Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben
Part 1
Anmerkungen zur Transkription:
Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste vorgenommener Korrekturen befindet sich am Ende des Textes. Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt; davon abweichende, in Antiqua gedruckte Textstellen sind in der vorliegenden Textdatei _so_ markiert, soweit es sich nicht um Einzelbuchstaben, römische Zahlen, Maßeinheiten oder den Titel »Dr.« handelt; gesperrt gedruckter Text ist =so= markiert und hochgestellter Text ^{so}.
Aus der Zeit des Weltkrieges
Aus Dankbarkeit meinen Jungs!
Seeteufel
Abenteuer aus meinem Leben
von
Graf Felix v. Luckner
Korvettenkapitän a. D. ehemaligem Kommandanten des Hilfskreuzers »Seeadler«
Mit 133 Abbildungen und einer Karte
Neue, vermehrte Auflage
101. bis 160. Tausend
Leipzig Verlag von K. F. Koehler 1923
(Schutzformel für die Vereinigten Staaten:) Copyright 1921 by K. F. Koehler, Leipzig.
Druck vom Bibliographischen Institut, Leipzig.
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil Seite
1. Kapitel: Wie ein Seemann entsteht 1 2. Kapitel: Auf der Suche nach einem passenden Beruf 19 3. Kapitel: Als Matrose rund um die Welt 31 4. Kapitel: Wieder auf der Schulbank 69 5. Kapitel: Kaisers Rock 75 6. Kapitel: Offizier und immer mal wieder Matrose 83 7. Kapitel: In Kamerun 100 8. Kapitel: Krieg und Seeschlacht 110
Zweiter Teil
9. Kapitel: Das Segelschiff als Kreuzer 132 10. Kapitel: Blockadebrecher 147 11. Kapitel: Eine peinliche Untersuchung 156 12. Kapitel: Kaperfahrt 169
Dritter Teil
13. Kapitel: Schiffbruch und Robinsonleben 200 14. Kapitel: Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot 219 15. Kapitel: Im Zuchthaus 237 16. Kapitel: Auf Motuihi 249 17. Kapitel: Flucht und neue Kaperfahrt 276 Letztes Kapitel: Der Vogel im Käfig 291
Die Besatzung des »Seeadler« 310 Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie« und der »Moa« 311 Verzeichnis der Abbildungen 315
Das Umschlagbild mit Darstellung des »Seeadler« wurde mit gütiger Erlaubnis des Marinemalers =Christopher Rave= nach einem im Besitze des Grafen =Luckner= befindlichen Ölgemälde gedruckt.
Neben dem Verfasser haben hauptsächlich die Herren =Karl Kircheiß=, =Alfred Kling=, =Franz Pfeil= und =R. Hofmann= durch Übermittlung der in ihrem Besitz befindlichen Photographien den reichen Bilderschmuck ermöglicht.
Seit Erscheinen der 1. Auflage ist das von =I. K. H. der Kronprinzessin= dem Seeadler bei seiner Ausfahrt gestiftete Bild in Deutschland eingetroffen. Auf Seite 151 findet sich eine getreue Reproduktion des Originals. Die Wiedergabe erfolgt mit Erlaubnis der Firma W. Niederastroth, Kgl. Hofphotograph, Potsdam.
Allen Genannten sei auch an dieser Stelle verbindlichster Dank ausgesprochen.
Auf Grund von Aufzeichnungen, die Leutnant z. S. =Kling= nach seiner Rückkehr aus Chile in freundlicher Weise zur Verfügung stellte, konnten die Erlebnisse des in Mopelia verbliebenen Hauptteiles der Seeadler-Besatzung in der vorliegenden Auflage (Seite 247/48) ausführlicher behandelt werden. Den vielen Freunden des Buches wird diese Ergänzung willkommen sein.
Die Verlagsbuchhandlung.
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Wie ein Seemann entsteht.
