Part 9
Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch mit no See?«
»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,« Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre Reise schon mit an Bord.
»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.
Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für Klaus Mewes junior.
Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.
* * * * *
So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.
»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn alle Tage.
Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.
Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte, unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten.
Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.
Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder sangen:
Schosteenfeger sitt upt Dack: goh no Schol un lihr di wat!
Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen, denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet. Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen, die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe! Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ, weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.
Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte, häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.
»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne, Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn, de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!«
Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß. Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.
»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden Segeln.
»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser, die still standen.
Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte, dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser, wie sprang, wie lief, wie wallte es!
Flot, Schipper, Flot, Flot!
Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segeln.
Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott, Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.
»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af, wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß, wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert.
Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
»Hilpt uns, hilpt uns!«
»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«
»U, ik bün jo so bang, Klaus!«
»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß mit ut, du Knappen!«
Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser, wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das Wasser auszugießen: es war zu spät.
»Wi versupt, wi versupt!«
Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten. Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht umrisse.
Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen, nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen. Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften. Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,« sagte er zuversichtlich.
»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«
Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen.
»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker.
Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord zog.
»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll, wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as son poor Rotten!«
»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.
»Nu büst doch mol bang wesen, wat?«
»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten, aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.
Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.
»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als sie gelandet wurden.
Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen, Mudder!«
Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.
Neunter Stremel.
»Der Allmächtige, der Herr der Götter, vor dem der Engel niederfällt, Gott redet donnernd aus dem Wetter und ruft voll Majestät der Welt! Anbetend sinkt der Erdkreis nieder, der Wald ertönt, es bebt die Flur! Und Blitze sagens Blitzen wieder: Gott ist der Herrscher der Natur ...
... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!«
Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen, Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen ängstlich zusammen.
Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.
Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das Haus in seinen Grundfesten.
Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.
Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!
»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«
»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«
»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«
»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«
»Jo, dat is gewiß, Mudder!«
»Wat en Slag!«
»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln!«
»Junge, lot den droken Snack!«
»Err -- hett Vadder ober seggt!«
»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«
»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne Koi un slöppt!«
»Dat gläuf man ne!«
»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang, Mudder?«
»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«
»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!«
»Wennt obers insleit, Klaus?«
»Sleit ne in, Mudder!«
Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«
Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis Störtebeker es zuviel wurde.
»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten. »Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«
»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«