Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben
Part 2
Ich verstand nichts von der Sprache der Leute auf dem Schiffe und der Kapitän zeigte auch bald böse Miene, denn ich war natürlich sehr unbeholfen. Der Steuermann, der etwas englisch sprach, fragte, was mein Vater wäre.
Ich sagte: »Landwirt.«
»Na, dann können wir dich ja gleich zum Oberinspektor machen.« Der Steuermann bedeutete mir, ihm zu folgen. Ich war sehr neugierig, was das für eine Würde wäre. Dann hielten wir am Schweinestall.
»Gewiß, das kann ich machen.«
»Und dann bist du ferner noch Direktor der Steuerbord- und Backbord-Apotheke.«
Darunter versteht man, wie ich bald erfuhr, einen Ort, den sich jeder allein denken mag.
Ich hatte mich dort mit der Kanalisierung vertraut zu machen, daß die immer klar wäre. Die Schweine durfte ich nicht herauslassen, sondern mußte zu ihnen hinein. Das eine Schwein schubberte sich stets an meiner Seite ab, wenn ich mit Eimer und Schrubber einstieg, um Reinlichkeit zu verbreiten. Das Schmutzwasser lief beim Scheuern in die Stiefel. Ich sah schlimmer aus, als die Schweine selbst. Seife und Wasser mußten gespart werden. Zwei Paar Beinkleider hatte ich nur zum Wechseln. Jeder gab mir einen Fußtritt, weil ich so wie ein Schwein aussah. Dazu die »Apotheke«! Kurz, ich war mir selbst übel.
Nach dem Mast wagte ich mich nicht hinauf, machte höchstens die ersten Versuche zum Mars. Ich klammerte mich auf jeder Stufe fest, glaubte, obwohl es gar nicht hoch war, in schwindelnder Höhe zu stehen, und rief, sie sollten mal gucken, was ich für ein couragierter Kerl wäre! Aber das Klettern machte wenig Fortschritte, bis einst ein Matrose mir sagte: »Was du kannst, kann auch eine alte Köchin.«
Das verletzte meinen Ehrgeiz. Lieber »von oben kommen«,[4] als das noch einmal hören!
Dazu sah ich, wie die anderen Jungs oben herumwippten. Wir lagen vor Cuxhaven vor Anker und warteten auf günstigen Wind. So hatte ich noch Gelegenheit, mich bei ruhigem Wetter an die Masten zu gewöhnen, und zwang mich mit aller Gewalt: »Rauf.«
Wenn ich abends Wache an Deck ging, 4 Stunden Wache und 4 Stunden Schlaf abwechselnd, und ich sah in Cuxhavens Straßen die Kinder spielen, dann überkam mich das Heimweh. War ich selbst doch noch ein halbes Kind. Kein Mensch, der mich verstand, und mit dem ich mich aussprechen konnte. Ich fühlte mich verlassen, und der abgeschüttelte Druck der Schule ward vergessen über der verlorenen Schönheit des Elternhauses.
Endlich kam guter Wind, die Segel wurden gesetzt, und wir nahmen Kurs auf Australien. Zehn Tage, nachdem ich von zu Hause weg war, verließen wir die deutsche Heimat. Bald hatten wir den Kanal hinter uns und schwammen auf dem Atlantik, und die guten Eltern glaubten immer noch, ich verlebte meine berechtigten Ferien bei den Verwandten.
Das war ein hartes Schiff, was ich unter den Füßen hatte; viel Keile gab's und wenig Brot. Die Speisekarte des »Fürsten Bismarck« fand ich nirgends vor. An Stelle des Frühstückskaffees gab es Wutki; darin wurde das Hartbrot aufgeweicht. An das scharfe Salpeterfleisch habe ich mich auch nur langsam gewöhnt.
Allmählich verwuchs ich mit meinem Beruf und mit dem Schiff und lernte einiges von der Sprache der Besatzung. Der Steuermann war mir wohlgesinnt, der Kapitän aber mein Feind, der Feind aller Deutschen. Trotzdem war ich bestrebt, auch ihn für mich zu gewinnen.