Seitdem ich das vielleicht letzte Segelschiff der Kriegsgeschichte auf seiner Piratenfahrt geführt habe, werde ich häufig von Freunden und Fremden nach meinen Lebensschicksalen gefragt. Man vermutet, daß nicht ganz normale Entwicklungslinien zu dem ungewöhnlichen Gedanken hingeführt haben, im zwanzigsten Jahrhundert den Krieg per Segel auf das Weltmeer hinauszutragen.
In der Tat habe ich mancherlei rund um die Welt erlebt und aus besonderen Tiefen mich emporarbeiten müssen. Heute als Seeoffizier in der deutschen Reichskriegsmarine sollte ich vielleicht verheimlichen, was alles ich schon in meinem Leben gewesen bin. Aber da nun einmal meine besondere Art und Weise, Krieg zu führen, nur aus meiner Jugendentwicklung zu verstehen ist, so will ich ruhig bekennen, wie mich der Seeteufel von frühen Tagen an beim Schopf gefaßt und hin und her geschleudert hat.
Ihr, in glückliche Lebenslagen Hineingeborene, seid nicht zu streng mit armen Schelmen, die ihren Geburtsschein eine Zeitlang in den Strumpf wickeln müssen; vielleicht ziehen sie ihn später wieder mit Ehren heraus. Und ihr, die ihr hart und mühselig arbeitet, um einen Weg aus der Niederung des Lebens emporzuklimmen, verzaget nie! Das Mauseloch findet sich. Vielleicht steht auch ihr noch einmal auf der Kommandobrücke.
Und ihr deutschen Leser insgesamt, denen das Herz blutet beim Gedanken an die weite, herrliche, große See, wo jetzt die deutsche Flagge nicht mehr fahren soll, seid getrost! Ein Volk, das die blauen Jungens vom »Seeadler« hervorgebracht hat, wird auch die See wieder grüßen dürfen, dessen seid in Not und Schmach gewiß!
Wenn ich nun so unbescheiden sein darf, von mir zu erzählen, ersuche ich den geduldigen Leser, sich zunächst in die Quinta des Gymnasiums zu Dresden zu versetzen, und zwar genauer in die Seele eines bereits recht hoch aufgeschossenen, in Quinta doppelt seßhaften Jünglings.
Als ich nicht nach Quarta versetzt wurde, wie ich versprochen hatte, gab es zu Hause das Jack voll.
Meine Großmutter aber hatte eine andere Erziehungsart als mein Vater. Sie war viel sanftmütiger und weicher.
Es ging ihr immer wie ein Stich durchs Herz, wenn man mich mit brutaler Gewalt bessern wollte. Eines Tages sagte sie zu meinem Vater: »Ich will mal versuchen, den Jungen mit Liebe zu erziehen.«
»Du wirst den Bengel noch mehr verderben, aber versuch' es,« war die Antwort.
Großmutter nahm mich beiseite und sprach: »Kind, wenn du versprichst, fleißig zu sein, erhältst du für jeden Platz, den du in der Klasse hinaufkommst, fünfzig Pfennige.«
Im Augenblick war ich außerstande auszurechnen, wieviel Geld ich dabei verdienen konnte, aber ich sagte: »Großmütterchen, ich verspreche dir, fleißig zu sein.«
»Das genügt,« sagte sie.
Ich war so stolz, daß man mir solches Vertrauen schenkte, und fing an tüchtig zu arbeiten. Das erste Extemporale kam, aber ich ging enttäuscht nach Hause und sagte: »Nicht versetzt.«
»Macht nichts, mein Kind,« sagte Großmütterchen, »ich merke, dein Ehrgeiz rührt sich.«
Das nächste Mal: Vier Plätze höher. »Siehst du,« sagte sie, »das ist der Lohn deines Fleißes.« Also zwei Mark.
Das nächste Mal: Zwei Plätze herunter. »Macht nichts,« meinte die Großmutter. »Du kannst dich noch nicht auf solcher Höhe halten, bewahre nur deinen Ehrgeiz.«
Sie zog aber die heruntergekommenen Plätze nicht ab. Ich entdeckte, daß ich somit aus allen Geldverlegenheiten kommen könnte. An Gewinnsucht habe ich nie besonders gelitten, aber die Sache hatte auch ihre sportliche Seite. Ich wollte mir nämlich eine Karnickelzucht anlegen und einen Kaninchenbock kaufen. Der kostete 7 Mark, dazu mußte ich also mindestens 14 Plätze springen.
