Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben
Part 21
Später erfuhr ich, daß dieser unsichtbare Mandolinen- und Katzenbesitzer ein Regierungsbeamter (Lehrer und Amtmann) aus Samoa war, Franz Pfeil, ein wackerer, aufrechter Anhaltiner, der eine dreijährige Festungshaft wegen Flucht verbüßen mußte. Er war kurz nach Besetzung der Samoainseln durch die Neuseeländer unter großen Schwierigkeiten nach dem amerikanischen Pago-Pago geflohen; und zwar war er als blinder Passagier, zwischen den Ankerketten des Motorschoners »Manna« verstaut, glücklich entkommen. Aber mit Verletzung jedes Völkerrechts lieferten ihn die damals noch neutralen (!) Amerikaner an die Neuseeländer in Apia aus. Seine Proteste wurden unterschlagen. In Apia wollte man ihn zuerst erschießen, verurteilte ihn dann aber durch Kriegsgericht unter Vorsitz des Majors Turner, unseres späteren Kommandanten von Motuihi, zu drei Jahren Gefängnis! »Wegen das Verbrechen der bekanntgemachten Anordnungen, die das kommandierende Offizier der okkupierenden Truppen im Schutzgebiet Samoa ausgab. In das er In Apia in die Nacht von 28. Oktober 1914 an Bord des Motorschuners >Manna< geganen und darauf nach dem Amerikanischen Port von Pago-Pago gefahren ist, ohne zuerst das erlaubnis ein ermächtigter Offizier schriftlich zu behalten als bei die Bekanntmachung des neun und zwanzigsten August 1914 angewiesen war.« So lautete das Pfeil auf »deutsch« zugestellte Urteil.
Gegen jedes Völkerrecht brachten sie Pfeil nach dem Zuchthaus »Mount Eden«, und erst, nachdem auf Umwegen die Nachricht nach Deutschland gekommen war und man hier Vergeltungsmaßregeln ergriff, wurde sein hartes Los etwas erleichtert.
Ich wollte Pfeil antworten, aber ringsherum standen Posten, und eine Verbindung war nach dem Katzengespräch schwer zu bewerkstelligen. Ich schrieb also eine Nachricht in den Deckel einer leeren Tabaksdose und warf sie zum vergitterten Fenster hinaus. Leider fiel dieselbe so nahe, daß Pfeil sie nicht holen konnte, denn er durfte eine gewisse Linie nicht überschreiten, und gerade an diesem Tage bewachte man ihn sehr stark. Da kam uns ein alter Tommy zu Hilfe. Er hob die Dose auf, und als er sie leer fand, warf er sie wieder weg. Pfeil rief ihm zu, er solle sie ihm geben, er habe gerade Verwendung dafür. Und bereitwillig trug sie ihm Tommy hin. Ein Wink sagte mir bald, daß Pfeil gelesen hatte. Noch im Laufe desselben Tages wurden wir nach Motuihi gebracht, wohin Pfeil auch bald kam, da seine Zeit nun endlich um war.
Die etwa zwanzig deutschen Kriegsgefangenen in Devonport haben in rührender Weise dem Vaterland zu dienen gesucht, soweit es ihre gefesselten Kräfte vermochten. Pfeil hatte, immer im Gedanken an eine neue Flucht, verstanden, sämtliche Karten der Festung, der Hafenanlagen mit Minenfeldern und der Umgebung zu »finden«. Dieselben haben mir später bei meiner eigenen Flucht Dienste geleistet. Ein anderer Gefangener, Grün, hatte sich in Devonport einen Empfangsapparat gebaut und so mancherlei wichtige Sägen und Werkzeuge »gefunden«, die für eine Flucht von Wert sein konnten. Außerdem hatten die Deutschen während ihres Hierseins die feinen elektrischen Zündapparate der Seeminen, nachdem sie gereinigt und von einer Kommission zur neuen Verwendung geprüft und abgenommen waren, auf geniale Art und Weise unbrauchbar gemacht. Grün hatte in seiner Matratze Unmengen von Schießbaumwolle und hat wochenlang darauf geschlafen.
[2 Illustrationen: (Phot. R. Hofmann, Kassel.) Panorama von Motuihi.]
