Part 16
Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum, hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.
Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum ...
Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft zu Ende.
»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.
* * * * *
Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
* * * * *
Es ging um Störtebeker.
Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.
Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.
Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.
Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.
Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das Deck.
Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte danach.
Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an, aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn aufgeweckt.
Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so tat er.
Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst.
Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an. »Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.
Klaus Mewes nickte ernst.
Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no See!«
Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja doch selbst nicht!
»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige Fell.
»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.
Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen sehen.
Er sagte aber nichts.
* * * * *
Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
»Adjüst, mien Jung!«
»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!«
Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle Haar.
* * * * *
Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück. Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte, und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte einen schweren Streek hinter sich.
Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!
Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.
Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt so recht.
Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es nicht verwinden noch vergessen würde.
Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
Vierzehnter Stremel.
Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!
Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!
Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.
Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die See vergäße: so wenig kannte sie ihn.
Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.
Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.
Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.
»Höh, Vadder!«
So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«
Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!
»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.
Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!
»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.
Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam, Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der Kette nach.
Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte, hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.
»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit ab.
Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.
Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen wollte.
Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er blickte nach dem Kompaß und nach allem.
Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.
* * * * *
In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs.
Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.
Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.
Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen zumute.
Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er konnte es nicht deuten.
Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp, setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten, aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. »Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit basta.
Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten, guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.
»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann, der Elbfischer.
»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes.
»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen, Klaus!«
Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?