ich gebe Ihnen das Zehnfache.«

Erfreut über das glänzende Geschäft greife ich schnell in die Tasche und reiche ihm 20 Mark. Dann entferne ich mich schnell aus der Menge in dem Glauben, mein Juwelier folgt mir. Erstaunt sehe ich mich um, als ich ihn nicht finde. Überall suche ich nach ihm, zuletzt auch nach dem, der mir den Ring verkauft hat. Keiner ist zu finden. Mißtrauisch betrachte ich nun meinen Ring. Um schließlich doch ganz sicher zu sein, da ich noch immer nicht verstehen kann, daß ich wirklich einem solchen Schwindel zum Opfer gefallen sein soll, gehe ich zu einem wirklichen Juwelier nach St. Pauli, der mir lächelnd sagt: »Echt ist der Ring nicht, aber für'n Taler ist er ganz gut gemacht.«

Tedje und ich schlendern weiter über den Hamburger Dom. Dutzendweise ertönen von beiden Seiten der Budenstraße her Verheißungen von noch nie dagewesenen Jahrmarktsfreuden. Plötzlich hören wir von einer Bude eine besonders klare, kräftige Stimme: »Kommen Se rinn, kommen Se rinn, hier ist zu sehen, was noch kein Mensch gesehen und gefressen hat.« Tedje fragt: »Wat hest du denn?« -- »Hier ist zu sehen ein Kanarienvogel, der plattdütsch snakt.« -- »Hast du gehört, Tedje, de möt 'n bannigen Baß hebben.« »500 Mark Belohnung, wenn der Vogel nicht plattdütsch snakt.« »Nu ward' ja rieten« (nun wird's ja reißen); den Vogel müssen wir doch sehen. Ein Haufen Menschen hat sich vor dem Eingang aufgestellt. Ein großer Teil zögert einzutreten, weil sie nicht recht wissen, ob es dummer Scherz ist, und lassen zunächst den Dummen den Vortritt. Wir gehen 'rein; die Vorstellung beginnt. Der Kanarienvogel im Bauer wird auf die Bühne gebracht mit der Bemerkung: »Gestatten Sie, meine Herren, daß ich Ihnen den Vogel vorstelle. Hans heet he.« »Ach wat,« schreit eine Stimme aus dem Hintergrund, »wi will nich weeten, wie he heet, wi will em snaken hören.« »Einen Augenblick, meine Herren! -- Hans segg mol, wat sall ik smöken, 'ne Zigarre oder 'ne Pip?« Worauf der Vogel prompt antwortet: »Piiip.« »Meine Herren, he snakt platt.« Ein helles Gelächter rauscht durch das Zelt und die neugierige Menge derer draußen, welche die Klugen sein wollten, fragt die Heraustretenden: »Snakt he plattdütsch?« -- »Ja, dat deit he, aber grotartig.« (Warum sollten wir die Dummen gewesen sein? Dieser famose Scherz sollte auch die andern überzeugen.) So ging es den ganzen Tag, wobei der Mann ein Bombengeschäft machte.

Der nächste Budeninhaber versprach, ein großes Rätsel zu zeigen und denen, die es rieten, das Eintrittsgeld zurückzuzahlen. Und wirklich, aus dem Innern der Bude läßt sich durch das Zelttuch immer wieder die laute Stimme eines Mannes hören, der anscheinend unter den Zuschauern herumgeht: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück.« Hier scheint also nicht allzuviel gewagt. Die Heraustretenden, die wiederum nicht die Miene von Hereingefallenen aufsetzen, bestätigen, daß sie ihr Geld wiederkriegten. Die Bude wird getürmt voll. Wir bezahlen unsere dreißig Pfennig und treten ein. Vor jedem Platz steht ein Waschbecken, weiter nichts. Die Augen werden allen verbunden, dann kommt ein Mann, der einen Eimer trägt, in dem das Rätsel ist, und verlangt, daß man hineingreift. Flüsternd fragt er: »Was ist das?« »Pfui Teufel, Pech!« Worauf er laut ruft: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück,« und dann mit leiser Stimme hinzufügt: »Händewaschen kostet fünfzig Pfennig.« Einer alten Dorffrau, die es absolut nicht raten konnte, hat der Spaß also achtzig Pfennig gekostet.