Und es gelang!
Freilich nur ganz vorübergehend. Der Mammon machte mich zu einem ganz abscheulichen Kerl. Die Sprünge hinauf und hinunter wurden infolgedessen immer größer, immer gewagter. Ich wurde auf diese Weise eines Tages sogar Primus.
Großmutter selbst legte mir nahe, es dem Vater noch nicht zu erzählen. Aber als sie in jenen Tagen einmal den Gymnasialdirektor Oertel traf, konnte sie ihren Stolz doch nicht zurückhalten: »Was sagen Sie nun zu Felix? Das Kind ist durch meine Methode, durch diese bescheidene Sache mit den fünfzig Pfennigen, sogar Primus geworden. Ich bin so glücklich. Was steckt doch in dem Kinde.«
Da sagte der Direktor erstaunt: »Felix Primus? Das muß wohl ein Irrtum sein. Der Ordinarius hat ja in keiner Konferenz etwas davon erwähnt. Ich glaube, Felix ist immer noch der Letzte.«
Großmütterchen war außer sich. Sie eilte nach Hause und machte mir die bittersten Vorwürfe, doch so, daß Vater nichts hörte. Denn sie wollte sich nicht mit ihrer Erziehungsweise blamieren. Nun besaß sie zwei Möpse. Georg, der jüngere, war 13 Jahre alt, Friedrich, der ältere, 14 Jahre; beide waren starke Asthmatiker. Georg fuhr immer Schlitten auf dem Teppich, wenn er unten gewesen war. Dem Friedrich mußte das wohl gefallen und er ahmte es nach, gerade als Großmütterchen mich vorhatte. So wurde sie von dem Thema abgelenkt und bemerkte dabei, daß der Friedrich eine unverdauliche Wurstschnur gefaßt hatte, die ihn genierte und die er eben abschleppen wollte. Georg lag seines Asthmas wegen am Sessel und pumpte Luft. Großmütterchen, als sie Friedrich sah, war ganz entsetzt, denn ihre Möpse standen ihr näher, und dabei entschlüpfte ich ihrer Strafpredigt. Nachdem Großmutter sich wieder mir zugewandt hatte, erklärte sie nur noch kurz: »Mit uns beiden ist es aus!« und so stand ich in meiner ganzen Schlechtigkeit wieder auf neutraler Zone, ihr nicht zu nahe und dem alten Herrn nicht zu nahe. Aus einem solchen Bösewicht konnte alles werden, nur nichts Ordentliches.
Als Ostern herankam, wurde ich versuchsweise versetzt, aber mir nahegelegt, die Schule zu verlassen. So kam ich nach Halle a. Saale, zu Hütter & Zander, einer berühmten Presse, die vielerlei versprach und mich durchaus noch nicht verloren gab. Versetzt mußte ich ja schließlich noch ein paarmal werden, um die Offizierslaufbahn einschlagen zu können. Mein Vater nahm mir noch einmal das Versprechen ab, mich ernstlich dahinterzusetzen, um Kaisers Rock tragen zu können.
Das ging mir sehr nahe. Ich versicherte: »Ja Vater, ich werde versetzt! Ich verspreche dir, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«
Ich ahnte damals so wenig wie mein Vater, daß ich den zweiten Teil dieses Gelöbnisses einmal auch ohne den ersten Teil erfüllen konnte. Freilich nur nach ungewöhnlichen Krisen.
Vater versprach mir seinerseits, daß ich in den Ferien zu meinem Vetter reisen dürfte, wenn ich zu Ostern versetzt würde. Die Ferien begannen; ich aber fiel durch.