Ein wichtiger Einschnitt im Leben des Seemannes ist die Äquatortaufe, die jeder, der zum erstenmal den Trennungsstrich der beiden Erdhälften überfährt, empfängt. Am Abend vorher künden bereits große Vorbereitungen die Wichtigkeit dieses Ereignisses an. Am Bug des Schiffes, wo eine Plattform gelegt ist, kommen graue Gestalten herauf und rufen: »Schip ahoi! Wie heet dat Schip?« »Niobe.« Der Kapitän ruft hinüber: »Kommt mal her!« In ihrem Meereskostüm klettern die Gestalten an Seilen hoch, als wenn sie aus dem Meer tauchten. Es ist Neptun mit seinen Gesandten und Kundschaftern, durch die er feststellen läßt, wer das Schiff ist und wie die Täuflinge heißen, die schmutzig von der Nordseehälfte zum erstenmal in seine Gewässer kommen. Eine Liste wird ihm überreicht; er dankt und geht mit seiner Gefolgschaft wieder in die Tiefe bis zum nächsten Tag. Da kommt er wieder, um die Taufe zu überwachen, weißbärtig, mit Dreimastszepter, in einem Talar, der von Meerschlinggewächsen überwuchert ist, hinter ihm seine Frau in prächtiger Aufmachung und dann der Pastor, der Friseur, der die Täuflinge rasiert, da er den Erdenschmutz von ihnen abkratzen soll. Ihm folgt der Einseifer mit einer Rasierquaste und einem Teerpott. Zuletzt kommt die Polizei in Gestalt von Negern. Aufs würdigste wird Neptun von dem Kapitän begrüßt. Die Täuflinge müssen Aufstellung nehmen und an ihm vorbeiziehen, damit er prüfen kann, ob sich keiner versteckt hat, und noch einmal untersucht die schwarze Polizei gründlich das Schiff. Eine Riesenbalge steht an Deck, das sogenannte Taufbecken, mit einem langen Sitzbrett darauf. Einzeln werden die Täuflinge herangeführt; der Pastor liest jedem eine Epistel vor über das, was geschieht, und fragt sie, ob sie die Taufgelübde halten wollen. Beim jedesmaligen »Ja« wird dem Täufling die Teerquaste durch den Mund gezogen und dann mit den großen Rasierholzmessern der Teer abgekratzt. Darauf zieht man das Sitzbrett plötzlich unter ihm los, und der Täufling fällt hinterrücks in die Balge, wo er noch sechsmal untergetaucht wird. Damit ist der Taufakt beendet, über den ein Schein ausgestellt wird, und der nächste Täufling steht zur selben Prozedur bereit.
Den ganz naiven Jungs gibt man auch noch ein Fernrohr, über dessen Glas ein Haar gezogen ist, das sie dann, wenn sie hindurchsehen, für den Äquator halten.
In früheren Jahren soll die Taufzeremonie in dem sogenannten »Kielholen« bestanden haben. Mit einem Tau wurden dem Täufling die Füße zusammengebunden, ein Tauende wurde um seine Arme geschlungen, das andere um das Schiff herumgenommen und der Täufling unter dem Schiffskiel hindurchgezogen, zuweilen drei- bis viermal. Diese grausame Prozedur, bei welcher mancher Täufling durch Haie den Tod fand, ist, wie mir die Kameraden erzählten, mit der Zeit zu der jetzigen Form der Äquatortaufe abgemildert worden.
Neptun hat aber bei mir offenbar eine gründlichere Taufe für nützlich gehalten.
Eines Tages, als wir schweren Sturm gehabt hatten, auf welchen starke Dünung folgte, war alles, bis auf Sturmsegel festgemacht, und die Obermarssegel sollten gesetzt werden, damit das Schiff ruhiger läge. Ich wollte dem Kapitän zeigen, wie schnell ich das könnte und begab mich nach oben, das Segel loszumachen. Da vergaß ich das Wort des alten Pedder: »Eine Hand fürs Schiff und eine Hand für dich,« das Segel schießt infolge eines Windstoßes los wie ein Ballon, ich verliere den Halt, falle hintenüber, will mich halten, an dem halb aufgeschossenen Seising. Das Tau saust mir durch die Hände, verbrennt sie, und ich falle über Bord, dicht an der Bordwand entlang, an welcher ich also um ein Haar zerschmettert wäre. Meine Mütze fiel noch auf Deck.