Motuihi ist eine viertausend Morgen große Insel gegenüber Neuseeland in der Nähe der Stadt Auckland. Auf dem größeren Teil dieser Insel durften wir uns frei bewegen. Welche Erlösung war dies, als wir aus dunkler Arrestzelle herausgeführt auf Motuihi landeten und den freien Blick in die Natur wieder genossen! Noch mehr aber als der blaue Himmel und die grüne Erde erquickte uns der Anblick der vielen deutschen Landsleute; fast vergaß man in erster Freude, daß wir alle zusammen Gefangene waren.
Wir wurden mit unseren verhältnismäßig frischen Nachrichten aus der Heimat in dieser seit August 1914 vom Vaterland abgeschnittenen Schar wie Boten des Himmels begrüßt.
Es war der Gouverneur der deutschen Kolonie Samoa, Exzellenz Dr. Schultz mit seinen Beamten und deutschen Pflanzern und Kaufleuten, die seit zwei Jahren auf Motuihi interniert waren.
Als die Neuseeländer schon Ende August 1914 Samoa besetzt hatten, fanden sie dort nicht die winzigsten Handhaben zur Erfindung »deutscher Greuel«, die ihnen ein strenges Vorgehen gegen unsere Landsleute ermöglicht hätten. Im Gegenteil baten die von uns stets mit fast zu weit getriebenem Wohlwollen behandelten, auf Samoa ansässigen Engländer in einer Petition die neuseeländischen Besatzungsbehörden, die unsrigen anständig zu behandeln, und Oberhäuptling Tamasese, dem die Neuseeländer erklärten, sie wollten die Deutschen zu deren »Schutz« internieren, erwiderte stolz: »Das ist überflüssig, die Deutschen stehen unter dem Schutz der Samoaner.« Aber alles das half nichts gegen den Vorsatz, die »deutsche Pest« aus Samoa auszutilgen.
Hierzu fand man das geeignete Werkzeug in einem bankerotten Schafzüchter, dem Milizoberstleutnant Logan. Dieser »Buschlümmel« richtete eine wahre Schreckensherrschaft auf und wütete gegen die deutschen Frauen und Kinder, die er in gesundheitsmordenden Internierungslagern einsperrte; denn, wie er dem protestierenden Schweizer Konsularagenten amtlich erklärte, »die deutschen Frauen sind Nattern und brüten Nattern aus«. So sah er sein Hauptziel darin, möglichst viele deutsche Kolonisten von ihren Familien zu trennen und auf dem Umweg über willfährige Kriegsgerichte und das Aucklander Zuchthaus in neuseeländische Konzentrationslager zu bringen. In jahrelanger, ungestörter Arbeit gelang es ihm, die meisten Deutschen zu deportieren, und als in den neuseeländischen Lagern Raummangel eintrat, richtete er im tropischen Apia ein eigenes Konzentrationslager in -- einem Kopraschuppen ein. Diese Fürsorge für die Wehrlosen, wie sie zuerst Lord Kitchener mit den Konzentrationslagern für Burenfrauen in die Kriegsgebräuche der zivilisierten Welt eingeführt hatte, wurde ergänzt durch das Aufhetzen der Eingeborenen und chinesischen Kulis gegen alles, was noch deutschen Namen trug. Die Gerechtigkeit fordert, hinzuzufügen, daß Ehren-Logan sich so sehr nicht hätte gehen lassen können, wenn nicht das neuseeländische Kabinett, insbesondere der Kriegsminister James Allen, von gleichen Gefühlen beseelt und unter Bruch aller Austauschverträge die Hände schützend über den Wüterich gebreitet hätte. Und hinter der neuseeländischen Regierung stand wiederum, stets zur Deckung bereit, die englische. »Giftschlangen« hat uns ja auch der Gouverneur von Neuseeland, ein englischer Aristokrat, in öffentlicher Kundgebung genannt.
