Part 5
Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich, sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.
Vadder, ik komm!
* * * * *
Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.
Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder in die Reihe.
* * * * *
»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«
Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt, und winkte.
»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«
»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst jo so fohrn.«
Kap Horn aber machte Weiberlärm:
»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder innen Lock kommen kunnt?«
Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap Horn!«
Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun sollte.
»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx! Non, Adjüst, Vadder!«
»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«
»Jo, dat is jo nix, Vadder!«
Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: »Ümschicken kannst du em nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«
»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die beständig abbröckelnde Kante.
»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung sall mit no See! Nimm em mit!«
»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus. Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«
»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!
Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser. Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.
Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!«
Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«
Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren, was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff, dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.
So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee nieder.
»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp.
Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an den Laden kam.
Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und der Bodensee!«
Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,« befahl Klaus.
»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as Störtebeker sien Reis.«
»Upseggen!«
Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem Stroh suchen.
Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!«
»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...
Den Reiter schauderts, er atmet schwer: Da hinten die Ebne, die ritt ich her. Da recket die Magd die Arm in die Höh: Herrgott, so rittest du über den _See_! An den Schlund, an die Tiefe bodenlos hat gepocht des rasenden Hufes Stoß! Und unter dir zürnten die Wasser nicht, nicht krachte hinunter die Rinde dicht, und du wardst nicht die Speise der stummen Brut, der hungrigen Hecht' in der kalten Flut? Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär; es stellen die Knaben sich um ihn her, die Mütter, die Greise, sie sammeln sich: »Glückseliger Mann, ja segne du dich! Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch, brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ... ...
Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer, obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen konnte.
Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer an Bord bleiben mußte.
Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn und Hein Mück an Deck.
Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok mit no See!«
»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!
Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien. »Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr. Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.
»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal.
»Dor quäl di man ne üm!«
»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer.
»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf.
Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.
Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen. Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf dem Deich.
»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?«
»Hier is he!«
»Woneem, woneem?«
»Hier uppen Diek, Mudder!«
Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik kannt ne!«
»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen gereizte Alte.
»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,« sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!«
Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen, ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut von sich gab.
»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.
Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.
Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen, als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat grote Schipp!«
Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?
Fünfter Stremel.
Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht, noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er drinnen hatte, noch springenlebendig waren.
Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun war er eigentlich arbeitslos.
Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken.
Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen. Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber: snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete, daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker, hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!«
In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen, und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.
»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte.
Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh, Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel, als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht groß.
»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«
Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn -- machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater doch nichts schaffte.
Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.
Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder übermorgen!
Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche und machten ihn guter Laune.
»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich, um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam.
»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn schippern kann.«
»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,« sagte der Jäger und sah den Heben an.
Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die dreierlei wissen wollten.
Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.
Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen hatte, denn das war am Deich erzählt worden.
Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine ganze Schachtel voll in der Tasche.
Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.