Das Schiff sauste mit acht Meilen Fahrt davon. Ich komme am Heck hoch, im Kielwasser, das mich umdreht, sehe eine mir nachgeworfene Rettungsboje und höre noch den Ruf: »Mann über Bord«, dann verschwand ich im Wassertal und sah nichts mehr von dem Schiff.
Als ich nach Minuten, die einer Ewigkeit glichen, wieder hochgeworfen wurde, erblickte ich das Schiff weitab. »Das Schiff kriegst du nicht wieder, aber vielleicht kommt ein anderes.« In solch unbegreiflichen Hoffnungen wiegte einen der liebe Wunsch zu leben. Als ob gerade auf dem weiten Ozean ein Schiff da entlang kommen müßte, wo ich ins Wasser gefallen war.
Um mich her flatterten die Albatrosse, jene riesigen Seevögel, die immer des Glaubens sind, alles, was im Wasser liegt, sei für sie zum Fressen da. Sie stießen auf mich zu, einer, der dicht an mir vorbeistrich, kriegt mich mit dem Schnabel an der ausgestreckten Hand zu fassen, ich will ihn festhalten ... in der Angst des Ertrinkens klammert man sich an allem fest, sogar an einem Vogel ... da hackt er mir jene tiefe Wunde, deren Narbe ich noch als Andenken an jenen Kampf im Wasser trage, in die Hand.
Ich löste die Stiefel und das Ölzeug von mir; der Sweater aber, der sich vollgesogen hatte, ging nicht ab. Da fielen mir die Worte meiner Mutter ein, die einmal, als ich von meiner Neigung zur See sprach, gesagt hatte: »Da hast du dir den richtigen Beruf erwählt; du wirst nichts weiter werden als Haifischfutter.« Als mir jetzt beim Wassertreten diese Worte durch den Sinn gingen, stieß ich zufällig mit dem einen Fuß gegen den andern. Mich durchzuckte die Vorstellung, das wäre ein Hai, der mich faßte. Das traf mich wie ein Nervenschlag. Ich wußte nicht mehr, wie mir geschah und was vor sich ging, bis ich plötzlich auf einem Wellenkopf hoch über mir ein Boot sah, das im gleichen Augenblick schon tief unter mir vorbeiglitt. Ich schrie: »Hier, hier.« Es war der Steuermann.
Bald saß ich zitternd im Bug des Bootes, und die stämmigen Matrosen ruderten zum Schiff zurück. Blutüberströmt von meiner Wunde erzählte ich dem Steuermann den Zweikampf im Wasser. Da meinte er, den Albatrossen hätte ich mein Leben zu verdanken, denn sie allein hätten ihm angegeben, wo ich war. Man hatte zuerst den Rettungsgürtel gefunden, dann mich.
Die Matrosen waren sichtbar erfreut, mich gerettet zu haben, und selbst dachte ich bei mir, wie wird sich erst der Kapitän freuen, daß er mich wieder hat. Er geht auf dem Achterdeck hin und her, siedend vor Wut. Er schreit mir entgegen: »Du verfluchter Deutscher, ich wollte, du wärest versoffen. Sieh, wie die Segel kaputtgegangen sind durch deine Untauglichkeit.«
Wir kamen längsseit des Schiffes, aber jetzt begann erst die Hauptaufgabe, das Boot wieder an Bord zu bringen. Wenn das Schiff herunterstampfte, wurde das Boot hochgedrückt, und wenn das Schiff hochging, wurde das Boot nach unten gezogen. So tanzte es immer hin und her, und man bemühte sich vergebens, die Bootstaljen hineinzubekommen. Ich war so aufgeregt, daß ich, wie das Boot höher als die Reeling stand, hinübersprang auf Deck und bewußtlos zusammenbrach.
