Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben

Part 20

Chapter 203,361 wordsPublic domain

Wir waschen unser Zeug, lassen es am Leibe trocknen (wir hatten ja nur noch die eine Garnitur), damit wir als deutsche Soldaten sauber vor dem General erscheinen. Um 4 Uhr werden wir auf ein Viehautomobil verladen, worauf noch der Mist lag. Sonderbar! Im Viehautomobil zum General? Whitehouse sitzt vorn und hält sich am Revolver fest; sieben Mann fahren mit zur Bewachung. Wir sind gespannt, wo das hingehen soll. Auf einmal halten wir vor einem Gebäude, umgeben von sechs Meter hohen Mauern. Was ist das? Das Tor wird aufgemacht ... wir blicken in das Zuchthaus von Suva. Ein Kolonialzuchthaus mit chinesischen, indischen Verbrechern. ... Ich frage den englischen Hauptmann: »Sie Feigling! wohnen bei euch die Generäle in Zuchthäusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!« Die Gefangenen, die sich nach dem Eingang drängen, staunen uns an: »Was, Europäer, Weiße kommen hier herein? Was müssen das für Verbrecher sein!« Wir reißen uns zusammen und stolz marschieren wir in den Zuchthaushof hinein. Verächtlich blicken wir weiter: Zellentür an Zellentür, und ein weiches, gelbliches Gesicht grinst uns höhnisch entgegen mit den Worten: »Heh, bei mir kommt ihr nicht wieder raus.« Wir protestierten gegen diese völkerrechtswidrige Behandlung von Kriegsgefangenen, aber der Zuchthausdirektor bezog sich auf seine Befehle; und so marschierten wir hinein in die kühlen, feuchtnassen Gänge. Eisentüren werden aufgeschlossen und jeder verschwindet in seiner Zelle. ... »Hah, dank deiner Ritterlichkeit, daß du Gefangener bist.« Als der Riegel fällt und der Schieber vorgeschoben wird, da läuft es einem kalt den Buckel herunter. Da ist man allein, die Jungs, die letzten Jungs sind einem genommen.

Nur ein Betonfußboden; keine Gitter vor den Fenstern; sie brauchten es nicht, sie sind so schmal, daß kaum ein halber Manneskopf hindurchgeht. Aber niemals ist man mehr Deutscher gewesen, als im Zuchthaus von Suva. Wie wohl tut es, als der erste Sonnenstrahl ins Fenster kommt, der Strahl, der vor zwölf Stunden den Lieben in der Heimat geschienen, der die Kameraden im Schützengraben gegrüßt hat. Man griff nach diesem Sonnenstrahl und war so dankbar. Aber nur kurze Zeit währte dieser Trost, und in der Zelle dunkelt's. Wie fühlte man sich einsam, denn das Liebste war einem ja genommen, die Gefährten der Bootsfahrt. Aber so leicht, wie es der Feind sich gedacht hatte, Deutsche voneinander zu trennen, sollte es ihm doch nicht gelingen. Als aus Permiens Zelle plötzlich die Harmonika erklang, da sangen wir alle mit, und aus vereinten Männerkehlen brauste »Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot« durch das elende Haus. Dann stimmten wir an »Wenn die Liebe nicht wär', das Herz wär' so öd' und leer«, dann wieder die »Wacht am Rhein« und so immer umschichtig fort bis um 2 Uhr morgens, ein deutscher Gesellschaftsabend in englischen Einzelzellen. Die Ronde kam und verwies uns vergeblich zur Ruhe. Wir sangen fort, bis wir müde auf unsern kalten Betonfußboden niedersanken und von der Heimat träumten. Ungeachtet meiner Proteste dauerte dieses Leben acht Tage fort. Unsere Bewachung verriet eine außerordentliche Angst, daß wir heimlich über Flügel oder sonst übermenschliche Kräfte zu etwaigen Fluchtversuchen verfügen könnten. Sehr interessant waren aber die Bekanntschaften, die wir unter den verständnisinnigen Mitzuchthäuslern von Halbblutrasse machen konnten. Weiße in einem tropischen Zuchthaus! Wir Deutsche sind ja so gerecht gegen unsern Feind; deshalb sei hinzugefügt, daß vielleicht nicht die Absicht war, uns zu quälen; jedenfalls wollte man aber diese paar Exemplare deutscher Kriegsgefangener in der Südsee ohne Rücksicht auf Sitte und Völkerrecht ihrem Seltenheitswert entsprechend fest verankern.