Nicht alle Betrügereien aber waren so harmlos wie die der kleinen Schiffer- und Bauernfänger auf dem Dom.

Hat der Fahrensmann das Landleben so eine Zeitlang genossen und vielleicht auch eine trügerische Verlobung mit der »Tochter« des Heuerbas erlitten, ergreift ihn die Verbitterung, und er ist froh, wenn er wieder die Anker lichten und hinaus zu seinem Meere gehen kann[9]. Mag auch die Nordsee nicht der Freund des Seemanns sein, er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen, er weiß, daß sie ihm mehr sind wie die Menschen an Land. Er atmet wieder die Meeresluft, die den ganzen Menschen durchdringt und ihn in ganz anderer Weise schützt als auf Land. Sie trägt keine Infektionen; wenn die ersten Tage der Fahrt vorüber sind, bleiben Krankheiten fern, solange nicht etwa durch Entbehrung frischen Proviants der Seemann an Skorbut erkrankt. Es gibt keine Erkältungen auf dem Meere, Wind und Nässe sind ohne Einfluß auf das Befinden -- der Rheumatismus kommt erst später heraus -- und Staub ist auf dem Segelschiff etwas Unbekanntes. Das Waschen hat nur die Bedeutung, die salzige Schicht von der Haut zu entfernen.

Man hat auf dem neuen Schiff wieder andere Maaten, mit denen man sich anfreundet. Die erste Frage ist immer, wie es auf dem letzten Schiff war. Es war immer das beste, und man schwärmt von dem damaligen Kapitän. Erinnerungen werden ausgetauscht, der eine kennt den, der andere jenen; es gibt viel zu plaudern, wenn man mit neuen Schiffsmaaten zusammen ist.

Des Seemanns Gesellschaft sind aber nicht nur die Kameraden an Bord; in einem besonderen Vertrauensverhältnis steht er zu der Natur, mit der er zusammen lebt. Er kennt alle Fische, die ihm begegnen. Es gibt nur wenige Arten, die mit der Angel von Bord aus zu fangen sind. Kommen Delphine oder, wie der Seemann sie nennt, Tümmler (Schweinsfische), so heißt es: »Klar an die Harpune!« Es gehört ein erfahrener Harpunenwerfer dazu, die Delphine sicher zu treffen, denn oft geht das schwere Tier in voller Fahrt in entgegengesetzter Richtung des Schiffes. Große Freude herrscht an Bord, wenn ein Delphin gefangen ist, denn jetzt gibt es frisches Fleisch.

Bei Kap der Guten Hoffnung, Kap Horn und in der Nähe von Inseln fliegen die Vögel, die treuen Begleiter heran, Albatrosse, Kaptauben, Mulehogs und viele Arten von Möwen. Sie begleiten den Kapfahrer bis halb nach Australien und nähren sich von den Abfällen, die über Bord geworfen werden. Es tut wohl, wenn man lange auf See ist, andere Lebewesen um sich zu sehen. Man begrüßt sie als alte Freunde und Kameraden, die man vor einem Jahr gesehen hat und jetzt wieder trifft. Besonders die Möwe ist dem Seemann heilig, weil er glaubt, später in Gestalt einer Möwe fortzuleben; man sieht eine Seemannsseele in jeder Möwe, die weißen Möwen sind die guten Seeleute, die schwarzen die bösen, die Seedüwels. Man schießt keinen dieser Vögel, denn es sind ja die einzigen Freunde, die einen besuchen und mit einem fliegen. Wenn südlich vom Äquator nach dem Passat der erste Albatros kommt, wird das ereignislose Einerlei freudig unterbrochen. Majestätisch wogt er hin und her; bald dicht über den Wellen, bald höher, bald vor dem Bug umkreist er das Schiff. Der Albatros ist der größte fliegende Vogel, den wir haben, der Beherrscher der südlichen Meere. Auf dem Schiff ist er seekrank und kann nicht mehr fortfliegen, da er keine Luft unter den Flügeln hat. Es ist übrigens, wie die Seeleute glauben, noch niemandem gelungen, einen Albatros lebend in unsere nördliche Erdhälfte zu bringen.

