Part 3
Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen, Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen; sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht. Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater, der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte wissen, wo er abgeblieben war.
So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer, die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst ständig brennende Licht.
Wo mochte der Junge sein?
Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so großen Brand hätte.
»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte er lachend geantwortet.
Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen. »Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.
Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern, wenn er lief.
Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte, und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
»Klaus!«
Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«
Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren. »Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«
»Wat kummt dat denn?«
Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken, Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk -- wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack innen Mund!«
Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.
»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See, wat?«
Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mück nix utlachen loten!«
Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.
In der Dönß brannte schon die Lampe.
Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut: »Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix, Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton fragte:
»Non, neem kommt ji denn her?«
»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäß.
»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«
»Ne, Mudder, knokendreuch!«
»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek treckst jüm ut!«
Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab.
Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen, dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«
Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
»Ik weet uppen Stutz keen.«
»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«
»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«
»Och, man to, Vadder!«
»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«
»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater legte los.
»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du schallst en euliche Geschichte vertillen!«
»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert, nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert ...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.
»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«
O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen, denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen Satz, den er schon tausendmal gehört habe.
Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di doch keeneen wat von to vertellen.«
Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder los.«
»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen, aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich.
So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und fragte: »Vadder, neem is de Groben?«
Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«
Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«
»So?«
»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne bit Woter gohn scheut.«
Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden, warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu tragen?
Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen konnte!
Gesa schüttelte den Kopf.
Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war, wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber up See ...
Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte.
Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an diesem gottlosen Namen.
* * * * *
Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie von einer Wichel nach der anderen lockte.
Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze, weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den Focken und Külper zukam.
Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof.
Dritter Stremel.
Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte er Gewalt anwenden!
Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.
Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.
Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.
Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg, den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.
Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up den Dag kannst du di ok noch besinnen?
Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! Huroh!«
Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.
Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht he god.«
Stoppi -- stoppi --
Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu entfernen.
Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur Bekräftigung.
Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.
Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes: »Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol stohn un kummandiern!«
Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll; blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an seinen Törn.
Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.
»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«