Als wir bereits acht Tage hier waren, kam eines Morgens Hauptmann Whitehouse zu mir. Er war besonders freundlich und entgegenkommend; ich merkte, daß etwas in der Luft lag. Er meldete mir, ein japanischer Admiral wünschte mich zu sprechen. Ich sage: »Ihnen soll ich glauben? Das ist dieses Mal wohl ein japanischer Mackenzie? Schicken Sie mir einen andern Offizier.« Eine halbe Stunde später kommt ein Leutnant, der mir nochmals versichert, ich würde zu dem japanischen Kreuzer »Izuma« gebracht. Mißtrauisch machte ich mich zurecht. Mittags um 2 Uhr ging ich in Begleitung dieses Leutnants durch den Hof des Zuchthauses nach dem Landungssteg. Welches Gefühl, wieder freie Luft zu atmen, weiter sehen zu können als die engen Gefängnismauern! Tatsächlich, im Hafen lag ein herrlicher Kreuzer. Am Landungssteg legt ein Ruderboot mit japanischer Flagge an; ein Offizier im Boot salutiert. Ich nehme neben ihm Platz. Der englische Offizier und zwei Soldaten gehen mit uns. Am Fallreep des Kreuzers waren alle Offiziere zur Begrüßung des Zuchthäuslers an Deck angetreten. Der Admiral empfängt mich, drückt mir die Hand mit den Worten: »_I admire you, what you did for your country._« (Ich bewundere Sie, was Sie für Ihr Land getan haben.) Er stellte mir seine Offiziere vor, zu denen er etwa folgende Worte spricht: »Das ist der Mann, den wir drei Monate Tag und Nacht gejagt haben,« und zu mir gewendet: »Ich bedauere es, daß wir Sie in dieser Lage hier treffen und daß wir uns nicht, wie unser aller Wunsch war, in einem frischen, frohen Gefecht begegneten.« Ich bedauerte meinerseits, nicht in seiner Gefangenschaft zu sein, was ihn etwas erstaunte, da er vom Zuchthaus nichts ahnen konnte. Es fiel mir aber auf, wie kühl und steif die Japaner mit dem englischen Offizier verkehrten im Gegensatz zu der Art, die sie mir gegenüber an den Tag legten. Die feierliche Höflichkeit des Ostasiaten und die leider so platonische Sympathie der Japaner für Deutschland gaben mir ein Fest, das mir im Gedanken an meine Jungs wohl tat. Die englischen Posten, die mich an Deck begleiten wollten, wurden zurückgeschickt. Der Admiral lud mich in seinen Salon ein, der nach der Zelle wie ein Palast wirkte. Zigarren, Zigaretten, Portwein und eine Flasche Champagner standen da. Der Admiral legte mir zwei japanische Bücher vor, eines mit dem Titelbild der »Emden«, das zweite mit der »Möwe«. Er blätterte darin: Das hätte er alles selbst geschrieben. Ein drittes Buch war leer: »Da will ich etwas von euch hineinschreiben. Wir lernen von euch, und ich schreibe für unsere Jugend. Das ist Sitte in unserm Lande. Was Männer für ihr Vaterland leisten, daran soll sich unsere Jugend begeistern. Wollen Sie mir etwas Material geben von Ihren Erlebnissen?«

»Gern.«

»Nur eine Frage zuerst: Sind Sie mit Ihrem Schiff aus einem neutralen Hafen Amerikas, Argentiniens oder Chiles ausgelaufen?«

»Nein, wir kommen aus der Heimat. Verkappt als Norweger, und außerdem anderthalb Stunden untersucht vom Feind.«

»Untersucht von den Engländern?«

»Jawohl!«

Ein vergnügtes Lächeln erhellt das Gesicht des Kommandanten und des ersten Offiziers, der zugegen war.

Dann wurde ich von dem Admiral bei einem Glase Champagner etwas ausgehorcht. Er wollte herausbringen, wo unsere »Seeadler«-Mannschaft sich befände, und fragte mich, ob ich ihm sagen würde, wo ich gekreuzt hätte. Jawohl, vorausgesetzt, daß er mir sagen würde, wo er mich vermutet und gejagt hätte. Eine große Karte wird aufgerollt, auf der er mir die Stellen zwischen Neuseeland und Chatam zeigt. Man konnte deutlich an den abgesetzten Kursen sehen, daß der Kreuzer sich hier tatsächlich aufgehalten hatte.

»Hier bin ich drei Monate mit 20 Meilen Geschwindigkeit hin- und hergejagt«, sagte der Admiral.