An der afrikanischen Küste lassen sich zuweilen Hunderte von Schwalben, die sich im Nebel verflogen haben, erschöpft auf dem Schiff nieder. Auch Dutzende von Störchen verirren sich manchmal auf das Schiff. Die Tiere kommen nie wieder hoch, und es ist traurig, ihren Untergang mit anzusehen, da an Bord kein für sie eßbares Futter ist. Man kann ihnen nicht helfen; sie sterben den Seemannstod wie der Schiffer, dem mitten in der Wasserwüste der Proviant oder das Trinkwasser ausgeht.

So lebt der Seemann mit der Natur, die ihm Kamerad und Gegner ist. Wer die freie See kennt, mag ihren Hauch nicht mehr entbehren.

[5] Schiffssprache für Anrichte (englisch).

[6] Rundfenster.

[7] Schiffstagebuch.

[8] Landungsbrücke (englisch).

[9] Heuerbas heißt der Makler, der zwischen Reeder und Maaten vermittelt. Der, den ich meine, wird sich erinnern!

Viertes Kapitel.

Wieder auf der Schulbank.

In Hamburg erzählte man mir, wenn ich mal das Steuermannsexamen machen wollte, müßte ich auf einem Dampfer gefahren haben. So musterte ich also mit meinem alten Schiffsmaaten Uhlhorn auf einem Sloman-Dampfer an, auf der »Lissabon«. Damit ging es nach dem Mittelmeer. Nach dieser Reise, die etwa zwei Monate dauerte, ging es auf einem Küstendampfer, der »Cordelia« nach Rotterdam und Amsterdam, und dann glaubte ich, die Seefahrt so weit hinter mir zu haben, daß ich auf Schule gehen konnte.

Ich begab mich nach der Seemannsmission, um mir mein erspartes Geld zu holen. Ich wußte genau, daß ich 3200 Mark eingezahlt hatte, und da hieß es nun zu meinem Staunen, daß ich 3600 Mark bekommen sollte. Ich wußte doch nichts von Zinsen! Zuerst glaubte ich, es wäre reine Gutmütigkeit von den Leuten. Nahm also mein Geld und ging auf Schule. Ich hatte mir die Navigationsschule in Lübeck ausgesucht.

Zuerst schaffte ich mir nettes Zeug an. Man mußte jetzt ja weiße Wäsche tragen und Schlipse, nicht mehr den ewigen Gummikragen, den man an Bord immer mit dem Freunde teilt, der gerade an Land geht, sowie den amerikanischen Blechschlips mit einem Revolver als Schlipsnadel daraufgelötet.

Ich war schon erklecklich über zwanzig Jahre alt, als ich auf Schule kam. Alle unsere alten Kapitäne sind diesen Weg gelaufen. Er ist das »Musloch« für jeden Matrosen, der sich hoch arbeiten will. Die neueren Seeleute wollen dies Musloch ja gern dicht stoppen; sie wollten die Bildung auf See verbreiten und heben. Nur »Kadetten«, nicht mehr Matrosen sollen auf der Handelsmarine Offiziere werden dürfen. Ich bin immer gegen diese Tendenz angegangen. Die Kadettenerziehung als solche ist gut, und was die seefahrende Jugend Männern wie meinem lieben Professor Schulze verdankt, weiß niemand besser zu schätzen als ich. Die Gefahr ist nur, daß der höhergebildete junge Mensch sein Wissen mit praktischem Können verwechselt, und für noch gefährlicher halte ich es, wenn allen nicht mit höherer Schulbildung versehenen strebsamen Matrosen der Zutritt zur höheren Laufbahn versperrt wird. Man erwartet doch keine Bildung auf See. Es ist doch besser, auf der Kommandobrücke einen kräftigen Menschen zu sehen, als einen feinen Kerl mit hohem Kragen. Stehen die großen Kapitäne, die echten, alten, nicht würdiger da? Gewiß, ich habe unter den modern gebildeten Schiffsoffizieren viele Seeleute ersten Ranges kennen gelernt. Aber wenn ich erst einmal Kapitän bin, habe ich immer noch Muße genug, mich für die Wissenschaften zu interessieren. »Vor dem Mast«, d. h. als einfacher Matrose gefahren zu haben, kann keinem schaden. Auf einen tüchtigen Seemann verläßt sich der Passagier lieber, als wenn da einer mit Lackbotten als Gigerl einhergeht. Was heißt überhaupt Bildung auf See? Man hat genug damit zu tun, die Seewissenschaft zu pflegen und sich das praktische Können zu erkämpfen, wie man am besten Herr der Elemente wird. Bei der Frage, was man tut, wenn einem die Takelage von oben kommt, nützt einem kein Schopenhauer.