Meine Eltern waren verreist. Der Hauslehrer, ein Student, der Vollmacht erhalten hatte, mir die Reiseerlaubnis zu erteilen, kam mir schon entgegen: »Bist du versetzt?«
Ich biß auf die Zähne und erwiderte: »Jawohl, aber der Rektor ist verreist und hat die Zensur noch nicht unterschreiben können. Sie wird nach der Unterschrift per Post an Ihre Adresse gehen.«
Der Student war hocherfreut, daß sein Unterricht Erfolg gehabt hatte und beglückwünschte mich. Ich durfte reisen.
Ich traf nun in Ruhe meine Vorbereitungen.
Mein Bruder und ich besaßen jeder eine Kasse, da wurde, wenn Onkel oder Tante zu Besuch kamen, zuweilen je ein Goldfuchs hineingesteckt. Diese Kasse sollte schon immer mein Retter in der Not sein. Ich holte meine 80 Mark heraus, nahm aus meines Bruders Kasse auch 40 Mark ... sollten sie liegen bleiben? Etwas wollte ich ihm ja lassen ... Aber es handelte sich jetzt für mich um das Betriebskapital zur Gründung einer Existenz, und ich hoffte, ihm diese Zwangsanleihe dereinst mit Zins und Zinseszins zurückzahlen zu können. Mein Plan war einfach und beruhte auf angenehmen Vorstellungen, die das wenige, was ich vom Seemannsleben wußte, in mir erweckt hatte (das Landleben war mir in meinem bisherigen Schuldasein über große Strecken hin reichlich trocken vorgekommen). Insbesondere war mir einmal eine Speisekarte des Schnelldampfers »Fürst Bismarck« in die Hand gefallen. »Was, so feine Sachen gibt das auf See? Und Offizier auf einem solchen Schiff kann jeder werden?« Man hat Geschichten gelesen vom listenreichen Odysseus, der im Meer so viel herzkränkende Leiden erduldet, von Sindbad, dem Seefahrer. Aber diese größeren Vorgänger können dem ewigen Tertianer, der weder ein griechischer König noch ein arabischer Kaufmann ist, wenig praktische Winke für die Laufbahn hinterlassen. Seemännische Erfahrungen hatte ich bisher nur auf der Saale sammeln können, insbesondere in der Badeanstalt, wo mir Paddel- und Rammversuche mit einem selbstgezimmerten Kistenboot den Spitznamen »Seeräuber« eingetragen hatten.
Nun packte ich die Koffer, Jagdzeug vom Vater, Revolver und Dolch, und alles, was man in dieser Richtung brauchen konnte, dazu auch eine Tabakspfeife. Dann ging ich zum Bahnhof und fuhr nach Hamburg. Ich wollte gleich von unten anfangen und dachte: IV. Klasse ist das richtige. Ein Schlachtergeselle wurde mein Sitznachbar; der wollte auch zur See gehen. Weshalb, begriff ich nicht ganz. Bei mir wäre ohne Latein nie dieser Schwung in das Leben gekommen.
Als wir abends um ½11 Uhr am Klostertorbahnhof ankamen, sah ich ein großes Schild: »Concordia-Schlafsäle, Bett 50 Pfennig und 75 Pfennig.« Ich fand das für meinen Barbestand schon reichlich vornehm. Ein Dienstmann mit zweirädrigem Karren bietet sich mir hilfreich an. »Wohin soll das Gepäck?« »Nach Hotel >Concordia<.« »So! Na de Concordia! Denn komm man mit, min Jung, di hevt se woll na See to jagt?« Ich war nicht wenig erstaunt über die plötzlich vertrauliche Tonart und den feinen Riecher, den dieser olle Hamburger hatte. So kam ich zum erstenmal in meinem Leben über St. Pauli und war erstaunt über das riesenhafte Tingeltangel-Getriebe dieser internationalen Vergnügungszentrale der seefahrenden Nationen. Hier sah ich Chinesen, Schwarze. Wie ist das alles interessant! Vor allem belustigten mich die Schwarzen, die in bunten Röcken als Reklamefiguren vor den Lokalen standen.