Ich sah weniger auf die Stelle, wo er gekreuzt hatte, sondern blickte besorgt nach der Insel Mopelia auf der Karte, denn hier war ein Kreis um die Insel geschlagen. Der Feind wußte, wo meine Jungs waren. Wie ich von einem meiner Leute erfahren hatte, war bei der Gefangennahme ein Tagebuch verlorengegangen, abgeschlossen: »In Mopelia aufgelaufen, 2. August.« Glücklicherweise war aber darin nicht erwähnt, daß »Seeadler« total verlorengegangen und ferner nicht, daß unser letztes Schiff, das wir gekapert hatten, der amerikanische Viermastschoner »Manila«, versenkt worden war. Diese beiden Faktoren jagten durch mein Gehirn. »Hiermit kannst du etwas machen, kannst die Leute retten.« Da fragte der japanische Admiral: »Wo ist Seeadler?«

»Der ist verlorengegangen.«

»So? Wobei?«

Ich holte etwas weiter aus und erzählte ihm, wir hätten bei der Insel Mopelia gelegen, um uns frischen Proviant zu besorgen. Die »Manila« hätten wir noch mit uns gehabt. Durch Umspringen des Windes wären wir an das Korallenriff gestoßen und hätten ein Leck unter Wasser bekommen. Um das Leck zu dichten, sei viel Material an Land gebracht und das Schiff »gekrängt« (übergelegt) worden. Dann wären wir von hier weitergefahren, aber beim Wiedereinpacken der Sachen in den unteren Räumen müsse durch Unvorsichtigkeit ein entleerter Öltank Feuer gefangen haben. Der »Seeadler« hätte angefangen zu brennen. Es wäre uns kaum Zeit geblieben, das Allernotwendigste zu retten und auf die »Manila« überzusteigen.

Da fragte der Admiral: »Wo ist die >Manila<?«

»>Manila<? Bei Mopelia.«

»Ja, weshalb sind Sie dann mit Ihrem Boot hierher gekommen? Sie hatten doch die >Manila<.«

Ein Gedanke schoß mir blitzschnell durch den Sinn. Ich erwiderte, wir hätten uns jetzt auf zwei Schiffe verteilen müssen, da die amerikanischen Schoner nur Wasser für etwa 15 Mann hätten und auch die Unterkunftsräume zu eng gewesen wären. Das schien ihm einleuchtend, aber schmunzelnd sagte er dann: »Graf, Sie sind doch jetzt der Gefangene, und wir Japaner sind doch nicht ganz so dumm zu machen. Ihre >Manila<, die liegt nicht in Mopelia. Sie sind mit ihr nach hier gefahren; und haben mit dem Boot versucht, innerhalb der Inselgruppen ein zweites Schiff zu kapern, denn das scheint mir wahrscheinlicher, als daß Sie mit einem solchen kleinen Boot über den Ozean gegangen sind. Also, innerhalb drei Tagen werde ich Ihre >Manila< finden.«

Das war wieder einer, der die Wahrheit nicht vertragen konnte. An die Möglichkeit unserer wahren Bootsfahrt wollte er nicht glauben, und da kam ihm die von mir hinzugedichtete »Manila« ganz gelegen, um mich der Unwahrhaftigkeit hinsichtlich der Bootsfahrt zu zeihen! Meine Odysseuserzählung erfüllte also ihren Zweck. Denn in der Tat hat er und die ganze übrige Flotte, die hinter uns her war, die »Seeadler«-Mannschaft nicht in Mopelia gesucht. Die Wahrheit hat sich hier als die beste Verschleierung erwiesen. Was ich im Augenblick hinzudichtete, hatte sich aus dem Verlauf der Unterhaltung ergeben, war nicht durch besondere Überlegung und Geistesgegenwart bewirkt. Ich hatte nur das eine Ziel vor mir gesehen: »Wie mache ich es, daß der Japaner nicht mit dreißig Meilen raufsaust und mir meine Jungs noch gefangennimmt?« Jetzt wußte ich den Verdacht von Mopelia abgelenkt.