Den Seeleuten gelang es nicht, an Bord zu kommen. Das Boot wurde zertrümmert, die Mannschaft sprang ins Wasser und kletterte an zugeworfenen Tauen an Bord.
Der Kapitän nahm eine Flasche Wutki, preßte sie mir zwischen die Zähne und rief: »Hier sauf, du deutscher Hund.« Am nächsten Tage war ich beim Aufwachen ganz benommen und habe von diesem Schreckenstag noch heute einen leichten Tatterich. Der Kapitän, als er mich am andern Morgen noch in der Koje fand, haute mich heraus mit den Worten: »Ob ich zum Fressen und Schlafen an Bord sei,« obwohl ich kaum aufrecht stehen konnte.
Mir wurde erzählt, als ich über Bord fiel, hätte der Steuermann gerufen: »Freiwillige ins Boot.« Aber der Kapitän hätte mich nicht retten lassen wollen; er hatte das auch nicht nötig, denn nach den Bestimmungen braucht er von sich aus kein Boot auszusetzen, wenn er glaubt, daß dabei andere gefährdet werden. Er hatte mit einer Harpune dagestanden und den Steuermann bedroht: »Wenn du das Boot herunterlässest, stoße ich dir die Harpune in den Bauch.« Aber der hatte sich einfach umgedreht: »Ich habe meine Freiwilligen, stoß zu,« und fuhr ab. Das hatte die Wut des Kapitäns noch gesteigert.
Der Kurs ging um das Kap der Guten Hoffnung, und endlich kamen wir nach Australien. Meine erste Seereise war vollendet. Ein harter Anfang. Aber zurück zur Schule? Nein. Ist man schon ein Lausbub, soll man nicht andern zur Last fallen. Lieber zusehen, was sich eben mit eigener Kraft aus dem Leben machen ließ.
[1] Aus der Seemannssprache in Landdeutsch übersetzt: er paddelte mit einem Ruder (Riemen = Ruder), hinten im Boot stehend, durch schraubenähnliche Bewegung.
[2] Lohn.
[3] D. h.: Wenn du oben in der Takelage arbeitest, halte dich immer mit der einen Hand fest.
[4] Seemännischer Ausdruck für Abstürzen.
Zweites Kapitel.
Auf der Suche nach einem passenden Beruf.
In Freemantle ging ich viel an Land und bereitete mich zu einem Fluchtplan vor. Geld verdiente ich ja keins. Auch hatte ich mir Australien interessanter vorgestellt, lauter Neger mit Pfeil und Bogen und Palmen dort erwartet. Der Anblick einer kahlen, langreihigen Stadt wie Freemantle enttäuschte mich.
Ich sah auch ein deutsches Schiff dort und hörte, wie gut es die Leute darauf hätten. Es tat mir wohl, mich wieder mit Deutschen unterhalten zu können. Die Landsleute luden mich gelegentlich ins Hotel Royal ein. Dort schüttete ich der Tochter des Hauses mein Herz aus: Ich wäre ein freier Mann und wollte von dem abscheulichen Russen ausreißen, ihr Vater sollte mir helfen.
Der Vater sagte: Ja, ich könnte aber höchstens als Tellerwäscher bleiben.
Ich antwortete, auf dem Schiff hätte ich so vielerlei gemacht und auch das. Ich würde bleiben.
Ich erhielt ½ Schilling am Tag, freie Station und Kleidung.
Deutsche Kameraden halfen mir, meine Seekiste von Bord zu schmuggeln gerade am Tag, bevor die »Niobe« in See ging. Die Flucht gelang. Der russische Kapitän übte sein Recht, mich durch die Polizei suchen zu lassen, nicht aus.
Nun war ich in meinem neuen Beruf. Ich merkte aber bald, daß er nicht für mich war.
Das Seemännische sagte mir doch mehr zu.