Als wir in der »Concordia« ankamen, die sich im Hinterhaus befand, bestelle ich bei dem Portier ein Bett für 75 Pfennig. Der Dienstmann schleppt den Koffer nach oben. Der Portier öffnet die Tür und zeigt mir ein Zimmer, worin sich sechs Betten befanden. Ich sage ihm darauf: »Ich habe doch ein Bett für 75 Pfennig bezahlt.« »Ja Mensch, schlafen dir da noch nicht genug darin? Da nimm schon lieber ein Zimmer zu 50 Pfennigen, da hast du das Vergnügen, mit 50 zusammen zu schlafen.« Ich zog denn doch vor, das Zimmer zu behalten. Darauf überreichte er mir den Schlüssel, an dem sich ein riesiges Brett befand. Zunächst dachte ich: Du bist jetzt ein freier Mann, sieh dir doch zunächst einmal das Hamburger Leben an, das solch großen Eindruck auf dich gemacht hat. Als ich den Portier passierte und das Schlüsselbrett ellenlang aus meiner Tasche herausschaute, bemerkte er in seiner rohen Art: »För di kann man wohl 'n Balken an 't Schlötelbrett hängen, dann steckst du den ok noch in. Denkst du, daß wir für alle Menschen, die da kampieren, einen Extraschlüssel zur Hand haben?«
Am nächsten Morgen erkundigte ich mich, wie man zu einem Schiff kommt. Mir wurde gesagt, ich müßte zu einer Reederei gehen.
»Die warten schon auf dich,« sang es in meinem Herzen, und ich begab mich zu Laeisz.
Dort wurde mir gesagt, man wollte mich gern vornotieren, ich müßte aber einen Erlaubnisschein vom Vater mitbringen, eine Urkunde über mein Lebensalter, genügend Geld für die Ausrüstung usw.
O weh, einen Erlaubnisschein? Aber es gab noch andere Reedereien am Platze. Ich ging also zu Wachsmuth und Krogmann, zu Dalström. Überall dieselbe Frage.
Nun dachte ich bei mir: Geh lieber selber auf ein Schiff und sprich mit dem Kapitän. Ich pirsche mich also nach dem Segelschiffshafen durch. Da lag das mächtige Becken mit seinem Mastenwald, und im stillen überströmte mich der Gedanke: Jetzt gehörst du in diesen Kreis.
Aber wie sollte ich nun auf ein Segelschiff kommen? Denn wider mein Erwarten lagen diese nicht am Kai, sondern draußen an Pfählen.
Ich erfuhr, in dem Häuschen dort am Landungssteg säße ein Jollenführer, der würde mich rüberbringen. Ich sehe durch die Scheiben in das enge, gemütliche Innere der Bude und gewahre ein altes Seemannsgesicht. Der Alte fragt: »Wat willst, Jung?«
»Ich will auf ein Segelschiff.«
Ich trat zu ihm ein; er trank seinen Kaffee zu Ende, danach gingen wir zum Boot, und er brachte mich hinüber. Er wriggte mit einem Riemen[1]; ich war sprachlos über diese Rudertechnik. So kamen wir längsseit irgendeines Schiffes, das er mir auf meine Bitte erklärte. Da sah ich die hohen Masten aus der Nähe und hatte einige Furcht, daß man da hinauf müßte. Indessen beruhigten mich die Taue und Rahen, denn ich dachte, das wär eine Art Rouleausystem, das man gemächlich von Deck aus auf- und niederzieht. Zweifelnd wagte ich die Frage: »Müssen da Menschen hinauf?« »Aber natürlich,« sagte mein Führer, »möt de Minschen da herop, un ganz boben, da hürt de Schipjung hen. In Hobn (Hafen) is dat nich slimm, aber wenn dat Schip op See is un hen un her kullert un stampen deit, denn denkst du wat anners.«
Da fühlte ich doch einen gewissen Block auf dem Herzen sitzen.
Alles wurde mir erklärt; durch die hohen Masten hatte ich trotzdem etwas die Begeisterung verloren.