Der Japaner fragte mich dann noch nach der Schlacht am Skagerrak und konnte nicht genug hören. »Ja, so ist es«, bemerkte er, »wieder ein geschichtlicher Beweis dafür, daß die kleinere Flotte der größeren überlegen ist. Eure Organisation, eure Wehrmacht ist so hervorragend, und wir müssen euch bewundern, aber eins können wir nicht verstehen, daß ein Land, wo soviel Intelligenz vertreten ist, so schlechte Politiker hat. Wundert ihr euch denn nicht selbst in eurem Lande, daß die ganze Welt gegen euch kämpft, habt ihr euch nie gefragt, >warum<? Was habt ihr gesagt, als Japan euch den Krieg erklärt hat?« Im Verlauf dieses Gespräches versicherte er mir, daß die japanische Politik nicht darauf ausgegangen wäre, uns zu bekämpfen, sondern neutral zu bleiben und dadurch Amerika aus dem Kriege zu halten. Daß Amerika selbst rüste und eine so große Wehrmacht bekäme, wäre eine für Japan höchst unerwünschte Folge unseres Krieges. In seinem gebrochenen Englisch erklärt er mir weiter, das japanische Auswärtige Amt hätte dem deutschen Botschafter im August 1914 nahegelegt, bei seiner Regierung anzufragen, ob Deutschland für die japanische Staatsschuld gutsagen wolle. Als hierauf von deutscher Seite gar keine Antwort erfolgt sei, hätte der englische Botschafter mit seinem Anerbieten leichtes Spiel gehabt.

Dann mußte Abschied genommen werden und es ging wieder ins Zuchthaus zurück, aber nur noch für zwei Stunden. Im schmutzigen Zwischendeck des Dampfers »Talune« ging es nach Neuseeland, wo man uns ein bleibendes Heim bestimmt hatte.

* * * * *

Bevor ich weitererzähle, muß ich nun jedoch von dem Schicksal der »Seeadler«-Mannschaft berichten. Unsere Leute, die auf der Insel Mopelia zurückgeblieben waren, merkten an den vielen chiffrierten Funksprüchen, die sie mit ihrer drahtlosen Telegraphie auffingen, und die alle an Marine-Attachés gerichtet waren, daß ihr Kommandant gefangengenommen war. Sie fürchteten nun stark, ihr Aufenthalt könnte dadurch bekannt werden, und wollten deshalb auch nicht mehr in dieser Gegend bleiben. Sie begaben sich an die Arbeit, ein Boot wieder seetüchtig zu machen, aber dabei kamen ihnen doch Bedenken, in solcher Nußschale mit 58 Mann loszufahren, und sie glaubten kaum, daß sie einer Gefangennahme entgehen könnten.

Eines Morgens kam fern am Horizont ein französischer Segler in Sicht. Der Kapitän sieht voraus klar, daß ein Segelschiff auf dem Korallenriff liegt, und er ruft seinen Steuermann:

»Steuermann, liegt dort nicht ein Wrack?«

Der Steuermann bestätigt es.

»Als wir vor einem halben Jahr hier vorbeifuhren, haben wir das aber doch nicht gesehen! Da müssen Schiffbrüchige sein. Wir wollen darauf zuhalten!«

Mittlerweile sieht Kling den Segler ankommen. Eine freudige Begeisterung bricht los: »Da kommt ja 'n Schipp, da brauchen wir ja unsere alten Boote gar nicht.« Sofort machen sie ein Boot klar, vier Mann an die Riemen, sechs Mann in Uniform legen sich platt auf den Boden, bis an die Zähne bewaffnet. Der Kapitän des französischen Seglers sieht, daß das Boot kommt und sagt zu seinem Steuermann: »Steuermann, da kommen ja schon die Schiffbrüchigen!« Er freut sich, ein gutes Werk tun zu können, heißt sofort die Trikolore, damit die armen Schiffbrüchigen sehen, daß ein Freund kommt und sie holt. Meine Jungs ruderten mit aller Kraft; der Abstand verringert sich. Der Kapitän ruft ihnen zu: »Leute, strengt euch doch nicht so an, wir kommen ja!« Die Fallreepstreppe wird heruntergelassen, damit sie bequem an Bord kommen können. Das Boot geht längsseit. Schnell wie die Katzen entern die sechs deutschen Matrosen auf und stehen an Deck. »_Des Allemands, des Allemands!_« schreien alle und halten die Hände hoch. »_Tout est perdu._« Der Kapitän steht wie vor einem Rätsel. Was er am wenigsten erwarten konnte, das ist Wirklichkeit: Die einzigen Schiffbrüchigen hier in der Südsee sind deutsche Matrosen, und die befreit ein Franzose! Wie ist's möglich?

