Seefahrt ist not!

Part 6

Chapter 63,940 wordsPublic domain

Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.

In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.

»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.

* * * * *

Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus, ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das große Warten auf seinen Vater.

Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte, war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.

Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte. »Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to Baben.

Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und sagte ihn für später zu.

Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran, klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.«

Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen,« rief er.

»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.

»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«

Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.

»Wat seggst du, Junge?«

»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.

»Jo, all mien Schinken.«

»Diern, denn kannst du di woll frein!«

Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«

Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der knochigen Hand.

»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«

»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden Rauch nicht mehr aushalten.

Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.

»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« -- rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?« Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«

»Her de Appeln!«

»Och, Mudder!«

»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«

»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!«

»Giffst du de her, Klaus?«

Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen.

Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf, ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten sie viel zu gut.

Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne krank van. Den et man up.«

Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!«

* * * * *

Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, -- das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.

Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden, warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.

Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn, denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte, die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!« -- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen, so weit er auch blickte.

Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.

Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten. Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben wollte.

Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!

»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«

»Lurst du up dien Vadder?«

»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.«

Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die anlaufende, große Dünung drehte.

Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:

»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«

»Is dat eulich wohr, Hein?«

»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«

Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin segelte.

»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen. »In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«

»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die Mutter erfreut.

»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no de Wesser hin?«

»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.«

* * * * *

Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches, am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is! -- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter!

Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau.

Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.

Sechster Stremel.

Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.

»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte, hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert Doler, mien Diern!«

»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?«

»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl geheimnisvoll.

Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat Glas kannst du utlicken.«

»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«

»Jüst, Jan!«

»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:

Klaus Mewes, Finkenwärder,

ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,« pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.

Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte, sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.

Bremen, den 29. März 1887.

Liebe Gesa!

Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.

Jetzt will ich schließen.

Mit Gruß an Dich und Störtebeker

Dein Mann Klaus Mewes.

Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er gequält ja sagte.

Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an seine Arbeit.

Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!

Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«.

Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert.

Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit der goldenen Inschrift:

+----------------------------+ | Suzanne -- LE HAVRE | +----------------------------+

die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und hießen:

+-----------------+ +--------------------------+ | HOFFNUNG | | Goede Verwachting | +-----------------+ +--------------------------+

+------------------------+ +----------------------+ | HAABET -- SKIEN | | MARY THOMPSON | +------------------------+ +----------------------+

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Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.

Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte, denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.

»Will he jüm mithebben, Mudder?«

»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«

Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ... de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.

Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.

* * * * *

Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste, Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.