In den neuseeländischen Lagern waren Gefangene von über 70 und unter 10 Jahren! Das Versprechen, die Leute, die 45 Jahre überschritten hatten, auszutauschen, wurde dauernd hintertrieben, soweit es sich um Personen von aufrechter deutscher Gesinnung handelte. Bewunderungswürdig ist es, wie der Engländer nichts zu tun versäumt, was einer feindlichen Rasse auf Menschenalter hinaus schadet, und wie er dabei mit den Unglücklichen, deren bürgerliches Dasein und deren Gesundheit er grausam ruiniert, reden kann, als ob ein Freund zu ihnen spräche: »Wir internieren Sie nur, um Sie zu schützen. Die Regierung will Ihr Bestes.« Der Engländer, als einzelner Mensch vielfach so sympathisch, ist doch in einem von uns Deutschen kaum nachfühlbaren Grad von der Politik seines Landes durchdrungen. Einerlei, ob er Demokrat oder Aristokrat, ob er Mitglied des »Vereins christlicher junger Männer« oder ein jovialer Landmann ist, die Gemeinsamkeit der nationalen Interessen bestimmt sein Verhalten stets von Mensch zu Mensch. Der Deutsche schnauzt einen an und sagt gehörig seine Meinung, aber er tut, was er verspricht. Der Engländer bleibt immer gemessen und verbindlich, aber auf sein Wort dem Ausländer gegenüber ist nicht viel zu geben. Die stehende Phrase: »_We will see, what we can do for you, we shall try our best_ (Wir wollen sehen, was wir für Sie tun können, wir werden unser Bestes versuchen),« wurde zum geflügelten Wort unter uns Gefangenen. Während der Arglose dauernd hoffte, geschah in Wirklichkeit nichts.
Bekamen die Gefangenen einmal Besuch von ihren Frauen, so durfte das Gespräch auch bei mangelnder Kenntnis des Englischen nur in dieser Fremdsprache und im Beisein eines Postens geführt werden. Zu der vollständigen Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Gefangenen nehme man die niederdrückende Einwirkung der feindlichen Presse, deren Hauptdaseinszweck schien, alles Deutsche zu schmähen und ihm den Untergang vorherzusagen; die Ungewißheit über die Dauer der Freiheitsberaubung, die Aussicht auf Verarmung oder gar Verlust der Existenz, das lastende Gefühl einer ungeheuren Ungerechtigkeit und eines parteiischen Schicksals: -- wieviel Herzlichkeit und guten Willen hatte die verfemte deutsche Rasse nötig, daß man hinter dem Stacheldraht in all den Jahren den Humor nicht ganz verlor.
Als wir Seeadlerleute auf Motuihi ankamen, die wir doch auch schon fast ein Jahr von der Heimat entfernt lebten, wurde uns von den Landsleuten die Seele fast aus dem Leibe gefragt, und es gelang uns, durch Berichte von daheim manch schwerumdüstertes Gemüt etwas aufzuhellen.
Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Turner, war unendlich stolz, endlich richtige Kriegsgefangene zu bekommen, und diesem Angehörigen eines demokratischen Landes schmeichelte es merkwürdigerweise besonders, sich recht öffentlich mit seinem »Count« zu zeigen. Ich benutzte diese kleine Schwäche und arbeitete mich in sein Vertrauen hinein. Denn ich hatte einen bestimmten Plan, den vorerst im Lager niemand ahnen durfte, außer Kircheiß und meinen Freunden v. Egidy und Osbahr, zwei deutschen Regierungsbeamten aus Samoa, die ich im Lager kennen lernte, und denen ich bald manchen Rat zu danken hatte.
Als ich mit beiden meinen ersten Spaziergang machte, fiel mir ein wunderhübsches Motorboot ins Auge. »Wem gehört das?« fragte ich. »Das steht dem Lagerkommandanten zur Verfügung.« »Das Boot ist mein; damit fahre ich los«, war meine unwillkürliche Antwort. Insel ... Motorboot ... allerlei Möglichkeiten sausten durch das Gehirn, und mein Entschluß stand fest. Aber nur nichts unternehmen, bevor man nicht Herr der Situation war. Wir durften uns auf der Insel ziemlich frei bewegen, mußten aber bis abends 6 Uhr ins Lager zurückgekehrt sein. Überall waren Wachtposten aufgestellt. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, waren wir gut bewacht.