Als wir wieder an Land kamen, schüttete ich dem Alten mein Herz aus. Da sagte er mir: »Min Jung, lot dat no (laß das nach)! Ik fohr all fiefuntwinting Johr na See to un bün nich wider kamen, wie as Kaptein op min lüttje Joll. Wat is denn din Vadder?«
»Gutsbesitzer.«
»Wie heetst du denn, min Jung?«
»Graf Luckner.«
»Wat, en Grof,« sagt er, »du büst 'n Grof? Un willst no See to? Min Jung, en Grof is doch 'n Mann, de 'n Bondsche (Geschäft) bi 'n König hett? Dank din Vadder op Kneen, dat he so 'n feines Bondsche hett. Lat di dat Jack full hauen, un dank em bi jeden Slag daför. Ik wull, ik kunn för 'n Jack full so 'n Vadder mit so 'n Bondsche kriegen, denn wull ik woll ruhig hen holln.«
Aber daß ich den Eltern entlaufen war, gab ihm doch zu denken, und er meinte: »Ik heet Pedder, segg du man >du< to mi, ik will di wol torecht helpen. Du sallst nich no See to. Da kümmst du nich wider. Kik mi ollen Mann an, ik möt op so 'n lütt Schip fohren un krieg kein Penn för de Ladung.«
»Pedder, ich will aber doch zur See.«
Ich kam den nächsten Tag wieder, brachte ihm einen Priem Kautabak mit und lernte bei ihm das Wriggen. Er riet andauernd dringend ab. »Du sallst nich to See gahn.« Allgemach kam ich so weit, daß ich ihm das Fahren abnehmen konnte, und wriggte für ihn die Passagiere, während er den Kaffee kochte. So wurden wir Freunde. »Meine Eltern wissen noch nicht, daß ich fortgelaufen bin,« sagte ich, »aber ich will nicht zurück, denn wenn ich wieder auf die Schule gehe, dann weiß ich schon, wie es kommen wird; in Obertertia heben sie mich zum Militär aus, lange bevor ich das Einjährige habe.«
»Jung, Jung, lat dat Schipfohren sin. Bliev hier, min Jung.«
Er versicherte mir wiederholt, das Fahren wäre unmöglich, ich müßte die Erlaubnis dazu beibringen und zwei- bis dreihundert Mark für die Ausrüstung. Heutzutage würde aus den Schiffsjungen nur Geld gemacht und dergleichen.
Ich ließ mich aber nicht abbringen. Als ich nun am fünften Tag morgens wieder zu ihm kam, da winkte er mir schon von ferne und rief mir freudestrahlend zu:
»=Jung, ik hev en Schip för di.= Ik hev 'n russischen Kaptein översett nah sin Schip. Ik hevn fragt, ob he en düchtigen Jung hebben wull. >Ja, gern,< seggt de Kaptein, >wenn he kein Heuer[2] hebben will.<
>He will bloot en Schip,< harr ik seggt. >Denn lat em man an Bord kamen,< seggt de Kaptein.«
Am liebsten hätte ich oll Pedder bei dieser Nachricht umarmt.
»So min Jung, jetzt bring ik di röver op dat russische Bullschip >Niobe< un stell di vör.«
Der russische Kapitän machte einen wenig vertrauensvollen Eindruck auf mich, sah gelb und häßlich aus, halb Mephisto, halb Napoleon III., mit einem fiesigen Ziegenbart.
»Du kannst mitkommen,« sagte er in gebrochenem Deutsch. »Finde dich morgen ein.«
Er gefiel mir nicht.
»Min Jung, dat is ganz egal,« sagte oll Pedder und klopfte mir auf die Schulter, »ob dat en dütschen odern engelschen Schip is oder 'n Russen is, dat blievt sick glik. Seefahrt is överall datsülwige. So, min Jung, nu wüllt wi an Land gahn un di 'ne Utrüstung besorgen.«
Er machte sich landfein, schloß sein Häuschen ab und wankte mit mir nach Hamburg hinüber.
