Part 4
So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.
Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm. Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer! »Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.
Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt waren.
* * * * *
Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. --
Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.
Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.
Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort:
^Mediis tranquillus in undis.^
Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas wissen.
Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und Stapellauf.
Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?« »Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht ^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast!«
»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.«
Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum: »Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter deutscher Spruch stehen!«
»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:
Ein feste Burg ist unser GOTT,
den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt dor noch bi: plattdütsch!«
»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all, du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm, plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«
»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«
»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«
»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.
»Hier, Klaus Mees!«
»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«
Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten:
Hilpt mi, Sünn und Wind, hilpt mi bit Fischen! Ik heet Klaus Mees un bün van Finkwarder.
»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.
* * * * *
Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen!
Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam! Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während es draußen wieder lärmte und rief.
Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!
Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom Neß: Hurra, hurra, hurra!
Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu vertreiben, der alle befallen hatte.
Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab: daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern konnte.
»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.
Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland.
Vierter Stremel.
1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See.
300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg und der Teufelsbrücke.
Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe, daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach London.
Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel beschatten die ganze See.
Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch alle am Leben wärt!
* * * * *
Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte, der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land bleiben sollte.
Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«
Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden, wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal angefangen.
Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.
»Schoster, sünd mien Stebeln klor?«
Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten, als könnten sie weder hören noch sehen.
»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«
Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte es heißen.
Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, -- aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen finden.
»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte, aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief hinaus.
»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.
»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache.
Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an. Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen trocken waren, und zog sie dann getrost an.
»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«
»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!«
»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne, wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater noch gesehen!
Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders gemacht werden können.
Das verbitterte ihnen den Abschied.
Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan hing.
So güngen se up de Schullen dol.
* * * * *
Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre, sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit: er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.
Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr bang warrn! Das sagte er sich.
Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus, dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!«
»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf, ohne sich umzudrehen.
»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.«
»Och, ik mag nix, Mudder!«
»Ik will di bi magnix! Gliek anto!«
Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein, sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus, denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß, segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war immer noch totstill.
Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte, hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder eine Eve.
Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen: Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß, Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!«