Zu einem ernsthaften Fluchtversuch gehörten so umfangreiche Vorbereitungen, daß die Neugier der Lagerkameraden mir das größte aller Hindernisse schien. Insbesondere war da ein naturalisiertes Subjekt, ein österreichisch-polnischer Arzt, hochintelligent, aber verkommen, der für die neuseeländischen Behörden den Spitzel machte. Ihn galt es zuerst einzuwickeln. Ich hatte durch die Bootsfahrt und die Gefängnisse körperlich gelitten und war sichtlich angegriffen. Rheumatismus ist bekanntlich die Krankheit, die man objektiv nicht nachweisen kann. Wunderbarerweise war ich trotz aller Strapazen von ihr verschont geblieben, aber wer durfte es bezweifeln, wenn es mir nun nach allen Regeln der Kunst anfing vom Nacken den Rücken herunter zu ziehen? Vielleicht bekam ich sogar Ischias. Jedenfalls war der Österreicher besorgt und meinte, das käme davon und mein Lebenswandel rächte sich nun. An Regentagen, wo ich draußen nichts anfangen konnte, legte ich mich ganz zu Bett und stöhnte. Bei schönem Wetter ging es etwas besser. Unser Zimmermann machte mir ein paar Krücken, mit denen humpelte ich dann aus dem Bett: »Es ist zu schönes Wetter, ich =will= hinaus.« Osbahr warnte mich manchmal, ich möchte nicht zu sehr übertreiben. Aber der Doktor versicherte mir, ich müßte furchtbare Schmerzen haben, versuchte mir allerlei Erleichterungen zu verschaffen und pinselte mich mit Jod ein. Der Lagerkommandant kam an: »Armer Graf!« und hatte großes Mitleid. Hinter meinem Rücken sagte er zwar beruhigt: »Gott sei Dank, daß er Rheumatismus hat. Er ist ein gefährlicher Bursche. So kann er wenigstens nichts machen.« Man glaubte mir aber alles. Gelegentlich sagte Turner scherzend zu mir: »_Well, count, you will not run away, you know, I am Colonel; if you run away, I loose my job._« (Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.)
Dann machte ich den Arzt zu meinem Vermögensverwalter, was sein Zutrauen steigerte, besonders da ich ihm vorgeflunkert hatte, daß ich mir eine große Summe Geldes aus Deutschland schicken ließe, von der einige Prozente für ihn abfallen sollten. Die Landsleute warnten mich öfters, ich möchte mich nicht zu tief mit diesem Menschen einlassen, und konnten es gar nicht begreifen, daß ich allen Verdacht bestritt und Stein und Bein auf ihn schwur. So mußte ich überhaupt auch die anständigen Elemente im Lager in Täuschung halten, um mein Unternehmen durchzusetzen.
Dann suchte ich mir meine Mannschaft unter der Hand zusammen. Im Lager waren 14 Schulschiffkadetten des Norddeutschen Lloyd, die immer eng zusammenhielten in jugendlicher Abenteuerlust. Von ihnen konnte ich nur sieben gebrauchen. Meine Lebenserfahrungen hatten mich darin geübt, die Menschen auf ihre Eignung einzuschätzen, namentlich auf Zuverlässigkeit und Kühnheit hin. Es war nicht leicht, die sieben von ihren Kameraden zu trennen und letztere über den Fluchtplan zu täuschen. Außerdem gewann ich noch einen Funkentelegraphisten aus Samoa, den schon erwähnten Grün, und den Motor-Ingenieur Freund, welchen der Lagerkommandant damit beauftragt hatte, sein Motorboot in Ordnung zu halten. Der andere Vertrauensmann Turners war der Kadett Paulsen, der sein Boot steuerte und außerdem die Lagerkantine verwaltete.
Nun galt es, unsere Ausrüstung zu beschaffen. Ich ging zum Oberstleutnant und sagte ihm, es wäre hier gar nichts los, ich wollte gern zu Weihnachten eine Theateraufführung machen. Mein Unternehmungsgeist erschreckte ihn: »Um Gotteswillen, Graf, Sie laufen mir doch nicht weg?«
»Sehe ich aus wie einer, der weglaufen will? Abgesehen von meinem Rheuma, ich bin so wasserscheu geworden, ich gehe überhaupt nicht mehr in oder aufs Wasser. Wenn ich nur schon zu Hause wäre.«
»Aber Ihre >Seeadler<-Mannschaft? Ist es nicht möglich, daß sie mit einem Schoner kommen und Sie abholen wollen?«
Die Feinde hatten den Aufenthalt der Mopelianer noch nicht herausbekommen. Krause, Lüdemann, Permien und Erdmann waren im Arresthaus zu Wellington geradezu gefoltert worden, um aus ihnen die Wahrheit über die »Seeadler«-Besatzung herauszubringen. Aber die braven Jungs hatten lieber in zugiger Zelle auf dem nackten kalten Betonfußboden geschlafen und sich böse Krankheiten dadurch zugezogen, als daß sie sich durch solche Quälereien zu Aussagen verleiten ließen. »Alle für einen, einer für alle« war unser Wahlspruch, dem wir treu geblieben sind, deutsche Soldaten auch noch als Sträflinge bei Wasser und Brot! So hat der Feind dauernd in Spannung gelebt, daß irgendwo und -wann der »Seeadler« wieder auftauchen könnte. Er hat viel Geld für Bewachen und Abstreifen der See ausgeben müssen.