Es waren noch etwa 90 Mark, die ich hatte. Davon kaufte er bedächtig prüfend alles ein, was ich brauchte, warmes Zeug, Ölzeug, Messer mit einer Scheide und eine sachgemäße Pip mit Tobak. Wie war ich stolz. Aber für eine Seekiste und für einen Seesack langte es nicht mehr. Oll Pedder sagte: »Ick gew' di min Seekist, mit de ik all 25 Johr um de Welt seilt bin. Ick hev damit glücklich fohren, un dat sallst du ok.«
Wir biegen in eine schmale, graue Straße im ältesten Hamburger Hafenviertel, in den »Brauerknechtsgraben« ein. Eine schmale, steile Holztreppe führt nach oben. Peter steigt schwer, sich an dem Geländer festhaltend, hinauf. An der Tür steht auf einem Messingschild »Peter Brümmer«. Er grabbelt umständlich nach seinem Schlüssel, fühlt mit dem Finger nach dem Schlüsselloch und schließt auf. »So, min Jung, hier bin ik to Hus, komm mal rin.« Zunächst fällt mir ein geschwärztes Dreimastvollschiff an der Wand auf, das ich anstaune. Ich frage: »Pedder, hast du das gemacht?«
»Ja, min Jung.«
Ferner hing ein ausgestopfter fliegender Fisch an der Decke, ein auf Segeltuch gemaltes Schiff mit einem selbst an Bord verfertigten Rahmen an der Wand, auf der Kommode standen verschiedene chinesische Sachen und sonstige Reiseerinnerungen. In der Ecke stand ein Käfig mit einem Papagei, der ziemlich zerrupft war und ebenso alt aussah wie Pedder. »Ja,« sagt er, »den hew ik von Brasilien mitbröcht, de snackt blot span'sch.« Dann: »Hier is min Kist.« Er schloß die Kiste auf, kramte aus und zeigte mir noch verschiedenes, was er früher an Bord an Flechtwerk gemacht hatte, packte alles bedächtig heraus und bemerkte: »Min Jung, de Kist' swemmt, de hölt waterdicht.« Während er meine Sachen in die Kiste verstaut, werde ich auf das bescheidene Sofa genötigt, dessen Bezug mit weißen Porzellanknöpfen angenagelt war. Als die Kiste gepackt war, trugen wir sie gemeinsam an den Griffen zum Hafen hinab.
Nachdem ich den letzten Tag ganz mit ihm verbracht hatte, fuhr er mit mir an Bord. Er führte mich an die Koje, wo ich schlafen sollte, packte Matratze und Keilkissen hinein und sagte: »Un noch eins, min Jung, een Hand för 't Schip un een Hand för die sülwsten[3].«
Dann gab er mir noch den Rat, nicht unter meinem Namen zu fahren. Als Graf ginge das nicht. »Dat is all datsülwige, as wenn en Oldenburger Faut (Fuß) in Pariser Schohtüg (Schuhzeug) sett.« Wie denn meiner Mutter Mädchenname hieße. Danach riet er mir, ich sollte mich Luckner genannt Lüdicke nennen. Das war fortan mein Name, sieben lange bunte Jahre hindurch. Pedder drückte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: »Min Jung, verget din oll Pedder nich!« Das Schiff warf los. Der Schlepper war vorgespannt, und oll Pedder wriggte neben dem sich langsam in Bewegung setzenden Schiff bis nach St. Pauli Landungsbrücken. »So, min Jung, wider kann ik nich,« und mit Tränen in den Augen: »Goode Reis' nah Australien. Min Jung, ik seh di nie wedder, du geihst mi doch nah.« Ich wollte was sagen, aber die Tränen kullerten mir runter. Ich hatte nicht Heimweh nach Hause, aber nach meinem alten, braven Seemann. Wie ich nachher die Kiste aufmache und sehe, wie er alles gepackt hat, da liegt ein Bild von ihm obenauf mit einer Widmung drauf: »Verget din Pedder nich.« Ne, min oll, good Pedder, ik verget di nich!