»Jawohl, Kapitän, dort liegt unser Wrack; wir sind nun einmal Allemands, daran ist nichts zu ändern; wir haben schon lange auf Sie gelauert. Dort auf der Insel sind unsere Kameraden und außerdem noch 27 amerikanische Gefangene!«

Wie, eine Boches-Besatzung auf französischer Insel? »Und wir wollten Sie retten, verlieren unser Schiff, und die steuern in die Freiheit? ...«

Der Kapitän sieht ein, daß er die Rolle tauschen muß. Die Franzosen werden hinübergesetzt auf die Insel; sie müssen jetzt die Schiffbrüchigen sein und meinen Jungs leuchtet wieder die Freiheit. Der französische Segler »Lutèce« wird umgetauft in »Fortuna« und Leutnant Kling übernimmt die Führung. Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die Franzosen während des Krieges weggenommen hatten, und das nun durch ein eigenartiges Spiel des Zufalls seinen rechtmäßigen Besitzern wieder zukam.

Der Segler war ein Handelsfahrer, der zwischen den Inselgruppen herumfuhr. Seine Ladung bestand aus 500 Paar seidenen Damenstrümpfen, seidener Unterwäsche, Weißzeug, Sonnenschirmen, Damenschuhen, Hüten, Korsetts, allerlei Parfüms, Seifen, Herrenartikeln, Tropenhelmen, Tabak, Pfeifen, Mandolinen, Schokolade und Konfekt in feinster Aufmachung, feinen Biskuits, Fleisch und Milch in Konserven, getrockneten Früchten, sonstigen Konserven und Kartoffeln, also eine Ausrüstung, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte. Meine Jungs hielten es für das Richtige, selbst als Handelsfahrer loszusteuern und den ganzen Kram zu verkaufen. Da aber zunächst ihr eigenes Zeug abgetragen war, so blieb ihnen nichts übrig, als sich aus den vorgefundenen Beständen an Damenwäsche auszustatten.

Leutnant Kling hatte vor der Abfahrt unter einem verabredeten Baum eine Flasche mit einer kurzen Mitteilung für mich vergraben und darin die Absicht ausgesprochen, nach Batavia zu segeln. Als er sich aber später sein Schiffchen angesehen hatte, kam ihm der Gedanke, um Kap Horn zu segeln und die Rückkehr in die Heimat zu versuchen. Auf dem Weg nach Batavia wären sie auch vor japanischen und amerikanischen Kreuzern nicht sicher gewesen.

Am 5. September, 8 Uhr abends, stach die »Fortuna« in See, und zwar ließ Kling zuerst nach Westen steuern, um die gefangenen Herren der Insel zu täuschen, und erst auf hoher See wurde der Kurs nach Süden gerichtet.

So steuerte das hochbeladene, lustige Warenhaus in die Südsee hinaus, gern bereit, die Bevölkerung durch das Seidenzeug, die feinen Seifen, Sonnenschirme, Tennisschuhe, Taschentücher, Brillantine, Maggipatronen usw. handeltreibend auf einen echt französischen Kulturstand zu heben.

Am 4. Oktober sichtete »Fortuna« die Osterinsel, wo Ausbesserungen am Schiff vorgenommen, frischer Proviant und Wasserfässer gekauft werden sollten. Beim Absteuern aber lief das Schiff auf einen unsichtbaren, in der Karte nicht verzeichneten Felsen. Wieder hatten meine Jungs ihr Schiff verloren und mußten abermals versuchen, sich eine neue Heimat zu gründen.

Die Osterinsulaner, ein heiteres, bescheidenes, ungebunden lebendes Völkchen, die nur jedes Jahr einmal von der chilenischen Regierung abgetragene Lumpen überschickt bekommen, freuten sich der niegesehenen Herrlichkeiten, welche die schiffbrüchigen Deutschen ihnen zum Dank für gewährte Unterkunft anbrachten.

Mit großer Liebenswürdigkeit sorgte der chilenische Gouverneur für Unterbringung. Er stellte den Offizieren sofort ein Haus zur Verfügung, während meine Jungs, auf die Hütten verteilt, bei den Eingeborenen die herzlichste Gastfreundschaft genossen. Jeder nahm sich ein Pferd von den vielen Hunderten, die auf der Insel herumliefen. Außerdem gab es dort sehr viel Rindvieh und großen Reichtum an Fischen und besonders an Hummern. Fleisch war im Übermaß vorhanden, dagegen gab es kein frisches Gemüse. Der Bedarf davon wurde halbjährlich von einem chilenischen Schoner in Konserven herübergebracht. Auch Brot gab es auf der Insel nicht, doch hatten die Seeadlerleute ihr Mehl zu bergen vermocht.