Ich versicherte nun dem Oberstleutnant, daß meine Leute, wenn sie könnten, sicher auf neue Kaperfahrt gingen, aber keinesfalls daran dächten, mich zu entführen. Er gab schließlich die Erlaubnis zum Theaterspielen. Ich zog ihn nun ins engste Vertrauen und es gelang mir, ihn für den Theaterplan lebhaft zu erwärmen. Unter anderem sagte ich ihm, ich führte das Stück nur unter der Voraussetzung auf, daß keiner vom anderen wüßte, welche Rolle er spielte, denn es sollten nicht nur die Zuschauer überrascht werden, sondern auch die, welche mitspielten. So gab ich den Kadetten, welche nicht zur Flucht geeignet waren, ordentlich was zu lernen auf. Mit vereinten Kräften wurden Verse geschmiedet und memoriert. Einige mußten Schiffe ausschneiden als Silhouetten, denn ich wollte aus bestimmten Gründen die Schlacht beim Skagerrak aufführen. So fühlen sie sich auch im Vertrauen. Meine Kadetten malten Kriegsflaggen, nähten Mützenbänder und verfertigten schwarz-weiß-rote Kokarden. Wenn einer kam und fragte, hieß es: »Du weißt, der Graf hat gesagt, wir dürfen voneinander nichts wissen.« Alles geschah heimlich und der Oberstleutnant freute sich, und wenn ihm etwas Verdächtiges gemeldet wurde, lächelte er überlegen: »Ja, ich weiß schon, das ist Theater.«
Aus Marmeladebüchsen wurden von den wirklich Eingeweihten Handgranaten hergestellt mit Hilfe eines Sprengstoffes, den meine Jungs einem Farmer, bei dem sie Baumwurzeln sprengten, stibitzt hatten. Funkentelegraphist Grün, ein Genie in seinem Fach, baute eine drahtlose Empfangsstation. Kadett von Zartowsky verfertigte aus einem alten, angetriebenen Rudersextanten, Rasierapparaten und geschliffenen Spiegeln einen Sextanten, der uns nachher nur um 50 Seemeilen aus dem Weg gebracht hat, also den Umständen nach gut arbeitete. Der Sextant ist heute in einem feindlichen Museum ausgestellt; eine Gesellschaft der Wissenschaften hat eine eigne Sitzung über diese außerordentliche Leistung von Erfindungsgabe bei dürftigen Hilfsmitteln abgehalten.
Wir mußten nun auch Segel haben für unser Motorboot. Paulsen ließ hinter den Kantinenbestellungen auf dem Bestellzettel gewisse Lücken offen, die er, nachdem der Oberstleutnant seine Unterschrift gegeben hatte, nachträglich ausfüllte. So bezogen wir dutzenderlei nötige Materialien aus Auckland, und wenn der Kommandant erneut von einem Untergebenen auf die auffälligeren Bestellungen hingewiesen wurde, blinzelte er verständnisinnig: »Es ist in Ordnung, ich weiß schon.« Nur als ich einmal als Theaterdirektor für die Vorbereitungen einen abgetrennten Platz verlangte, den niemand ohne des Kommandanten besondere Erlaubnis betreten durfte, lehnte er ab. Das war ihm denn doch zu viel.
Wir beschafften uns also Proviant in großen Mengen, vor allem Eßwaren, die wenig Platz einnehmen und bei der Zubereitung ordentlich aufquellen, wie Reis und Grütze. Die Lagerhühner schlachteten wir heimlich eines nach dem anderen weg und weckten sie ein. Das Hühnersterben fiel auf, und der Doktor, der autoritativ auf eine Geflügelpest diagnostizierte, gab Pulver unter das Futter, worauf die Tiere natürlich noch rascher wegstarben. Es fiel schließlich auf, daß die toten Hennen fast nie zu finden waren. Aber inzwischen war unser Vorrat auch schon genügend.
Unser zukünftiges Segel wurde als Theatervorhang genäht, und schließlich auch eine Bühne aufgebaut. Wenn eine Wache vorbeikam, lernten die, welche an Handgranaten oder am Sextanten arbeiteten, fleißig ihre Verse, und der Kommandant erbat sich von mir, der ich an meinen Krücken umherschlich, eine englische Übersetzung des Ganzen aus.