Meine Feierabendstunden benutzte ich dazu, die Heilsarmee aufzusuchen. Selten hat mich etwas so überrascht und angezogen, wie ihre Gesänge.
Auf ihrer Station besaß die Heilsarmee ein Grammophon, das ich nie vorher gesehen hatte.
Ich komme hierher nach Australien, um ein Land mit wilden Menschen zu sehen, und finde ein solches zivilisiertes Teufelsding. Ich denke immer, da sitzt doch einer darunter, der den Kopf im Kasten hat, denn das Grammophon stand auf einem Tisch.
Ich muß ausfindig machen, wer da spricht, und wie er das machte, gucke wie verrückt darauf. Nun zeigt es sich, daß, wenn man von der Heilsarmee als »Seele« aufgenommen wird, man auf die vorderste Bank zu sitzen kommt, während die bloßen Zuschauer die hinteren Reihen füllen. Ich lasse mich also mit einem Kameraden vom deutschen Schiff zusammen als Seele aufnehmen. Ich überzeuge mich dann, daß niemand unter dem Grammophon saß. Bei der Aufnahme versprach ich natürlich auch, keinen Alkohol zu trinken.
Die ganze Geschichte gefiel mir aber so, daß ich meinen Beruf als Tellerwäscher aufgab und zur Heilsarmee überging. Da ich nun frommen Boden betrat, glaubte ich die Wahrheit sagen zu müssen und gab an, ich wäre ein Graf. Da benutzte man mich gleich als Reklameartikel.
Es hieß nun: »_We saved a German count. Before he came here, he drank whisky like a fish water._« (Wir haben einen deutschen Grafen gerettet. Bevor er hierher kam, hat er Schnaps getrunken, wie ein Fisch Wasser.) Da kamen die Leute aus der Stadt und wollten den Grafen sehen.
Ich mußte zuerst mit Mottenpulver arbeiten und die durch wohltätige Leute geschenkten Kleider einmotten.
Da ich rasch Englisch lernte, erhielt ich dann eine höhere Aufgabe. Ich hatte die für die verschiedenen Staaten Australiens einzeln gedruckten »Kriegsrufe« nach ihrem Erscheinen durchzuarbeiten und herauszusuchen, wieviele Seelen Kapitän Soundso gerettet hatte usw. Nach sechs Wochen bekam ich eine Uniform und verkaufte »Kriegsrufe«, die ich glänzend los wurde. Ich dachte: »Hier kannst du ja auch Kapitän werden von der Heilsarmee!« Die Menschen waren gut zu mir. Den Alkohol, den ich kaum kannte, zu entbehren, wurde mir auch nicht schwer. Aber ich wurde furchtbar in Versuchung geführt mit Limonade. Kaum betrat ich mit meinem »Kriegsruf« eine Wirtschaft, so riefen die Leute: »_Halloh, count! Do you like a ginger-ale?_« (Graf, nehmen Sie eine Ingwer-Limonade?) Ich antwortete: »_Yes, behind the bar._« (Ja, aber hinter dem Schenktisch), denn ich glaubte irrigerweise, es wäre Alkohol, da es so gut schmeckte. Und so machte ich den Leuten großen Spaß, ohne recht zu wissen wodurch.
Es kam aber die Zeit, da ich mir sagte, das ist doch nichts solch ein frommer Kapitän oder Leutnant; du willst doch lieber Seemann werden. Ich legte das den guten Leuten dar, und sie waren auch einverstanden. Da ich aber noch so jung wäre, bemühten sie sich, für mich etwas Verwandtes zu finden. Und wirklich! Nach drei Tagen war ich Leuchtturmwärterassistent auf Cape Lewien.
Assistent, das klang ganz fein. Und Leuchtturm? Auf einem Leuchtturm sitzen, wenn die Schiffe in tosendem Sturm vorbeifliegen, das war mein Ideal.
Ich wußte ja, wie es dann an Bord aussah.
Also die Heilsarmee tat ihr Bestes und rüstete mich noch rührend aus mit tadellosen Anzügen, Wäsche und dergleichen.
