Seefahrt ist not!

Part 8

Chapter 83,967 wordsPublic domain

Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!« Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann werden.

»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«

»Gesa, mok doch kein Schop bang.«

»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«

»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«

Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.

»Bestrof em, Klaus!«

»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen Undöt mihr moken!«

Da gab sie es auf.

* * * * *

Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder. Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.

Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer, Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu verhandeln. Die Händler drängten:

»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«

»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes.

»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«

»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken.

Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.

Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger Bewegung gehalten.

Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest, wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.

»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!«

»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne Koi legen, ast weihn worden is!«

Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern stehen.

Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.

Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, einige deftige Eisbrecher.

Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich, Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang harrk ne worden!«

So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht leben könne.

Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der seesüchtige Junge.

* * * * *

Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker, als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.

Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter, langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war schollenhungrig.

»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn, der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um sich den Kasper anzusehen?

Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle bezahlen!

»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...« An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.

»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«

Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«

Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!«

Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes selbst. Ausverkauft!

Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen, Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen hatte.

Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten, denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!

Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne Schollenzeit!

* * * * *

Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!« »Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.

In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle an.

Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Heben hineinwuchsen.

Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen Aalkörben beladen.

»Non, könt hier utholen?«

»Jo, Jakob!«

Er blieb einen Augenblick stehen.

»Lopt de Ool all, Jakob?«

»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms hebben.«

»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de Gildbütel man afkann!«

Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei, vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und stiefelte weiter.

Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«

Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en trurigen!«

»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser.

Achter Stremel.

Es war Ostern auf Finkenwärder.

An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen Reiher.

Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.

Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute! Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.

Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.

Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche gehabt hat.

Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der Insel.

Da kommen sie an, die Osterleute.

Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand -- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern).

Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so geht es immerzu.

Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder herum.

Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in den Heben ragte.

»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen hatte.

»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas.

»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen, Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees heet!«

»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!«

»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«

»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«

»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi hebbt H. F. 500 up See!«

Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht daran.

Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.

* * * * *

Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt as Sucker!«

»Söben,« rief sein Vater.

»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«

Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen, Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen. »Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.

»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«

»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«

Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten warrn.«