Die Osterinsel ist die älteste Kulturstätte der Südsee. Im Innern und am Rand eines ausgebrannten Kraters findet man noch heute gegen hundert Kolossalstatuen von Gottheiten oder Helden, die von den ehemaligen heidnischen Bewohnern der Insel in grauer Vorzeit errichtet und verehrt wurden. Man steht vor diesen bis zu 15 Meter hohen Lavariesen schlechthin wie vor gewaltigen technischen Rätseln. Ihre Gesichter sind dem Ozean zugekehrt, wahrscheinlich sollen sie ansegelnde Feinde schrecken.

Während sich unsere Leute durch allerlei Arbeit und Spiel in traulichem Verein mit der Eingeborenenschaft die Zeit vertrieben, Wettrennen, Tanzvergnügungen und Theatervorstellungen in einer deutsch-eingeborenen Mischsprache veranstalteten, wurde der Gedanke, ein neues Schiff zu kapern, doch nicht aus den Augen verloren.

Am 25. November passierte das erste Schiff, ein amerikanischer Viermastschoner. Da Chiles Neutralitätsauffassung Kling die Möglichkeit zu Kaperungen offen zu lassen schien, wurde das Motorboot klar gemacht, funktionierte aber nicht aus Mangel an Gasolin. Ein Segelboot wurde aufgetakelt, um bei der nächsten Annäherung eines feindlichen Schiffes bereit zu sein.

Das nächste Schiff, das auftauchte, war aber der chilenische Schoner »Falcon«, der -- vier Monate nach »Fortunas« Strandung -- Ladung brachte und Fracht abholen wollte. Der Kapitän des Schiffes nahm die Besatzung des »Seeadler« als freie Leute mit nach Chile, wo den Schiffbrüchigen ein jubelnder Empfang von den deutschen Kolonisten und den Chilenen zuteil wurde. Aufs rührendste hat die deutsche Kolonie weiterhin für sie gesorgt. Besonderer Dank gebührt auch der chilenischen Behörde, die in ritterlicher Weise dem vaterländischen Fühlen und tapferen Ausharren meiner Jungs ihre Anerkennung und Bewunderung aussprach.

Sechzehntes Kapitel.

Auf Motuihi.

Was wir auf dem Schiff und in allen möglichen Übergangsgefängnissen durch Gleichgültigkeit wie auch Bosheit des Wachpersonals oder der anordnenden Stellen gelitten haben, wäre bitter zu erzählen. Ich will aber nur einzelne Episoden herausgreifen. Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt. Ihnen ist auf Somes Island ein hartes Los zuteil geworden unter dem quälerischen Lagerkommandanten, Major Matthis. Dieser war als Turnlehrer wegen Mißhandlung eines Kindes vorbestraft und geistig nicht normal, dafür aber ein Freund des Kriegsministers Sir James Allen.

Kircheiß und ich wurden mit einem Motorboot nach Devonport zur Torpedo Yard gebracht. Der Kommandant, Kapitän Kewisk, hatte sich zu diesem Empfang extra beurlaubt und dem Unteroffizier, dem wir übergeben wurden, befohlen, irgendwelche Beschwerden nicht anzunehmen. Die Art der Engländer war uns ja aber schon zur Genüge bekannt. Die Torpedo Yard ist ein Teil der Hafenbefestigung Aucklands. In einen großen Minenschuppen war eine Reihe kleiner Abteile eingebaut, die als Haft- und Arrestzellen namentlich für Deserteure und Maoris dienten. Man gab uns je einen schmutzigen Strohsack und einige Decken und riegelte uns dann in diese Zellen ein, aber so getrennt, daß wir nicht miteinander in Verbindung treten konnten.

Mandolinenklänge, deutsche Volkslieder sagten mir bald, daß noch ein Deutscher hier gefangen sein müßte. Es schien, daß die Töne aus der gegenüberliegenden Baracke kämen. Und da hörte ich dann, wie ein Landsmann seiner Katze erzählte, daß unser Besuch seit acht Tagen angemeldet wäre und die ganze Besatzung in Aufregung versetzt hätte, daß man aber glaube, der »Seeadler« könne nicht aus Wilhelmshaven kommen; der Pirat wäre wohl auf eigne Faust aus Südamerika ausgelaufen. Die Katze verstand offenbar sächsisch; ich auch, und als ich dies durch Räuspern kundgegeben hatte, fuhr die Stimme fort und berichtete alles Wissenswürdige.