Ich fuhr mit einer Postkutsche von Freemantle nach Port Augusta. In Cape Lewien wurde ich auf das herzlichste empfangen.
Jeder der drei Leuchtturmwächter bewohnte ein Häuschen an der Klippe, die hundert Meter hoch war und steil abfiel zum brausenden Meer. Der Leuchtturm hatte sein Fundament dicht über Wasser, aber das Licht stand in Höhe der Klippe, damit man es bei diesigem Wetter besser sehen konnte.
Ich bewunderte alles, und meine Pflichten wurden mir mitgeteilt. »Das Fensterputzen, das ist ein bißchen langweilig, und dann wird das Gewichtaufwinden deine Aufgabe sein. Am Tage kannst du oben sitzen und Nachricht geben, wenn ein Schiff signalisiert.«
Mir wurde ein kleines Zimmer angewiesen, sauber und nett. Jeder Wärter bezahlte 3 Pence für mich, zusammen also 9 Pence, das war mehr, als ich bisher verdient hatte. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich die vielen Scheinwerfer sah, die Tausende von geschliffenen Gläsern des Reflektors. Da hatte ich nun allerdings beim Putzen fast den ganzen Vormittag zu tun, und nachts mußte ich alle 4 Stunden hinauf, um das Gewicht 80 Meter hoch zwanzig Minuten lang ohne Unterbrechung heraufzukurbeln. Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch daran. Meine Lieblingsstunden waren es, wenn ich am Tage die Wärter oben ablösen durfte, um mit dem Kieker in der Hand über das Meer zu schauen. Wie schön war es dort oben, wenn der Sturm tobte! Eigentlich nahm ich den Leuten für die 9 Pence ihre ganze Arbeit ab.
Es gefiel mir aber sehr. Besonders gut gefiel mir die Tochter des einen Wärters. Eva hieß sie dazu. Wir haben uns schließlich einmal ganz harmlos ein bißchen geküßt. Dies geschah, da auf kahler Klippe weit und breit kein lauschiges Plätzchen war, an einem vielleicht nicht ganz passenden, verschließbaren Ort, der nach außen offen über den Felsen vorragte, dort, wo unten bei Flut das Wasser bis an die Klippe heranspülte. Da saß einer der Wärter unten beim Fischefangen, sah uns oben und benachrichtigte seinen Kollegen. Auf einmal wurde an der Tür gerüttelt. Aber wir machten nicht auf, denn ich schämte mich doch. Draußen wuchs die Wut. Die Drohungen wurden immer kräftiger. Ich sagte mir: ein kurzer Entschluß ist der beste, also die Türe auf und weg!
Gesagt, getan. Der Leuchtturmwärter flog zur Seite, ich war weg und habe mich nie wieder sehen lassen. Nur am Abend schlich ich mich noch einmal zurück, um mir eines von den Pferden zu holen, die ich so gern leiden mochte, und die damals dort höchstens dreißig Mark das Stück kosteten. Dafür ließ ich meine ganze sonstige Ausrüstung in Cape Lewien und ritt los in die Welt.
In Port Augusta befand sich ein Sägewerk. Dort fing ich an, in der Holzmühle zu arbeiten. Als Tagelohn wurden 20 Mark geboten. Doch das war ein Locklohn, denn erstens war es zu schwere Arbeit, das Holz zu schleppen, und zweitens waren die Preise dort so hoch (sogar das Wasser mußte man bezahlen), daß man kaum einige Mark täglich übrig behielt. Aussichtsvoll war die Bezahlung eigentlich nur für die Chinesen, die dort arbeiten, bei deren genügsamer Lebensweise.
In vierzehn Tagen, die ich dort blieb, hatte ich etwa sechzig Mark erspart. Dann hielt ich es nicht mehr aus und zog weiter.
Als ich auf der Landungsbrücke sitze, um auf den Wochendampfer zu warten, der mich zum nächsten großen Hafen und dort zu einem Segelschiff bringen sollte, sitzt neben mir ein Jäger, ein langer Norweger, mit einem Martini-Henry und vielen Patronen. Er erzählte mir, daß er Känguruhs und Volopies gejagt und genug Felle davon verkauft hätte. Ich fragte ihn, was er für seinen Martini haben wollte. Er antwortete fünf Pfund.