Die Kosten für die Ausstattung wurden durch eine Sammlung im Lager aufgebracht. Der Arzt verwaltete mir die Theaterkasse und sah dabei schon zu, daß er zu dem Seinigen kam. Dann galt es, Ferngläser, Karten und gute Uhren zu beschaffen. Die Karten schnitt ich aus Atlanten aus. Es wurden ja immer nur die Blätter Frankreich und Rußland aufgeblättert, und wenn einer wirklich einmal die Südsee nachsehen wollte, dann hatte er doch nicht mich im Verdacht des Diebstahls. Ich ließ aber alles Entwendete aufschreiben und die Eigentümer später entschädigen. So machte ich es auch mit den Ferngläsern. Einige davon wurden mir von Reserveoffizieren geliehen, die einsahen, daß ich sie brauchte, um das gegenüberliegende Fort zu beobachten und daran Admiralsaufgaben zu bearbeiten. Das beste Glas gehörte aber einem Herrn, der es sehr sorgfältig hütete. Ich machte ihn ängstlich: »Passen Sie auf, daß es die Leute nicht klauen. Haben Sie es auch gut versteckt«. Ich ließ mir das Versteck zeigen und stritt mit ihm darüber, daß das nicht sicher wäre. Dann nahm ich es ihm fort, und er kam betrübt zu mir: Ich hätte nun leider doch recht behalten. Er mußte später lachen, als er es wieder erhielt. Jeder, dem ich sein Glas oder seine Uhr abschwatzte, wurde verpflichtet, es vor den anderen geheim zu halten, damit meine angebliche »Spionagetätigkeit« nicht herauskäme. Die meisten haben übrigens später auf Entschädigung verzichtet und dachten wie ich beim Schwindeln: Alles fürs Vaterland.
Als wirkliche Waffen fertigten wir uns Handgranaten und Dolche, die wir aus Dreikantfeilen schliffen. Da wir auf unserer Kreuzfahrt die Erfahrung gemacht hatten, daß wir mit Waffen kaum etwas zu tun hatten, vielmehr eine Flagge, einige Scheinwaffen und etwas Draufgängertum genügten, so zimmerten wir uns ein paar Scheinrevolver und sogar ein imitiertes Maschinengewehr aus Petroleumbehältern. Ein Chemiker stellte uns Gasbomben her. Ein paar richtige Handfeuerwaffen mußten wir aber haben. Während einmal alles im Lesezimmer um eine neue Zeitschrift versammelt war, entwendeten wir aus einem verschlossenen Raum zwei Gewehre und elf neuseeländische Uniformen. Kircheiß ging gerade mit einem Gewehr im Nachtanzug zu unserem Versteck, als ihn ein Wachtposten anrief. Er schützte aber etwas anderes vor und entfernte sich mit gemessener Eile in merkwürdig gezwungener, steifer Haltung, das Gewehr in der Hose versteckt.
So wurde unsere Erfindungsgabe unaufhörlich beschäftigt. Wie brachten wir nun aber unsere ganze gesammelte Ausrüstung in das vor Anker liegende Boot hinein, das keiner betreten durfte?
Wir hielten einen Kriegsrat. Im allgemeinen vermied ich es peinlich, mit den Kadetten zusammenzukommen. Herr von Egidy, der meine rechte Hand wurde und als Nichtseemann unauffällig mit den Kadetten verkehren konnte, führte die von uns entworfenen Ideen im einzelnen durch, während ich mich möglichst müßig zeigte. Sonntags aber ließ ich mich von den Kadetten gelegentlich zum Kaffee einladen, und da wurde folgender Plan gesponnen. Freund, der Motormann, und Paulsen, der Steuermann, erzählten dem Oberstleutnant, der Schraubenschaft des Bootes wäre leck. Beunruhigt befahl er darauf seinen Soldaten, das Boot so schnell wie möglich aufs Land zu holen. Prompt am andern Morgen stehen bei Hochwasser die erforderlichen Tommys am Strand und ziehen mühselig, aber dienstbeflissen als ahnungslose Werkzeuge unseres Planes das Boot an Land. Außer der Reparatur ließ Turner gleich auf Freunds und Paulsens Vorschlag das ganze Boot malen, da er es zum Verkauf ausgeschrieben hatte und gern proper haben wollte. Nun hatten wir reichlich Zeit, es nach Wunsch zu bepacken, und die beste Gelegenheit ergab sich dadurch, daß einige von uns mit Farbenpötten sogar die Nacht über beim Boot verweilen durften.