Ich kam also mit meinem Gelde in Lübeck angefahren und suchte mir eine angenehme Wohnung, die ich bei einer freundlichen alten Dame fand. Dann bewegte ich mich zur Navigationsschule und wurde vorstellig beim Professor Dr. Schulze, einem ganz hervorragenden Manne, der auf mich einen selten vertrauenswürdigen Eindruck machte, obwohl mein Herz mir ziemlich beschwert wurde, als ich Schulluft roch. Als Seemann war ich ja recht großspurig; hier aber wurde ich wieder ein ganz kleiner Matz. Ich zog den Professor ins Vertrauen, erklärte ihm meinen Namen und meine Vergangenheit, da doch meine Papiere auf den Namen Luckner genannt Lüdicke lauteten. Da streckte er mir eine warme Rechte entgegen und sagte, ich möchte unbesorgt sein, denn viele Volksschüler mit noch mangelhafterer Bildung hätten die Prüfung mit Glanz bestanden.

»Ja,« erwiderte ich, »die können auch rechnen und sind in Wirklichkeit weniger zurückgeblieben als ich.«

Ich erzählte ihm, wie weit ich in der Schule gekommen war, und er fragte mich ein bißchen nach der Bruchrechnung. Als ich die aber ableugnete, da stutzte er doch.

Ich wußte ja nicht, was ein Fünftel ist.

Ein halb, ein viertel, das wußte man ja nach der Uhr, aber ein Fünftel, das hatte ich nie gebraucht.

»Na,« sagte er, »macht nichts. Ich sollte nur nicht befangen sein, nur ein bißchen Fleiß ...«

Herrgott, kam es mir durch den Sinn, da ist wieder der alte »Fleiß«, es ist doch immer dasselbe. Ich habe mich aber in diesem prächtigen Mann nicht getäuscht, er stärkte meine Hoffnung und gab selbst Nachhilfeunterricht, wo es fehlte. Nach einem Monat taute ich auf. Ich fühlte, daß ich die Hoffnung hegen durfte, mein Examen zu machen. Die Zukunft lag rosiger vor mir.

An jenem Tag, an welchem ich mich beim Direktor angemeldet hatte, ging ich nachher zum Café Niederegger, das wegen seines Marzipans berühmt ist, weil ich das Bedürfnis empfand, nun in besseren Lokalen zu verkehren. Dort sah ich einen dänischen Grafenkalender liegen. Ich denke: »Minsch, du büst doch ook 'n Grof,« blättere nach und wirklich: ich stehe drin, als verschollen. Das ist ja großartig, denke ich. »Herr Ober, noch ein Pilsner.« So wußte ich doch wenigstens, wie es in der Heimat war. »Dort jammern sie also längst nicht mehr um dich.«

Geschrieben hatte ich nie nach Hause, denn wer war denn stolzer als ich als Matrose, wenn ich hoch oben im Mast saß und mich fühlte: was bin ich, was kann ich, und was kann ich noch werden. Doch schämte ich mich, diesen Stolz zu zeigen. Denn in der Heimat wären die ollen Klostertanten doch entsetzt gewesen, wenn sie gehört hätten, einen Matrosen zum Neffen zu haben.