Soviel besaß ich nicht. Aber ich gab ihm all mein Geld und dazu meine Uhr, ein gutes Stück. Er war sofort einverstanden.
Wie ich nun das Gewehr hatte, regte sich die Weidmannslust in mir und ich ging in das Innere auf Känguruhjagd.
Aber der Norweger hatte übertrieben. Es gab höchstens ein paar kleine Volopies. Ich holte mir Rat bei einem dortigen Lotsen, einem Deutschen, der gab mir Bescheid, wohin ich gehen sollte. Auf dem Wege fand ich eine verlassene Farm, dort kampierte ich mich ein.
Aber die Einsamkeit bedrückte mich bald. Ich gab das Weidwerk wieder auf, kehrte nach Port Augusta zurück und verkaufte mein Gewehr. Als ich im Hafen ankam, wurde gerade ein Dampfer gelöscht, dem eine indische Fakirgesellschaft entstieg. Man fragte mich, was ich wäre. Ich sagte »Seemann«. Da meinten die Fakire, so einen könnten sie gerade gut gebrauchen zum Aufschlagen der großen Zelte und Pferdeputzen und dergleichen. Sie erklärten, sie wären eigentlich so ziemlich dasselbe wie Seeleute, nur daß sie auf dem Land umherzögen. Das lockte mich. Dazu kam, daß eine Anzahl dunkeläugiger Hindumädels dabei war. Die zogen mich auch an. Ich wurde also Fakirgehilfe.
Als wir nun durch Australien reisten, baute ich überall auf den Plätzen die Schaubuden und Zelte auf. Mit der Leinewand umzugehen, das erinnerte so an die Seefahrt.
Als wir in Freemantle waren, und ich die Reklamezettel austrug, ging es auf einmal an: »_Halloh, count, no more Salvation Army?_« (Nicht mehr bei der Heilsarmee?) Meine Anwesenheit steigerte sofort den Zuspruch der Leute.
Ich versuchte es mit allen Listen, mir die Fähigkeiten der Fakire anzueignen. Aber sie hielten ihre Wissenschaft streng geheim. Ich kam hinter nichts. Schließlich dachte ich bei mir, du mußt es anders anfangen, und bändelte mit einer kleinen Malaiin an. Anfänglich war sie sehr zurückhaltend, aber nach vierzehn Tagen kam sie mir schon etwas entgegen, und ich erfuhr den Hergang einiger Kunststücke. Nun wurde es mir leichter, meinen Brotherren selbst etwas abzugucken. Wenn ich auch nur Pferdeputzer war, so bekam ich jetzt doch nach und nach eine Schlagseite vom Fakir. Freilich, die eigentlichen virtuosen Fakirkünste zu erlernen, dürfte für einen Europäer so gut wie unmöglich sein. Die alten Meister dieser Kunst, gewohnt, von der Menge angestaunt und als sozusagen übernatürliche Wesen verehrt zu werden, verhalten sich auch ihren Angestellten gegenüber unnahbar. Die zwei Oberhäupter unserer Truppe machten mit ihren langen Bärten und ihrer durch langjährige Schulung der Willenskraft durchgebildeten Haltung einen erhabenen Eindruck. Unter ihren Leistungen war besonders überraschend das Wachsen eines Mangobaumes. Der Fakir hatte einen Kern, den er in die Erde steckte. In kurzer Zeit sieht man, wie die Erde bricht und ein Blatt zum Vorschein kommt und ein kleiner Stiel. Der Fakir deckt ein Tuch darüber und spricht einige Worte. Auf einmal ist der Mangobaum ein Meter groß. Das Tuch wird wieder darüber gedeckt und der Mangobaum wächst weiter und bekommt 3-4 Blätter. Ich selber habe beim Wegräumen nicht entdecken können, daß irgend etwas in Vorbereitung war.