Part 7
Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus, wenn er fragte.
Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
* * * * *
Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine Osterflammen!
»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«
* * * * *
Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, -- aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
* * * * *
In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus -- über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.
Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands gewesen war.
Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen waren.
Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ... Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus Störtebeker! ...
»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen war.
»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern mol mit em snacken,« bat er.
Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle Schiffe hindurch müßten.
Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen.
»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.
Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di snacken.«
»Och, lot mi doch, Mudder!«
»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an Land blifft!«
Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur keine Antwort geben wollen.
Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne Vollschiff!
Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank ...
»Jan?«
»Wat schall ik, Harm?«
Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils hest!«
Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen, un wünsch mi keen anner!«
»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«
Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte sein Seefahrtsbuch.
»Wat wullt dormit, Harm?«
»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«
Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«
»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, aber der Matrose hörte nicht.
»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben mütt.«
»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«
Der Kranke schüttelte den Kopf.
»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder! Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«
»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«
Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.
Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
* * * * *
Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit, daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.
Siebenter Stremel.
Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im Bettstroh.
Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie: anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts: als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte, war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan, die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker machte, daß er weg kam, als er das hörte.
Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei, daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und dampfte nach Neuyork ab.
Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_ entgegen.
Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein Vater war wieder da!
Wie wriggte er, wie rief er:
»Höh, Vadder, höh!«
Da wurde er vom Ewer gesehen:
»Höh, Klaus Störtebeker!«
»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ... »Ne, du Schietinnebüx.«
Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!
»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en eulichen Snauzbort!«
Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«
»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch.
Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel, rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien.
»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt rup!«
»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot. Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig wurde er dem schweren Boot leicht über.
Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den Nebel und an die dunkeln Nächte.
»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten.
Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre fest: »Goden Dag!«
»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«
Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder, lot ehr los, se schall sik klor moken!«
»Wullt mit, Mudder?«
Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«
Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine Pfeffermühle.
Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß, obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt wurde.
Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«
»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.
»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch weten!«
»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«
Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«